Alle Tränen abwischen

Ich glaube an das ewige Leben bei Gott. Und ebenso daran, dass dieses irdische Leben kostbar ist; darum weinen wir, wenn uns ein Kind genommen wird, wenn wir einen geliebten Menschen hergeben müssen, wenn jemand sich aus Verzweiflung selbst das Leben nimmt. Und wenn einer einsam stirbt, weint Gott allein um ihn, weil kein anderer Tränen für ihn übrig hat.

Die für Verstorbene angezündeten Kerzen sind erloschen bis auf eine; im geschmolzenen Kerzenwachs spiegeln sich die Farben des Paulus-Altarfensters

Nach dem Gottesdienst am Totensonntag: alle Kerzen sind erloschen bis auf eine. Und im geschmolzenen Kerzenwachs spiegelt sich das Altarfenster mit der Darstellung des Auferstandenen

direkt-predigtGottesdienst am Ewigkeitssonntag, 21. November 2010, 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Im Gottesdienst am letzten Sonntag im Kirchenjahr begrüße ich Sie und Euch alle in der Pauluskirche! Zwei Namen hat dieser Sonntag: Wir nennen ihn Totensonntag, denn wir gedenken heute noch einmal all der Verstorbenen, die im vergangenen Kirchenjahr von unserer evangelischen Paulusgemeinde aus kirchlich bestattet wurden. Dieser Sonntag heißt aber auch Ewigkeitssonntag, denn wir haben eine Zuversicht, die über diese irdische Zeit hinausreicht – hinein in Gottes Ewigkeit.

Wir singen das Lied 450:

1. Morgenglanz der Ewigkeit, Licht vom unerschaffnen Lichte, schick uns diese Morgenzeit deine Strahlen zu Gesichte und vertreib durch deine Macht unsre Nacht.

2. Deiner Güte Morgentau fall auf unser matt Gewissen; lass die dürre Lebens-Au lauter süßen Trost genießen und erquick uns, deine Schar, immerdar.

3. Gib, dass deiner Liebe Glut unsre kalten Werke töte, und erweck uns Herz und Mut bei entstandner Morgenröte, dass wir, eh wir gar vergehn, recht aufstehn.

4. Ach du Aufgang aus der Höh, gib, dass auch am Jüngsten Tage unser Leib verklärt ersteh und, entfernt von aller Plage, sich auf jener Freudenbahn freuen kann.

5. Leucht uns selbst in jener Welt, du verklärte Gnadensonne; führ uns durch das Tränenfeld in das Land der süßen Wonne, da die Lust, die uns erhöht, nie vergeht.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Wir beten mit Psalm 126. Er steht im Gesangbuch unter Nr. 750. Lesen Sie bitte die eingerückten Verse:

1 Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden.

2 Dann wird unser Mund voll Lachens und unsre Zunge voll Rühmens sein. Dann wird man sagen unter den Heiden: Der Herr hat Großes an ihnen getan!

3 Der Herr hat Großes an uns getan; des sind wir fröhlich.

4 Herr, bringe zurück unsre Gefangenen, wie du die Bäche wiederbringst im Südland.

5 Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.

6 Sie gehen hin und weinen und streuen ihren Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.

Kommt, lasst uns ihn anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Mit gemischten Gefühlen sind viele hier, o Gott, mit Trauer im Herzen und mit Hoffnung, mit dem Wunsch, bei dir eine Zuflucht zu finden. Manche haben auf dem Weg ihrer Trauer einiges loslassen können, andere tragen für lange Zeit schwer an belastenden Gedanken und Gefühlen. Zwischen Schmerz und Dankbarkeit, zwischen Liebe und Zorn, zwischen Angst und Gottvertrauen rufen wir zu dir:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Danke, du Gott der Liebe, dass wir mit allem jederzeit zu dir kommen dürfen. Dir können wir uns anvertrauen, sogar mit geseufzten Gebeten, ohne Worte, einfach aus dem Herzen heraus. Darum:

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“
Großer und manchmal uns auch sehr fremder Gott, gib uns heute einen Trost, der nicht vertröstet. Schenke uns Bilder der Hoffnung für unsere Seele, die uns helfen, den Abschied von lieben Menschen zu bewältigen, unser eigenes Leben zu meistern und eine Zuversicht zu gewinnen, die über dieses irdische Leben hinausreicht. Das erbitten wir von Dir durch Jesus Christus, unseren Herrn. „Amen.“

Wir hören die Lesung aus dem Buch Jesaja 65, 16-25:

16 Die früheren Ängste sind vergessen und vor meinen Augen entschwunden.

17 Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.

18 Freuet euch … über das, was ich schaffe. Denn siehe, …

19 ich will fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk. Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens.

20 Es sollen keine Kinder mehr da sein, die nur einige Tage leben, oder Alte, die ihre Jahre nicht erfüllen…

21 Sie werden Häuser bauen und bewohnen, sie werden Weinberge pflanzen und ihre Früchte essen.

22 Sie sollen nicht bauen, was ein anderer bewohne, und nicht pflanzen, was ein anderer esse. …

23 Sie sollen nicht umsonst arbeiten und keine Kinder für einen frühen Tod zeugen; denn sie sind das Geschlecht der Gesegneten des HERRN, und ihre Nachkommen sind bei ihnen.

24 Und es soll geschehen: ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören.

25 Wolf und Schaf sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind, aber die Schlange muss Erde fressen. Sie werden weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der HERR.

Herr, dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Glaubensbekenntnis

Wir singen das Lied 533:

Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand

Liebe Gemeinde!

Merkwürdige Bilder der Hoffnung sind das, die der Prophet Jesaja uns vor Augen stellt. Einerseits scheinen sie alles umzustürzen, was uns vertraut und gewohnt ist; da ist von einer völlig neuen Erde und sogar einem neuen Himmel die Rede, die Gott erschaffen will; das klingt nach Weltuntergang und Vertröstung auf das Jenseits. Andererseits malt der Prophet Jesaja seine Hoffnung in irdischen, diesseitigen Bildern aus: Wenn Gott den Himmel und die Erde neu schafft, dann hört man in Jerusalem kein Weinen und Wehklagen mehr. Der Löwe frisst Stroh, der Wolf tut dem Schaf nichts. Kein Kind soll nur einige Tage leben; jeder Mensch soll die Früchte seiner Lebensarbeit genießen können.

Das klingt schön, aber aber was hilft ein solcher Blick in die Zukunft den Menschen, die hier und jetzt ganz andere Erfahrungen gemacht haben und damit fertig werden müssen? Wir haben Kinder beerdigt, die nur wenige Wochen gelebt haben oder tot geboren wurden. Wir haben Erwachsene beerdigt, die nicht ihren Lebensabend erreicht haben. Einige starben so einsam, dass sie erst nach einiger Zeit in ihrer Wohnung oder sogar unter freiem Himmel tot aufgefunden wurden.

Von unserem Bibeltext her können wir jedenfalls sagen: Wir haben ein Recht, traurig zu sein, wenn ein Leben auf dieser Erde nicht zur Entfaltung kommt. Die Bibel ist kein Buch der schnellen Vertröstung, als ob alles nicht so schlimm sei, weil es ja ein ewiges Leben im Jenseits gibt.

Ich glaube an das ewige Leben bei Gott, das er uns schenkt, wenn wir gestorben sind. Aber ich glaube ebenso daran, dass dieses irdische Leben kostbar ist und von Gott gewollt; darum weinen wir, wenn uns ein Kind genommen wird, wenn wir einen geliebten Menschen hergeben müssen, wenn jemand sich aus Verzweiflung selbst das Leben nimmt. Und wenn einer einsam stirbt, weint Gott allein um ihn, weil kein anderer Tränen für ihn übrig hat.

Gottes Trost macht erschütternde Erfahrungen, die uns aus der Bahn geworfen haben, nicht ungeschehen. Manche Trauer, mancher Schmerz geht nie ganz weg. Und doch gibt es die Erfahrung neuer Kraft, es gibt das gemeinsame Durchstehen schwerer Zeiten, es gibt Stärkung von einem Gott, der uns das Versprechen gibt: „Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören.“

Gottes Liebe berührt uns mitten im Schmerz, mitten in Trauer, manchmal mitten in unserer Skepsis oder unserem Zorn. Gott hört uns zu, selbst wenn wir nicht zu ihm reden. Gott antwortet, selbst wenn wir ihn nicht fragen. Gott verwandelt uns, während wir unseren eigenen Weg der Trauer gehen.

Indem wir diese Art von Trost erfahren, lassen wir zugleich mehr und mehr unsere geliebten Menschen los, die uns vorausgegangen sind in eine Welt, die wir uns nicht vorstellen können, von der wir aber hören, dass in ihr jedes Leid und jeder Schmerz vergangen sind. Sie sind nicht verloren, sie sind auf neue Weise lebendig in Gott – sie „werden in ihm leben und sein in Ewigkeit“.

Für alle Verstorbenen, für die wir von der Paulusgemeinde aus im vergangenen Kirchenjahr eine kirchliche Trauerfeier gehalten oder derer wir im Gottesdienst gedacht haben, zünden wir heute eine Kerze an. Ein Licht zum Zeichen, dass die Toten bewahrt bleiben in Gottes ewiger Liebe. Ein Licht auch zum Zeichen, dass wir mit den Toten in Liebe verbunden bleiben.

So schließen wir in unsere Fürbitte ein und zünden eine Kerze an – für:

40 Verstorbene in der evangelischen Paulusgemeinde Gießen.

Vielleicht gibt es noch andere Menschen, um die Sie trauern, die nicht hier oder nicht in diesem Jahr bestattet worden sind. Sie können, wenn Sie möchten, jetzt nach vorn kommen und auch für sie eine Kerze anzünden.

Ich zünde zwei Kerzen an, im Auftrag von Menschen, die heute nicht hierher kommen konnten.

Wir singen das Lied 532:

Nun sich das Herz von allem löste, was es an Glück und Gut umschließt
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde, noch einmal vertiefen wir uns in Bilder der Hoffnung, die ähnlich sind wie im Buch Jesaja, aber doch auch darüber hinausreichen. Sie stehen in der Offenbarung 21:

1 Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr.

2 Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.

3 Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein;

4 und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.

5 Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss!

6 Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.

Wieder dieses Bild von der neuen Erde und vom neuen Himmel. Und erneut widerspricht dieses Bild unseren gängigen Weltuntergangsvorstellungen, denn hier wird nicht das Ende des Universums beschrieben, kein Verglühen der Sonne, kein Zusammenstoß der Welten, keine Auslöschung allen Lebens. Nein, hören wir noch einmal genau auf den ersten Vers:

1 Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr.

Vergangen sein wird eine Erde, auf der es Tod, Leid und Schmerz gibt. Vergangen sein wird das Meer als Sinnbild für den Untergang des Lebens durch die Macht des Bösen. Vergangen sein wird sogar der alte Himmel, als ob auch der Himmel eine Renovierung braucht, wenn auf Erden alles neu werden soll.

Alles, was für uns scheinbar fest steht, ist in den Augen Gottes veränderbar, sogar Himmel und Erde. Überwindbar ist sogar die Macht des Bösen und des Todes.

Aber was konkret wird nun neu werden?

2 Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.

Wenn wir dieses Bild ernst nehmen, dann spricht es nicht davon, dass wir in den Himmel kommen, sondern davon, dass etwas aus dem Himmel zu uns kommt: die Stadt Gottes.

Gemeint ist, was Jesus das Reich Gottes nennt: Gott selbst erfüllt uns mit Liebe, Vertrauen, Hoffnung, Trost und Mut, Gott selbst wirkt mitten unter uns und fügt uns über Grenzen hinweg zu einer Gemeinschaft zusammen. Wo so etwas unter uns geschieht, da nimmt Gottes Stadt mitten unter uns Gestalt an, und dann ist diese heilige Stadt nichts Fremdes für uns, dann gehören wir dazu, nicht weil wir uns das verdient haben, sondern als Geschenk aus dem Himmel.

Wo wir als eine solche Stadt Gottes leben, wo etwas vom Reich Gottes unter uns aufscheint, da ist das Leben schön – da freut man sich miteinander, da kann man sein Herz ausschütten, da hilft man einander seine Lasten zu tragen. Im Bild gesprochen ist dann nicht nur das Leben schön, eine solche Stadt ist sogar selber schön geschmückt, wie eine Braut für ihren Mann. Die Bibel scheut sich nicht, uns als Gemeinde Gottes mit einer Braut zu vergleichen und Gott mit dem Bräutigam, für den sich die Braut schön macht.

3 Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein.

Hier wandelt sich das Bild wieder, und es ist von einer Hütte die Rede. Gott selber wohnt mitten unter uns, und zwar nicht in einem Palast oder einer Villa, sondern in einer Hütte oder Baracke. Die Stadt Gottes ist also nicht äußerlich prachtvoll ausgestaltet wie ein Königsschloss oder ein Villenviertel, wo nur reiche Leute wohnen. Der Schmuck des neuen Jerusalem besteht darin, dass Gott selber mit seiner Liebe, seiner Hoffnung, seinem Trost, seiner Kraft bei uns Menschen wohnt.

4 Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.

Das ist die Art, wie Gott tröstet: Er ermutigt uns dazu, unsere Tränen zu weinen, und er tröstet uns, wie einen eine gute Mutter tröstet. Von allen Seiten umgibt er uns und hält seine Hand über uns. Seine Liebe umschließt uns wie ein warmer Mantel, wie eine Decke, in die wir uns einkuscheln und uns geborgen fühlen. Und wenn wir Tränen weinen in dem Bewusstsein: wir sind dabei nicht allein, dann ist es irgendwann auch genug. Dann löst sich ein Schmerz. Dann werden Tränen abgewischt. Dann ist ein Loslassen möglich und ein Weitergehen auf neuen Wegen.

Aber wir können nicht im Vorhinein sagen, wann das sein wird, dass alle Tränen, die wir um einen geliebten Menschen weinen, einmal abgewischt sein werden. Auch wenn wir heute in diesem Gottesdienst sozusagen eine gemeinsame Station auf dem Weg der Trauer anlaufen, geht doch jeder, der trauert, seine ganz eigenen Schritte und manchmal auch Umwege, um seine Lasten zu bewältigen. Denn so unterschiedlich das Leben jedes Menschen ist, so anders ist auch der ganz persönliche Tod jedes einzelnen. Und so kann sich auch die Trauer um einen Menschen ganz verschieden anfühlen.

Es gibt Menschen, die alt und lebenssatt sterben, und beim Abschied von ihnen überwiegt die Dankbarkeit für ein erfülltes Leben. Zehn unserer Verstorbenen im letzten Jahr sind über 90 Jahre alt geworden, einer hat sogar das Alter von 100 Jahren überschritten.

Auf der anderen Seite mussten einige Eltern ein Kind zu Grabe tragen; die Tränen um diese Kinder werden hier auf Erden vielleicht nie vollständig abgewischt werden können.

Trauer kann sich gut anfühlen, wenn man einen Angehörigen oder Freunde bereits auf seinem Weg des Sterbens liebevoll begleiten konnte.

Viel schwerer lastet der Tod auf uns, wenn ein geliebter Angehöriger oder Freund sich selbst das Leben genommen hat und wir aus dem Grübeln über die Beweggründe und über unsere eigene Verantwortung nicht herauskommen. Gott selber will aber auch diese Last von unseren Schultern nehmen, wird immer wieder neu geweinte Tränen immer wieder abwischen. Er mutet uns zu, unser eigenes Leben weiterzuleben und Verantwortung für uns zu übernehmen.

Und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.

Hier wird unser Bibeltext aus der Offenbarung zur Zukunftsmusik, denn davon sehen wir noch nichts: dass Tod, Leid, Wehklage und Schmerz endgültig auf unserer Erde vergangen sind. Hier richtet sich unsere Hoffnung dann doch auf die unsichtbare Welt Gottes, in die unsere Toten hineingegangen sind. Dort wird es nicht noch einmal einen Tod geben, dort sind sie, denen wir in Liebe verbunden sind, in Ewigkeit gut aufgehoben, dort sind alle Unzulänglichkeiten, unter denen sie auf Erden gelitten haben, überwunden; sie leben im Frieden Gottes. Eine Frau, deren Mutter wir im letzten Jahr nicht bestatten konnten, weil sie ihren Körper der Anatomie gespendet hat, las mir am Telefon ein Gedicht vor, das sie selbst gemacht hat:

Was wird sein
nach dem Sein?
Ob es weint oder lacht?
O, ich wünsch mir,
dass es lacht,
selbst in der finstersten Nacht.

5 Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss!

Gott sitzt auf dem Thron, und zwar ein Gott, der alles neu macht, der den Tod und das Böse überwindet. Das heißt, wir sind nicht bösen Mächten hilflos ausgeliefert, auch nicht einem unpersönlichen Schicksal. Es ist Gott, der ALLES neu macht. Wenn wir ihn lassen, erfüllt Gott schon hier auf Erden unsere Herzen mit Trost und Mut und neuer Kraft. Wenn wir ihn lassen, stattet Gott schon hier auf Erden unsere menschlichen Gemeinschaften mit einem Sinn für Solidarität und Gerechtigkeit aus – wie eine Stadt, die vom Himmel inspiriert ist. Gott macht sogar noch mehr neu, als wir uns vorstellen können; er kann uns sogar neu erschaffen in einer ganz neuen Welt, die wir mit unseren irdischen Augen allerdings nicht wahrnehmen können.

6 Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.

Hier sagt Gott selbst: „Es ist geschehen.“ Darin klingt Jesu Wort an, das er am Kreuz spricht: „Es ist vollbracht.“ Man konnte Gottes Sohn am Kreuz nicht endgültig töten. In Jesus behielt Gottes Liebe ihre Allmacht, obwohl sie scheinbar der Bosheit der Menschen unterlag. Aber nicht das Böse, nicht der Tod ist Anfang und Ende der Realität. Nein, diese Welt ist von Liebe umschlossen, von dem Gott, dessen Wesen wir im menschlichen Gesicht und im Leben und Sterben Jesu Christi erkennen.

Wenn wir durstig sind nach Leben, wenn wir meinen zu verdursten auf den Wüstenstrecken unserer Trauerwege, dann gibt uns dieser Gott lebendiges Wasser zu trinken. Umsonst. Ohne Vorbedingungen. Ohne Vertragsklauseln, die uns ein böses Erwachen bescheren.

Gott hört uns zu, er ist uns nah, er verlässt uns nicht. Er hält unsere Tränen immer wieder aus, sogar unsere ungeweinten Tränen. Got macht uns Mut, uns auch einmal einem anderen Menschen anzuvertrauen. Es ist gut, wenn man sich dazu entschließen kann, unter die Leute zu gehen; zum Beispiel in eine Selbsthilfegruppe, in der andere Ähnliches durchgemacht haben wie man selber. Aber auch in einer kirchlichen Gruppe wie dem Frauenkreis oder dem Paulustreff kann man Anschluss finden und neue Freundschaften schließen.

Wenn uns in Gegenwart anderer Menschen plötzlich die Tränen kommen, schämen wir uns meistens ein wenig. Manche ziehen sich darum lieber ganz zurück. Aber es ist nicht schlimm, wenn andere auch mal eine Träne von uns sehen. Gott selber sieht sie auch und wischt sie uns immer wieder ab. Dann können wir aufatmen und einen klaren Blick gewinnen für neue Wege, auf denen unser Fuß gehen kann. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit Trost und Zuversicht und Frieden im Glauben. Amen.

Wir singen aus dem Lied 361 die Strophen 1, 4, 6 und 12:

1. Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.

4. Weg hast du allerwegen, an Mitteln fehlt dir’s nicht; dein Tun ist lauter Segen, dein Gang ist lauter Licht; dein Werk kann niemand hindern, dein Arbeit darf nicht ruhn, wenn du, was deinen Kindern ersprießlich ist, willst tun.

6. Hoff, o du arme Seele, hoff und sei unverzagt! Gott wird dich aus der Höhle, da dich der Kummer plagt, mit großen Gnaden rücken; erwarte nur die Zeit, so wirst du schon erblicken die Sonn der schönsten Freud.

12. Mach End, o Herr, mach Ende mit aller unsrer Not; stärk unsre Füß und Hände und lass bis in den Tod uns allzeit deiner Pflege und Treu empfohlen sein, so gehen unsre Wege gewiss zum Himmel ein.

Gott im Himmel, wohne bei uns mit deiner Liebe und Gerechtigkeit; lass uns im Vertrauen auf dich so leben, als lebten wir schon in der Stadt Gottes: Lass uns miteinander Gutes teilen und einander helfen, unsere Lasten zu tragen.

Gott des Friedens, hilf uns, dass wir dir unsere Toten anvertrauen und dass wir unseren Frieden mit ihnen finden.

Gott des Trostes, lass uns unsere Tränen nicht immer herunterschlucken, sondern mach uns Mut, unser Herz auszuschütten und Tränen loszulassen. Wische unsere Tränen ab und zeige uns neue Wege für unser Leben.

Gott der Liebe, schenke uns Zuversicht, damit wir unser Leben aus deiner Hand nehmen und es in der Verantwortung vor dir führen, bis du auch uns abrufen wirst aus dieser Zeit in die Ewigkeit. Amen.

In der Stille bringen wir vor Gott, was wir außerdem auf dem Herzen haben:

Stille und Vater unser

Wir singen aus dem Lied 378 die Strophen 1, 2 und 5:

Es mag sein, dass alles fällt
Abkündigungen

Nun geht mit Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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