Er konnte seine Alkoholkrankheit überwinden

Trauerfeier für einen Mann, der durch seine Suchtabhängigkeit seine Familie zerstört hatte, aber schließlich doch seine Alkoholkrankheit überwinden und im Frieden mit Verwandten und Freunden leben und dann auch sterben konnte.

Überwindung der Alkoholkrankheit: Ein Mann, der sich betrunken hat, liegt mit dem Kopf auf einem Tisch, die Schnapsflasche noch in der Hand

Gut, wenn man eine Alkoholkrankheit überwinden kann (Bild: jarmoluk – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Trauerversammlung, wir sind hier, um von Herrn O. Abschied zu nehmen, der im Alter von [über 60] Jahren gestorben ist.

Wir denken gemeinsam an sein Leben, wir begleiten einander auf dem Weg des Abschieds, und wir besinnen uns angesichts des Todes auf Worte Gottes, die trösten und zum Leben helfen.

Lasst uns beten mit Worten aus Psalm 25:

2 Mein Gott, ich hoffe auf dich; lass mich nicht zuschanden werden.

4 HERR, zeige mir deine Wege und lehre mich deine Steige!

5 Leite mich in deiner Wahrheit und lehre mich!

6 Gedenke, HERR, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind.

7 Gedenke nicht der Sünden meiner Jugend und meiner Übertretungen, gedenke aber meiner nach deiner Barmherzigkeit, HERR, um deiner Güte willen!

8 Der HERR ist gut und gerecht; darum weist er Sündern den Weg.

15 Meine Augen sehen stets auf den HERRN; denn er wird meinen Fuß aus dem Netze ziehen.

16 Wende dich zu mir und sei mir gnädig; denn ich bin einsam und elend.

17 Die Angst meines Herzens ist groß; führe mich aus meinen Nöten!

18 Sieh an meinen Jammer und mein Elend und vergib mir alle meine Sünden!

20 Bewahre meine Seele und errette mich; lass mich nicht zuschanden werden, denn ich traue auf dich!

Liebe Trauergemeinde, rascher als erwartet ist Herr O. seiner schweren Krankheit erlegen. Wenn Sie daran denken, wie lange manch ein anderer Krebskranker zwischen Hoffnung und endgültiger Niederlage kämpfen muss und dabei unerträgliche Schmerzen leidet, so mag man es als eine Gnade empfinden: er starb offenbar im Schlaf, er war am Abend vorher bei Verstand gewesen und hatte bis zuletzt seinen Humor nicht verloren. „Rauchen darf ich hier wohl nicht?“, meinte er auf der Intensivstation. Hätten Sie geahnt, dass es mit ihm so schnell zu Ende gehen würde, Sie hätten sich von ihm an diesem Abend nicht nach Hause schicken lassen. Aber das konnte niemand ahnen, auch wohl er selbst nicht.

Da ist ein Mensch gestorben, der es denen, die ihm nahestanden, nicht immer leicht machte, der es selber aber auch nie leicht hatte.

Schlimmer als die Krankheit, an der er jetzt gestorben ist, war damals, als er eine Familie gründete, seine Alkoholkrankheit, die sein an sich liebes und nettes Wesen veränderte, so dass das Zusammenleben mit ihm irgendwann unmöglich wurde. Unterschiedlich waren und blieben die Beziehungen zu den ihm Nahestehenden. Jeder von Ihnen verbindet andere Erinnerungen mit dem Verstorbenen – Prägungen und Begegnungen, Liebe und Enttäuschungen, Sehnsucht und verletzten Stolz.

Es gab Zeiten, da hat Herr O. seine eigenen Kinder auf der Straße nicht erkannt. Aber schließlich sollte es ihm doch noch gelingen, trocken zu leben, Nein zu sagen zu den Verführungen direkt vor seiner Haustür und sein Leben in den Griff zu bekommen. Leid tat es ihm, dass er nicht schon viel früher damit aufhören konnte, sich durch falsche Freunde beeinflussen zu lassen.

Nun fand er wirklich gute Nachbarschaft und Hilfe auch dann, als er körperlich krank wurde und Betreuung brauchte. Und ich glaube, in seinem Herzen hatten Sie alle ihren Platz – seine frühere Partnerin, alle seine Kinder und Enkel, weitere Verwandte und viele gute Freunde.

Wir deuten ja immer nur an, wie ein Mensch gewesen ist, können niemals jemanden erschöpfend beschreiben. Nur seine Freizeitinteressen will ich noch kurz erwähnen: seine Liebe zur Musik und dass er früher selber gern ein Instrument spielte. Seinen Humor behielt Herr O. bis zuletzt, wohl auch eine gewisse Sturheit, mit der er sich durchzusetzen versuchte. Noch im Krankenhaus mochte er es gar nicht, wenn seine Bettnachbarn lieber Fußball kucken wollten als einen amerikanischen Western oder einen deutschen Heimatfilm.

So oder ähnlich haben Sie Herrn O. in Ihrer Erinnerung – ich selber habe ihn persönlich nicht gekannt. So oder ähnlich steht das Bild des Mannes vor Ihrem inneren Auge, wenn wir heute von ihm Abschied nehmen.

Erinnerungen können WOHL tun, und sie können WEH tun. Beides hat seinen Sinn, denn was wohl tut, bleibt uns über den Tod hinaus erhalten, und was weh tut, sollte im Laufe der Zeit überwunden werden. Und das gelingt nur, indem man spürt, was weh tut; und wenn es nicht zu ändern ist, dann kann man nur einfach traurig sein und die Trauer zulassen.

Wenn da noch mehr ist, was weh tut, muss man sich klar machen, ob man sich immer noch sehnt nach Liebe, von der man zu wenig bekommen hat, und ob man vielleicht beschlossen hat, solche Gefühle nicht mehr zuzulassen. Aber Sehnsucht bleibt, auch wenn man sie verdrängt. Besser ist, sie zuzulassen und die Suche nach neuem Vertrauen, neuer Liebe, nach Vergebung und neuem Anfang nicht aufzugeben.

Was den Verstorbenen angeht – wir fällen über ihn kein Urteil, egal wie wir ihm gegenüber empfunden haben oder jetzt empfinden. Zuständig für letzte Urteile ist allein Gott – und er ist gnädig. Von ihm sagt Psalm 73:

23 Du hältst mich bei meiner rechten Hand,

24 du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an.

Gott sieht, was schlimm war, und er weint darüber. Er sieht, wo Liebe war, und bewahrt sie auf in Ewigkeit. Gott nimmt wahr, wo Hoffnung vergeblich war oder sich doch durchsetzte. Gott sieht, was niemand sonst in einem Menschenherzen sehen kann – zum Beispiel die kindliche Sehnsucht, einfach so, wie man ist, geliebt zu sein. Gott sieht die Verzweiflung über das Versagen und Scheitern im Leben, und er vergibt. Gott sieht, wie neues Leben gelingt, und ist voller Freude. Und wenn unser Leben aufhört, dann ist es für Gott nicht zu Ende. Denn er nimmt uns mit Ehren an; er verwandelt uns und lässt uns im Himmel so sein, wie er sich uns von Ewigkeit her vorgestellt hat. In dieser Zuversicht vertrauen wir auch Herrn O. den liebenden Händen Gottes an und lassen ihn los – in Dankbarkeit, in Schmerz, in Trauer und mit der Bitte um Vergebung. Amen.

Wir beten mit dem Kirchenvater Augustinus:

Groß bist Du, Herr, und sehr zu loben; groß ist Deine Kraft, und Deine Weisheit ist unermesslich. Und loben will Dich der Mensch, ein kleiner Teil Deiner Schöpfung, der Mensch, der sein Sterben mit sich schleppt. Du weckst uns auf, dass Dich zu loben Freude macht; denn Du schufst uns zu Dir hin, und unser Herz bleibt unruhig, bis dass es Ruhe findet in Dir.

Barmherziger Gott, Abschied nehmen heißt loslassen. Wir lassen den Verstorbenen los, indem wir Dich bitten, dass sein Herz Ruhe findet in Dir.

Und wir erbitten auch Ruhe für unser Herz, wenn es möglich ist, bereits hier auf Erden. Es schlägt ja immer wieder unruhig bei all dem, was uns umtreibt. Gott, du bist da, es gibt dieses Ziel der Sehnsucht unseres Herzens; darum dürfen wir uns zuversichtlich dir anvertrauen.

Vielleicht können wir das tun mit Worten des Vertrauens aus einem neuen Lied (EG 584) im Evangelischen Gesangbuch:

Meine engen Grenzen

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