Gott der Lebenden

In der Trauerfeier für einen Mann, der mitten aus einem aktiven familiären, beruflichen und politischen Leben gerissen wurde, denke ich darüber nach, was es für unseren Umgang mit dem Tod bedeutet, dass Gott ein Gott der Lebenden ist.

Gott ist ein Gott der Lebenden: Auf einem Steinkreuz vor hellgelbem Hintergrund sitzt ein blauer Schmetterling

Gott ist ein Gott der Lebenden (Bild: pixabay.com)

Orgelvorspiel

Wir halten die Trauerfeier aus Anlass des Todes von Herrn C., der im Alter von [über 50] Jahren gestorben ist. Wir denken in dieser Feier an das, was uns der Verstorbene bedeutet hat, wir nehmen Abschied von ihm. Gleichzeitig ist diese Trauerfeier ein Gottesdienst, den wir im Namen des Gottes feiern, von dem Jesus gesagt hat (Markus 12, 27):

Gott ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden.

Eingangsgebet

Liebe Frau C., liebe Angehörige!

Wir halten eine Trauerfeier, um gemeinsam mit denen, die uns am nächsten stehen, Abschied zu nehmen von dem, der nicht mehr lebt, der nichts mehr spürt, uns nicht mehr braucht. Es ist ein endgültiger Abschied, der deswegen besonders schwer fällt, weil Herr C. sein Leben noch nicht gelebt hatte, wie man bei einem alten Menschen sagt. Er wurde aus Beziehungen zu seiner Frau, seinen Kindern, seinen Freunden, Arbeitskollegen, politischen Freunden und Gegnern herausgerissen, die lebendig und in Bewegung waren; er wurde gebraucht, er wusste, was er wollte, und war oft ein unbequemer Mann, wenn er für seine Überzeugungen eintrat. Diese Beziehungen sind nun abgebrochen, und das macht den Abschied so schwer: dass er tot ist, während Sie weiterleben müssen – ohne ihn. Sie müssen umgehen lernen damit, dass es nur noch Erinnerungen gibt, keine Möglichkeit mehr, etwas Versäumtes dem Verstorbenen gegenüber nachzuholen oder etwas Geschehenes ungeschehen zu machen.

Ich möchte in dieser Situation mit Ihnen über das Bibelwort nachdenken, dass ich schon eingangs erwähnt habe (Markus 12, 27):

Gott ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden.

Dieser Satz ist so etwas wie eine Definition für Gott, die aber der Erläuterung bedarf. Ich möchte nicht an einen Gott glauben, für den wir erst wichtig werden, wenn wir tot sind; ich habe etwas gegen eine Kirche, in der nur darüber spekuliert wird, was mit uns nach dem Tode geschieht. Die Bibel will uns zu einem Glauben ermutigen, der gleichzeitig Vertrauen zu Gott und Mut zum Leben ist, der unser Leben vor dem Tod wichtig nimmt und verantwortlich mit dieser uns geschenkten Zeit umgeht. Aber unser Mut zum Leben wird erschüttert und in Frage gestellt, wenn uns der Tod einen lieben Angehörigen oder Freund nimmt: Hat es Sinn, dieses Leben weiterzuführen, sich für eine menschliche Welt einzusetzen, in der wir wirklich im qualitativen Sinne leben können – wenn doch alles auf den Tod hinauszulaufen scheint?

Diese Frage ist um so schwerer zu beantworten, je tiefer uns der Verlust eines geliebten Menschen getroffen hat. Ist es denn wieder möglich, Freude am Leben zu finden? Ist es vielleicht sogar eine Art Nichtachtung des Verstorbenen, wenn wir wieder froh werden ohne ihn?

Gott ist ein Gott der Lebenden – er will uns helfen, uns in die Trauer und den Schmerz hineinzubegeben, ohne uns darin zu verlieren. Er will uns bewahren vor Schuldgefühlen, die wir uns selbst machen, und bietet Vergebung an für das, was wir wirklich falsch gemacht oder versäumt haben. Wenn es uns gelingt, uns auf das Vertrauen zu Gott einzulassen, wird uns vielleicht auch der Gedanke eine Hilfe sein, dass unsere Toten nicht einfach in ein Nichts verschwinden, sondern dass wir in Gottes Liebe geborgen sind.

Gerade weil Gott ein Gott der Lebenden und nicht der Toten ist, können wir dem Tod ins Auge sehen: Wir sind traurig und empfinden doch Dankbarkeit. Wir stellen uns – vergeblich – vor, was noch hätte sein können, und wir merken, was uns zugute gekommen ist und was uns bleiben wird.

Tod und Leben haben in der Bibel noch eine andere Bedeutung, die über die biologische hinausgeht: Mit dem Wort „Tod“ wird eine Wirklichkeit beschrieben, in der dem Tod mehr zugetraut wird als dem Leben, in der der eigene Vorteil vor der Solidarität mit den anderen rangiert, in der Gleichgültigkeit und Lieblosigkeit jedes wirklich erfüllte Leben abtöten. Und „Leben“ ist umgekehrt das, was der Mann Jesus aus Nazareth vorgelebt hat: ein Leben, das identisch war mit Liebe, das sich preisgeben konnte und doch nicht verloren war. Leben ist ein Geschenk auf Zeit, mit dem wir verantwortlich umgehen sollten.

Im Kirchengesangbuch ist eine Strophe des Dichters Andreas Gryphius aus dem 17. Jahrhundert abgedruckt (EG 527):

8 Auf, Herz, wach und bedenke, dass dieser Zeit Geschenke den Augenblick nur dein. Was du zuvor genossen, ist als ein Strom verschossen; was künftig, wessen wird es sein?

Sie haben es in der Beziehung zu Ihren Mann, Ihrem Vater und Angehörigen erlebt: Das Geschenk des Lebens kann schneller wieder genommen werden, als wir es erwarten. Herr C. hatte auch für diesen Fall schon Vorsorge getroffen und seinen Wünschen Ausdruck gegeben. Wir wollen nun in aller Stille von ihm Abschied nehmen. Amen.

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