Wir haben seinen Tod erlebt

Selten kommt es in unseren Tagen vor, dass ein alter Mensch seine Familie und den Pfarrer um sich versammelt, um Abschied zu nehmen und den Angehörigen den Abschied von ihm zu erleichtern.

Die kunstvolle Schnitzerei von Händen, die einander halten

Abschied nehmen von einem Sterbenden, seine Hände halten… (Bild: pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Wir sind zusammen hierhergekommen, weil Herr W. im Alter von [über 70] Jahren gestorben ist und wir ihn begraben müssen. Wir sind traurig deshalb, aber wir lassen uns dabei nicht allein. Und auch Gott ist hier bei uns, ist heute unsichtbar unter uns, der Gott, an den Herr W. sein Leben lang geglaubt hat, der Gott, der einmal zu den Menschen gesagt hat (Jesaja 66, 13):

Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.

Wir können Gott alles anvertrauen, was wir fühlen und denken; er hört uns zu und will uns nicht verzweifeln lassen. Er will uns Kraft geben, das Traurige zu ertragen und unser Leben weiterzuführen. Wenn ein Mensch gestorben ist, den wir lieb gehabt haben, dann merken wir plötzlich: es ist nicht selbstverständlich, dass wir leben. Leben ist ein Geschenk. Leben ist uns anvertraut, dem einen für längere, dem anderen für kürzere Zeit. Es tut weh, von diesem Leben Abschied zu nehmen, sowohl für den, der sterben muss, als auch für die, die zurückbleiben. Aber wir können auch Dankbarkeit empfinden, wenn wir wissen: es war ein erfülltes Leben, das da zu Ende gegangen ist.

Ein Lied aus der Bibel kann uns helfen, auszudrücken, was uns bewegt. Wir beten mit Worten aus Psalm 103:

1 Lobe den HERRN, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen!

2 Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat:

3 der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen,

4 der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit,

5 der deinen Mund fröhlich macht, und du wieder jung wirst wie ein Adler.

6 Der HERR schafft Gerechtigkeit und Recht allen, die Unrecht leiden.

7 Er hat seine Wege Mose wissen lassen, die Kinder Israel sein Tun.

8 Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte.

13 Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten.

14 Denn er weiß, was für ein Gebilde wir sind; er gedenkt daran, dass wir Staub sind.

15 Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde;

16 wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennet sie nicht mehr.

17 Die Gnade aber des HERRN währt von Ewigkeit zu Ewigkeit über denen, die ihn fürchten, und seine Gerechtigkeit auf Kindeskind

18 bei denen, die seinen Bund halten und gedenken an seine Gebote, dass sie danach tun.

19 Der HERR hat seinen Thron im Himmel errichtet, und sein Reich herrscht über alles.

22 Lobet den HERRN, alle seine Werke, an allen Orten seiner Herrschaft! Lobe den HERRN, meine Seele!

Liebe Frau W., liebe Trauernde!

Was ist wichtig, ausgesprochen zu werden, bevor wir einen Menschen, der uns lieb war, begraben? Zunächst führen wir uns noch einmal vor Augen, was für einen Menschen wir mit Herrn W. verloren haben. Er ist in seinem Eltemhaus geboren worden; im gleichen Haus ist er jetzt gestorben. Hier hat sein Leben eine Mitte gehabt, einen ruhenden Pol; sein Leben ist rıınd und ganz geworden, es ist ein erfülltes Leben gewesen, wie es auch in der Traueranzeige gestanden hat.

Aber was „Erfüllung“ in einem Leben bedeutet, das kann man nicht messen, nicht ausrechnen. Man kann es nur spüren und ahnen, wenn man einen Menschen sehr lieb hat. Zum Beispiel in Ihrer langjährigen Ehe, in der Sie über Höhen und Tiefen hinweg aneinander festgehalten haben.

Erinnerungen an das Leben des Verstorbenen

Herrn W.s Leben war ein erfülltes Leben, obwohl ihm nicht jeder Herzenswunsch erfüllt wurde. Um das Handwerk seines Vaters weiterzuführen, verzichtete er auf seinen eigentlichen Berufswunsch. Allerdings übte er im Ehrenamt oder im Geschäft seiner Ehefrau lange Jahre auch Tätigkeiten aus, wie er sie sich für seinen eigenen Beruf erträumt hatte.

Aber unsere Worte reichen wirklich nicht aus, um auch nur anzudeuten, was „Erfüllung“ im Leben von Herrn W. bedeutet hat. An seine Zufriedenheit können wir uns erinnern; an seine – ich möchte sagen – heitere Gelassenheit, selbst wenn er in den letzten Tagen vom Tod sprach. Einen Hinweis hat er uns gegeben, indem er selbst einen Text für diese Ansprache vorgeschlagen hat, einen Vers aus der Offenbarung 2, 10:

Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.

Geheimnisvoll klingen diese Worte, und aus einen geheimnisumwitterten Buch der Bibel stammen sie; ein Mann mit Namen Johannes, der das Buch dann niederschrieb, hatte wie in einem Wachtraum den auferstandenen Jesus gesehen und ihn unter anderem diese Worte sagen hören:

Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.

Wer dieses Wort ernst nimmt, für den gibt es offensichtlich ein Ziel des Lebens, das der Tod nicht zerstören kenn. Wer treu bleibt im Leben und im Sterben, der kann im Grunde auch dem Tod ruhig entgegensehen. Das haben wir an Herrn W. beispielhaft erlebt. Ihm mussten wir nichts vormachen über seine Krankheit oder über sein nahes Ende. Er hat sich selber so gut vorbereitet auf sein Sterben, wie ich es selten erlebt habe bei einem Menschen. Als er wusste, dass es Zeit war zum Sterben, da hat er nicht krampfhaft an jeder Möglichkeit festgehalten, das Leben noch ein bisschen zu verlängern, sondern er konnte sich einverstanden erklären damit, dass es nun genug war.

Leicht gefallen ist es ihm trotzdem nicht, zu sterben. Aber er hat es doch gut gehabt in seiner Sterbestunde. Die ihm am liebsten waren, sind um ihn gewesen, haben ihm einen letzten Dienst erweisen können; er hat ein letztes Mal ihre Nähe spüren und dann auch friedlich einschlafen können.

„Getreu bis an den Tod“ – wem ist Herr W. treu geblieben? In dem Bibelvers ist erst einmal an den Glauben gedacht, der in allen Lebenslagen tragfähig bleibt, der auch in Not und Verfolgung nicht aufhört. Aber wenn die Bibel von der Treue oder Liebe zu Gott spricht, dann ist immer auch die Liebe und Treue zu anderen Menschen mitgemeint. Herrn W. ist sein Vertrauen zu Gott und ein Gebet zu Gott bis in sein Sterben hinein wichtig geblieben; und auch seine Verbundenheit mit seiner Familie und mit den vielen anderen, die ihm nahestanden, blieb ihm ein Herzensanliegen. Er selber hatte die Namen all derer aufgeschrieben, die am heutigen Tag eingeladen werden sollten; er erwähnte noch am Tage vor seinem Tod die Namen einiger Nachbarn und Freunde, die ihm am Herzen lagen.

Im Gespräch am Tag vor seinem Tod wurde auch ganz deutlich, wie Herr W. über das Leben und den Tod dachte. Nicht auf Reichtum, Macht und Einfluss kommt es an, sondern darauf, was einer für ein Mensch ist. Es hat keinen Sinn, über sein Schicksal zu lamentieren, sondern man muss es so annehmen, wie Gott es einem schickt. Es gibt Dinge, die man nicht ändern, aber mit Humor und Gelassenheit tragen kann.

Dann haben wir Herrn W.s Tod erlebt. Einige von Ihnen, einige von euch waren dabei,m wie sein Leben aufhörte, ganz ruhig, und unser Leben weiterging. Wir modernen Menschen sind dem Tod selten so nah. Vielleicht ist deshalb diese Erfahrung für uns fast wie ein Traum, irgendwie unwirklich. Schwer zu fassen ist das: der Ehepartner, der Vater, der Opa, der Bruder, der Freund – ist nicht mehr. Immer wieder werden Augenblicke kommen, in denen das schmerzlich ins Bewusstsein dringt. Er fehlt uns. Was getan werden konnte, haben wir getan.

Den Körper von Herrn W. hat das Leben verlassen. Kalt fühlte er sich schon in seinen letzten Stunden an. Diesen Leib begraben wir auf dem Friedhof, weil wir Achtung vor der Gestalt des Menschen haben, vor dem Leib, ohne den wir auf der Erde nicht leben können. Aber wo ist nun das Leben, das in Herrn W. war? Ist nichts mehr davon übrig, ist es für alle Zeiten ausgelöscht? Für Herrn W. selbst gab es die Hoffnung auf „die Krone des Lebens“. Er hoffte auf ein ewiges Leben, das sich zwar niemand vorstellen kann, das aber Gott uns schenken kann, auch wenn wir sterben. Und wir können getrost davon ausgehen: Herr W. ist jetzt bei seinem Gott, so wie Gott ihn auch in seinem Leben unsichtbar begleitet hat. Nur dass Herr W. in seinem neuen, ewigen Leben keine Schmerzen mehr leiden muss und dass er frei atmen kann. So könnte für ihn die „Krone des Lebens“ aussehen.

Und was ist mit uns, die wir zurückbleiben? Betroffen vom Tod, sind wir oft hilflos, tun ungeschickte Dinge, manchmal treffen wir aber auch das Richtige. Mit Dankbarkeit ist zu erwähnen, dass in Ihrem Kreis viele gute Freunde gleich gekommen sind, zu trösten versucht haben und sich angeboten haben, bestimmte Arbeiten den engsten Angehörigen abzunehmen. Wir können trösten, uns gegenseitig, nicht mit großen Worten, sondern einfach damit, dass wir da sind, dass wir uns nicht allein lassen. Wir können uns Menschen anvertrauen, die uns liehhaben, und können lernen, dass viele Dinge nacheinander ihre Zeit haben, dass viele Gefühle und Gedanken nebeneinander in uns Platz haben: Traurigkeit und Dankbarkeit, Erinnerungen und Interesse für andere Dinge, Augenblicke der Verzweiflung und des Aufgerichtetwerdens. Und dann gibt es etwas, was ich jedesmal bei einer Beerdigung so ähnlich sage: nämlich dass wir doch noch etwas letztes beim Abschied von einem Verstorbenen tun können. Wir können Herrn W. über seinen Tod hinaus liebbehalten. Wir können Gott dankbar sein für alles, was er uns mit dem Leben von Herrn W. geschenkt hat, und auch für alles, was wir ihm geben konnten. Und wir können Gott um Vergebung bitten für alles, was wir versäumt haben, einander zu geben, und was wir jetzt nicht mehr ändern können. Das soll uns nicht mehr belasten. So nehmen wir, ale Menschen, die an Gott, den Vater Jesu Christi, glauben dürfen, Abschied von Herrn W., im Frieden.

Dieses Sterben, das wir miterlebt haben, dieser Abschied, der wehtut, kann für uns auch einen Anstoß zum Nachdenken über unser eigenes Leben bedeuten. Ich habe gemerkt, wie wenig wir in manchen Situationen tun können – und trotzdem muss die Lage nicht trostlos sein. Es gibt Zeiten des Machens, des Zupackens, der Aktion, in denen wir gefordert sind, uns mit unseren Kräften einzusetzen. Es gibt aber auch Zeiten, in denen unsere Kräfte abnehmen, in denen wir etwas geschehen lassen müssen, in denen wir nur eine Handlungsmöglichkeit haben: uns entweder zu öffnen oder zu verschließen für neue Erfahrungen, schmerzliche oder tröstliche, die wir nicht in der Hand haben. Vor allem in diesen Zeiten können wir merken, wie sehr unser Leben davon abhängt, dass wir vertrauen können, dass wir nicht alleingelassen sind, dass unser Leben nicht in einem absoluten Nichtsein und Vergessen endet. Wenn wir im Laufe unseres Lebens das Vertrauen finden zu dem Gott, den Jesus seinen Vater genannt hat und den wir zugleich in der Art Jesu kennenlernen können, dann können wir getroster leben und vielleicht auch dem Sterben gelassener entgegensehen. Auch wir können dann getreu bleiben bis an den Tod, selbst wenn es uns vieel kostet: konsequent zu unseren Überzeugungen stehen, den Menschen verbunden bleiben, die uns brauchen, die Offenheit bewahren für den Gott, der uns schon viel Gutes im Leben geschenkt hat und der uns auch das Böseste zum Guten dienen lassen kann. Amen.

Wir können beten mit einem Lied uns dem Gesangbuch (EG 406):

1. Bei dir, Jesu, will ich bleiben, stets in deinem Dienste stehn; nichts soll mich von dir vertreiben, will auf deinen Wegen gehn. Du bist meines Lebens Leben, meiner Seele Trieb und Kraft, wie der Weinstock seinen Reben zuströmt Kraft und Lebenssaft.

3. Wo ist solch ein Herr zu finden, der, was Jesus tat, mir tut: mich erkauft von Tod und Sünden mit dem eignen teuren Blut? Sollt ich dem nicht angehören, der sein Leben für mich gab, sollt ich ihm nicht Treue schwören, Treue bis in Tod und Grab?

4. Ja, Herr Jesu, bei dir bleib ich so in Freude wie in Leid; bei dir bleib ich, dir verschreib ich mich für Zeit und Ewigkeit. Deines Winks bin ich gewärtig, auch des Rufs aus dieser Welt; denn der ist zum Sterben fertig, der sich lebend zu dir hält.

5. Bleib mir nah auf dieser Erden, bleib auch, wenn mein Tag sich neigt, wenn es nun will Abend werden und die Nacht herniedersteigt. Lege segnend dann die Hände mir aufs müde, schwache Haupt, sprich: »Mein Kind, hier geht’s zu Ende; aber dort lebt, wer hier glaubt.«

6. Bleib mir dann zur Seite stehen, graut mir vor dem kalten Tod als dem kühlen, scharfen Wehen vor dem Himmelsmorgenrot. Wird mein Auge dunkler, trüber, dann erleuchte meinen Geist, dass ich fröhlich zieh hinüber, wie man nach der Heimat reist.

Amen.

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