Übersprungen!

Pessach: Unterschrift mit Blut als Bekenntnis zum befreienden Gott.

Beim Exodus geht es nicht um eine ethnische Parteinahme Gottes, sondern um die soziale Frage, ob man Menschen das Lebensrecht in Freiheit gönnt. Mit den Israeliten zogen auch Fremdlinge weg. „Übersprungen“ werden auch im Abendmahl alle Grenzen nationaler, religiöser und sozialer Art, indem der zerbrochene Leib Jesu Christi wieder zusammengefügt wird.

direkt-predigtAbendmahl am Tisch am Gründonnerstag, 28. März 2013, 19.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen (Liturgie: Prädikantin Gaby Engel, Predigt: Pfarrer Helmut Schütz; Fotos: Klaus-Dieter Jung).
Grüne-Soße-Essen am Gründonnerstag 2013 (Foto: Klaus-Dieter Jung)

Grüne-Soße-Essen am Gründonnerstag 2013 (Foto: Klaus-Dieter Jung)

Guten Abend, liebe Gemeinde!

„Er hat ein Gedächtnis gestiftet seiner Wunder, der gnädige und barmherzige Herr.“

Mit dem Wort zum heutigen Gründonnerstag aus Psalm 111, 4 begrüßen wir alle recht herzlich zum Tischabendmahl in der Pauluskirche.

Wir wollen uns heute an das erste Abendmahl erinnern, aber auch an die jüdischen Wurzeln unseres Herrn Jesu Christi, der mit seinen Jüngern das Passamahl einnahm. Der heutige Predigttext führt uns zur Entstehung des Passafestes und wir wollen versuchen, uns in dieser Geschichte zu erkennen.

Das jüdische Passafest geht auf das hebräische Wort „Pessach“ zurück. Dieses Wort heißt wörtlich „Vorbeigehen“ oder „Überspringen“. Am Passafest waren die Israeliten froh darüber, dass ihre Häuser in der Nacht des Auszugs aus Ägypten vom Engel des Todes „übersprungen“ wurden – ihre erstgeborenen Söhne wurden also nicht geschlagen, nicht getötet, sondern verschont. Wenn ich als Überschrift über unseren Gottesdienstes das Wort „Übersprungen“ setze, dann soll es darum gehen, wie wir uns das vorstellen können: Warum schickt Gott seinen Todesengel aus, vor dem sich die Israeliten schützen können, aber die Ägypter nicht? Warum teilt Gott Schläge aus, um Menschen zu strafen, und wie können Menschen erreichen, dass Gott sie vor solchen Schlägen verschont?

Ich hoffe, Sie nicht total verwirrt, sondern vielleicht neugierig gemacht zu haben.

Zu Beginn singen wir aus dem Passionslied 84 die Strophen 1 bis 3 und 5. In diesem Lied klingt an, dass Jesus Schläge auf sich nimmt, für die indirekt auch wir verantwortlich sind:

1. O Welt, sieh hier dein Leben am Stamm des Kreuzes schweben, dein Heil sinkt in den Tod. Der große Fürst der Ehren lässt willig sich beschweren mit Schlägen, Hohn und großem Spott.

2. Wer hat dich so geschlagen, mein Heil, und dich mit Plagen so übel zugericht‘? Du bist ja nicht ein Sünder wie wir und unsre Kinder, von Übeltaten weißt du nicht.

3. Ich, ich und meine Sünden, die sich wie Körnlein finden des Sandes an dem Meer, die haben dir erreget das Elend, das dich schläget, und deiner schweren Martern Heer.

5. Du nimmst auf deinen Rücken die Lasten, die mich drücken viel schwerer als ein Stein; du wirst ein Fluch, dagegen verehrst du mir den Segen; dein Schmerzen muss mein Labsal sein.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. „Amen.“

Danket dem Herrn, denn er ist freundlich. Er hat sein Volk aus der Knechtschaft des Pharaos befreit. Er hat uns aus der Knechtschaft der Sünde befreit.

Aber sind wir wirklich frei, oder lassen wir uns von den alltäglichen Sorgen und Ängsten bestimmen?

Können wir – getragen durch Gottes Liebe – ein befreites Leben führen, oder sind wir getrieben von Hass, Neid und Missgunst?

Herr wir wollen dir danken, für all deine großen und kleinen Wunder.

Wir wollen lernen, deinen Willen zu tun, auch wenn man uns dafür verhöhnt und verspottet.

Wir wollen deinen Namen heiligen und deine Herrlichkeit bekennen.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Wir wollen immer alles richtig machen, wir wollen perfekt sein im Leben, perfekt sein im Glauben. Wir wollen, dass man uns bewundert für unsere Entschlossenheit Gott zu gefallen.

Es ist unsere Eitelkeit, die uns im Weg steht, ein Leben nach dem Willen Gottes zu führen. Wir wollen geliebt werden von Menschen, die uns ins Verderben stürzen, weil uns die Zusage der Liebe Gottes nicht genügt. Wir rennen fremden Meinungen hinterher, weil das modern ist. Wir wollen alles alleine regeln und verweigern die Hilfe von anderen, weil wir keine Schwäche zeigen wollen. Dennoch lassen wir uns von unserer Angst, die falschen Entscheidungen zu treffen, bedrängen. Wir sind schwach und wollen es uns nicht eingestehen. Deshalb bedürfen wir deiner Hilfe, Gott.

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

So spricht der Herr: „Ich will sie retten von allen ihren Abwegen, auf denen sie gesündigt haben, und will sie reinigen, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Und sie sollen wandeln in meinen Rechten und meine Gebote halten und danach tun.“

Lasst uns Gott lobsingen: „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Wir wollen beten.

Barmherziger Vater, du hast uns versprochen, immer bei uns zu sein. Doch oft fehlt uns die Kraft, deiner Zusage zu vertrauen. Wir werden von Zweifeln geplagt und hinterfragen deine Entscheidungen. Vater, zeige uns den rechten Weg und gib uns den Mut, diesen zu beschreiten. Lehre uns deine Gebote zu halten, auch wenn das bedeutet, nicht von allen Menschen bewundert zu werden, dies bitten wir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören als Schriftlesung Worte aus dem Psalm 136, die wir im Wechsel lesen. Sie lesen jeweils gemeinsam mit Frau Engel den zweiten Teil von jedem Vers, und dieser Vers lautet immer: „denn seine Güte währet ewiglich.“

1 Danket dem HERRN; denn er ist freundlich, denn seine Güte währet ewiglich.

4 Der allein große Wunder tut, denn seine Güte währet ewiglich.

5 Der die Himmel mit Weisheit gemacht hat, denn seine Güte währet ewiglich.

6 Der die Erde über den Wassern ausgebreitet hat, denn seine Güte währet ewiglich.

10 Der die Erstgeborenen schlug in Ägypten, denn seine Güte währet ewiglich;

11 und führte Israel von dort heraus, denn seine Güte währet ewiglich;

12 mit starker Hand und ausgerecktem Arm, denn seine Güte währet ewiglich.

13 Der das Schilfmeer teilte in zwei Teile, denn seine Güte währet ewiglich;

14 und ließ Israel mitten hindurchgehen, denn seine Güte währet ewiglich;

15 der den Pharao und sein Heer ins Schilfmeer stieß, denn seine Güte währet ewiglich.

16 Der sein Volk führte durch die Wüste, denn seine Güte währet ewiglich.

17 Der große Könige schlug, denn seine Güte währet ewiglich;

21 und gab ihr Land zum Erbe, denn seine Güte währet ewiglich;

22 zum Erbe seinem Knecht Israel, denn seine Güte währet ewiglich.

23 Der an uns dachte, als wir unterdrückt waren, denn seine Güte währet ewiglich;

24 und uns erlöste von unsern Feinden, denn seine Güte währet ewiglich.

25 Der Speise gibt allem Fleisch, denn seine Güte währet ewiglich.

26 Danket dem Gott des Himmels, denn seine Güte währet ewiglich.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Amen. „Amen.“

Wir singen aus dem Lied 560 die Strophen 1 bis 3:

Es kommt die Zeit, in der die Träume sich erfüllen
Grüne-Soße-Essen am Gründonnerstag 2013 (Foto: Klaus-Dieter Jung)

Grüne-Soße-Essen am Gründonnerstag 2013 (Foto: Klaus-Dieter Jung)

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, die Texte und Lieder, die wir bisher heute gehört und gesungen haben, scheinen voller Widersprüche zu sein. Da ist in einem Lied von der Sehnsucht nach einer Zeit die Rede, in der Friede, Freude und Gerechtigkeit herrschen und Gott und die Menschen Hand in Hand gehen. Auf der anderen Seite haben wir im Psalm die Güte Gottes gelobt, der die Erstgeborenen Ägyptens und große Könige tödlich schlägt, damit das Volk Israel in die Freiheit gelangt und eine Heimat in einem eigenen Land findet. Sollte es Frieden manchmal erst dann geben können, wenn die Unfriedensstifter nicht mehr ihr Unwesen treiben können?

In einem anderen Lied haben wir gefragt, wer für die Schläge verantwortlich ist, die Jesus erleiden musste, und eine Antwort lief darauf hinaus, dass unsere Sünden die Ursache für das menschliche Elend sind, in dem Jesus als noch sehr junger Mann umgekommen ist. Ist Jesu Tod am Kreuz aber nun die Bestätigung dafür, dass die Befreiung Israels aus Ägypten letztlich eine Illusion war, dass Menschen unfähig sind, Gerechtigkeit und Frieden herzustellen, wenn sie sogar Jesus, den Friedenskönig, aus dem Weg räumen?

Einfach ist das alles nicht zu verstehen, und es wird vielleicht noch komplizierter, wenn wir den Predigttext hören.

Er steht im 2. Buch Mose – Exodus 12, und handelt von der Nacht des Auszugs aus Ägypten, als Gott sein Volk Israel in die Freiheit führen will:

1 Der HERR aber sprach zu Mose und Aaron in Ägyptenland:

3 Sagt der ganzen Gemeinde Israel: Am zehnten Tage [des ersten] Monats nehme jeder Hausvater ein Lamm, je ein Lamm für ein Haus.

4 Wenn aber in einem Hause für ein Lamm zu wenige sind, so nehme er’s mit seinem Nachbarn, der seinem Hause am nächsten wohnt, bis es so viele sind, dass sie das Lamm aufessen können.

6 Ihr sollt es verwahren bis zum vierzehnten Tag des Monats. Da soll es die ganze Gemeinde Israel schlachten gegen Abend.

7 Und sie sollen von seinem Blut nehmen und beide Pfosten an der Tür und die obere Schwelle damit bestreichen an den Häusern, in denen sie’s essen,

8 und sollen das Fleisch essen in derselben Nacht, am Feuer gebraten, und ungesäuertes Brot dazu, und sollen es mit bitteren Kräutern essen.

11 So sollt ihr’s aber essen: Um eure Lenden sollt ihr gegürtet sein und eure Schuhe an euren Füßen haben und den Stab in der Hand und sollt es essen als die, die hinwegeilen; es ist des HERRN Passa.

12 Denn ich will in derselben Nacht durch Ägyptenland gehen und alle Erstgeburt schlagen in Ägyptenland unter Mensch und Vieh und will Strafgericht halten über alle Götter der Ägypter, ich, der HERR.

13 Dann aber soll das Blut euer Zeichen sein an den Häusern, in denen ihr seid: Wo ich das Blut sehe, will ich an euch vorübergehen, und die Plage soll euch nicht widerfahren, die das Verderben bringt, wenn ich Ägyptenland schlage.

14 Ihr sollt diesen Tag als Gedenktag haben und sollt ihn feiern als ein Fest für den HERRN, ihr und alle eure Nachkommen, als ewige Ordnung.

Liebe Gemeinde, nun will ich versuchen, gedanklich und emotional ein wenig aufzuräumen mit all dem, was wir beide vor Ihnen und euch ausgebreitet haben.

Blut am Finger

Unterschrift mit Blut? (Foto: pixabay.com)

Das Wort „Pessach“, „überspringen“, „vorübergehen“, soll uns dabei helfen. Ein Name ist im Glauben der Juden in der Regel nicht zufällig oder nebensächlich. Warum haben sie ihr größtes Fest „Pessach“ genannt? Weil ihre Häuser „übersprungen“ wurden, als Gott durch Ägypten ging, um die erstgeborenen Söhne des Herrschervolkes zu mit dem Tode zu schlagen. Die ganze Geschichte klingt archaisch, magisch. Wieso braucht Gott oder sein Todesengel das Blut am Türrahmen, um zu wissen, dass in diesen Häusern Israeliten wohnen? Ich kann mir das nur so erklären, wie ich mir auch die Wirkung eines Gebetes erkläre: Gott braucht ja nicht unsere Gebete, um zu wissen, was wir brauchen, er weiß besser als wir, was wir nötig haben, und müsste unsere Gedanken lesen können. Was Gott hier vom Volk Israel verlangt, ist ein Bekenntnis zum befreienden Gott, sozusagen eine Unterschrift mit Blut: Hier wohnt eine Familie, die sich auf den Gott Israels verlässt. Später ist im Bericht über den Auszug aus Ägypten zu lesen, dass mit den Israeliten auch Leute weggezogen sind, die Mischvolk oder Fremdlinge genannt werden; es gab also durchaus auch Ägypter oder Kinder aus ägyptisch-israelitischen Ehen, die sich dafür entschieden, ihre Türpfosten in dieser Nacht mit Lammblut zu bestreichen.

Nicht um ein ethnisches Problem geht es hier also, nicht um die Parteinahme Gottes für das eine oder andere Volk, als ob Gott grundsätzlich etwas gegen Menschen aus Ägypten hätte. Nein, es geht um ein soziales Problem, nämlich um die Frage, ob ein Volk einem anderen das Lebensrecht in Freiheit gönnt oder nicht. Feinde Gottes sind also nicht die Ägypter als solche, sondern diejenigen Ägypter, die mitverantwortlich dafür sind, dass die Israeliten im Pharaonenreich in Sklaverei und Unterdrückung leben, bis hin zu der Anordnung, dass die männlichen Babies des Volkes Israel getötet werden sollen, damit das Sklavenvolk nicht zu stark wird und sich zu einem Aufstand erheben könnte. Diese grausame Behandlung Israels durch das Regime des Pharao führt dazu, dass Gott auf ähnlich harte Weise Gerechtigkeit herstellen will: Wer die Söhne seines Volkes Israel töten lässt, wer also im Grunde das Volk Israel selbst töten will, das Gott selber seinen erstgeborenen Sohn nennt, der muss es hinnehmen, dass Gott die erstgeborenen Söhne des Unterdrückervolkes tötet. Gott will nicht, dass Völker eine Zukunft haben, die anderen Völkern ihre Zukunft nehmen.

Umgekehrt wird die Freude der Juden über die Feier des „Pessach“ verständlich: Sie, deren Söhne zuvor ermordet wurden, die auch später immer wieder Verfolgung, Enteignung, Demütigung und Mord erfahren haben, durch fremde Eroberer, Angehörige anderer Religionen und Weltanschauungen bis hin zu uns Christen, bis hin zu den deutschen Nazis, sie halten fest an der Überzeugung, dass nicht Gott sie töten will, dass Gott, wenn er Gerechtigkeit herstellt, ihre Häuser überspringt, so lange sie an dem Bund mit Gott festhalten, der ursprünglich einmal durch Mose mit dem Blut des Bundes besiegelt worden war.

Und nun kommt Jesus und feiert mit seinen Jüngern zum letzten Mal vor seinem Tod das Passamahl. Er isst das Lamm, er isst vom ungesäuerten Brot, er isst die Bitterkräuter, er tut das alles mit seinen Jüngern, als wolle er sofort mit ihnen aufbrechen, weg aus der Unterdrückung, die zu seiner Zeit unter den Römern nicht weniger hart war als damals unter den Ägyptern. Nur – zur Zeit Jesu war Rom praktisch überall, es gab kein Entrinnen, indem man in ein anderes Land hätte auswandern wollen. In diesem Augenblick sagt Jesus entscheidende, weltbewegende Worte. Er dankt Gott für das Brot und bricht es und sagt (Matthäus 26, 26):

„Nehmet, esset; das ist mein Leib.“

Er nimmt den Kelch und sagt (Matthäus 26, 28):

„Das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.“

Der Leib Jesus wird zerbrochen, seine Gemeinschaft mit denen, die um ihn sind, zerreißt, sie lassen ihn im Stich. Seine Verbindung mit Israel geht kaputt, indem die Mächtigen Israels ihn dem Besatzungschef Pilatus ausliefern. Und statt dass Gott dem Pilatus und seinen Helfershelfern in den Arm fällt und verhindert, dass sie Jesus am Kreuz töten, scheint in diesem Fall der Todesengel Gottes den einzig Unschuldigen, den der Evangelist Johannes das „Lamm Gottes“ nennt, zu töten, statt ihn zu verschonen. Hätte nicht das Blut des Lammes, das Blut, das in Jesu Adern fließt, verhindern müssen, dass dieser eingeborene Sohn des Vaters mit dem Tode geschlagen wird? Hätten nicht umgekehrt jetzt die Römer wie damals die Ägypter von Gott „geschlagen“ werden, ihrer Zukunft beraubt werden müssen? Stattdessen scheinen Jesus und die, die an ihn glauben, ihrer Zukunft beraubt zu sein. Was kann „Pessach“ jetzt noch bedeuten, wenn das Lamm Gottes selbst nicht „übersprungen“, nicht vor den Schlägen Gottes verschont bleibt, sondern geradezu beispielhaft mit Qual und Tod geschlagen wird?

Bevor ich darauf eine Antwort versuche, singen wir aus dem Lied 87 die Strophen 1 bis 3:

1. Du großer Schmerzensmann, vom Vater so geschlagen, Herr Jesu, dir sei Dank für alle deine Plagen: für deine Seelenangst, für deine Band und Not, für deine Geißelung, für deinen bittern Tod.

2. Ach das hat unsre Sünd und Missetat verschuldet, was du an unsrer Statt, was du für uns erduldet. Ach unsre Sünde bringt dich an das Kreuz hinan; o unbeflecktes Lamm, was hast du sonst getan?

3. Dein Kampf ist unser Sieg, dein Tod ist unser Leben; in deinen Banden ist die Freiheit uns gegeben. Dein Kreuz ist unser Trost, die Wunden unser Heil, dein Blut das Lösegeld, der armen Sünder Teil.

Grüne-Soße-Essen am Gründonnerstag (Foto: Klaus-Dieter Jung)

Grüne-Soße-Essen am Gründonnerstag (Foto: Klaus-Dieter Jung)

Liebe Gemeinde,

Jesus scheint das Symbol des Pessach in etwas rein Innerliches zu verwandeln. Wo in Israel das Blut von geschlachteten Lämmern an Türpfosten und Rahmen gestrichen wird, betrachtet er sich symbolisch selbst als das Lamm, das durch die Sünde der Menschen geschlachtet wird, indem er am Kreuz stirbt. Und den Inhalt des Kelches, der beim Abendmahl getrunken wird, deutet er symbolisch als sein am Kreuz vergossenes Blut, durch das er den Bund Gottes mit den Menschen neu besiegelt. Und das Angebot dieses Bundes gilt nun nicht nur den Angehörigen des Volkes Israel selbst, sondern allen Völkern der Welt. Da die Sünde, die den Gottessohn Jesus geschlagen und ans Kreuz gebracht hatte, ein Gemeinschaftswerk von Juden und Heiden ist, aus dem sich weder Freund noch Feind, nicht einmal die engsten Vertrauten Jesu, herausreden können, überspringt auch das Angebot der Vergebung der Sünde alle Grenzen und gilt Juden wie Heiden. „Übersprungen“ werden wir ähnlich wie die Israeliten in der Nacht des ersten Passafestes insofern, als wir zwar eigentlich schuldbeladen sind, Strafe verdienen, aber im Blick auf das Blut eines Lammes verschont werden. Unsere Türrahmen sind zwar nicht sichtbar mit Lammblut bestrichen, wie das bei den Israeliten der Fall war, aber wenn wir aus dem Abendmahlskelch trinken, stellen wir uns unter den Schutz Jesu, des Gotteslammes, das am Kreuz bluten muss. So bilden wir den Leib Christi, die christliche Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen, indem uns vergeben ist. Eine Gemeinschaft von Heiligen können wir ja nicht aus eigener Kraft sein, sondern weil uns Vergebung geschenkt ist. „Übersprungen“ werden im Abendmahl also auch alle Grenzen nationaler, religiöser und sozialer Art, indem der zerbrochene Leib Jesu Christi wieder zusammengefügt wird. So ist der Leib Christi doch auch äußerlich sichtbar, indem er alle umfasst, die sich durch seine Liebe mit Gott und mit den anderen Gliedern an diesem Leib versöhnen lassen. Von daher können wir auch die leibliche Auferstehung Jesu Christi besser begreifen. Mit ihr ist nicht die Wiederbelebung des Körpers Jesu für ein weiteres Leben unter irdischen Bedingungen gemeint. Vielmehr lebt der auferstandene Jesus beim Vater im Himmel als das unsichtbare Haupt des in seiner Gemeinde sichtbaren Leibes.

Das Lamm Gottes wird von menschlicher Sünde blutig geschlagen und verschont uns Sünder vor ewiger Strafe. Das Lamm Gottes hilft uns, Grenzen zu überspringen, damit Versöhnung geschieht zwischen uns und Gott und zwischen Menschen.

Vom Lamm Gottes singen wir aus dem Lied 83 die Strophen 1 und 2:

1. Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld der Welt und ihrer Kinder; es geht und büßet in Geduld die Sünden aller Sünder; es geht dahin, wird matt und krank, ergibt sich auf die Würgebank, entsaget allen Freuden, es nimmet an Schmach, Hohn und Spott, Angst, Wunden, Striemen, Kreuz und Tod und spricht: »Ich will’s gern leiden.«

2. Das Lämmlein ist der große Freund und Heiland meiner Seelen; den, den hat Gott zum Sündenfeind und Sühner wollen wählen: »Geh hin, mein Kind, und nimm dich an der Kinder, die ich ausgetan zur Straf und Zornesruten; die Straf ist schwer, der Zorn ist groß, du kannst und sollst sie machen los durch Sterben und durch Bluten.«

Hören wir nun die Einsetzungsworte des Heiligen Abendmahls, wie der Evangelist Markus sie überliefert (Matthäus 26, 26-28):

26 Als sie aber aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach’s und gab’s den Jüngern und sprach: Nehmet, esset; das ist mein Leib.

27 Und er nahm den Kelch und dankte, gab ihnen den und sprach: Trinket alle daraus;

28 das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.

Bevor wir uns hineinnehmen lassen in den Leib Christi durch das Blut des Lammes, beten wir miteinander das Gebet um das Kommen des Reiches Gottes, das Jesus selber uns gelehrt hat:

Vater unser

Schmeckt und seht, wie freundlich Gott ist. Nehmt und gebt weiter, was euch geschenkt ist, lasst uns das Brot des Lebens teilen.

Herumreichen des Korbs

Trinkt aus dem Kelch der Versöhnung, der uns Grenzen überspringen lässt.

Austeilen der Kelche

Wir singen aus dem Lied 223 die Strophen 1 bis 4:

Das Wort geht von dem Vater aus

Lasst uns beten.

Wir waren zu Gast an deinem Tisch, Herr Jesus Christus, und wir durften deine Liebe schmecken. Wir tragen deinen Geist in uns und wollen ihn mit Dank weitergeben.

Wir wollen für unsere Geschwister im Glauben bitten, lass auch sie teilhaben an deiner Güte und Barmherzigkeit. Gib ihnen die Kraft, ihren Dienst in deinem Namen zu tun.

Wir bitten für die Mächtigen der Welt, gib ihnen Mut und Weisheit, die richtigen Entscheidungen zu treffen, auch wenn das unangenehm ist.

Wir bitten für die Ohnmächtigen der Welt, gib ihnen eine Möglichkeit, gehört zu werden.

Wir bitten für die Verfolgten der Welt, gib ihnen eine neue Zukunft ohne Angst.

Wir bitten für die Einsamen der Welt, schenke ihnen Menschen, denen sie vertrauen können.

Wir bitten für die Sterbenden, nimm sie liebevoll bei dir auf.

Jesus, du hast soviel Leid und Schmerz auf dich genommen, um uns das ewige Leben zu geben. Hilf uns, unsere Schwachheit in Stärke zu verwandeln.

Befreie unseren Geist vor unnützer Angst und schenke uns deinen Frieden. Amen.

Wir singen das Lied 228:
Er ist das Brot, er ist der Wein, steht auf und esst, der Weg ist weit
Abkündigungen

Vor dem Grüne-Soße-Essen, zu dem Frau Jung, Frau Risken, Frau Schau und Frau Weber Grüne Soße beigesteuert haben, bitten wir Gott um seinen Segen:

Der Herr segne dich, und er behüte dich. Er lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir seinen Frieden. Amen.

Grüne-Soße-Essen
Grüne-Soße-Essen am Gründonnerstag (Foto: Klaus-Dieter Jung)

Grüne-Soße-Essen am Gründonnerstag (Foto: Klaus-Dieter Jung)

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