Sie vergaß ihre alten Kumpels nicht

Trauerfeier für eine junge Frau, die nach mehreren Wochen tot in ihrer Wohnung aufgefunden wurde. Sie war obdachlos gewesen und hatte Kontakt zu den alten Freunden gehalten.

Sie vergaß ihre alten Kumpels nicht: Ein Graffito, das Menschen auf der Straße zeigt, die an einem Obdachlosen mit seinem Hund vorbeigehen

Wen kümmert das Leben der Obdachlosen? (Bild: TuendeBede – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Trauergemeinde, Sie sind hier versammelt, weil Frau M. im Alter von [über 30] Jahren gestorben ist.

Wir denken an Frau M. – wir denken an uns – wir denken an Gott.

An sie denken wir, um ihr die letzte Ehre zu erweisen.

An uns denken wir, um Klarheit zu gewinnen über unsere gemischten Gefühle und unsere Erinnerungen.

An Gott denken wir, weil er die Antwort auf die letzten Fragen ist: woher wir kommen, wohin wir gehen und warum wir leben. An Gott denken wir, der unser Trost und unser Halt ist im Leben und im Sterben.

Wir hören Worte aus dem Psalm 34, einem alten Lied der Bibel:

5 Als ich den HERRN suchte, antwortete er mir und errettete mich aus aller meiner Furcht.

6 Die auf ihn sehen, werden strahlen vor Freude, und ihr Angesicht soll nicht schamrot werden.

7 Als einer im Elend rief, hörte der HERR und half ihm aus allen seinen Nöten.

8 Der Engel des HERRN lagert sich um die her, die ihn fürchten, und hilft ihnen heraus.

13 Wer möchte gern gut leben und schöne Tage sehen?

14 Behüte deine Zunge vor Bösem und deine Lippen, dass sie nicht Trug reden.

15 Lass ab vom Bösen und tu Gutes; suche Frieden und jage ihm nach!

16 Die Augen des HERRN merken auf die Gerechten und seine Ohren auf ihr Schreien.

19 Der HERR ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind, und hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben.

23 Der HERR erlöst das Leben seiner [Menschenkinder], und alle, die auf ihn trauen, werden frei von Schuld.

Liebe Trauergemeinde, von ihrer Herkunft, ihrer Kindheit und ihrem Elternhaus wissen wir so gut wie nichts. Ich habe Frau M. persönlich nicht gekannt. Sie gehörte nicht zu unserer Gemeinde, und ich weiß auch nicht, ob sie noch Angehörige hat. Offenbar war der Kontakt zu ihrer Verwandtschaft abgebrochen.

Auch ihren genauen Todeszeitpunkt wissen wir nicht. Auf der Sterbeurkunde steht ein Zeitraum von über zwei Monaten, innerhalb dessen sie gestorben sein könnte.

Allerdings: obwohl sie ohne Kontakt zu ihrer Familie lebte und allein gestorben ist, war sie doch in ihrem Leben kein völlig einsamer Mensch. Durch die Mitarbeitenden in der Beratungsstelle der Arbeiterwohlfahrt und der „Brücke“ erfuhr ich: Es gab in ihrem Leben einen Kreis von Menschen, dem sie sich verbunden gefühlt hat.

Einige von Ihnen kannten sie bereits, seitdem sie 14 Jahre alt war. Sie muss sich schon früh von ihrer Familie gelöst haben, hatte offenbar nicht die Geborgenheit erlebt, die für andere junge Menschen in dem Alter selbstverständlich ist. Fragwürdigen Halt und Trost suchte sie im Alkohol, geriet in eine Abhängigkeit, von der sie ihr Leben lang trotz harter Kämpfe nicht endgültig loskam.

Aber wir sollten ihre Persönlichkeit nicht auf ihre Probleme und auf ein Krankheitsbild reduzieren. Wichtiger sind andere Dinge. Zum Beispiel, wie sie auf die Menschen zugegangen und mit ihnen umgegangen ist.

Sie war ja selber über längere Zeit obdachlos und hat auch „Platte gemacht“. Dann bekam sie ihre Wohnung und hielt sie pieksauber in Ordnung. Da hätte sie denken können: Mit der Straße und der Platte habe ich jetzt nichts mehr zu tun. Aber nein, sie vergaß ihre alten Kumpels nicht, ist morgens rumgezogen und brachte ihnen Kaffee auf die Platte. Sie blieb hilfsbereit und beurteilte die Menschen nicht nach ihrem Aussehen, sondern nach inneren Werten. Auch wenn es ihr selber dreckig ging, versorgte sie andere noch mit.

Mehr weiß ich nicht von ihr; Sie, die heute von ihr Abschied nehmen, kannten sie besser. Jeder und jede von Ihnen hat eigene Begegnungen mit ihr gehabt, wird mit Trauer und Wehmut, vielleicht auch mit Schmerz, ich denke aber auch mit Dankbarkeit an sie zurückdenken.

Sicher gibt es auch Gedankenspiele nach dem Muster: „Was wäre gewesen, wenn…“, aber damit kommen wir nicht weiter. Die Vergangenheit können wir nicht ändern.

Aber wir können entscheiden, wie wir auf die Vergangenheit zurückschauen und wie wir heute und morgen mit uns selber und miteinander umgehen.

Der Blick auf das Leben von Frau M. kann kein Blick in ihr Herz sein. Da schaut nur einer hinein, und wir können uns kein Urteil über sie anmaßen. Wie erfüllt oder wie zerbrochen ihr Leben war, wie viel ihr gelungen und wie oft sie gescheitert ist in dem, was sie sich vorgenommen hatte, das können wir nur vermuten. Wichtig ist, dass es Menschen gibt, die sie vermissen, und das ist für mich ein untrügliches Zeichen: es gab Liebe in ihrem Leben, sie wurde geliebt und sie hat selber auch Liebe geben können. Sie gehörte wohl manchmal mehr zu den Menschen mit einem zerbrochenen Herzen und einem zerschlagenen Gemüt; wenn ihr Herz und Gemüt aber bis zu einem gewissen Grad Heilung erfahren hatte, blieb sie den anderen nahe, denen es ähnlich erging, wie es ihr selbst ergangen war. Ich bin überzeugt, dass Gott sie nie verlassen hat, dass er bei ihr war, in ihren besseren und in ihren schlechtesten Zeiten. Denn es ist wahr (Psalm 34, 19):

Der HERR ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind, und hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben.

Ich bin mir sicher, dass Gott sie auch während ihrer letzten Atemzüge nicht allein gelassen hat. Gott kann gar nicht anders, er ist ja selber in Jesus Mensch geworden, wurde von gefühllosen Menschen gequält und gefoltert, ist den Menschen mit zerbrochenem Herzen und zerschlagenem Gemüt näher gekommen, als wir es uns vorstellen können. Gott selber ist in Jesus einen grausamen Tod gestorben und damit scheinbar gescheitert – doch wirklich nur scheinbar. Denn der Vater im Himmel, dessen Geist der Liebe vollkommen in Jesus war und blieb bis zum letzten Atemzug, der erweckte ihn vom Tod, der sagte Ja zu diesem scheinbar Gescheiterten, der sagt auch heute Ja zu dieser Frau M. und nimmt sie im Himmel liebevoll in seine Arme und wischt ihr die Tränen ab von ihren Augen, alle Tränen, selbst die, die sie nie weinen konnte.

Am Gründonnerstagabend singen wir von diesem Jesus: „Jesus, der Menschensohn, kam nicht, sich bedienen zu lassen. Er diente anderen und setzte sein Leben ein, uns zu befrei‘n.“

Ja, er will auch uns befreien. Wir leben noch hier auf der Erde. Wir müssen nicht bis zur Ewigkeit auf Befreiung warten. Wir dürfen schon hier aufstehen und anders mit unserem eigenen Leben umgehen, heute und morgen.

Im Blick auf die Vergangenheit: wenn uns Schuldgefühle quälen, wenn wir uns fragen: Warum haben wir den Besuch immer wieder verschoben, wie konnte es sein, dass mehrere Monate lang niemand nach ihr gesehen hat? Wir können es nicht ungeschehen machen, aber wir können um Vergebung bitten für das, was wir einander schuldig geblieben sind. Es muss uns nicht mehr quälen.

Aber es kann uns eine Mahnung sein im Blick auf die Gegenwart und die Zukunft. Das Geschenk der Zeit gehört uns nur einen Augenblick lang, immer diesen jetzigen Augenblick. Nur ihn können wir gestalten, nur ihn haben wir im Griff, nur in diesem kurzen gegenwärtigen Augenblick können wir die Möglichkeiten ausschöpfen, die sich uns gerade jetzt bieten. Jetzt können wir ein Wort des Trostes sagen oder hören und an uns heranlassen.

Nachher und morgen wird es auch so ein Jetzt geben, immer wieder neu, ein Jetzt, in dem wir entscheiden, was wir mit unserem Tag anfangen, ob wir die alte Leier immer so weiter gehen lassen oder eine neue Entscheidung treffen, ob wir voller Selbstmitleid und Scham immer nur an uns selbst denken oder mutig aufstehen und den Freund besuchen, der uns braucht, selbst und gerade wenn es uns selbst dreckig geht.

Denken Sie daran, Gott in Jesus Christus ist auch bei Ihnen (Psalm 34, 19):

Der HERR ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind, und hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben.

Amen.

Barmherziger Gott, wir beten zu dir für Frau M. Du kennst sie besser, als wir sie kannten, ja vielleicht sogar als sie sich selber kannte. Du nimmst sie mit Ehren an und heilst die Wunden ihrer Seele und ihres Leibes und vollendest ihr Leben in der Ewigkeit.

Lass uns zusammenstehen, wo wir einander brauchen, und vergib uns, wo wir uns das Leben schwerer machen, als es sein müsste. Hilf uns, den neuen Schritt zu wagen, der uns in unserem eigenen Leben weiterbringt. Lass uns aufstehen aus der Macht des Todes, die uns gefangen hält in Form von Trägheit und Gewohnheit, in Form von Lieblosigkeit und Sucht.

Lehre uns erkennen, dass wir alle sterben müssen, damit wir klug werden. Lehre uns erkennen, wie kostbar dieses Leben ist, und dass es unsäglich traurig ist, wenn wir auch nur einen Augenblick dieses Lebens nutzlos vergeuden. Stärke die gute Kraft in uns, die von dir kommt, damit wir getrost die Frage zu beantworten wissen: Wozu lebe ich hier auf Erden?

Gott, du suchst die zerbrochenen Herzen, du heilst uns mit deiner Liebe und lässt uns getröstet leben. Amen.

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