Rebekka: familienbewusst und emanzipiert

Rebekka tut, wozu ihre Liebe als Mutter zu Jakob sie treibt: sie will das Beste für ihren Lieblingssohn Jakob. Sie bietet zur Erreichung dieses Ziels alle Mittel auf, die ihr damals als Frau zur Verfügung stehen. Gutgeheißen werden diese Mittel in der Bibel nicht, aber Rebekka wird auch nicht verurteilt. So kommt auf verschlungenen Wegen Gottes Wille zum Ziel.

Skulptur von Rebekka mit Schöpfgefäß am Brunnen (nur der obere Teil, weiter unten das vollständige Bild)

Rebekka, das schöne Mädchen am Brunnen (Foto der Skulptur: pixabay.com)

#predigtTaufgottesdienst für Rebecca von Weyhe am 1. Sonntag nach Epiphanias, den 9. Januar 2005, um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen
Musik und Einzug der Tauffamilie

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Das Wort zur Woche steht im Brief an die Römer 8, 14:

Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.

Dieser Spruch passt gut zum heutigen Gottesdienst, denn wir taufen ein kleines Mädchen: Rebecca von Weyhe. Wir heißen sie mit ihrer Familie und ihren Paten besonders herzlich willkommen!

Tauflied 203:

1. Ach lieber Herre Jesu Christ, der du ein Kindlein worden bist, von einer Jungfrau rein geborn, dass wir nicht möchten sein verlorn,

2. du hast die Kinder nicht veracht‘, da sie sind worden zu dir bracht, du hast dein Händ auf sie gelegt, sie schön umfangen und gesagt:

3. »Die Kinder lasset kommen her zu mir, ihn‘ niemand solches wehr, denn solcher ist das Himmelreich, die man mir bringt, beid, arm und reich.«

4. Ich bitt, lass dir befohlen sein, ach lieber Herr, dies Kindelein, behüte es vor allem Leid und alle in der Christenheit.

5. Durch deine Engel es bewahr vor Unfall, Schaden und Gefahr; erbarm dich seiner gnädiglich, gib deinen Segen mildiglich.

6. Gib Gnad, dass es gerate wohl zu deinen Ehrn und Wohlgefalln, auf dass es hier gottseliglich, hernach auch lebe ewiglich.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. „Amen.“

Weihnachten ist noch nicht lange her. Das Fest des Kindes, von der Jungfrau geboren. Das Fest der Engel, die Josef und den Hirten auf dem Felde erschienen, und auch denen, die vom Morgenland her einem Stern bis zur Krippe gefolgt sind. Jungfrau, Engel und Stern – viel Wundersames umgibt die Geburt dieses besonderen Kindes in Bethlehem. Und es bleibt ein Wunder, das nicht nur an Weihnachten bedeutsam ist: Gott ist Mensch geworden; in Jesus beginnt das Licht der Welt unter uns und für uns zu strahlen.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Seit diesem Weihnachtsfest begleiten uns jedoch auch die Bilder des Schreckens aus Südasien. Wir fassen es nicht, dass die Schutzengel Gottes nicht eingegriffen haben, um so viel Leid zu verhindern. Es lässt sich nicht erklären, was geschehen ist. Wir begreifen nur eins: dass es nicht selbstverständlich ist, auf der dünnen Erdkruste unseres kleinen Planeten zu leben.

Gott im Himmel, wir sind angewiesen auf deine Gnade, auf deinen Trost, auf dein Erbarmen. Wir rufen zu dir:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Der Glaube an Gott ist eine Zuversicht, für die wir oft keine logische Erklärung abgeben könnten. Wir geben unserem Vertrauen Ausdruck mit Worten des Psalms 91, aus dem Rebeccas Eltern ihren Taufspruch ausgesucht haben:

1 Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt,

2 der spricht zu dem Herrn: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe.

4 Er wird dich mit seinen Fittichen decken, und Zuflucht wirst du haben unter seinen Flügeln.

9 Denn der Herr ist deine Zuversicht, der Höchste ist deine Zuflucht.

10 Es wird dir kein Übel begegnen, und keine Plage wird sich deinem Hause nahen.

11 Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen,

12 dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist gross Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende.

Der Herr sei mit euch! „Und mit deinem Geist!“

Gott, wir bitten dich, dass du uns und unsere Kinder behütest mitten in einer gefährlichen Welt. Wir bitten dich um Glauben, wenn wir zweifeln – an dir und an uns selbst. Bewahre uns in deiner Liebe! Das erbitten wir von dir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören das Taufevangelium nach Matthäus 28, 18-20:

18 Jesus trat herzu und sprach zu ihnen: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.

19 Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes

20 und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Liebe Familie von Weyhe, liebe Gemeinde!

Wir taufen viele Kinder in dieser Kirche, aber häufig ist es so, dass ich ihre Familien nur flüchtig kenne. Über die heutige Taufe freue ich mich besonders, denn die Familie des Taufkindes geht im Paulus-Gemeindezentrum seit langem ein und aus, im Gottesdienst und beim Kindersonntag, im Kirchenvorstand und beim Internetcafé – selbst die kleine Rebecca ist schon unten im Büro gewesen und in dem Raum, wo ihr Vater das Internetcafé der Gemeinde leitet. Es sieht also danach aus, als würde sie von Anfang ihres Lebens an ganz selbstverständlich in die Gemeinde hineinwachsen.

So ist es ja auch gedacht mit der Taufe. Eltern und Paten versprechen, das getaufte Kind christlich zu erziehen und auf seinem Weg in der Gemeinde zu begleiten. Selbstverständlich ist es heute nicht, dass eine ganze Familie bewusst und offen den christlichen Glauben lebt und sich für die Kirche einsetzt. Schön ist es, dass das möglich ist und offenbar auch der ganzen Familie Freude macht.

Dass Sie Ihr kleines Mädchen Rebecca genannt haben, ist kein Zufall. Einen biblischen Namen wollten Sie ihr geben, und israelische Freunde haben Ihnen erzählt, was die Rebekka der Bibel für eine Persönlichkeit war. Als die erste emanzipierte Frau gilt sie den Juden, doch zugleich steht sie vollständig auf dem Boden ihrer religiösen Tradition und im ungebrochenen Bewusstsein ihrer Familienzugehörigkeit. Wir werden nachher in der Predigt mehr über die biblische Rebekka hören; an dieser Stelle ist uns für die kleine Rebecca wichtig, was Sie sich für sie wünschen: eine starke und selbstbewusste Frau zu werden, die zugleich im Glauben fest verwurzelt ist und den Rückhalt ihrer Familie zu schätzen weiß. Natürlich können wir im Vorhinein nie wissen, wie sich ein Mensch entwickelt. Vor allem kann niemand den Glauben eines anderen Menschen sozusagen „machen“. Auch der Glaube der eigenen Kinder kann bestenfalls geweckt oder behutsam gefördert werden; wenn man da zu viel zerren will und Druck ausübt, erhält man nur das verzerrte Schreckbild eines Glaubens und verbogene Charaktere. Darum finde ich es gut und mutig, wenn Sie Ihrer zweiten Tochter den Namen einer nicht unbedingt stromlinienförmig frommen Frau aus der Bibel gegeben haben – sie soll ihre eigenen Stärken entfalten, muss mit den eigenen Schwächen klarkommen, wird ihr eigenes Leben leben und darf ihren eigenen Glauben in eigener Ausprägung finden.

Ihnen als Eltern und als der großen Schwester und als den Paten ist Rebecca anvertraut, um einen Raum der Fürsorge und Liebe zu haben, in dem sie gedeihen kann und in dem all das wächst, von dem wir eben gesprochen haben, in Freiheit. Wie gesagt: „machen“ können Sie das alles nicht. Vor allem Bösen und allem Unglück bewahren können Sie Ihre Tochter auch nicht. Und doch trauen wir uns, getrost zu leben, ohne ständig an alles zu denken, was passieren kann. Wir tun das als Christen, weil wir uns getragen wissen in der Liebe des großen Gottes. Wir begreifen ihn zwar nicht immer, vor allem wenn wir Unglück und Unrecht erleben. Aber die Bibel hält uns schlicht dazu an, für geschenktes Glück dankbar zu sein. Dann werden wir auch in Not und Unglück nicht verlassen sein. Wo sollten wir hin mit unserer Sehnsucht, mit unserer Angst, mit unserem tastenden Glauben, wenn da kein Gott wäre, keine Liebe, die uns umfängt, kein Jesus, der für uns gestorben ist und uns den Himmel in Ewigkeit geöffnet hat und heute lebendig bei uns ist!

Von diesem Getragensein in Gott redet auf seine Weise auch der Psalm 91, den wir vorhin gebetet haben (Psalm 91, 11):

[Gott] hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.

Engel werden auch in der Geschichte der biblischen Rebekka erwähnt. Im 1. Buch Mose – Genesis 24, 39-41, beauftragt Abraham seinen persönlichen Diener damit, eine Frau für seinen Sohn Isaak zu suchen, und sagt ihm mit Nachdruck (eigene Übertragung):

Gott wird seinen Engel vor dir her senden, dass du für meinen Sohn eine Frau findest – aber bring sie nur mit, wenn das Mädchen dir folgen will.

Engelmächte leiten also, aber sie zwingen nicht. Engel behüten, aber man sagt mit Recht: „Fahr nicht schneller, als dein Schutzengel fliegen kann.“ Beides gehört zusammen: dass gute Mächte Gottes für uns da sind und dass wir verantwortlich mit unserem Leben umgehen. Mit Liebe dürfen wir antworten auf die Liebe, die Gott uns schenkt. Amen.

Lied 211: Gott, der du alles Leben schufst

Sie, liebe Frau von Weyhe, haben mir gesagt, dass in der methodistischen Kirche, der Sie angehören, auch die Gemeinde das Versprechen ablegt, Mitverantwortung für ein Taufkind zu tragen. Bei uns wird das nicht immer ausdrücklich gesagt, aber wenn wir jetzt das Apostolische Glaubensbekenntnis miteinander sprechen, tun wir das stellvertretend auch für unser Taufkind – und wir bekennen uns dazu, dass wir für jedes Kind, das bei uns getauft wird, als eine Gemeinschaft der durch Gottes Vergebung begnadigten Heiligen auch mitverantwortlich sind. In diesem Sinne bekennen wir:

Glaubensbekenntnis und Taufe
Lied 574: Segne dieses Kind und hilf uns, ihm zu helfen
Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, die Taufe der kleinen Rebecca hat mich dazu angeregt, heute über die biblische Rebekka zu predigen.

Denn wie Maria die Mutter Jesu ist, so ist Rebekka die Mutter Jakobs, der später Israel genannt wird – sie gehört hinein in die Geschichte, die in der Bibel erzählt wird – von einem Gott, der sich auf das Schicksal der Menschenkinder einlässt, ganz konkret, indem er ein kleines Volk dieser Welt zum Ausgangspunkt nimmt, um die ganze Welt zu segnen, und schließlich selber Mensch wird in einem einzelnen Menschen dieses Volkes, um allen Menschen den Weg zur Erlösung und zum Frieden zu bahnen.

Rebekka, eine der Urmütter des israelischen Glaubens und eine der Urahninnen Jesu, was ist sie für ein Mensch? Wir haben schon gehört, wie sie im Judentum beurteilt wird: Traditionsbewusst und emanzipiert zugleich. Aber kann das Hand in Hand gehen: fest im Glauben stehen, die Familie achten und zugleich rebellisch sein? Wir werden es sehen.

Zum ersten Mal taucht Rebekkas Name nur ganz kurz in einem Geburtsregister auf – nach dem 1. Buch Mose – Genesis 22, 23 ist sie eine Enkelin von Abrahams Bruder Nahor, die Tochter von dessen jüngstem Sohn Betuël.

Beim zweiten Mal ist ihr ein ganzes Kapitel gewidmet: inzwischen ist Rebekka ein junges Mädchen, das von ihren Eltern verheiratet werden soll, wie das damals üblich war. Die ganze Geschichte nachzuerzählen, wie sie im Kapitel 24 geschildert wird, würde zu weit führen.

Vollständiges Bild der Skulptur von Rebekka am Brunnen

Rebekka am Brunnen der Stadt Nahors (Foto der Skulptur: pixabay.com)

Wichtig ist, wer ihr Ehemann sein soll, nämlich der Sohn ihres Großonkels Abraham. Den hat sie zwar noch nie gesehen, schließlich wohnt sie in Haran, hoch im Norden des Zweistromlandes, Isaak dagegen in Hebron, 1000 km weiter südlich in dem Land, wo später das Volk Israel leben würde. Aber als der Brautwerber sie fragt, ob sie Isaaks Frau werden will, sagt sie (1. Buch Mose – Genesis 24):

58 Ja, ich will es.

Unsere Frage, wie man zwei junge Menschen verheiraten kann, die sich überhaupt nicht lieben, passt nicht in die damalige Zeit. In einer zwischen Wüste und Steppe umherziehenden Stammesgesellschaft hätte der moderne Traum einer romantischen Liebesehe nicht funktioniert – das tut er ja oft nicht einmal in der modernen Ära der Gleichberechtigung.

Wie war das damals? Die Männer hatten nach außen das Sagen, am meisten die Sippenältesten. Aber die Frauen waren nicht ohne Einfluss, sie hatten ihre eigene Welt, lebten normalerweise für sich in ihrem Teil des Zeltes, trugen die Verantwortung für die Kinder und die häuslichen Angelegenheiten.

Rebekka ist also eine junge Frau, die genau weiß, was die Regeln ihres Familienverbandes von ihr erwarten – in einem bestimmten Alter, meist schon mit 12 oder 13 Jahren, wurden die Mädchen verheiratet. Von Isaak weiß sie, dass er der legitime Erbe des berühmten Abraham ist, auf dem Gottes Segen in besonderer Weise ruht. Wenn man ihr späteres Verhalten betrachtet, verwundert es nicht, dass sie ohne zu zögern Ja sagt – Isaak ist für sie wirklich „eine gute Partie“. Ob sie Isaak jemals geliebt hat, wird nicht überliefert.

Auch umgekehrt hat mit ihr der Brautwerber für Isaak keine schlechte Wahl getroffen:

16 Das Mädchen war sehr schön von Angesicht.

Außerdem ist sie ausgesprochen hilfsbereit; sie gibt nämlich am Brunnen vor dem Tor nicht nur dem Brautwerber zu trinken, sondern schöpft auch noch Wasser für alle seine Kamele aus dem Brunnen (Verse 17-20). Jedenfalls, als Rebekka zu Isaak gebracht wird, nimmt er sie ohne zu zögern zu sich:

67 Da führte sie Isaak in das Zelt seiner Mutter Sara und nahm die Rebekka, und sie wurde seine Frau, und er gewann sie lieb.

Was in dieser Geschichte oft übersehen wird, ist die Tatsache, dass nicht nur die Männer gesegnet werden; meistens reden wir ja nur von Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Nein, bevor Rebekka wie einst Abraham ihre Familie verlässt, um ein neues Leben mit Isaak zu beginnen, bekommt auch sie ein Segenswort von ihrem Bruder Laban und ihrer ganzen Familie mit auf den Weg:

60 Und sie segneten Rebekka und sprachen zu ihr: Du, unsere Schwester, wachse zu vieltausendmal tausend, und dein Geschlecht besitze die Tore seiner Feinde.

So wie Abraham und Isaak die Verheißung bekamen, Väter eines großen Volkes zu werden, so wird Rebekka großer Segen als Urmutter des Volkes Israel verheißen.

Zunächst geht es ihr jedoch wie ihrer Schwiegermutter Sara. Denn auch Rebekka ist unfruchtbar, ganze zwanzig Jahre lang (1. Buch Mose – Genesis 25, 20-21 und 26). Dann aber wird sie mit Zwillingen schwanger und hat so heftige Schmerzen, dass sie sich fragt:

22 Wenn mir’s so gehen soll, warum bin ich schwanger geworden?

In dieser Situation handelt Rebekka als Prophetin:

Und sie ging hin, den HERRN zu befragen.

23 Und der HERR sprach zu ihr: Zwei Völker sind in deinem Leibe, und zweierlei Volk wird sich scheiden aus deinem Leibe; und ein Volk wird dem andern überlegen sein, und der Ältere wird dem Jüngeren dienen.

Eine persönliche Verheißung von Gott empfängt Rebekka, und es wird nicht gesagt, ob sie ihrem Mann oder irgendjemandem davon etwas sagt.

Bekannt ist, dass Rebekka zwei ganz unterschiedliche Söhne bekommt:

25 Der erste, der herauskam, war rötlich, ganz rauh wie ein Fell, und sie nannten ihn Esau.

26 Danach kam heraus sein Bruder, der hielt mit seiner Hand die Ferse des Esau, und sie nannten ihn Jakob.

In diesem Namen steckt das hebräische Wort „aqeb“ = „Ferse“ drin, allerdings auch das Wort „aqob“, das „hinterlistig“ bedeutet. Wer die Geschichte Jakobs kennt, weiß, dass die zweite Bedeutung sein späteres Verhalten sehr treffend bezeichnen sollte.

Aber heute geht es mir nicht um Jakob und sein Verhalten, sondern um seine Mutter Rebekka. Von ihr und übrigens auch von ihrem Mann Isaak wird ganz offen gesagt, dass beide ein Lieblingskind haben:

28 Isaak hatte Esau lieb und aß gern von seinem Wildbret; Rebekka aber hatte Jakob lieb.

Das verwundert auch nicht sehr, denn als…

27 … die Knaben groß wurden, ward Esau ein Jäger und streifte auf dem Felde umher, Jakob aber ein gesitteter Mann und blieb bei den Zelten.

Esau ist also ein Mann, den es nach draußen zieht, der sich in dem Bereich aufhält, der traditionell den Männern vorbehalten war: die Jagd und wohl auch der Krieg. Jakob gefällt das für Esau langweiligere Leben zu Hause besser, er bleibt in der Nähe des mütterlichen Zeltes und kümmert sich um die Herden der Familie.

Wäre alles so gelaufen wie üblich in einer von Männern beherrschten Gesellschaft, dann hätte der tapfere, starke, rauhe Lieblingssohn Isaaks, der sowieso sein Erstgeborener war, seinen Segen erhalten und wäre in seine Fußstapfen getreten. Esau hätte die Verheißung seines Großvaters Abraham und seines Vaters Isaak geerbt, der Stammvater des von Gott erwählten Volkes zu werden. Das wäre aber ein anderes Volk gewesen als das Volk Israel, denn dieser Name ist untrennbar verknüpft mit der Person seines jüngeren Zwillingsbruders Jakob.

Dass es anders kam, liegt nicht an Isaak. Von dem wird übrigens nirgends gesagt, dass er als Prophet ein Wort Gottes empfangen hätte. Ganz im Gegensatz zu seiner Frau Rebekka. Sie wird das Wort nicht vergessen haben, das sie während ihrer Schwangerschaft von Gott gehört hatte:

23 Der Ältere wird dem Jüngeren dienen.

Als sie eines Tages mitbekommt, wie ihr inzwischen alt und blind gewordener Mann dem Esau den Segen und das Erbe übergeben will, entschließt sie sich, dieser Verheißung nachzuhelfen. Sie stiftet ihren Lieblingssohn dazu an, seinen Vater, ihren Ehemann, zu betrügen, und sagt zu Jakob (1. Buch Mose 27):

6 Siehe, ich habe deinen Vater mit Esau, deinem Bruder, reden hören:

7 Bringe mir ein Wildbret und mach mir ein Essen, dass ich esse und dich segne vor dem HERRN, ehe ich sterbe.

8 So höre nun, mein Sohn, auf mich und tu, was ich dich heiße.

9 Geh hin zu der Herde und hole mir zwei gute Böcklein, dass ich deinem Vater ein Essen davon mache, wie er’s gerne hat.

10 Das sollst du deinem Vater hineintragen, dass er esse, auf dass er dich segne vor seinem Tod.

Wie groß der aktive Anteil der Rebekka an diesem Betrug ist, zeigt sich, als der zurückhaltende und wohl auch etwas ängstliche Jakob sagt:

11 Siehe, mein Bruder Esau ist rauh, doch ich bin glatt;

12 so könnte vielleicht mein Vater mich betasten, und ich würde vor ihm dastehen, als ob ich ihn betrügen wollte, und brächte über mich einen Fluch und nicht einen Segen.

Denn auf diesen Einwand antwortet Rebekka sehr kühn und selbstbewusst:

13 Der Fluch sei auf mir, mein Sohn; gehorche nur meinen Worten, geh und hole mir.

Sehr eigenständig, sehr eigenmächtig wirkt das Verhalten der Rebekka. Fast erinnert ihr Verhalten an Eva, die nach der verbotenen Frucht vom Baum der Erkenntnis greift, nur mit dem Unterschied, dass Eva ihre Entscheidung in Abhängigkeit von einer verführerischen Einflüsterung trifft und nicht in so bewusster Klarheit und Absicht wie hier Rebekka.

Uns kommt dieses Verhalten moralisch fragwürdig vor. Auch wenn sie sich ihrem Sohn viel stärker verbunden fühlt als ihrem Ehemann, ist doch ein solcher Betrug ein grober Bruch des Vertrauens zwischen Eheleuten. Eine beeindruckende mütterliche Selbstlosigkeit liegt auf jeden Fall in den Worten der Rebekka. Sie setzt alles auf eine Karte für ihren Sohn, selbst wenn sie selber dafür von Gott verflucht würde.

Die Bibel beschönigt das alles nicht; sie berichtet in schonungsloser Offenheit, wie Rebekka noch ein weiteres Mal eingreift, um ihren Sohn Jakob zu schützen und ihm seinen weiteren Weg zu ebnen. Als Rebekka erfährt, dass Esau nur auf den Tod seines Vaters Isaak wartet, um seinen Bruder Jakob umzubringen (Vers 41), da fragt sie sich:

45 Warum sollte ich euer beider beraubt werden auf einen Tag?

Und sie rät ihrem Sohn, nach Haran zu ihrem Bruder Laban zu fliehen. Ihrem Mann Isaak gegenüber dreht sie es anders. Sie geht zu ihm und klagt ihm ihr Leid:

46 Mich verdrießt zu leben, wegen der Hetiterinnen.

Dazu muss man wissen, dass Esau zwei hetitische Frauen genommen hatte, das waren einheimische Frauen aus dem Land Kanaan (1. Buch Mose – Genesis 26, 34), und von ihnen hatte es bereits im Kapitel zuvor geheißen:

35 Die machten Isaak und Rebekka lauter Herzeleid.

Rebekka tut also, als ob sie Jakob nur wegen der Brautschau zu ihrem Bruder Laban schicken will, genau wie das damals Abraham für seinen Sohn getan hatte. Und Isaak hört auf seine Frau, als sie weiter klagt (1. Buch Mose – Genesis 27):

46 Wenn Jakob eine Frau nimmt von den Hetiterinnen wie diese, eine von den Töchtern des Landes, was soll mir das Leben?

Mit seinem offiziellen Segen entlässt er Jakob nach Haran, der dort wirklich die beiden Töchter Labans, Lea und Rahel, zur Frau nimmt.

Das Ergebnis des Betruges, der Segen für den falschen Bruder, wird von Gott also nicht rückgängig gemacht. Offenbar soll wirklich der Betrüger Jakob nach Gottes Willen Stammvater Israels werden. Allerdings muss der noch einige Lektionen lernen: Nach der Flucht vor seinem Bruder Esau steht er bei seinem Onkel Laban plötzlich als betrogener Betrüger da. Bevor er sich mit seinem Bruder Esau versöhnt, muss er einen Ringkampf mit Gott ausfechten und bekommt verdient seinen Namen „Israel“ = „Gottesstreiter“. Sein Lieblingssohn Josef wird nach Ägypten verkauft werden. All das soll offenbar zur Geschichte dessen gehören, nach dem Gottes Volk seinen Namen trägt.

Das wiederholt sich ähnlich bei Petrus – der wird von Jesus Fels genannt und mit der Leitung der Gemeinde beauftragt, obwohl er zum Verleugner wird.

Rebekka tut also, wozu ihre Liebe als Mutter zu Jakob sie treibt: sie will das Beste für ihren Sohn. Sie bietet zur Erreichung dieses Ziels alle Mittel auf, die ihr damals als Frau zur Verfügung stehen. Gutgeheißen werden diese Mittel in der Bibel nicht, aber Rebekka wird auch nicht verurteilt. Noch konsequenter als ihr Sohn Jakob steht sie zu dem, was sie meint, tun zu müssen, und indem sie das tut, kommt auf verschlungenen Wegen Gottes Wille zum Ziel. So haben selbst bei menschlichen Intrigen die guten Engelmächte Gottes ihre Hände im Spiel. „Gott schreibt auch auf krummen Linien gerade.“

Nur ein einziges Mal kommt Rebekka übrigens im Neuen Testament vor. Und zwar dort, wo der Apostel Paulus im Brief an die Römer 9 mit großer Trauer an die Juden denkt, die Jesus nicht als ihren Messias annehmen. Da erinnert er an…

10 … Rebekka, die von dem einen, unserm Vater Isaak, schwanger wurde.

11 Ehe die Kinder geboren waren und weder Gutes noch Böses getan hatten, da wurde, damit der Ratschluss Gottes bestehen bliebe und seine freie Wahl –

12 nicht aus Verdienst der Werke, sondern durch die Gnade des Berufenden –, zu ihr gesagt: »Der Ältere soll dienstbar werden dem Jüngeren«“.

Paulus führt die Prophezeihung an Rebekka als Beleg dafür an, dass sich vor Gott niemand etwas auf menschliche Vorzüge einbilden kann. Esau kann nicht sein Erstgeburtsrecht einklagen, Jakob oder seine Mutter können nicht auf eine einwandfrei saubere Weste verweisen. Gott in seiner Barmherzigkeit lässt auch Menschen in seiner heilsamen Geschichte mit den Menschen mitwirken, die wir nicht dafür aussuchen würden. Wenn wir wollen, dürfen sogar wir uns in die Zahl der Mitarbeiter Gottes einreihen. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Wir singen aus dem Lied 70 die Strophen 1, 3 und 4 – von Jesus, der aus dem Stamm Jakobs hervorging, der uns liebevoll in seine Arme nimmt und uns wie Rebekka, Jakob und Petrus in das Wirken seiner Liebe mit hineinnimmt:

1. Wie schön leuchtet der Morgenstern voll Gnad und Wahrheit von dem Herrn, die süße Wurzel Jesse. Du Sohn Davids aus Jakobs Stamm, mein König und mein Bräutigam, hast mir mein Herz besessen; lieblich, freundlich, schön und herrlich, groß und ehrlich, reich an Gaben, hoch und sehr prächtig erhaben.

3. Gieß sehr tief in das Herz hinein, du leuchtend Kleinod, edler Stein, mir deiner Liebe Flamme, dass ich, o Herr, ein Gliedmaß bleib an deinem auserwählten Leib, ein Zweig an deinem Stamme. Nach dir wallt mir mein Gemüte, ewge Güte, bis es findet dich, des Liebe mich entzündet.

4. Von Gott kommt mir ein Freudenschein, wenn du mich mit den Augen dein gar freundlich tust anblicken. Herr Jesu, du mein trautes Gut, dein Wort, dein Geist, dein Leib und Blut mich innerlich erquicken. Nimm mich freundlich in dein Arme und erbarme dich in Gnaden; auf dein Wort komm ich geladen.

Lasst uns beten für unser Taufkind Rebecca, dass sie der biblischen Rebekka nicht unbedingt alles nachmacht, aber doch in Selbständigkeit und Freiheit groß wird und als liebevolle Frau ihr Leben in die eigene Hand nimmt, selbstbewusst und doch getragen im Glauben, eigenständig und zugleich verantwortlich gegenüber der Gemeinschaft in Familie, Kirche und Gesellschaft.

Lasst uns beten für die Menschen, die von der Katastrophe in Südasien betroffen sind, dass sie nicht vergessen werden, dass die Toten aufbewahrt bleiben in Gottes Reich, dass die Überlebenden nachhaltige Hilfe finden, dass auch, wer nicht unmittelbar betroffen ist, daraus lernt, wie kostbar unser Leben ist und wie wichtig es ist, Liebe zu üben.

Lasst uns beten mit Martin Luthers Morgensegen:

Ich danke dir, mein himmlischer Vater, durch Jesus Christus, deinen lieben Sohn, dass du mich die letzte Nacht vor allem Schaden und Gefahr behütet hast, und bitte dich, du wollest mich diesen Tag auch behüten vor Sünden und allem Übel, dass dir all mein Tun und Leben gefalle. Denn ich befehle mich, meinen Leib und Seele und alles in deine Hände. Dein heiliger Engel sei mit mir, daß der böse Feind keine Macht an mir finde. Amen.

Gebetsstille und Vater unser
Lied 407:

1. Stern, auf den ich schaue, Fels, auf den ich steh, Führer, dem ich traue, Stab, an dem ich geh, Brot, von dem ich lebe, Quell, an dem ich ruh, Ziel, das ich erstrebe, alles, Herr, bist du.

2. Ohne dich, wo käme Kraft und Mut mir her? Ohne dich, wer nähme meine Bürde, wer? Ohne dich, zerstieben würden mir im Nu Glauben, Hoffen, Lieben, alles, Herr, bist du.

3. Drum so will ich wallen meinen Pfad dahin, bis die Glocken schallen und daheim ich bin. Dann mit neuem Klingen jauchz ich froh dir zu: nichts hab ich zu bringen, alles, Herr, bist du!

Abkündigungen

Geht mit Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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