Eine Orgel als ob?

Leserbrief zu einem Artikel in „Unsere Kirche“ (2/70) zur Ablehnung von Elektronenorgeln durch einen Kirchenmusiker.

Keyboard-Tastatur (Foto: pixabay.com)

Keyboard-Tastatur (Foto: pixabay.com)

Herr Lewe scheint von vornherein gegen alle Mittel zu sein, die die moderne Technik uns (auch der Kirche) bietet, obwohl doch erst das als gut oder schlecht beurteilt werden kann, was die Menschen damit machen. Als Maßstab für die Beurteilung dieser Mittel setzt er überdies Wissenschaft und Kunst und nicht die Aufgabe der Kirche, den Menschen das Angebot der Liebe und Gnade von Christus nahezubringen. Diesem Zweck dienen zum Beispiel im Gottesdienst Predigt und Gesang. Und diesem Zweck (und höchstens in zweiter Linie der Kunst, wenn überhaupt) dienen auch die Orgeln, die den Gesang unterstützen. Als in Sachen Kirchenmusik ungebildeter Unterprimaner hielt und halte ich nun Orgeln jedweder Art für leblose Instrumente, die erst dadurch etwas ausdrücken, dass sie bespielt werden. Das Bild vom „lebendigen Atem“ nehme ich somit nicht ernst; Pathos liegt mir nicht. Es ist eine Geschmacksfrage, ob man Elektronenorgelklänge genauso gern hört wie Klänge herkömmlicher Orgeln. Jugendliche mögen Philicordamusik sogar lieber als herkömmliche Orgelmusik und auch Erwachsenen gehen diese Töne nicht gegen ihr ästhetisches Empfinden.

Ein Organist sagte mir, dass in manchen Fällen eine Elektronenorgel sogar mehr Möglichkeiten des Modulierens biete als eine herkömmliche Orgel. Probleme der Akustik in den Hallenkirchen usw. müssen im Einzelfall gelöst werden, grundsätzlich braucht eine Philicordalösung keine Alsoblösung zu sein. Zudem halte ich Kindergärten oder Altersheime wirklich für not-wendiger als eine teure Orgel.

Zu Herrn Lewes weiteren ironischen Bemerkungen:

Tonband mit Predigt? Es gibt schon heute Tonbandkurzandachten in manchen Kirchen, die über Kopfhörer zu jeder Zeit anzuhören sind und die genau so gute Verkündigung und Information liefern können wie Predigten, von einem Pastor direkt gehört. Und es gibt Rundfunkandachten.

Das Gespräch von Mensch zu Mensch und von Mensch zu Gott im Gebet kann dadurch natürlich nicht ersetzt werden; jede Art von Predigt oder Information kann Anlass für solche Aussprachen werden. Glocken? ich frage: Wozu überhaupt?

Früher riefen die Glocken zum Kirchgang. Man sagt, sie tun es heute noch. Wenn ich zur Kirche gehe, richte ich mich nach den Abkündigungen in Gottesdienst oder Zeitung.

Glockenschläge waren früher nötig, die Zeit anzuzeigen. Heute hat jeder selbst eine Uhr (und Kirchenuhren gehen nicht mal immer richtig). Glocken meldeten früher Katastrophen, Feuer, Sturm. Heute gibt es Sirenen.

Glocken fordern zum Verrichten eines Gebets auf, beim Betgeläut morgens, mittags und abends; doch es kommen nur wenige gerade um diese bestimmte Zeit in die Nähe der Kirche. Ich sehe kein Argument für die Glocken, das sich irgendwie zwingend aus dem Ziel der Verkündigung herleiten lässt. Wozu dann der ganze Aufwand? Es ist sehr lobenswert, dass jetzt Gemeinden anfangen, beim Kirchenbau ganz auf Glocken plus Glockenturm zu verzichten.

Weihrauch bedeutet mir sowohl in synthetischer als in natürlicher Zorm genau dasselbe, nämlich gar nichts, und eine elektrische Weihnachtsbaum- (wenn nicht Altar-)Dekoration haben wir schon lange in unserer Kirche (was ja auch nur eine schöne Äußerlichkeit ist. Es ist aber im Gegensatz zur Orgel und zu den Glocken nicht so aufwendig).

Zur Diskussion: Sind wir (die Kirche) ein Verein zum Schutze schöner Bräuche und Traditionen, oder geht es uns um Christus?

Helmut Schütz, Oelde

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