Lebendiger Glaube ohne Fanatismus

Ein lebendiger Glaube, der nicht fanatisch ist, sondern lernfähig, und der sich immer wieder öffnet für neue Erfahrungen mit Gott, ist nicht häufig anzutreffen in einer religiösen Gemeinschaft. Doch je mehr wir einem solchen lebendigen Glauben bei uns Raum geben und ihn in uns wachsen lassen, desto weniger brauchen wir einander mit Rechthaberei und falschem Missionseifer unter Druck zu setzen.

Hände und Füße bilden einen Kreis auf grünem Rasen

Ist lebendiger Glaube ohne Fanatismus möglich? (Bild: pixabay.com)

#predigtAbendmahlsgottesdienst am Sonntag Exaudi, den 15. Mai 1994, um 9.00 Uhr in der Kapelle der Landesnervenklinik Alzey

Herzlich willkommen im Gottesdienst am Sonntag Exaudi, an diesem Sonntag, der zwischen Himmelfahrt und Pfingsten liegt. Das Wort „Exaudi“ heißt auf deutsch: „Höre“, und diese Zeit zwischen Himmelfahrt und Pfingsten ist damals auch für die Jünger Jesu eine Zeit des Abwartens gewesen, einer Zurückgezogenheit, in der sie offen waren für das, was Gott ihnen nun, nach dem Tod und der Auferstehung seines Sohnes mitteilen würde. Und vielleicht ist dieser Sonntag für uns ja auch wieder eine neue Chance, um auf Gott zu hören, um ein Stück Offenheit zu gewinnen für neues Vertrauen, für neue Geborgenheit, für neue Zuversicht, für neue Hoffnung.

Als erstes Lied singen wir aus dem Gesangbuch das Lied 370, „Wie lieblich ist der Maien“, das erst einmal sehr gut zur Jahreszeit passt, in Strophe 3 und 4 aber auch die Offenheit für das besingt, was Gott in unserem Herzen wachsen lässt:

1) Wie lieblich ist der Maien aus lauter Gottesgüt, des sich die Menschen freuen, weil alles grünt und blüht! Die Tier sieht man jetzt springen mit Lust auf grüner Weid, die Vöglein hört man singen, die loben Gott mit Freud.

2) Herr, dir sei Lob und Ehre für solche Gaben dein. Die Blüt zur Frucht vermehre, lass sie ersprießlich sein. Es steht in deinen Händen, dein Macht und Güt ist groß, drum wollst du von uns wenden Meltau, Frost, Reif und Schloß‘.

3) Herr, lass die Sonne blicken ins finstre Herze mein, damit sichs möge schicken, fröhlich im Geist zu sein, die größte Lust zu haben allein an deinem Wort, das mich im Kreuz kann laben und weist des Himmels Pfort.

4) Mein Arbeit hilf vollbringen zu Lob dem Namen dein und lass mir wohlgelingen, im Geist fruchtbar zu sein; die Blümlein lass aufgehen von Tugend mancherlei, damit ich mög bestehen und nicht verwerflich sei.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

In Worten aus dem Buch Jesaja 41 wird deutlich, wie sehr Gott sein auserwähltes Volk liebhat, wie sehr er an den Menschen hängt, die er einmal in sein Herz geschlossen hat. Gott spricht:

8 Du aber, Israel, mein Knecht, Jakob, den ich erwählt habe, du Spross Abrahams, meines Geliebten,

9 den ich fest ergriffen habe von den Enden der Erde her und berufen von ihren Grenzen, zu dem ich sprach: Du sollst mein Knecht sein; ich erwähle dich und verwerfe dich nicht -,

10 fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.

13 Ich bin der HERR, dein Gott, der deine rechte Hand fasst und zu dir spricht; Fürchte dich nicht, ich helfe dir!

14 Fürchte dich nicht, du Würmlein Jakob, du armer Haufe Israel. Ich helfe dir, spricht der HERR, und dein Erlöser ist der Heilige Israels.

Kommt, lasst uns anbeten. „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Mit gemischten Gefühlen kommen wir oft zu dir, großer Gott im Himmel! Wir möchten auf dich hören, möchten an deine Barmherzigkeit glauben. Aber dann gibt es auch so viel, was uns von dir ablenkt oder was den Glauben an dich in Frage stellt. Immer wieder stehen wir uns auch selber im Weg. Hilf uns, Herr, dass wir deine Treue zu uns wichtiger nehmen als unsere Untreue, lass Vertrauen in uns wachsen!

Das erbitten wir von dir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Schriftlesung aus dem Evangelium nach Lukas 1, 67-75. Es ist ein Teil der Lobliedes, das der Vater von Johannes dem Täufer, Zacharias, anstimmt, als sein Sohn geboren ist und Gott ihm wieder seine Stimme hat, die er zeitweise verloren hatte:

67 Zacharias wurde von heiligen Geist erfüllt, weissagte und sprach:

68 Gelobt sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat besucht und erlöst sein Volk

69 und hat uns aufgerichtet eine Macht des Heils / im Hause seines Dieners David

70 – wie er vorzeiten geredet hat / durch den Mund seiner heiligen Propheten -,

71 dass er uns errette von unsern Feinden / und aus der Hand aller, die uns hassen,

72 und Barmherzigkeit erzeigte unsern Vätern / und gedächte an seinen heiligen Bund

73 und an den Eid, den er geschworen hat unserm Vater Abraham, uns zu geben,

74 dass wir, erlöst aus der Hand unsrer Feinde,

75 ihm dienten ohne Furcht unser Leben lang / in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor seinen Augen.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja.“

Liederheft 234: Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist
Gnade und Friede sei mit uns allen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

Wir hören den Predigttext aus dem Buch des Propheten Jeremia 31, 31-34:

31 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen,

32 nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, ein Bund, den sie nicht gehalten haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR;

33 sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.

34 Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, klein und groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

Liebe Gemeinde!

Wie weit ist Gott von den Menschen weg? Unendlich weit, wenn wir daran denken, wie groß der Gott ist, der das ganze Weltall geschaffen hat, und wie klein die Menschen sind, die in diesem Weltall nur wenige Jahrzehnte auf einem ziemlich kleinen Planeten leben. Unendlich weit auch, wenn wir daran denken, wie schwer es uns Menschen fällt, uns diesen Gott auch nur vorzustellen, wie schwer es uns fällt, nach seinen Geboten zu leben und in allen Lebenslagen ganz und gar auf ihn zu vertrauen.

Aber Gott selber – der hat uns ja geschaffen. Der hat uns lieb, so wie ein guter Vater oder eine gute Mutter ihre Kinder nur lieb haben können. Er will nicht weit weg von uns sein, will uns nicht unserem Schicksal überlassen.

Doch was soll Gott tun? Immer wieder kommen sich seine Menschenkinder so furchtbar stark vor. Sie machen sich Götter, so wie sie sich Gott vorstellen: Sonnengötter, Regengötter, Götter, die Fruchtbarkeit und Macht und Stärke bringen, die einem Volk helfen, ein anderes zu bezwingen. Und selbst in unserer Zeit, in der man angeblich nicht mehr an Götter glaubt, werden Horoskope befragt, haben Wahrsager Hochkonjunktur, fühlt man sich stark, so lange man gesund und fit genug ist, um den Kampf ums Überleben in der Gesellschaft zu gewinnen. Gesundheit, Fitness, Geld und Einfluss, das sind für manche Menschen so etwas wie moderne Götter geworden. Man meint, ohne sie nicht leben zu können. Hauptsache, gesund! Verlierer bleiben auf der Strecke! Haste was, dann biste was!

Aber so hatte sich Gott seine Menschen eigentlich nicht vorgestellt. In Gottes Schöpfung sieht nicht ein Mensch wie der andere aus, stromlinienförmig, wie am Fließband gefertigt. Da gibt es starke und schwache Menschen, gesunde und kranke. Und auch in jedem einzelnen Menschen gibt es die verschiedensten Anteile an Gefühlen und Gedanken. Kein Mensch ist nur stark, und keiner ist nur zum Versager geboren. Jeder braucht auch einmal einen anderen, und das Füreinander-Verantwortlichsein gehört mit zum Menschsein, so wie uns Gott geschaffen hat.

Aber wie gesagt: die meisten Menschen aller Zeiten wollten lieber für sich allein stark und groß sein. Und deshalb konnte Gott wohl gar nicht anders, als er einen Bund mit den Menschen schließen wollte: Er musste ausgerechnet ein sehr kleines und, wie sich zeigen sollte, oft sehr widerspenstiges Volk aussuchen, um mit der Menschheit einen ganz neuen Anfang zu machen. Mit Abraham, Isaak und Jakob fing alles an, mit Mose und der Befreiung aus der ägyptischen Gefangenschaft ging es weiter, bis zwischendurch das kleine Volk auch einmal eine etwas größere Rolle in der Weltpolitik spielte, als nämlich die Könige David und Salomo in Israel regierten.

Leider war es im Volk Israel auch nicht anders als in allen anderen Völkern der Erde: Wo es Macht gibt, da gibt es auch Missbrauch der Macht. Da gab es Reiche, die den Armen nicht halfen, sondern sie noch ärmer machten. Da gab es Unrecht vor Gericht, je nachdem, ob man den Richter mit viel Geld bestechen konnte. Da gab es Leute, die nicht einen Gott anbeten wollten, der zwar angeblich der Herr der ganzen Welt sein war, den man aber nicht sehen konnte und der sich ausgerechnet um die schwachen und gedemütigten Menschen kümmerte. Lieber beteten sie die Götter der Stärke und der Fruchtbarkeit an, z. B. im Bild eines Stieres oder einer Muttergöttin.

Diese Haltung sollte sich damals bitter rächen – die scheinbare Größe und Stärke des Reiches von David und Salomo ging innerhalb weniger Jahrhunderte kaputt, fremde Mächte aus Osten und Westen sollten das Land für viele hundert Jahre beherrschen. Siebzig Jahre lang mussten die Israeliten in der Verbannung im fernen Babylon leben.

Hatte Gott es nun endgültig aufgegeben mit den Menschen? Hatte er sein Volk im Stich gelassen, weil es ja doch nicht auf ihn hören würde?

Lange Zeit konnten die Propheten Israels nur eins tun: vom Gericht Gottes predigen – daran festhalten: gerade weil Gott sein Volk liebhat, lässt er es die Folgen seiner Untaten spüren; und in all dem Schrecklichen, das dem Volk widerfährt, lässt er es doch nicht allein.

Liederheft 2: Kommt herbei, singt dem Herrn, ruft ihm zu, der uns befreit

Sich eigene Götter zu erfinden, ohne den einen und einzigen wirklich Gott leben zu wollen, führt ins Unglück, liebe Gemeinde. Das hat das Volk Israel zur Zeit des Propheten Jeremia bitter erfahren müssen – weit weg von Jerusalem, verbannt in das ferne Babylon. Und gerade in dieser Zeit der größten Not des Volkes spricht Gottes Beauftragter Jeremia von einem neuen Bund, den Gott mit seinem Volk schließen möchte. Gott gibt die Menschen offenbar doch nicht auf:

31 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen.

Das Haus Israel und das Haus Juda, das sind die Namen der beiden Staaten, in die das Volk Israel damals schon seit vielen Jahren gespalten gewesen ist. Für Gott gehören sie trotzdem zusammen; Gott gibt sein Volk nicht einfach auf.

Etwas soll sich jedoch verändern: der Bund, den er mit dem Volk jetzt schließen will, soll anders aussehen als der Bund, den Gott mit Abraham und Mose geschlossen hat:

Ich will mit ihnen einen neuen Bund schließen,

32 nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, ein Bund, den sie nicht gehalten haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR.

Zuerst sagt also Jeremia, was nicht mehr sein soll. Die Geschichte wird sich nicht einfach wiederholen. So wichtig die Erinnerung an den Auszug des Volkes aus Ägypten ist und bleiben wird, es wird keine neue Befreiung Israels geben, die auch missverstanden werden kann als ein rein äußerliches, nur politisches Frei-Werden von Fremdherrschaft. Somit wird Jeremia kein zweiter Mose, der sein Volk endgültig aus dem Herrschaftsbereich fremder Mächte herausführt. Noch für viele Jahrhunderte wird Israel politisch den Weltmächten unterworfen sein, wie auch immer sie heißen: den Babyloniern, den Persern, den Römern. Irgendwie klingt der Text auch so, als ob das Volk nun endlich erwachsen werden soll: Gott will es nicht mehr einfach an der Hand nehmen und es sozusagen gegen einen gewissen eigenen Widerstand aus der Knechtschaft herausführen – so wie es Mose und Aaron damals getan hatten – so wie gute Eltern ihre kleinen Kinder aus einer Gefahrenzone herausbringen, auch wenn die Kinder in panischer Angst vielleicht gerade da hocken bleiben oder dorthin rennen möchten, wo ihnen noch viel mehr passieren kann.

In einer bestimmten Phase der menschlichen Entwicklung ist es wichtig, bei der Hand genommen zu werden. Vielleicht gilt das auch für die Entwicklung eines Volkes, vielleicht sogar für die Entwicklung der ganzen Menschheit. Wenn das Kind älter wird, braucht es irgendwann die führende Hand nicht mehr so nötig; es lernt, alleine zu laufen. Nun kann zweierlei passieren: Entweder, das Kind wird sich in seinem Innern dennoch weiterhin an die Regeln halten, die es von den Eltern mitbekommen hat, es wird sich also zwar nicht mehr äußerlich, aber doch innerlich weiter von ihnen geführt wissen. Oder es denkt bald: Ich kann ja jetzt allein laufen, also kann ich alles alleine machen und entscheiden. Ich brauche die Großen überhaupt nicht mehr!

So ähnlich läuft es auch immer wieder bei uns Erwachsenen ab. Wir erleben eine Bewahrung in Krankheit oder Gefahr, und wir sind Gott vielleicht sogar dankbar. Alles läuft wieder wie geschmiert, und wir geraten in die Versuchung, das was uns Gott da geschenkt hat, für selbstverständlich zu halten. Er lässt uns auf eigenen Füßen stehen, schenkt uns Fähigkeiten und Talente – und wir denken, dass wir das alles von selber haben und können. Wir vergessen, dass wir in Gott immer noch ein Gegenüber haben, vor dem wir uns verantworten müssen.

Und wie ist es, wenn uns neues Unglück trifft? Dann nagt vielleicht der Zweifel wieder an uns: Hat Gott uns doch vergessen? Die Versuchung liegt nahe, dass wir irgendwann doch nicht mehr auf die Hilfe Gottes vertrauen, sondern uns mit Scheinlösungen zufrieden geben. Dann sagen wir: Es hilft uns ja doch niemand, also hilft es auch nicht, jemanden mein Leid zu klagen, auch nicht zu beten, man muss sich eben einfach zusammenreißen, man muss allein mit allem fertig werden. Irgendwann spürt man vielleicht seine Sorgen nicht mehr, aber auch zur Freude ist man nicht fähig. Man kann weder weinen noch lachen, man greift vielleicht zur Flasche oder zu einer Tablette, wenn man nicht mehr weiter weiß, aber die Sehnsucht nach dem Glück ist in weite Ferne gerückt.

Ja, nicht nur das Volk Israel, auch wir Christen sind immer wieder solchen Versuchungen ausgesetzt, in guten und in schlechten Zeiten. Auch mit uns hat Gott einen Bund geschlossen, die Taufe ist das Zeichen dieses Bundes. Ein Bund, das ist so ähnlich wie ein Friedensvertrag: Gott steht uns bei, er verlässt uns nicht, er will unser guter Vater sein. Und wir dürfen ihm vertrauen, sollen auf seine Weisungen hören, die uns guttun und uns helfen, gut mit uns selber umzugehen und gut miteinander auszukommen. Wir wissen es auch irgendwie: Gott ist unser Herr. Doch trotzdem fällt es auch uns immer wieder schwer, den Bund zu halten, uns wirklich in allem auf Gott zu verlassen und nach seinem menschenfreundlichen Willen für alle Menschen zu fragen.

Tauferinnerungslied 152, 1-4:

1) Ich bin getauft auf deinen Namen, Gott Vater, Sohn und Heilger Geist; ich bin gezählt zu deinem Samen, zum Volk, das dir geheiligt heißt. Ich bin in Christus eingesenkt, ich bin mit seinem Geist beschenkt.

2) Du hast zu deinem Kind und Erben, mein lieber Vater, mich erklärt. Du hast die Furcht von deinem Sterben, mein treuer Heiland, mir gewährt. Du willst in aller Not und Pein, o guter Geist, mein Tröster sein.

3) Doch hab ich dir auch Furcht und Liebe, Treu und Gehorsam zugesagt; ich hab, o Herr, aus reinem Triebe dein Eigentum zu sein gewagt; hingegen sagt ich bis ins Grab des Satans schnöden Werken ab.

4) Mein treuer Gott, auf deiner Seite bleibt dieser Bund wohl feste stehn; wenn aber ich ihn überschreite, so lass mich nicht verlorengehn; nimm mich, dein Kind, zu Gnaden an, wenn ich hab einen Fall getan.

Es kommt mir fast vor wie eine Zwickmühle, liebe Gemeinde: Gott will es immer noch einmal mit uns versuchen; jedoch wir sind und bleiben unvollkommene schwache Menschen. Kann es einen Ausweg aus dieser Zwickmühle geben? Hören wir, was Jeremia damals gesagt hat. Wie kann ein ganz neuartiger Bund Gottes mit den Menschen aussehen?

33 Das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.

Gott will also nicht mehr nur seine Menschen an der Hand nehmen und notfalls auch dahin führen, wohin sie nicht wollen; er will einen großen Schritt darüber hinausgehen. Ins Herz der Menschen will Gott seine Weisungen hineingeben, so dass sie von ihrem innersten Gefühl her verstehen, was er will, wie gut er es mit ihnen meint, und dass sie wissen: es sitzt kein willkürlich herrschender Tyrann auf dem Himmelsthron. Nicht nur auf den Blättern eines Gesetzbuches, nicht nur auf den Seiten der Bibel soll das geschrieben stehen, was Gott mit uns Menschen vorhat, sondern in unseren Sinn, in unser inneres Denken und Empfinden will Gott hineinschreiben und uns verstehen lassen, wie er zu uns steht, welchen Weg er mit uns gehen möchte. Eine lebendige Beziehung soll da entstehen zwischen dem Gott, der sein Volk begleitet, und dem Volk, das seinen Gott kennt und von innen heraus auf ihn hört.

So ein lebendiger Glaube, der nicht fanatisch ist, sondern lernfähig, und der sich immer wieder öffnet für neue Erfahrungen mit Gott, der ist nicht gerade häufig anzutreffen in einer religiösen Gemeinschaft, weder bei den Juden, wie Jeremia sie damals kannte, noch bei den Christen, wie wir sie heute kennen. Doch je mehr wir einem solchen lebendigen Glauben bei uns Raum geben und ihn in uns wachsen lassen, desto weniger brauchen wir einander mit Rechthaberei und falschem Missionseifer unter Druck zu setzen und zu dem angeblich einzig wahren Glauben zu bekehren. Jeremia hat das damals in diesen Worten ausgedrückt:

34 Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, klein und groß, spricht der HERR.

Ja, es kommt offenbar noch nicht einmal darauf an, ob einer größere Lebenserfahrung hat, ob einer klein ist oder groß, ob einer angesehen ist oder nicht – niemand kann einem andern seinen Glauben streitig machen, wenn er auf seinem eigenen Lebensweg seine ganz bestimmten Erfahrungen mit Gott macht und seinen Glauben auf seine Art lebt und ausdrückt. Und der Grund, weshalb Gott so zuversichtlich sein kann, liegt nicht etwa darin, dass die Menschen plötzlich doch vollkommen geworden wären. Nein, vielmehr hört Jeremia schon den Gott seines Volkes Israel von Vergebung reden:

Denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

Gott weiß, dass wir immer wieder versucht sind, uns von ihm abzuwenden – wir sind Sünder. Er weiß, dass wir bei allem guten Willen doch immer wieder nicht nur Gutes tun, nicht nur lieben, nicht nur vertrauen, sondern auch oft versagen, schuldig werden, träge oder hochmütig, hart oder verbittert werden. Doch er fegt die Untaten einfach hinweg, er will an die Sünde einfach nicht mehr denken. Das alles zählt nicht mehr, was zwischen uns und Gott steht. Es gibt immer wieder einen Neuanfang. Das einzige, was zählt, ist Gottes Liebe. Die ist viel stärker als unsere Sünde. Die dürfen wir annehmen, uns von ihr berühren lassen, uns von ihr innerlich verwandeln lassen.

Ja, der Bund zwischen Gott und uns steht fest. Wir dürfen in ihm leben, wir finden in ihm festen Halt. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.
Lied 188, 1+2+4:

1) Nun lob, mein Seel, den Herren, was in mir ist, den Namen sein. Sein Wohltat tut er mehren, vergiss es nicht, o Herze mein. Hat dir dein Sünd vergeben und heilt dein Schwachheit groß, errett‘ dein armes Leben, nimm dich in seinen Schoß, mit reichem Trost beschüttet, verjüngt, dem Adler gleich; der Herr schafft Recht, behütet, die leidn in seinem Reich.

2) Er hat uns wissen lassen sein herrlich Recht und sein Gericht, dazu sein Güt ohn Maßen, es mangelt an Erbarmung nicht; sein‘ Zorn lässt er wohl fahren, straft nicht nach unsrer Schuld; die Gnad tut er nicht sparen, den Schwachen ist er hold; sein Güt ist hoch erhaben ob den‘, die fürchten ihn; so fern der Ost vom Abend, ist unsre Sünd dahin.

4) Die Gottesgnad alleine steht fest und bleibt in Ewigkeit bei seiner lieben Gmeine, die steht in seiner Furcht bereit, die seinen Bund behalten. Er herrscht im Himmelreich. Ihr starken Engel, waltet seins Lobs und dient zugleich dem großen Herrn zu Ehren und treibt sein heiligs Wort! Mein Seel soll auch vermehren sein Lob an allem Ort.

Gott im Himmel, du hast dich mit uns verbündet, ein für allemal, deine Liebe zu uns hängt nicht von unserem Willen ab. Du streckst uns deine Hand aus – und nun brauchen wir uns nur von dir anrühren lassen, in deine Arme schließen lassen. Nein, du tust uns nicht weh, wenn du uns nahe kommst. Du willst heilen, was in uns zerbrochen ist und willst unser Leben erfüllen mit deinem heiligen Geist, mit Vertrauen, mit Zuversicht, mit Liebe. Amen.

Gemeinsam beten wir mit den Worten Jesu:

Vater unser
Liederheft 207: Gott liebt diese Welt
Abkündigungen

Und nun geht hin mit Gottes Segen:

Gott, der Herr, segne euch, und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch Frieden. Amen.

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