„Seid dankbar in allen Dingen!“

In der Familienbibel der Verstorbenen stand dieser Vers mit der Aufforderung, dankbar zu sein IN allen Dingen. Ich nehme den Vers dankbar als Anregung, um ihn in ihrer Trauerfeier auszulegen.

Dankbar in allen Dingen: Die Silhouette einer Frau in betender Haltung, darum herum jede Menge Dinge, für die man dankbar sein kann: für alles, was nährt und schützt, motiviert und vereinigt usw.

Dankbarkeit für unendlich viele Dinge (Bild: pixabay.com)

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird‘s wohl machen. Sei stille dem Herrn und warte auf ihn. (Psalm 37, 5+7)

Liebe Trauergemeinde, wir sind hier auf dem Friedhof versammelt, um Abschied zu nehmen von Frau R., die im Alter von [über 80] Jahren gestorben ist.

Erinnerungen an das Leben der Verstorbenen

Angesichts von Freude und Leid in ihrem langen Leben hören wir am Sarg von Frau R. Worte der Klage und auch Worte des Gotteslobes aus dem Psalm 34:

3 Meine Seele soll sich rühmen des HERRN, dass es die Elenden hören und sich freuen.

5 Als ich den HERRN suchte, antwortete er mir und errettete mich aus aller meiner Furcht.

7 Als einer im Elend rief, hörte der HERR und half ihm aus allen seinen Nöten.

8 Der Engel des HERRN lagert sich um die her, die ihn fürchten, und hilft ihnen heraus.

9 Schmecket und sehet, wie freundlich der HERR ist. Wohl dem, der auf ihn trauet!

10 Fürchtet den HERRN, ihr seine Heiligen! Denn die ihn fürchten, haben keinen Mangel.

11 Reiche müssen darben und hungern; aber die den HERRN suchen, haben keinen Mangel an irgendeinem Gut.

13 Wer möchte gern gut leben und schöne Tage sehen?

14 Behüte deine Zunge vor Bösem und deine Lippen, dass sie nicht Trug reden.

15 Lass ab vom Bösen und tu Gutes; suche Frieden und jage ihm nach!

16 Die Augen des HERRN merken auf die Gerechten und seine Ohren auf ihr Schreien.

18 Wenn die Gerechten schreien, so hört der HERR und errettet sie aus all ihrer Not.

19 Der HERR ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind, und hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben.

20 Der Gerechte muss viel erleiden, aber aus alledem hilft ihm der HERR.

EG 367:

1. Herr, wie du willst, so schick’s mit mir im Leben und im Sterben; allein zu dir steht mein Begier, lass mich, Herr, nicht verderben. Erhalt mich nur in deiner Huld, sonst wie du willst; gib mir Geduld, denn dein Will ist der beste.

2. Zucht, Ehr und Treu verleih mir, Herr, und Lieb zu deinem Worte; behüt mich, Herr, vor falscher Lehr und gib mir hier und dorte, was dienet mir zur Seligkeit; wend ab all Ungerechtigkeit in meinem ganzen Leben.

3. Soll ich einmal nach deinem Rat von dieser Welt abscheiden, verleih mir, Herr, nur deine Gnad, dass es gescheh mit Freuden. Mein‘ Leib und Seel befehl ich dir; o Herr, ein seligs End gib mir durch Jesus Christus. Amen.

Liebe Trauergemeinde!

Als wir beieinander saßen, um über die Beerdigung von Frau R. zu sprechen, haben Sie mir auch die alte Familienbibel gezeigt, in der die Eheschließung der nun Verstorbenen, die Geburt der Kinder und auch die Todesfälle in der Familie verzeichnet waren. Da stand neben dem Datum der kirchlichen Trauung auch der Bibelvers, den der Pfarrer damals dem jungen Ehepaar R. mit auf den Lebensweg gegeben hat. Er steht im Paulusbrief 1. Thessalonicher 5, 18. Diesen Spruch möchte ich heute auch zur Grundlage meiner Ansprache und meines Rückblicks auf das Leben von Frau R. machen. Da schreibt Paulus:

Seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus an euch.

Seid dankbar in allen Dingen! Das ist ein Wort, dem wir heute vielleicht nur halb folgen möchten. Denn wenn wir auf das Leben eines Menschen zurückblicken, dann finden wir wohl allerhand Grund zur Dankbarkeit, aber zugleich doch immer auch Anlass zu Fragen angesichts von Schicksalsschlägen – Fragen nach dem Warum, Fragen nach dem Sinn, Fragen, die uns eher verzweifeln oder anklagen statt dankbar werden lassen.

Im Lebenslauf von Frau R. war das nicht anders. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges wuchsen die Belastungen für die junge Familie; denn Herr R. musste als Soldat für lange Jahre in den Krieg ziehen, und er kam aus der russischen Gefangenschaft nicht mehr zurück. Zu Hause mussten Frau und Kinder nicht nur um ihn, sondern auch um sich selber bangen, zum Beispiel bei jedem Fliegeralarm, der den normalen Ablauf von Arbeit und Schule im Dorf unterbrach. Frau R. hatte nun die alleinige Verantwortung für die Versorgung der Familie, die Kindererziehung und die Fortführung der Arbeit auf dem Hof zu tragen, und das blieb auch nach dem Krieg so. Sicher half man ihr bei schweren Arbeiten auf ihrer eigenen Landwirtschaft, aber dafür musste sie auch um so mehr ihre Arbeitskraft als Gegenleistung auf den anderen Höfen einsetzen. Die Kinder wussten es nicht anders: Nach der Schule waren nicht nur Hausaufgaben zu bewältigen, man musste häufig mit ins Feld, denn auch die Mutter konnte sich nicht nur auf die Hausarbeit und die Kindererziehung zu Hause beschränken.

Im Laufe der Jahre und Jahrzehnte wuchs dann die Familie. Neben dem, was Freude macht, gab es aber auch äußerst harte Schicksalsschläge. Im Verlauf der weiteren Jahre ist Frau R. alt geworden, und mit dem Alter kam auch Krankheit. Die letzten Jahre ist sie zu Hause gepflegt worden; sie konnte gar nicht mehr aufstehen und lebte mehr in ihren alten Erinnerungen als in der Gegenwart. Schmerzen hat sie wohl nicht gespürt, aber dass sie jetzt gestorben ist, kann man als Erlösung aus einem äußerst hilflosen Zustand betrachten.

„Seid dankbar in allen Dingen“ – passt das auf all diese Lebenserfahrungen und vor allem auch auf die Sterbenserfahrungen, die Frau R. durchmachen musste?

So ganz von selber kommt uns dieses Wort sicher nicht über die Lippen, wenn wir schlimme Ereignisse nicht einfach verdrängen wollen. Wir müssen schon darüber nachdenken, was damit denn eigentlich gemeint ist: „Seid dankbar in allen Dingen!“

Zur Begründung fügt Paulus noch den Nachsatz an: „Denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus an euch“.

Der Wille Gottes ist mithin ein ganz persönlich an uns gerichteter Wille. Gott will, dass wir Grund haben, dankbar zu sein.

Und dieser Wille ist in einer bestimmten Person erkennbar, in Jesus Christus. So wie Jesus gelebt hat, so wie er die Liebe Gottes nicht nur gepredigt, sondern viele Menschen hautnah hat spüren lassen, gerade Menschen, die am Ende waren, die verachtet und krank, elend und verzweifelt waren, so besteht Gottes Wille zu allen Zeiten darin, uns Menschen gerade in der Not nicht allein zu lassen, sondern aufzurichten und zu trösten.

Und wenn das geschieht, wenn wir Trost und Ermutigung erfahren, dafür können wir dann auch dankbar sein, selbst wenn wir tiefe Trauer tragen und Kummer haben.

Keinesfalls will Gott uns daran hindern, dass wir traurig sind und klagen, wenn wir Grund dazu haben. Paulus sagt ja auch nicht, dass man FÜR alles dankbar sein müsste. Nicht für den Krieg, nicht für jede harte Arbeit, die manchmal an Ausbeutung grenzt, nicht für den Tod der Tochter und nicht für eine heimtückische Krankheit, die den Geist eines Menschen verwirrt. Nur ein kleines Wort ist anders in dem Vers der Bibel, und dieses Wörtlein verändert den ganzen Sinn: „Seid dankbar IN allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus an euch.“

Wofür also kann man IN den Dingen, auch inmitten schwerster Schicksalsschläge, noch dankbar sein?

Dankbar kann man sein für Kraft von oben, die man erfährt, für Begleitung durch freundliche Menschen, für Ermutigung, die einen weiterleben lässt. Dankbar kann man sein für eine Zufriedenheit und Bescheidenheit, durch die man glücklich leben kann, ohne dass höchste Ansprüche befriedigt werden müssen. Dankbar kann man sein für eine Hoffnung im Glauben, die über den Tod hinausreicht. Dankbar kann man sein, weil in den Augen Gottes jeder Mensch noch viel mehr wert ist und viel mehr bedeutet, als wir meinen, denn so sehr wir unsere Angehörigen und Freude wertschätzen und liebhaben, so liebt uns Gott mit einer noch viel größeren Liebe, und er hat uns zugesagt, dass keiner von uns verlorengehen soll.

Keiner geht verloren, keiner kann sich aber auch so einfach aus dem Staub machen, wie manche es meinen. Verantworten müssen wir uns alle vor Gott für das, was wir in unserem Leben getan oder nicht getan haben. Darüber haben aber nicht wir zu urteilen, sondern das müssen und dürfen wir ganz Gott überlassen. Aber anstatt uns fürchten zu müssen vor dem himmlischen Richter, dürfen wir auf seine Gnade vertrauen, denn er vergibt uns alles, was in unserem Leben nicht in Ordnung war. Und es wird auch etwas bleiben von unserem Leben hier auf der Erde, nämlich „Glaube, Liebe und Hoffnung“, wie Paulus an einer anderen Stelle sagt (1. Korinther 13, 13). Alles andere geht unter im Nichts. Aber wo wir geliebt haben und geliebt wurden, wo wir Hoffnung hatten und anderen Hoffnung machten, wo uns Glaube geschenkt war und wir aus dem Vertrauen auf Gott leben konnten, da ist etwas Bleibendes entstanden, was uns niemand wegnehmen kann. Glaube, Liebe und Hoffnung, das geht auch nicht unter, wenn wir trauern, wenn wir schwere Verluste erleiden, wenn wir klagen und anklagen. Man kann mit Gott ringen und kämpfen im Gebet – und trotzdem an ihm festhalten. Man kann erleben, dass alle Kräfte weniger werden und man auf fremde Hilfe angewiesen ist, und dennoch ist das eigene Leben nicht sinnlos geworden: Denn vor Gott ist jeder Mensch kostbar und liebenswert.

Und auch jetzt, wenn wir Abschied nehmen von Frau R., müssen wir nicht denken, dass für sie nun alles aus sei: Sie bleibt auch im Tode geborgen in Gottes Liebe. Derselbe Gott, der sie mit seiner Liebe umfangen hat auch in den dunklen vergangenen zwei Jahren, in denen die Wege ihres Geistes für uns kaum erkennbar waren, der hat sie nun endgültig aufgenommen in sein himmlisches Reich, das wir uns, so lange wir hier auf Erden leben, überhaupt nicht herrlich genug vorstellen können.

So dürfen wir die Verstorbene loslassen, dürfen um sie weinen und um sie trauern und zugleich wissen, dass sie in Ewigkeit nicht verloren ist – denn sie ruht in den Armen des Gottes, der auch der Vater von allen anderen Menschen ist.

Lasst uns zum Schluss meiner Ansprache noch auf einige andere Sätze des Apostels Paulus hören. Es sind Verse aus 1. Thessalonicher 5, in die der Text zu dieser Ansprache eingebettet ist:

5 Ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis.

14 Wir ermahnen euch aber, liebe [Geschwister]: Weist die Unordentlichen zurecht, tröstet die Kleinmütigen, tragt die Schwachen, seid geduldig gegen jedermann.

15 Seht zu, dass keiner dem andern Böses mit Bösem vergelte, sondern jagt allezeit dem Guten nach untereinander und gegen jedermann.

16 Seid allezeit fröhlich,

17 betet ohne Unterlass,

18 seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus an euch.

21 Prüft aber alles, und das Gute behaltet.

22 Meidet das Böse in jeder Gestalt.

23 Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt, untadelig für die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus.

24 Treu ist er, der euch ruft; er wird’s auch tun.

EG 532: Nun sich das Herz von allem löste

Lieber Vater Im Himmel. Du lässt die Betrübten nicht ungetröstet. Darum bitten wir dich: Gib uns getrostes Vertrauen auf dich, stärke uns in der Hoffnung auf deine Ewigkeit und für uns auch auf neues Leben vor dem Tod. Frau R. vertrauen wir deiner Liebe an. Hab Dank für alle Treue, die du ihr erwiesen, und für allen Segen, den du uns durch sie gegeben hast. Öffne unsere Augen für das, was wirklich den Sinn unseres Lebens ausmacht: nämlich all das, was uns durch dich geschenkt ist, guter Gott – deine Liebe zu uns, deine Begabungen an uns, dein Zuspruch und manchmal deine Zumutungen an uns, und all das, was uns durch deine Güte füreinander Gutes zu tun möglich ist. Und wenn wir in der Trauer manchmal ratlos sind und nicht wissen, was zu tun ist, dann dürfen wir auch einfach da sein und schweigen. Amen.

EG 533: Du kannst nicht tiefer fallen

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