Unter der Debora-Palme

Der Name „Mutter in Israel“, so sagt die jüdische Theologieprofessorin Pnina Navè Levinson, unterstreicht ihre „integrative Bedeutung“. Debora hat keine eigenen Kinder, sie ist Mutter im übertragenen Sinn. Unter ihrer Führung wirken Männer und Frauen aus Israel und anderen Völkern zusammen, beenden Unrecht und schaffen Frieden. Ich finde, das ist Grund genug, unseren Familienzentrumsraum nach ihr zu benennen.

Türschild für den Raum Debora im Familienzentrum der Evangelischen Paulusgemeinde Gießen

Türschild für den Raum Debora im Familienzentrum der Evangelischen Paulusgemeinde Gießen

Andacht zur gemeinsamen Kirchenvorstands-Sitzung der Gießener Nordgemeinden Michael, Paulus und Thomas am 9. März 2011 im Paulus-Gemeindesaal. Bei der Ausarbeitung dieser Andacht habe ich auf Gedanken und Anregungen der Internetseite des Lernhauses jüdischer Frauen Bet Debora zurückgegriffen.

Liebe Mitglieder der Kirchenvorstände aus den Gemeinden Michael, Thomas und Paulus!

Einige von Ihnen haben eben die Gelegenheit genutzt, die neuen Räume im Erdgeschoss zu besichtigen, die wir vor acht Tagen offiziell eröffnet haben. Da gibt es unter anderem einen Raum für unsere fünfte Kita-Gruppe, die Regenbogengruppe, und einen Raum für unsere Wichtelgruppe mit zehn unter dreijährigen Kindern. Ein weiterer Raum soll genutzt werden als Dreh- und Angelpunkt für das, was man „Familienzentrum“ nennt: für Elterncafés und Spielkreise, für Beratungs- und Lernangebote, zu denen Leute aus dem Stadtteil ohne Schwellenangst zusammenkommen, auch um sich einfach zu begegnen und auszutauschen.

Dieser Familienzentrumsraum hat noch keinen Namen. Ich habe vorgeschlagen, ihn „Raum Debora“ zu nennen; die Leitung und das Team der Kita finden diesen Namen gut; unser Kirchenvorstand muss darüber noch beschließen.

In der Andacht möchte ich auf diesen Namen „Debora“ eingehen und erläutern, warum er zu einem Familienzentrum passt. Er passt übrigens auch in einem weiteren Sinn zu dem Thema, das wir gleich besprechen: Gewaltprävention im Sinn einer Stärkung selbstbewussten Handelns von Menschen, die in der Regel eher unterdrückt werden.

Versetzen wir uns zurück in die Zeit der Richter (Richter 4 und 5), die im Volk Israel Recht sprachen und das Volk anführten, als es in Israel noch keinen König gab. Stellen wir uns vor, wir sitzen vor etwa 3250 Jahren (Richter 4, 5)

unter der Palme Deboras zwischen Rama und Bethel auf dem Gebirge Ephraim.

Diese Palme wächst auf dem Grab einer Frau, die noch weitere 600 Jahre zuvor gelebt hat, zur Zeit der Stammmütter und -väter Israels. Die jüdische Theologin Pnina Navè Levinson schreibt:

Dies war Debora, die Amme und Vertraute der Mutter Rebekka. Als Rebekkas Sohn Jakob nach langen Jahren in seine Heimat zurückkehrte, baute er einen Altar an der Stelle in Bet-El, wo er einst den Traum von der Engelsleiter hatte. Im nächsten Vers [1. Buch Mose – Genesis 35, 8] heißt es:

‚Da starb Debora, Rebekkas Amme, und sie wurde begraben unterhalb von Bet-El, unter einer Steineiche, und man nannte sie die Träneneiche.‛

Später, so erzählten sich jüdische Frauen viele Jahrhunderte hindurch, ist an Stelle der Eiche dort eine Palme gewachsen, die zunächst nur an Debora, die Amme der Rebekka erinnert hat.

Aber jetzt, wie gesagt, ungefähr 1250 Jahre vor Christi Geburt, pilgern zu dieser Palme die Israeliten (Richter 4, 5)

hinauf zum Gericht.

Sie suchen hier nicht etwa einen Richter auf, sondern eine Richterin, und die heißt ebenfalls Debora. Sie ist eine starke und beeindruckende Persönlichkeit. Anders als elf namentlich erwähnte männliche Richter ist sie, die einzige Richterin, auch eine Prophetin Gottes. Hier unter der Debora-Palme spricht Debora Recht; keine leichte Aufgabe in einer Zeit, in der das Land immer wieder ein Spielball fremder Mächte ist, in der Frauen als Beute in die Hand fremder Krieger fallen. Ich stelle mir vor, dass Debora im Geist der Gebote Gottes darum bemüht ist, trotz aller Härte kriegerischer Zeiten jedem Menschen, auch Frauen und Kindern, ihre Würde zu bewahren. Auf Hebräisch ist Debora übrigens „die Biene“.

Sie schafft Honig und wehrt sich bei Bedrohung

– so Pnina Navè Levinson.

Zu den großen Erfolgen der Richterin Debora gehört es, dass unter ihrer Führung am Ende die Befreiung von einer 20 Jahre dauernden erdrückenden Zwangsherrschaft des Königs Jabin von Kanaan gelingt. 40 Friedensjahre schließen sich an. Kein Wunder, dass Debora wie Mirjam nach dem Auszug Israels aus Ägypten voller Selbstbewusstsein ein Lied singt, in dem auch sie selbst besungen wird (Richter 5, 7):

Still war’s bei den Bauern, ja still in Israel, bis du, Debora, aufstandest, bis du aufstandest, eine Mutter in Israel.

Dieser Name „Mutter in Israel“, so sagt die jüdische Theologieprofessorin Pnina Navè Levinson, unterstreicht ihre „integrative Bedeutung“. Debora hat keine eigenen Kinder, sie ist Mutter im übertragenen Sinn. Unter ihrer Führung wirken Männer und Frauen aus Israel und anderen Völkern zusammen, beenden Unrecht und schaffen Frieden. Ich finde, das ist Grund genug, unseren Familienzentrumsraum nach ihr zu benennen.

Und das auch in Erinnerung an die andere Debora, Rebekkas Amme.

Prof. Dr. Pnina Navè Levinson, die 1921 in Berlin geboren wurde und 1998 in Jerusalem starb, verdanke ich überdies folgenden Hinweis:

„Rebekkas Amme“ wurde im 17. Jahrhundert auch der Titel für ein „Ethikbuch in jüdisch-deutscher Sprache. Die Autorin, Rebekka Tiktiner, Tochter eines Rabbiners, wirkte um 1520 und starb um 1550. Ihr Manuskript wurde 1609 in Prag gedruckt (24. Auflage Krakau 1618). Der Herausgeber hofft, dass jede Frau, die hineinschaut, das Buch kaufen wird, weil etwas Neues geschehen ist: ‚eine Frau hat aus ihrem Kopf ein Buch erdacht, mit Bibelversen und Predigten‛, es möge ‚ihr sein zum Gedächtnis und allen Frauen zu Ehren, dass eine Frau auch Autor sein kann von Ethiklehren und guten Deutungen genau wie ein Mann‛.“

Nach diesen erinnernden Gedanken an zwei Frauen mit Namen Debora in der Bibel und bevor wir uns damit beschäftigen, wie wir heute dem Missbrauch und der Gewalt gegenüber Kindern entgegenwirken können, singen wir das Lied 631:

In Gottes Namen wolln wir finden, was verloren ist

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