Wertschätzung aller Heiligen

Wir stellen uns unter Heiligen herausragende Persönlichkeiten mit außergewöhnlichen moralischen oder sogar wunderbaren Fähigkeiten vor. Paulus jedoch denkt schlicht an Glieder am heiligen Leib Christi: an Menschen, die sich von Gott angesprochen wissen und Gott an sich arbeiten lassen.

Hände eines Teams halten einander Fest: eine Gemeinschaft der Heiligen?

Die Gemeinschaft aller Heiligen lebt im Leib Christi wie in einem Team (Bild: sheriyates – pixabay.com)

#gedankeTurmgebet am Freitag, 2. November 2007, 18.00 Uhr im Stadtkirchenturm Gießen

Herzlich willkommen beim Turmgebet im Stadtkirchenturm Gießen!

Wir sind versammelt im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Wir hören zu Beginn die biblische Tageslese für den heutigen 2. November 2007 aus dem Buch Hiob 40, 1-5:

1 Und der HERR antwortete Hiob und sprach:

2 Wer mit dem Allmächtigen rechtet, kann der ihm etwas vorschreiben? Wer Gott zurechtweist, der antworte!

3 Hiob aber antwortete dem HERRN und sprach:

4 Siehe, ich bin zu gering, was soll ich antworten? Ich will meine Hand auf meinen Mund legen.

5 Einmal hab ich geredet und will nicht mehr antworten, ein zweites Mal geredet und will’s nicht wieder tun.

Wir singen nach und nach alle Strophen vom Lied 236. Zwischen dem Gesang lasse ich im Anschluss an Hiob eine Klage zu Gott laut werden.

Ohren gabst du mir

Gott, wir hören Hiobs Worte und fragen uns: Warum nimmt er zurück, was er Gott gegenüber eingefordert hat? Gibt er wirklich klein bei? Müssen wir dem heiligen, barmherzigen Gott gegenüber auf jedes Recht verzichten? Wir rufen zu dir:

Augen gabst du mir

Hat Hiob nicht an den Gott Israels appelliert, der sein Volk aus Ägypten befreit hat, der versprochen hat, die Armen aus dem Schmutz zu erheben? Gott ist Hiob fremd geworden, wenn er nur auf seine Allmacht pocht und wenn von seiner Güte und Barmherzigkeit nichts mehr zu spüren ist. Wir rufen zu dir:

Hände gabst du mir

Mag Hiob auch zeitweise seinen Mund verschließen, mögen wir auch zeitweise an Gottes Güte zweifeln: Dennoch bitten wir dich, Gott, lass uns dich nicht verwechseln mit einem unpersönlichen Schicksalsgott, der sich um uns nicht kümmert. Wir rufen zu dir:

Lippen gabst du mir

Am Ende hast du doch dem Hiob Recht gegeben, er durfte mit dir rechten, dich an deine Gerechtigkeit und Barmherzigkeit erinnern. Darum rufen auch wir zu dir und bitten dich um dein Erbarmen:

Leben gabst du mir

In der Stille denken wir an die Allmacht deiner Liebe, die niemanden aufgibt. Du bist und bleibst auch denen nahe, die scheinbar am Ende sind, auch den Zweiflern, den Schwermütigen, den Verzweifelten.

Stille

Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat! (Psalm 103, 2)

Menschen gabst du mir

Liebe Turmgemeinde!

Gestern und heute feiert die katholische Kirche Allerheiligen und Allerseelen. Erst kürzlich fiel mir auf, dass der Gedenktag der Heiligen auch im Festkalender der evangelischen Kirche steht.

Das nehme ich zum Anlass, heute im Turmgebet daran zu erinnern, wie hoch in der Bibel alle Mitglieder des Volkes Gottes geschätzt werden, zuerst die, die zum Volk Israel gehören, und dann auch die, die zur Gemeinde Jesu Christi aus den Völkern der Welt hinzukommen, bis hin zu uns.

In seinem Brief an die Gemeinde in Philippi beginnt der Apostel Paulus mit folgendem Gruß (Philipper 1):

1 Paulus und Timotheus, Knechte Christi Jesu, an alle Heiligen in Christus Jesus in Philippi samt den Bischöfen und Diakonen:

2 Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

3 Ich danke meinem Gott, sooft ich euer gedenke –

4 was ich allezeit tue in allen meinen Gebeten für euch alle, und ich tue das Gebet mit Freuden -,

5 für eure Gemeinschaft am Evangelium vom ersten Tage an bis heute;

6 und ich bin darin guter Zuversicht, dass der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird‘s auch vollenden bis an den Tag Christi Jesu.

Würde Paulus uns anreden, dann würde er uns genau so ansprechen: „An alle Heiligen im Messias Jesus, die in der Stadt Gießen sind“. Wir stellen uns unter Heiligen herausragende Persönlichkeiten mit außergewöhnlichen moralischen oder sogar wunderbaren Fähigkeiten vor. Damit hat sicherlich die jahrhundertelange Praxis der Heiligsprechung besonderer Personen durch die römisch-katholische Kirche zu tun. Paulus jedoch denkt schlicht an Glieder am heiligen Leib Christi: an Menschen, die sich von Gott angesprochen wissen und Gott an sich arbeiten lassen:

6 Ich bin darin guter Zuversicht, dass der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird‘s auch vollenden bis an den Tag Christi Jesu.

Im Alten Testament hatte bereits Mose sein Volk Israel als ein Volk der Heiligen bezeichnet, als er es am Berg Sinai segnete.

Im 5. Buch Mose – Deuteronomium 33, 1-3, heißt es:

1 Dies ist der Segen, mit dem Mose, der Mann Gottes, die Israeliten vor seinem Tode segnete.

2 Er sprach: Der HERR ist vom Sinai gekommen…; in seiner Rechten ist ein feuriges Gesetz für sie.

3 Wie hat er sein Volk so lieb! Alle Heiligen sind in deiner Hand. Sie werden sich setzen zu deinen Füßen und werden lernen von deinen Worten.

Das ganze Volk Israel wird hier heilig genannt, nicht weil sie alle außerordentlich gute Menschen sind, sondern weil sie in Gottes Hand sind. Und wer ist und bleibt in Gottes Hand? Menschen, die sich zu Gottes Füßen setzen und von seinen Worten lernen, so wie wir es zum Beispiel in Gottesdiensten und Bibelabenden oder hier im Turmgebet tun.

Wir sind also nicht Heilige, wenn wir fehlerlos sind, sondern dann, wenn wir Gottes Vergebung annehmen. Wir sind nicht dann Heilige, wenn wir uns mit übermenschlicher Anstrengung über unsere Kräfte hinaus aufopfern. Wir gehören zur Gemeinschaft der Heiligen, wenn wir auf Gott hören, wenn wir sein liebevolles Wort als heilsamen Zuspruch an uns annehmen, und zugleich als Wegweisung, die uns für den Weg seiner Gerechtigkeit und Barmherzigkeit in Anspruch nimmt.

Gott fordert uns heraus, er überfordert uns aber nicht, sondern wir sind in seiner Hand: getragen, geborgen, angestoßen, um etwas zu bewegen. Amen.

Wir singen aus dem Lied 253 die Strophen 1, 3 und 4:

1. Ich glaube, dass die Heiligen im Geist Gemeinschaft haben, weil sie in einer Gnade stehn und eines Geistes Gaben. So viele Christus nennet sein, die haben alles Gut gemein und alle Himmelsschätze.

3. Wir haben alle überdies Gemeinschaft an dem Leiden, am Kreuz, an der Bekümmernis, an Spott und Traurigkeiten; wir tragen, doch nicht ohne Ruhm, allzeit das Sterben Jesu um an dem geplagten Leibe.

4. So trägt ein Glied des andern Last um seines Hauptes willen; denn wer der andern Lasten fasst, lernt das Gesetz erfüllen, worin uns Christus vorangeht. Dies königlich Gebot besteht in einem Worte: Liebe.

Schenke uns die Einsicht, Gott, dass wir von dir Trost und Kraft bekommen.

Und manchmal nimmst du uns die Kraft, damit wir spüren: Es ist nicht selbstverständlich, stark zu sein.

Schenke uns deine Liebe, damit wir wissen: Wir sind nicht allein auf der Welt.

Unser Leben hat seinen Sinn in dir. In dir finden wir Ruhe und die Erfüllung, nach der wir uns sehnen. Und wenn wir sterben müssen, dann lass uns selig sterben und getrost Abschied nehmen von dieser Welt.

Zeige uns die Aufgabe, die du für uns vorgesehen hast. Und lass uns nicht unzufrieden sein, wenn es nur eine bescheidene Rolle ist, die wir spielen sollen.

Du ersparst uns nicht Leid und Tränen – aber lass uns in allen Sorgen und Nöten nicht allein! Amen.

Vater unser

Es segne dich Gott, der Vater. Er sei der Raum, in dem du lebst. Es segne dich Jesus Christus. Er sei der Weg, auf dem du gehst. Es segne dich der Heilige Geist. Er sei das Licht, das dich zur Wahrheit führt. Amen.

EG 483: Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden

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