Gnade für alle, die Gott suchen

Ein auf den ersten Blick überzeitlich gültiger Spruch aus dem Buch der Chronik erweist sich als Gebet in einer ganz bestimmten Situation. Doch dieses Gebet wiederum kann auch in ähnlichen Situationen zu anderen Zeiten gebetet werden – zum Beispiel heute in der Paulusgemeinde.

Gott ist gnädig denen, die ihn suchen: Wolkengebilde am Himmel

Am Himmel finden wir Gott nicht – aber er lässt sich finden! (Bild: ambroo – pixabay.com)

Andacht im Kirchenvorstand der Evangelischen Paulusgemeinde Gießen am Mittwoch, 17. Februar 2016

Liebe Kirchenvorstandsmitglieder, lieber Frank-Tilo, der heutige Losungstext ist dem 2. Buch der Chronik entnommen (2. Chronik 30, 18-19):

Der HERR, der gütig ist, wolle gnädig sein allen, die ihr Herz darauf richten, Gott zu suchen.

Das ist ein schöner Bibelspruch, der überzeitlich und allgemeingültig richtig klingt. Gott ist gut, er ist die Liebe, natürlich wird er sich denen gnädig zuwenden, die ihr ganzes inneres Streben, ihr Herz auf die Suche nach Gott ausrichten.

Nun steht dieser Spruch in einem interessanten Zusammenhang. Das 2. Buch der Chronik erzählt nämlich die Geschichte, wie Hiskia mit 25 Jahren König von Juda wird und die Türen des Tempels verschlossen vorfindet, weil unter seinem Vorgänger dort schon lange kein Tempeldienst mehr stattgefunden hat. Hiskia ändert eine Menge; unter anderem lässt er alle Stämme von ganz Israel wieder zu einem Passafest in Jerusalem zusammenrufen.

Dabei klappt nicht alles genau so, wie geplant. Es hat ein Traditionsbruch stattgefunden, die Leute wissen zum Teil gar nicht mehr, wie man richtig Gottesdienst feiert. Am Anfang des Verses 18 im Kapitel 30 heißt es daher:

Denn eine Menge Volk, vor allem von Ephraim, Manasse, Issachar und Sebulon, hatte sich nicht gereinigt und aß das Passa nicht so, wie geschrieben steht.

Und genau an dieser Stelle heißt es weiter (2. Chronik 30, 18-19):

Doch Hiskia betete für sie und sprach: Der HERR, der gütig ist, wolle gnädig sein allen, die ihr Herz darauf richten, Gott zu suchen, den HERRN, den Gott ihrer Väter, auch wenn sie nicht die für das Heiligtum nötige Reinheit haben.

König Hiskia setzt sich also zwar engagiert dafür ein, dass die Wegweisung des einen Gottes Israels wieder Geltung haben soll, aber er geht dabei, wenigstens in dieser Situation, nicht unbarmherzig, engstirnig oder fanatisch vor. Für diejenigen, die Schwierigkeiten mit der Tradition haben, die aber dennoch auf der Suche nach Gott sind, bittet er den gütigen Gott um barmherziges Handeln. Im Vers 20 heißt es dann:

Und der HERR erhörte Hiskia und vergab dem Volk.

Wir als Paulusgemeinde könnten, glaube ich, sehr gut in das Gebet Hiskias einstimmen. Würden wir voraussetzen, dass alle Kirchenmitglieder, bildlich gesprochen, die „für das Heiligtum nötige Reinheit“ haben, also sich im Sinne traditioneller Kirchlichkeit verhalten, jeden Sonntag in die Kirche gehen, jeden Tag die Bibel lesen, dann könnten wir buchstäblich „einpacken“ und die Kirchentür zumachen mit einem Hinweisschild: „Nur noch Museumsbetrieb, da keine entschiedenen Christen in dieser Gemeinde vorhanden.“

Dass wir uns trotzdem als lebendige Gemeinde empfinden, angerührt von Gottes Geist, und zwar in allen Unvollkommenheiten und Brüchen unseres eigenen Christseins und in der Begegnung mit Menschen, die noch viel weniger in unserer Tradition verwurzelt sind, ja, die zum Teil aus ganz anderen religiösen Traditionen kommen, das ist ein Geschenk eben der Güte Gottes, der sich finden lässt auch von uns, so lange wir unser Herz darauf richten, ihn zu suchen.

Ich wünsche der Paulusgemeinde, dass sie diese Suche nach Gott niemals aufgibt und dass sie eine Pfarrerin oder einen Pfarrer in meine Nachfolge beruft, die oder der diese Suche von Herzen tatkräftig unterstützt.

Singen wir noch aus dem Lied 295 die Strophen 1 und 3:

1. Wohl denen, die da wandeln vor Gott in Heiligkeit, nach seinem Worte handeln und leben allezeit; die recht von Herzen suchen Gott und seine Zeugniss’ halten, sind stets bei ihm in Gnad.

3. Mein Herz hängt treu und feste an dem, was dein Wort lehrt. Herr, tu bei mir das Beste, sonst ich zuschanden werd. Wenn du mich leitest, treuer Gott, so kann ich richtig laufen den Weg deiner Gebot.

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