Kriegserinnerungen meiner Mutter

Ich habe mir in den letzten Wochen angeschaut, was meine Mutter mit 62 Jahren über ihr Leben aufgeschrieben hat. Den meisten Raum nehmen in ihren Erinnerungen die beiden Jahre 1945 und 1946 ein. Vorher lief ja alles noch halbwegs normal für die Zivilbevölkerung in den deutschen Landen. Aber Anfang 1945 übernahm das russische Militär die Macht in der ganzen Gegend.

Meine Mutter, damals Gertrud Kretschmer, als junge Frau in Riemberg in Schlesien

#gedankeTurmgebet am Donnerstag, 31. August 2006, 18.00 Uhr im Stadtkirchenturm Gießen

Herzlich willkommen beim Turmgebet im Stadtkirchenturm Gießen!

Wir sind versammelt im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Heute ist der letzte Tag im Monat August 2006. Dieser Monat hat für mich eine besondere Bedeutung gehabt, auf die ich noch eingehen werde. Am Anfang möchte ich mit Ihnen das Lied 620 singen, „passend“ zum diesjährigen Augustwetter, wie man‘s nimmt. Es war ein Lieblingslied meiner Mutter:

Gottes Liebe ist wie die Sonne

Gott, am Ende eines Tages, am Ende eines Monats, am Ende des Sommers kommen wir zu dir. Wir bringen vor dich, was gewesen ist, an Erholung im Urlaub, an Stress im Alltag, an Freude im Sommer, an Sorgen, die nach keiner Jahreszeit fragen.

Wir rufen zu dir (178.11):

Herr, erbarme dich, erbarme dich. Herr, erbarme dich, Herr, erbarme dich.

Gott, wir bringen vor dich unsere Sorge um den Frieden im Nahen Osten, unser Kopfschütteln über Politiker, die allzuschnell zur Gewalt greifen, unsere Ratlosigkeit, wenn es darum geht, Lösungen zu finden, die nachhaltig den Frieden sichern. Wir rufen zu dir:

Herr, erbarme dich, erbarme dich. Herr, erbarme dich, Herr, erbarme dich.

Gott, ich denke in diesen Tagen sechzig Jahre zurück, an die Zeit der Vertreibung von Deutschen im Anschluss an einen von Deutschland ausgehenden Krieg. Wie in den letzten Wochen im Libanon, so waren damals Tausende unterwegs in die Fremde. Wir rufen zu dir:

Herr, erbarme dich, erbarme dich. Herr, erbarme dich, Herr, erbarme dich.

Gott, wir bringen vor dich unsere Sorge über Bombenleger, die Terror auch in unser Land tragen, und sind dankbar für die Vereitelung einer Reihe von Anschlägen. Wir wissen, dass es keine absolute Sicherheit geben kann, so lange sich nicht alle Menschen auf den Weg des Friedens begeben, den du uns gewiesen hast. Wir rufen zu dir:

Herr, erbarme dich, erbarme dich. Herr, erbarme dich, Herr, erbarme dich.

Gott, wir bringen vor dich auch unsere Dankbarkeit. Dass du uns bewahrst, obwohl uns wenig einfällt, um Gerechtigkeit zu schaffen und dadurch Terror zu bekämpfen und Frieden zu schaffen. Wir danken für alle Menschen, die Schritte zum Frieden tun, die Teilen, die Verzeihen, die Verhandeln, die Friedensarbeit leisten. Wir danken dir für über sechzig Jahre Frieden in unserem Land.

Lasst uns in der Stille daran denken, was uns persönlich dankbar macht.

Stille

Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat! (Psalm 103, 2)

Liebe Turmgemeinde!

Dass ich ausgerechnet in den letzten Wochen an die Zeit vor 60 Jahren denken musste, hat nicht nur mit den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Israel und Libanon zu tun. Jetzt im August wäre mein Vater 95 Jahre alt geworden und meine Mutter 90 Jahre alt. Beide stammen aus dem deutschen Osten, beide haben damals ihre Heimat verloren. Ich bin ein Kind der Nachkriegszeit, groß geworden im sogenannten Wirtschaftswunder – es war schwer zu begreifen, was sie alles durchzumachen hatten: Krieg, Gefangenschaft, Zwangsarbeit und Vertreibung. Und vor allem: was hat ihnen geholfen, das alles zu überstehen, ohne hart zu werden, ohne den Mut zu verlieren?

Ich habe mir in den letzten Wochen wieder einmal angeschaut, was meine Mutter mit 62 Jahren über ihr Leben aufgeschrieben hat. Den meisten Raum nehmen in ihren Erinnerungen die beiden Jahre 1945 und 1946 ein. Vorher lief ja alles noch halbwegs normal für die Zivilbevölkerung in den deutschen Landen. Aber Anfang 1945 gingen in Schlesien viele auf den Flüchtlingstreck in Richtung Westen. Ende Januar kam das russische Militär und übernahm die Macht in der ganzen Gegend. Darüber schreibt meine Mutter:

Ich hatte vorher noch gar nicht recht begriffen, was es auf sich hatte, und dass vor allem die Frauen dadurch sehr bedroht waren. Es war ja immer noch Krieg. Als ich hörte, die Russen marschieren in Obernigk ein und auf Wohlau zu, da wusste ich, dass ich mich nun nicht mehr auf die Straße trauen durfte, und hab erstmal geheult. Dann sagte ich mir, jetzt musst du hart sein, sonst kommst du nicht durch.

Das Schlimmste war, sie hatten die Stromleitung kaputtgemacht und wir hatten kein elektrisches Licht. Bis August 1946 haben wir ohne Strom gelebt. Die Wasserleitung war auch kaputt. Und in Obernigk gab es nicht mehr viel Brunnen oder Pumpen. Wir mussten ein ganzes Stück laufen bis zum nächsten Brunnen. Wir haben uns Schnee in die Badewanne getan und andre Gefäße und aufgetaut.

Nun wurde es auch zeitig dunkel, da haben wir Frauen uns auf dem Heuboden versteckt die Nacht über. So eine Nacht kann sehr lang werden. Wir hatten uns doppelt und dreifach angezogen. Aber ich hatte trotzdem Husten, auch durch den Staub vom Heu. Um nicht laut zu husten, hab ich mir den Schal in den Mund gesteckt, denn oft hörte man Patrouille hinter der Scheune gehen. Denn abends kamen sie in die Häuser und suchten, wo jemand war, oder plünderten. Taschenlampen und Kerzen nahmen sie zuerst weg.

Einmal kamen sie, als wir uns noch nicht versteckt hatten, da hatte ich unheimlich Angst, aber es ist mir dann doch nichts passiert… Damals habe ich meine Bibel aufgeschlagen und das Wort gelesen (Jesaja 43, 1):

„Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“

Ich muss sagen, dieses Wort hat mir oft Kraft gegeben. Auch manche Psalmen, die ich in der Schule auswendig gelernt habe, wie (Psalm 23, 1):

„Der Herr ist mein Hirte.“

Die Stelle (Psalm 23, 5):

„Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.“

Oder (Psalm 121, 1):

„Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt.“

Wir hatten dann oft nicht viel Zeit übrig, oder abends gab‘s kein Licht, dann kam es mir zugute, was ich auswendig gelernt hatte.

Dann musste meine Mutter Zwangsarbeit leisten unter russischer Kommandantur. Sie schreibt selber:

Ich musste damals auch mit melken. Früh, mittags und abends so 15 Kühe hintereinander, das war ein bisschen viel, und ich spürte meine Hände und Arme manchmal nicht. Wenn ich was sagte, da sagten sie, sie hätten keine Ursache, mit Deutschen Mitleid zu haben. Wenn ich in leeren Häusern noch was fand als Salben, hab ich es genommen und die Arme und Hände eingerieben. Wir konnten ja nicht einfach zum Arzt oder zur Apotheke gehen, das gab es zu der Zeit nicht.

Es war ein Wunder, dass sie in dieser Zeit ihren Glauben bewahren konnte, der ihr Kraft gab. Übrigens hat meine Mutter damals 1945 bereits einen Gottesdienst erlebt, in dem die Grenzen der Konfessionen überwunden waren.

Es war an Himmelfahrt. In Prausnitz sollte ein katholischer Gottesdienst sein. Wir hatten ja seit Januar keinen Gottesdienst gehabt. Es war da auch noch eine deutsche Familie, mit ihrem gelähmten Sohn, Suchantke hießen sie, sie waren katholisch. Nun gingen wir zur Kirche. Ein paar Deutsche und wohl noch paar Polen. Die Messe war lateinisch, aber die Predigt deutsch. Er sprach, wie Jesus bei der Himmelfahrt die Hände ausbreitete und die Erde segnete, trotz allem. Es hat uns gestärkt. Als wir nach Hause kamen, meinte der Kommandant: Es ist nicht erlaubt, in den nächsten Ort zu gehen ohne Erlaubnisschein. Er wollte uns in den Keller sperren. Herr Suchantke hatte sich dann für uns eingesetzt, und so ist uns nichts passiert. So muss ich wohl sagen, dass die ganze Zeit wohl oft Engel um uns waren, die uns bewahrt haben.

Wie gesagt, vor drei Wochen wäre meine Mutter 90 Jahre alt geworden. Was sie damals über eine so schwere Zeit von den Engeln geschrieben hat, das kann uns vielleicht auch heute Mut geben in unserem Alltag mit seinen kleinen und großen Sorgen.

EG 559: Welcher Engel wird uns sagen, dass das Leben weitergeht

Schenke uns die Einsicht, Gott, dass wir von dir Trost und Kraft bekommen.

Und manchmal nimmst du uns die Kraft, damit wir spüren: Es ist nicht selbstverständlich, stark zu sein.

Schenke uns deine Liebe, damit wir wissen: Wir sind nicht allein auf der Welt.

Unser Leben hat seinen Sinn in dir. In dir finden wir Ruhe und die Erfüllung, nach der wir uns sehnen. Und wenn wir sterben müssen, dann lass uns selig sterben und getrost Abschied nehmen von dieser Welt.

Zeige uns die Aufgabe, die du für uns vorgesehen hast. Und lass uns nicht unzufrieden sein, wenn es nur eine bescheidene Rolle ist, die wir spielen sollen.

Du ersparst uns nicht Leid und Tränen – aber lass uns in allen Sorgen und Nöten nicht allein! Amen.

Vater unser

Es segne dich Gott, der Vater. Er sei der Raum, in dem du lebst. Es segne dich Jesus Christus. Er sei der Weg, auf dem du gehst. Es segne dich der Heilige Geist. Er sei das Licht, das dich zur Wahrheit führt. Amen.

EG 483: Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden

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