Fischfang im Morgengrauen

Wie Jesus Bauchzweifel überwindet, die schwerwiegender sind als Kopfzweifel.

Gut, dass die Evangelisten so mutig waren, uns unterschiedliche Ostererzählungen zu überliefern. Sie bogen nicht zurecht, was widersprüchlich schien. Sie überlassen uns, den Lesern, den Hörerinnen, unser eigenes Urteil. Denn für jede und jeden von uns kann es auf andere Art Ostern werden, genau wie damals für die Jüngerinnen und Jünger.

Großer Fischfang

Warum fangen Jesu Jünger im Morgengrauen genau 153 Fische? (Foto: pixabay.com)

direkt-predigtAbendmahlsgottesdienst am Sonntag Quasimodogeniti, den 3. April 2005, um 10.00 Uhr in der evangelichen Pauluskirche Gießen

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Herzlich willkommen eine Woche nach Ostern in der Pauluskirche!

Wie es mitten in unserem Alltag Ostern werden kann, davon will uns der heutige Predigttext etwas ahnen lassen.

Das Thema dieses Gottesdienstes lautet: „Fischfang im Morgengrauen“. Wir beginnen daher mit einem Osterlied, das die Ostererfahrung in einen Zusammenhang mit dem Aufgang der Sonne bringt: „Frühmorgens, da die Sonn‘ aufgeht“. Es ist das Lied Nr. 111, und wir singen daraus die Strophen 1 bis 5 und 14:

1. Frühmorgens, da die Sonn aufgeht, mein Heiland Chri­stus aufersteht. Vertrieben ist der Sünden Nacht, Licht, Heil und Leben wiederbracht. Halleluja.

2. Wenn ich des Nachts oft lieg in Not verschlossen, gleich als wär ich tot, lässt du mir früh die Gnadensonn aufgehn: nach Trauern Freud und Wonn. Halleluja.

3. Nicht mehr als nur drei Tage lang mein Heiland bleibt ins Todes Zwang; am dritten Tag durchs Grab er dringt, mit Ehr sein Siegesfähnlein schwingt. Halleluja.

4. Jetzt ist der Tag, da mich die Welt mit Schmach am Kreuz gefangen hält; drauf folgt der Sabbat in dem Grab, darin ich Ruh und Frieden hab. Halleluja.

5. In kurzem wach ich fröhlich auf, mein Ostertag ist schon im Lauf; ich wach auf durch des Herren Stimm, veracht den Tod mit seinem Grimm. Halleluja.

14. Mein Herz darf nicht entsetzen sich, Gott und die Engel lieben mich; die Freude, die mir ist bereit‘, vertreibet Furcht und Traurigkeit. Halleluja.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Eine Woche nach Ostern dreht sich unser Predigttext aus dem Johannesevangelium noch einmal um das, was an Ostern geschehen ist. Vorher hat Johannes im 20. Kapitel vom Ostersonntag und vom Sonntag danach erzählt: Jesus ist auferstanden und in Jerusalem gesehen worden: am Ostermorgen von der Maria aus Magdala, am Osterabend von einer ganzen Anzahl von Jüngern, eine Woche später auch vom letzten Zweifler Thomas.

Und ausgerechnet er, der Zweifler, spricht aus, was alle Jüngerinnen und Jünger empfinden, die den Herrn gesehen haben (Johannes 20):

28 Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott!

29 Spricht Jesus zu ihm: Weil du mich gesehen hast, Thomas, darum glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im An­fang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Damit könnte das Johannesevangelium eigentlich schließen. Ursprünglich war die Thomasgeschichte auch der Höhepunkt der Frohen Botschaft des Johannes, die er denn auch mit zwei Sätzen abschließt.

Doch das Johannesevangelium hat einen Anhang, nämlich das Kapitel 21.

Da wird noch einmal in einem neuen Anlauf von einem Ostermorgen erzählt. Nicht unbedingt vom Ostersonntagmorgen, sondern von einem Morgen einige Zeit später in Galiläa am See Tiberias oder Genezareth, weit weg von Jerusalem. Als ob die Jünger gar kein Ostern in Jerusalem erlebt, sondern am Karfreitag das Weite gesucht und Zuflucht in ihrem alten Beruf als Fischer gesucht hätten.

Was stimmt denn nun? Wo ist Jesus den Jüngern zuerst erschienen? In Jerusalem oder am See Genezareth? Kann man den biblischen Berichten glauben?

Und wenn beide Berichte stimmen würden? Wieso tun die Jünger dann so, als sei Jesus gar nicht auferstanden? Wieso kehren sie zurück – dorthin, wo Jesus sie herausgerufen hatte? Wieso weigern sie sich, seinen Worten zu folgen: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch!“?

Gott, lass uns die Zweifel ernstnehmen, in die uns das aufmerksame Lesen der Ostererzählungen stürzen kann. Und überwinde bitte unsere Zweifel! Wir rufen zu dir:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Es ist gut, dass die Evangelisten so mutig waren, uns unterschiedliche Ostererzählungen zu überliefern. Sie sperrten ihre Ohren auf, um alles, was den Glauben an Jesus stärken könnte, für die Erinnerung aufzubewahren. Sie bogen nicht zurecht, was widersprüchlich schien. Sie überlassen uns, den Lesern, den Hörerinnen, unser eigenes Urteil. Sie fanden jede der Erzählungen von Jesus auf ihre Art so wertvoll, dass sie auf keine von ihnen verzichten wollten. Denn für jede und jeden von uns kann es auf andere Art Ostern werden, genau wie damals für die Jüngerinnen und Jünger.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist gross Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Gott, hilf uns zu begreifen, worin der Sinn der Ostergeschichten liegt. Lass uns in unserem Alltag erfahren, was die Auferstehung Jesu Christi von den Toten bedeutet. Darum bitten wir dich im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören nun die angekündigte Ostererzählung aus Johannes 21, 1-14:

1 Danach offenbarte sich Jesus abermals den Jüngern am See Tiberias. Er offenbarte sich aber so:

2 Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere seiner Jünger.

3 Spricht Simon Petrus zu ihnen: Ich will fischen gehen. Sie sprechen zu ihm: So wollen wir mit dir gehen. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, und in dieser Nacht fingen sie nichts.

4 Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war.

5 Spricht Jesus zu ihnen: Kinder, habt ihr nichts zu essen? Sie antworteten ihm: Nein.

6 Er aber sprach zu ihnen: Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden. Da warfen sie es aus und konnten’s nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische.

7 Da spricht der Jünger, den Jesus lieb hatte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte, dass es der Herr war, gürtete er sich das Obergewand um, denn er war nackt, und warf sich ins Wasser.

8 Die andern Jünger aber kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht fern vom Land, nur etwa zweihundert Ellen, und zogen das Netz mit den Fischen.

9 Als sie nun ans Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer und Fische darauf und Brot.

10 Spricht Jesus zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt!

11 Simon Petrus stieg hinein und zog das Netz an Land, voll großer Fische, 153. Und obwohl es so viele waren, zerriss doch das Netz nicht.

12 Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl! Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten, dass es der Herr war.

13 Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt’s ihnen, desgleichen auch die Fische.

14 Das ist nun das dritte Mal, dass Jesus den Jüngern offenbart wurde, nachdem er von den Toten auferstanden war.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Glaubensbekenntnis

Wir singen das Lied 553:

Besiegt hat Jesus Tod und Nacht, stand auf im Morgengrauen
Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde!

Es gibt zwei Sorten des Zweifels. Kopfzweifel und Bauchzweifel. Von beiden Sorten war bereits die Rede in diesem Gottesdienst.

Der Kopfzweifel denkt über Widersprüche in der Bibel nach und fragt sich: „Kann das so passiert sein? Wieso stimmen die Berichte nicht überein?“ Der Bauchzweifel liegt tiefer. Er fühlt sich ein in die Situation der Jünger am See Genezareth und fragt mit ihnen nach dem Sinn dessen, was da geschehen ist. Ist nach dem Karfreitag nicht alles sinnlos, was sie mit Jesus erlebt haben?

Unser Kopf fragt kritisch, wieso die Evangelisten so unterschiedlich von den Erscheinungen des auferstandenen Jesus berichten. Nach Markus und Matthäus sagt der Engel den Frauen am Ostermorgen, Jesus werde den Jüngern in Galiläa erscheinen. Von Erscheinungen in Jerusalem wissen Markus und Matthäus nichts. Lukas und Johannes wiederum erzählen zunächst nur von Erscheinungen in Jerusalem und Emmaus, also in Judäa. Das sind nun auch die beiden Evangelisten, die ihr Evangelium zuletzt geschrieben haben. Vielleicht wissen sie gar nichts mehr davon, dass die Jünger nach der Kreuzigung zunächst das Weite gesucht haben, und zwar noch sehr viel weiter als nur zwei Wegstunden weit nach Emmaus. Denn die Urgemeinde der Christen konzentrierte sich ja in den ersten Jahrzehnten so sehr in Jerusalem, dass man wohl ganz selbstverständlich annahm, Jesus müsse dort dem Kreis der wichtigsten Jünger sofort erschienen sein. Aber nun gab es auch in der späteren Zeit noch Überlieferungen, die zu dieser Vorstellung nicht passten. Zu ihnen gehört die Erzählung, die wir gehört haben; sie spielt in Galiläa und spiegelt vielleicht die älteste Erfahrung der Jünger mit dem Auferstandenen wider.

Tauchen wir nun noch einmal intensiv ein in diese Geschichte und spüren wir, was mit dem Bauchzweifel der Jünger geschieht.

1 Danach offenbarte sich Jesus abermals den Jüngern am See Tiberias. Er offenbarte sich aber so.

Wie gesagt: Eigentlich ist das Johannesevangelium schon abgerundet und fertig. Später taucht eine weitere Ostererzählung auf, die nicht ganz in den Zusammenhang passt. Was tun? Ein moderner Kopfzweifler hätte vielleicht entschieden: Das lassen wir lieber weg. Das verwirrt die Leute bloß. Der biblische Überlieferer urteilt anders. Er rechnet damit, dass auch in dieser Erzählung Wahrheit offenbart wird. Wahrheit von Gott her. Jesus selbst offenbart sich selbst als die Wahrheit. Diese Wahrheit dient der Überwindung von Bauchzweifeln; Kopfzweifel sind dem Evangelisten nicht so wichtig. Wie geschieht nun die Offenbarung Jesu:

2 Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere seiner Jünger.

Die Situation hier am See Genezareth, der auch Tiberias genannt wird, weil er in der Nähe der Stadt Tiberias liegt, ist normaler Alltag. Zufällig sind sieben Jünger beieinander; vier davon gehören sicher zum Kreis der Zwölf, das sind außer Petrus und Thomas die Söhne des Zebedäus, Johannes und Jakobus; außerdem ist Nathanael dabei, den der Evangelist Johannes häufig erwähnt und den er vielleicht sogar zum Kreis der Zwölf hinzurechnet; zwei weitere nennt er nicht mit Namen.

3 Spricht Simon Petrus zu ihnen: Ich will fischen gehen. Sie sprechen zu ihm: So wollen wir mit dir gehen. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, und in dieser Nacht fingen sie nichts.

Die Schilderung der Alltagssituation geht weiter. Es ist übrigens die erste und einzige Stelle im Johannesevangelium, an der erwähnt wird, dass eine ganze Reihe von Jüngern Fischer waren. Vielleicht ist hier nachträglich auch in das vierte Evangelium noch ein Stück aus alten Überlieferungen angehängt worden, die von den anderen Evangelisten längst berücksichtigt worden waren; denn Markus, Matthäus und Lukas betonen deutlich, dass Jesus die ersten Jünger von ihren Fischernetzen weg in seine Nachfolge ruft. Dorthin sind nun die Jünger zurückgekehrt; Menschenfischer hatten sie werden wollen, aber was soll das jetzt noch, Jesus ist ja tot und all ihre Hoffnungen begraben wie der Leichnam Jesu selbst! Sie versuchen sich wieder als Fische-Fischer. Doch selbst damit haben sie wenig Erfolg. Als ob sich ihre Niedergeschlagenheit auch auf ihren Fischfang niederschlägt. Als ob man ohne eine große Hoffnung auch keine kleine Zuversicht mehr aufbringen könnte. Um ihre Trauer zu bewältigen, tun sie gemeinsam etwas, was ihnen von früher her vertraut ist, aber ohne wirklich eine Richtung zu haben. „In dieser Nacht fingen sie nichts.“ Das ist doppeldeutig, denn fischfangfachtheoretisch war nachts die beste Zeit für einen guten Fischzug. Hier klingt aber im Hintergrund der tiefe Bauchzweifel an, der die Jünger seit der Nacht des Karfreitags befallen hat.

4 Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war.

Der Erzähler weiß etwas, was die Jünger noch nicht wissen. Sie blicken vom Meer zum Ufer und sehen dort Jesus stehen, erkennen ihn aber nicht. Wieder formuliert der Erzähler mit doppeltem Sinn. Es ist längst Morgen, Ostermorgen, aber für die Jünger ist es noch Nacht. Sie sind den Ungewissheiten und tödlichen Abgründen des Meeres und des Lebens ausgeliefert, während am Ufer, mit festem Grund unter den Füßen, der Christus auf sie wartet, dessen neues Leben den Tod längst überwunden hat.

5 Spricht Jesus zu ihnen: Kinder, habt ihr nichts zu essen? Sie antworteten ihm: Nein.

Die vertrauliche Anrede muss die Jünger überrascht haben. „Kinder“, so redet doch kein Fremder fremde Fischer an. Sie lassen sich aber an diesem Morgen nach der erfolglosen Nacht durchaus darauf ein, eine tröstende Stimme zu hören. Aber auf seine Frage, ob sie etwas zu essen haben, ob ihnen Nahrung zur Verfügung steht, die Leib und Seele satt macht und die sie mit einem Vorübergehenden teilen könnten, können sie nur ein enttäuschtes „Nein“ antworten.

6 Er aber sprach zu ihnen: Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden.

Jesus tut hier eigentlich etwas ganz Alltägliches, den Fischern Vertrautes. Vom erhöhten Ufer aus konnten erfahrene Kollegen den Fischern in den Booten zurufen, wo Bewegungen im Wasser wahrzunehmen waren und wo man die Netze am besten auswarf. Dass die Jünger aber einem Fremden so sehr vertrauen, ist ungewöhnlich. Offenbar strahlt dieser Mann eine Vertrauenswürdigkeit aus, die es ihnen leicht macht, seinen Worten zu folgen. „Zur Rechten des Bootes“ sollen sie es noch einmal mit dem Fischen versuchen. Er zeigt ihnen, wo es lang geht, gibt ihnen die Richtung vor, die sie verloren haben.

Da warfen sie es aus und konnten’s nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische.

7 Da spricht der Jünger, den Jesus lieb hatte, zu Petrus: Es ist der Herr!

Sieben Männer haben ungewöhnlichen Erfolg beim Fischfang im Morgengrauen und einer von ihnen merkt in diesem Augenblick, was los ist. Es ist der Jünger, den das Johannesevangelium nie mit Namen nennt, obwohl Jesus gerade ihm in besonders herzlicher Liebe verbunden gewesen sei. Später hat man gemeint, das muss der Jünger Johannes gewesen sein, und er habe in dieser Umschreibung von sich selbst gesprochen. Aber ob das stimmt, ist nicht sicher.

Wie dem auch sei, dass es der Lieblingsjünger Jesu ist, der ihn erkennt, liegt nahe, denn er erkennt mit dem Herzen, wer es ist, der ihr Vertrauen nicht enttäuscht hat. Sein Bauchzweifel, alles, was ihm das Herz besonders schwer gemacht hat, ist mit einem Schlage verschwunden. Er vertraut seine Erkenntnis sofort Petrus an, der immer ihr Anführer gewesen ist, obwohl er nicht über das gleiche Fingerspitzengefühl in der Wahrnehmung von Gefühlen verfügt wie eben der Jünger, den Jesus lieb hatte.

Als Simon Petrus hörte, dass es der Herr war, gürtete er sich das Obergewand um, denn er war nackt, und warf sich ins Wasser.

Hier sehen wir Petrus vor Augen, wie er leibt und lebt: ein Mann der raschen Tat, nicht der langen Überlegung. Als ihm nun klar ist, wer am Ufer auf ihn wartet, stürzt er sich ins Wasser. Aber warum zieht er sich zum Schwimmen etwas an? Wir würden es doch genau umgekehrt machen. Dafür gibt es eine einfache Erklärung. Beim Fischfang waren die Fischer immer fast nackt, nur mit einem Lendenschurz bekleidet, ähnlich wie früher Bergleute unter Tage. Aber Petrus will ja seinen Herrn begrüßen, und das muss in angemessener Kleidung geschehen – bei aller Eile vergisst er nicht, dass die Begrüßung eines Gastes religiöses Ritual ist. Wer die Geschichte vom Wandel Jesu auf dem Meer kennt, mag es merkwürdig finden, dass weder Jesus auf dem Meer zu den Jüngern kommt noch Petrus sich wie im Matthäusevangelium als Wanderer über das Wasser versucht. Aber hier ist nicht das Versinken in den Fluten und das rettende Herausziehen im Blick, sondern es geht um das Wiedererkennen dessen, den sie ein für alle Mal tot geglaubt haben und ihnen neu begegnet.

8 Die andern Jünger aber kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht fern vom Land, nur etwa zweihundert Ellen, und zogen das Netz mit den Fischen.

Jeder Jünger handelt also seiner Veranlagung gemäß: der Lieblingsjünger erkennt mit seinem Herzen, Petrus stürzt sich in eine schnelle Aktion und die anderen tun gelassen und ohne Hast, was zu tun ist. Sie ziehen ihre Fischfangbeute die hundert Meter bis zum Ufer.

9 Als sie nun ans Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer und Fische darauf und Brot.

Eigenartig ist diese Szene. Ein anheimelndes Lagerfeuer brennt da; und obwohl Jesus kurz zuvor nach etwas zu essen gefragt hat, hat nun er bereits eine Mahlzeit vorbereitet. Das Brot und die Fische erinnern an die Speisung der 5000; noch einmal unterstreicht die Erzählung, dass Jesus den Jüngern als der begegnet, der ihren Hunger stillt und ihre Verzweiflung überwindet. Woher er die Fische hat, bleibt genauso unwichtig, wie es in der Geschichte von der Speisung der 5000 unerklärt bleibt, wie fünf Brote und zwei Fische für so viele reichen konnten.

10 Spricht Jesus zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt!

Obwohl bereits Fische auf dem Feuer liegen, bittet Jesus die Jünger, noch weitere Fische von ihrem eigenen Fischfang herbeizubringen. Offenbar sollen sie sich nicht von ihrem Herrn verwöhnen lassen und selber gar nichts mehr tun. Dass wir versorgt sind und zugleich für unseren Lebensunterhalt etwas tun müssen, schließt sich nicht aus, sondern bedingt sich gegenseitig.

11 Simon Petrus stieg hinein und zog das Netz an Land, voll großer Fische, 153. Und obwohl es so viele waren, zerriss doch das Netz nicht.

Warum haben die Jünger gerade 153 Fische gefangen? Mathematiker erklären, dass diese Zahl eine ganz besondere ist. Auf der Homepage eines indischen Brückenbauspezialisten der Eisenbahn in Allahabad mit dem schönen Namen Shyam Sunder Gupta findet man jede Menge Zahlenspielereien mit 153. Wenn man zum Beispiel alle Zahlen von 1 bis 17 zusammenzählt, kommt man auf genau 153, und die Zahl 17 deuten manche Theologen als Symbol für die Zehn Gebote und die sieben Gaben des Heiligen Geistes. Also wäre dieser wunderbare Fischfang ein Symbol dafür, dass man im Gehorsam auf das Wort des Herrn Jesus die Zehn Gebote befolgen kann und vom Heiligen Geist erfüllt wird. Andere weisen darauf hin, dass man in der Zeit Jesu davon ausging, dass es genau 153 Arten von Fischen gab. Einen vollkommenen Fischfang habe Jesus also den Jüngern ermöglicht.

Vielleicht stehen die Fische auch symbolisch für alle damals bekannten Völker. Dann stehen die Fische für den Erfolg der christlichen Mission: Als Menschenfischer werden die Jünger im Laufe der Zeit alle Völker für den Glauben an Jesus gewinnen.

12 Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl! Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten, dass es der Herr war.

Zum gemeinsamen Mahl lädt Jesus ein und niemand fragt, wer er ist. Es ist, wie wenn wir Abendmahl feiern und Jesus ist bei uns mit seiner Liebe und seiner Kraft, obwohl wir ihn nicht sehen. Sie wagen es nicht, den Zauber dieses Augenblicks zu brechen, indem sie eine Kopfzweifelfrage stellen. Es genügt ihnen, dass ihr Bauchzweifel beruhigt ist und sie mit ihrem Herzen wissen, dass ihr Herr bei ihnen ist.

13 Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt’s ihnen, desgleichen auch die Fische.

So hat er ihnen bei ihrem letzten gemeinsamen Mahl am Vorabend des Karfreitages das Brot ausgeteilt. So hat er die 5000 mit Brot und Fisch gespeist. Er teilt ihnen aus, was er auf das Feuer gelegt hat und auch das, was sie selbst gefangen haben. Beides erfahren sie als Gabe ihres Herrn. Und im dankbaren Essen und Sattwerden erfahren sie, dass Jesus in Wahrheit bei ihnen ist – lebendig, von Gott auferweckt. So vertreibt er die Bauchzweifel der Nacht des Karfreitags, und für die Jünger bricht ihr Ostermorgen an. Mitten in einem Alltag ohne Glanz und ohne Hoffnung begegnen sie Jesus, und auf einmal ist dieser Alltag wie verwandelt. Das Leben ist schön, sie werden satt, sie brechen neu ins Leben auf. Für die Jünger bedeutet das, dass sie den See wieder verlassen werden. Als Missionare werden sie der Sendung ihres Herrn folgen und sich an die Aufgabe machen, nicht nur 153 Fische zu fangen, sondern allen Menschen der Welt die Liebe Gottes nahezubringen, die sie in Jesus erfahren haben.

14 Das ist nun das dritte Mal, dass Jesus den Jüngern offenbart wurde, nachdem er von den Toten auferstanden war.

Mit dem Abendmahl nach dem Fischfang im Morgengrauen endet der erste Anhang ans Johannesevangelium. Vielleicht ist diese dritte Offenbarung des auferstandenen Jesus an die Jünger ein besonderes Geschenk an uns, die wir Jesus nicht wie Maria Magdalena am Ostermorgen sehen oder wie Thomas eine Woche später sogar anfassen konnten. Wir begegnen Jesus in jedem Abendmahl – und überall dort, wo wir an Leib und Seele satt und neu gestärkt werden. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Wir singen das Lied 621:

Ins Wasser fällt ein Stein, ganz heimlich still und leise

Barmherziger Vater im Himmel, nimm uns an mit unseren Zweifeln und unserem schwachen Glauben. Stärke uns und gib uns den Mut, zu dir zu stehen und die frohe Botschaft von der Auferstehung deines Sohnes Jesu Christi weiterzusagen.

Herr Jesus Christus, danke, dass du bei uns bist, oft ohne dass wir dich erkennen, am Sonntag und im Alltag, nicht nur, wenn wir gut drauf sind, sondern auch, wenn wir uns am Boden zerstört fühlen.

Heiliger Geist, erfülle uns mit deiner Liebe, mit Kraft und mit Mut, damit wir die Herausforderungen in unserem persönlichen und im öffentlichen Leben bestehen können. Sei mit deiner Kraft bei denen, die Sterbende begleiten, und sei als Tröster bei denen, die trauern, ob es nun berühmte Menschen der Zeitgeschichte sind oder kleine Leute, die niemand kennt und die in aller Stille beerdigt werden. Sei als die Weisheit Gottes bei denen, die weitreichende Entscheidungen zu fällen haben, in den nächsten Wochen besonders in unserer katholischen Schwesterkirche.

In der Stille bringen wir vor dich, was wir außerdem auf dem Herzen haben:

Gebetsstille und Vater unser

Wir singen das Lied 269:

Christus ist König, jubelt laut!
Abkündigungen

Der Herr segne euch und behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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