Abwertung – nein danke!

Ich kenne eine Reihe von Alkoholikern, die nicht zur Kirche gehen, weil sie beim Abendmahl nicht bloßgestellt werden möchten, wenn sie den Wein nicht mittrinken. Wäre es nicht schön, wenn jeder Mensch mit seelischen Problemen in der Kirche eine Art Zuflucht finden könnte? Wenn er wüsste: da sind Menschen, die mich akzeptieren, auch mit meiner seelischen Krankheit?

Eine Schaufensterpuppe in Blautönen fotografiert, mit leerem bzw. traurigem Blick, als Symbol für die Abwertung eines Menschen mit einer seelischen Krankheit

Können seelisch kranke Menschen in evangelischen Gottesdiensten eine Zuflucht finden? (Bild: pixabay.com)

#predigtGottesdienst am 17. Sonntag nach Trinitatis, den 25. September 1994, um 9.30 Uhr in der Kapelle der Landesnervenklinik Alzey und am 18. Sonntag nach Trinitatis, den 2. Oktober 1994, um 9.00 Uhr in Eppelsheim

Ich begrüße Sie herzlich im Gottesdienst mit einem Wort aus 1. Johannes 4, 21:

Und dies Gebot haben wir von [Jesus], dass, wer Gott liebt, dass er auch seinen Bruder liebe!

Gleich am Anfang dazu eine Erläuterung: Oft werden in der Bibel nur die Brüder erwähnt, wo wir erwarten würden, dass Männer und Frauen und vielleicht auch noch Kinder gemeint sind. Liebe Brüder! sagt Paulus dauernd. Und Johannes spricht häufig von der Liebe zu den Brüdern. Das griechische Wort, das so übersetzt wird, heißt jedoch „adelphos“ und das kann manchmal auch „Schwester“ oder „Geschwister“ bedeuten. Also möchte ich vorneweg erklären: wo in der Bibel das Wort „adelphos“ gebraucht wird, werde ich normalerweise von „Geschwistern“ reden. Wenn allerdings in alten Liedtexten von Brüdern die Rede ist, müssen wir uns die Schwestern einfach hinzudenken. Johannes will also sagen: Wer Gott liebt, muss auch seine mitmenschlichen Geschwister lieben – und dazu gehört auch, dass wir niemanden abwerten, auch die weiblichen Geschwister nicht.

Liederheft 207: Gott liebt diese Welt
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Wir beten mit dem Psalm 1:

1 Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen noch tritt auf den Weg der Sünder noch sitzt, wo die Spötter sitzen,

2 sondern hat Lust am Gesetz des HERRN und sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht!

3 Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht. Und was er macht, das gerät wohl.

Kommt, lasst uns anbeten. „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Barmherziger, gnädiger Gott, du bist die Liebe; und das Gesetz, das du uns gibst, heißt auch Liebe. Indem du uns liebhast, stiftest du uns dazu an, dass wir auch Liebe üben. Ja, Liebe müssen wir einüben – die Nächstenliebe, die Feindesliebe, sogar uns selbst wirklich liebzuhaben, fällt uns gar nicht leicht. Hilf uns dabei, auf Liebe zu vertrauen, auf Liebe unser Leben aufzubauen. Schenke uns die Lust an diesem Gesetz, an deinem Gesetz der Liebe. Und lass uns sein wie der Baum an den Wasserbächen, der zu seiner Zeit gute Früchte bringt. Das erbitten wir von dir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Schriftlesung aus dem Buch Jesus Sirach 1. Da ist von der Liebe zu Gott die Rede, umschrieben mit dem Wort „Furcht des Herrn“. Gemeint ist: Wer Gott wirklich liebhat, der braucht nichts und niemand anderes zu fürchten außer dem allmächtigen Gott selber:

11 Die Furcht des Herrn ist Ehre und Ruhm, Freude und eine schöne Krone.

12 Die Furcht des Herrn macht das Herz fröhlich und gibt Freude und Wonne und langes Leben.

13 Wer den Herrn fürchtet, dem wird’s am Ende gut gehen, und am Tage seines Todes wird er den Segen empfangen.

14 Gott lieben, das ist die allerschönste Weisheit,

15 und wer sie erblickt, der liebt sie; denn er sieht, welch große Wunder sie tut.

16 Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang, und seinen Getreuen ist sie ins Herz gelegt. Sie geht einher mit den auserwählten Frauen, und man findet sie bei den Gerechten und Gläubigen.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja.“

Lied 234, 1-3:

Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren, meine geliebete Seele, das ist mein Begehren. Kommet zuhauf, Psalter und Harfe, wacht auf, lasset den Lobgesang hören.

Lobe den Herren, der alles so herrlich regieret, der dich auf Adelers Fittichen sicher geführet, der dich erhält, wie es dir selber gefällt; hast du nicht dieses verspüret?

Lobe den Herren, der künstlich und fein dich bereitet, der dir Gesundheit verliehen, dich freundlich geleitet. In wieviel Not hat nicht der gnädige Gott über dir Flügel gebreitet!

Gnade und Friede sei mit uns allen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

Liebe Gemeinde, heute hören wir zur Predigt eine Ermahnung aus dem Brief des Jakobus 2, 1-9.13:

1 Liebe [Geschwister], haltet den Glauben an Jesus Christus, unsern Herrn der Herrlichkeit, frei von allem Ansehen der Person.

2 Denn wenn in eure Versammlung ein Mann käme mit einem goldenen Ring und in herrlicher Kleidung, es käme aber auch ein Armer in unsauberer Kleidung

3 und ihr sähet auf den, der herrlich gekleidet ist, und sprächet zu ihm: Setze du dich hierher auf den guten Platz! und sprächet zu dem Armen: Stell du dich dorthin! oder: Setze dich unten zu meinen Füßen!,

4 ist’s recht, dass ihr solche Unterschiede bei euch macht und urteilt mit bösen Gedanken?

5 Hört zu, meine lieben Geschwister! Hat nicht Gott erwählt die Armen in der Welt, die im Glauben reich sind und Erben des Reichs, das er verheißen hat denen, die ihn lieb haben?

6 Ihr aber habt dem Armen Unehre angetan. Sind es nicht die Reichen, die Gewalt gegen euch üben und euch vor Gericht ziehen?

7 Verlästern sie nicht den guten Namen, der über euch genannt ist?

8 Wenn ihr das königliche Gesetz erfüllt nach der Schrift: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst«, so tut ihr recht;

9 wenn ihr aber die Person anseht, tut ihr Sünde und werdet überführt vom Gesetz als Übertreter.

13 Denn es wird ein unbarmherziges Gericht über den ergehen, der nicht Barmherzigkeit getan hat; Barmherzigkeit aber triumphiert über das Gericht.

Liebe Gemeinde!

Wer an Jesus Christus glaubt, soll dies tun „frei von jedem Ansehen der Person“. Unser Bibelabschnitt gibt ein anschauliches Beispiel, was damit gemeint ist, das Beispiel vom reichen und vom armen Mann, die beiden in den Gottesdienst kommen. Ein bisschen erinnert das an die alte Geschichte „Kleider machen Leute“ – wir Menschen neigen dazu, einen Menschen vom Äußeren her zu beurteilen. Auch musste ich an das Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ denken. Da wollen ja die reichen Leute besonders vornehm sein und lassen sich von einem Betrüger Kleider andrehen, die man angeblich nur sehen kann, wenn man einen besonderen Blick dafür hat. Da muss erst ein kleines Kind kommen, um den erwachsenen Leuten zuzurufen: „Aber er hat ja gar nichts an!“

Johannes wünscht sich also eine Gemeinde, in der jeder Mensch gleich geachtet wird, wenn er nur das Anliegen hat, irgendwie mit Gott in Kontakt zu kommen. Da findet der Mann ebenso seinen Platz, der eben aus dem Gefängnis entlassen wurde, wie der Kirchenvorsteher, der die Woche über als Staatsbeamter arbeitet. Die drogenabhängige junge Frau, die zum erstenmal im Gottesdienst auftaucht, ist hier ebenso willkommen wie die alte Witwe, die schon seit vielen Jahrzehnten ihren Stammplatz in der Kirche hat. Der geschiedene Mann, der keinen Kontakt mehr zu seinen Kindern hat, darf hier ebenso seinen Gedanken nachhängen wie die Frau, die ihre krebskranke Mutter bis zuletzt gepflegt hat. Auch springlebendige Kinder würde Johannes gern in der Kirche sehen, und natürlich Konfirmanden und andere Jugendliche mit ihren eigenen Themen und Interessen und mit ihrem eigenen Musikgeschmack.

Wenn wir uns in unseren Gottesdiensten umschauen, müssen wir uns allerdings fragen: Warum finden viele von den genannten Gruppen von Menschen nicht oder nur selten hierher? Liegt es daran, dass auch in der Kirche manchmal eben doch auf die Person gekuckt wird? Wie ist denn die anzogen? War der nicht im Knast? Ach, findet die auch mal in die Kirche! Es gibt jedenfalls viele, die Angst davor haben, dass gerade die regelmäßigen Kirchgänger in dieser Weise auf sie herabsehen. Wie viele seelisch Kranke gehen wohl deshalb nicht in die Kirche, weil sie befürchten: jetzt denken sie alle – die war doch gerade wieder in der Klinik! Und ich kenne eine Reihe von Alkoholikern, die nicht zur Kirche gehen, weil sie beim Abendmahl nicht bloßgestellt werden möchten, wenn sie den Wein nicht mittrinken können.

„Hört zu, meine lieben Geschwister!“ so will uns Johannes wachrütteln. „Hat nicht Gott erwählt die Armen in der Welt, die im Glauben reich sind?“ Also Menschen, die von anderen als arme Leute beurteilt werden, können bei Gott hoch angesehen sein – sie können einen reichen Glauben haben.

Ich möchte dazu nur ein Beispiel anführen. Wie schwer fällt es z. B. einem suchtkranken Menschen, von seiner Abhängigkeit wegzukommen, trocken oder clean zu werden! Das hat nichts mit Willenskraft zu tun, sondern mit einer ganz bestimmten Einsicht: Ich habe keine Kontrolle über den Alkohol, über die Droge, ich muss zugeben, dass ich machtlos bin. Ich brauche das Vertrauen zu einer höheren Macht, um das Suchtmittel loslassen zu können. Wer das schafft, ist innerlich ein reicher Mensch. Er ist auch ein demütiger Mensch, weil er weiß, ich muss jeden Tag neu darum bitten, dass ich nicht in die allzu vertraute alte Verhaltensweise zurückfalle. Aber er ist auch glücklich und dankbar, weil er Schwierigkeiten und Konflikte endlich meistern kann, weil er endlich Hilfe annehmen kann, um mit bedrängenden Gefühlen fertigzuwerden.

Wäre es nicht schön, wenn jeder Mensch mit solchen oder ähnlichen Problemen in der Kirche eine Art Zuflucht finden könnte? Wenn er wüsste: da sind Menschen, die mich akzeptieren, auch mit meiner seelischen Krankheit? Und auch die vielen, die nicht seelisch krank sind, aber doch auch nicht immer gleich gut „drauf“ sind, könnten sie nicht hier in der Kirche innerhalb einer guten Gemeinschaft einen Ort finden zum Auftanken – um zur Ruhe zu kommen oder neue Gedanken an sich heranzulassen?

An dieser Stelle halten wir inne im Text und singen das Lied 207 aus dem Liederheft – ein Lied über die Menschen, die Jesus selber glücklich gepriesen hat:
Hört, wen Jesus glücklich preist, Halleluja

Liebe Gemeinde! Als ich gestern ein Gespräch über unseren Predigttext führte, kam ich noch auf einen anderen Gedanken. Was ist, wenn wir uns selber abwerten? Wenn wir selber uns nichts zutrauen? Wenn wir vielleicht schon früh in unserem Leben innerlich so hohe Ansprüche an uns aufgebaut haben, weil wir etwas ganz Besonderes sein wollten oder sollten, dass wir diese Ansprüche nie und nimmer erfüllen können? Es ist furchtbar mit solchen inneren Ansprüchen. Wir machen mit ihnen uns selber das Leben zur Hölle – aber meist auch unseren Mitmenschen. Wir gehen dann weder mit uns selbst noch mit anderen Menschen barmherzig um.

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Patienten auf der Suchtstation. Zunächst wurde viel geschimpft auf die da oben, auf die Ärzte, die Pflegekräfte, auf alle die in unserer Gesellschaft, die einem Alkoholiker oder Drogenabhängigen nichts mehr zutrauen und ihn manchmal nicht gerade menschenwürdig behandeln. Aber dann wurde deutlich: eigentlich fühlt man sich ja schon selber wie der letzte Dreck. Und indem man den anderen zu Recht oder Unrecht unterstellt: sie gehen nicht gut mit mir um – bestätigt man sich wieder: die anderen sind schuld an meinem Elend, ich kann ja eh nichts tun.

Vor ein paar Tagen auf einer Fortbildung lernte ich, was man evtl. dagegen tun kann, wenn man so extreme innere Ansprüche in sich spürt. Man muss sich eine Vertrauensperson suchen, sei es einen Therapeuten oder guten Freund oder Seelsorger. Man muss schauen, warum man eigentlich so eine innere ausgedachte Figur braucht, die einem immer sagt: Eigentlich bist du ja der Größte, du musst dich nur mehr anstrengen, aber so, wie du dich aufführst, bist du halt nur ein armseliges Häufchen Elend. Wer dauernd immer nur um sich selber kreist und in solchen Extremen von sich denkt: Ich will etwas Besonderes sein! oder: Ich bin der letzte Mensch, ich bin ganz besonders schlecht! – der sollte wirklich mal Gespräche suchen mit einem realen Gegenüber und dann schauen: muss ich wirklich so etwas Besonderes sein? Wird es nicht Zeit, von so einem übersteigertem Stolz auf mich selber Abschied zu nehmen? Reicht es nicht, wenn ich einfach ein ganz normaler Mensch bin mit starken und auch schwachen Seiten? Reicht es nicht, wenn ich ein einmaliger Mensch bin – dieser einmalige, von Gott geliebte Mensch? Auch wenn ich keinen besonderen Platz in der Geschichte bekommen werde?

Wer sich selber nicht mehr abwerten muss, der braucht seine inneren hohen Ansprüche auch anderen nicht überzustülpen. Wer barmherzig zu sich selber sein kann, der kann auch barmherzig mit den Fehlern anderer Menschen sein, seien es Partner oder Verwandte oder Freunde, oder seien es auch Menschen, die mir etwas zu sagen haben, oder die mir anvertraut sind. Die Bibel spricht davon auch unter dem Stichwort Vergebung. Wir müssen nicht immer an all das denken, was wir falsch gemacht haben, wir dürfen uns vielmehr heute wieder neu zutrauen, etwas Richtiges zu tun, einen guten Schritt zu gehen.

Ein weiteres Mal unterbrechen wir die Predigt für ein Lied – es steht im Liederheft unter Nr. 16 (oder auch im Gesangbuch unter Nr. 469, 5-7). In diesem Lied geht es darum wie wichtig Vergebung und Barmherzigkeit für unser Leben sind:

5) Du schenkst mir täglich so viel Schuld, du Herr von meinen Tagen; ich aber sollte nicht Geduld mit meinen Brüdern tragen, dem nicht verzeihn, dem du vergibst, und den nicht lieben, den du liebst?

6) Was ich den Frommen hier getan, den Kleinsten auch von diesen, das sieht er, mein Erlöser, an, als hätt ichs ihm erwiesen. Und ich, ich sollt ein Mensch noch sein und Gott in Brüdern nicht erfreun?

7) Ein unbarmherziges Gericht wird über den ergehen, der nicht barmherzig ist, der nicht die rettet, die ihn flehen. Drum gib mir, Gott durch deinen Geist ein Herz, das dich durch Liebe preist.

Nun, liebe Gemeinde, als ich unseren Predigttext las, habe ich auch noch an ein anderes Problem gedacht, das uns gerade hier in der Kirche immer sehr bedrängt: ich meine die kleine Zahl der Gottesdienstbesucher. Wie oft habe ich schon den Stoßseufzer einer Kirchendienerin gehört: „Es kommt ja wieder niemand!“ Und wie oft war ich selber etwas bedrückt, wenn ich gesehen habe: die meisten Kirchenbänke bleiben leer!

Aber Johannes macht auf etwas Wichtiges aufmerksam: Wenn es um den Glauben geht, dann darf es nicht um ein Ansehen der Person gehen – auch nicht um das Ansehen der Personenzahl, die sich hier versammelt.

Mag sein, dass wir einladender werden müssen für die anderen, die zu Hause bleiben, dass wir vielleicht mehr für den Gottesdienst werben müssten. Aber wir werden es sicher nicht, wenn wir uns hier Sonntag für Sonntag als ein depressives kleines Häuflein von Menschen betrachten, die pflichtgemäß den Gottesdienst besuchen, während die anderen sich ausschlafen dürfen oder etwas viel Spannenderes tun.

Ich will damit sagen: Wir haben überhaupt keinen Grund, uns selber, die wir hier sind, abzuwerten! Wenn wir hier sind, weil wir hier sein wollen, weil wir vom Gottesdienst etwas erwarten, nun gut, dann feiern wir doch einfach Gottesdienst und warten ab, was er uns gibt! Machen wir doch nicht denen Vorwürfe, die heute nicht gekommen sind oder die mit unserer Form von Gottesdienst nicht viel anfangen können.

„Es ist ja niemand da!“ Das bekomme ich oft zu hören. Aber dass wirklich kein einziger Mensch im Gottesdienst war, das habe ich innerhalb von fünfzehn Pfarrerjahren und auch sonst in über vierzig Lebensjahren bisher nur ein oder zweimal erfahren. Wenn einer da ist, der mir sagen kann: „Es ist niemand da!“, dann muss doch mindestens einer außer mir da sein – und wir sind schon zwei, die im Namen Jesu versammelt sind und denen Jesus verheißt, dass auch er dann noch mitten unter uns da ist.

Und dass wir wenige hier zusammenkommen, das ist genauso wichtig, als wenn wir eine überfüllte Kirche hätten. Wer von uns will beurteilen, was gerade dieser Gottesdienst für einen einzelnen Menschen heute bedeuten mag? Wer sagt denn, dass die vielen Leute in einem Weihnachts- oder Konfirmationsgottesdienst wirklich alle für ihren Glauben etwas mit nach Hause nehmen? Das kann sein, muss aber nicht. Und umgekehrt: In einem Gottesdienst wie diesem ist jeder einzelne wichtig – egal wie alt oder wie jung.

Kürzlich feierten wir einmal zwei Gottesdienste hintereinander in zwei Dörfern, in denen die Zahl der ganz normalen Gottesdienstbesucher kaum an die Zahl derer heranreichte, die den Gottesdienst mitgestalteten – ich meine die Organistin, den Küster, mich als Pfarrer und die ehrenamtliche Helferin, die die Lesungen übernahm. In dem einen Dorf waren außerdem noch vier alte Frauen anwesend, im anderen waren es drei Konfirmanden.

Manche würden sagen: Das lohnt sich doch gar nicht! Ein Gottesdienst nur für vier alte Frauen. Oder ein Gottesdienst nur für drei Konfirmanden, die sowieso nur kommen, weil sie es müssen.

Dazu möchte ich sagen: Werten wir bitte niemanden ab, der hier sitzt! Für die vier alten Frauen war der Gottesdienst wichtig, deshalb waren sie da. Nur Gott selber weiß, ob und wie sie gestärkt und vielleicht etwas weniger einsam aus dem Gottesdienst nach Hause gingen. Und als ich die drei Konfirmanden als Hauptteilnehmer am Gottesdienst vor mir sah, da habe ich eben kurzerhand den Predigtteil anders gestaltet. Ich habe versucht, den Predigttext jugendgerecht nachzuerzählen und ein Gespräch daran anzuknüpfen. Die Gitarre hatte ich ja sowieso mit, so dass wir auch ein paar neue Lieder gesungen haben. Also mir hat es gefallen an diesem Sonntag; manchmal sind es gerade solche Gottesdienstfeiern, die man nicht so leicht vergisst.

Ich denke also, es gibt keinen Grund, uns im Gottesdienst nicht an dem zu freuen, was wir hören und mitmachen dürfen, egal wie viele oder wie wenige wir sind. Hören wir doch einfach auf, immer mehr an die zu denken, die nicht da sind, als an uns, die wir hier sind. Wir brauchen uns nicht niederzumachen, als seien wir nur ein Häuflein altmodischer armer Menschen, die unerklärlicherweise noch an Gott glauben. Solche Gedanken nehmen uns nur den Mut, und sie werden auch dem nicht gerecht, was wir jeden Sonntag neu hier mit Gott erleben können, wenn wir offen dafür sind. Hier ist Gott mit seinem Wort für uns da und wir können in Gebet und Gesang ausdrücken, was wir Gott gegenüber empfinden. Hier haben wir Zeit, um über uns und unseren Glauben nachzudenken; hier können wir Freude haben an neuen und alten Liedern. Hier haben wir immer wieder neu die einmalige Gelegenheit, Gott an uns arbeiten zu lassen. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.
Lied 228:

Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen, der große Dinge tut an uns und allen Enden, der uns von Mutterleib und Kindesbeinen an unzählig viel zugut und noch jetzund getan.

Der ewigreiche Gott woll uns bei unserm Leben ein immer fröhlich Herz und edlen Frieden geben und uns in seiner Gnad erhalten fort und fort und uns aus aller Not erlösen hier und dort.

Lob, Ehr und Preis sei Gott, dem Vater und dem Sohne und dem, der beiden gleich im höchsten Himmelsthrone, dem dreimal einen Gott, wie es ursprünglich war und ist und bleiben wird jetzund und immerdar.

Nun bitten wir dich, Gott, nimm uns an, so wie wir sind. Nimm unsere guten Vorsätze, unsere kleinen Erfolge und auch unser Scheitern in deine Hände und mach das Beste daraus. Wo wir keinen Ausweg sehen, zeige uns den nächsten Schritt, den wir trotzdem gehen können. Wenn wir uns hart machen gegen deine Liebe – weiche den Panzer auf, mit dem wir uns abschotten gegen das, was wir uns doch im tiefsten Innern wünschen. Wenn wir denken, es hat doch alles keinen Zweck, dann schenke uns Glauben, so groß wie ein Senfkorn, und lass ihn wachsen, so dass wir staunen werden, wie groß und schön er wird. Durch deinen Sohn Jesus Christus hast du uns gesagt: „Fürchte dich nicht, du kleine Herde!“ – darum lass uns auch nicht mutlos werden, wenn sich nur wenige in deiner Kirche versammeln. Lass uns vielmehr diesen Ort nutzen, um selber Kraft zu schöpfen und aufzutanken aus der Quelle deiner Liebe. Amen.

Gemeinsam beten wir mit den Worten Jesu:

Vater unser
Liederheft 236: Schalom, schalom, wo die Liebe wohnt, da wohnt auch Gott
Abkündigungen

Nun geht hin mit Gottes Segen:

Gott, der Herr, segne euch, und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch Frieden. Amen.

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