Erwachsene Liebe ist nicht nachtragend

Ein schönes Ende der Josefsgeschichte stelle ich mir so vor: Die Brüder Josefs werden endlich wirklich erwachsen. Auch sie können weinen über das, was sie entbehrt haben. Sie sehen ein: ihre Gewalttat damals war keine Lösung. Auch sie erkennen Gottes wunderbare Wege – aus ihrer Bosheit ließ Gott Gutes wachsen. Und vielleicht empfinden sie jetzt Josef gegenüber sogar brüderliche Gefühle.

Eine Person mit ausgebreiteten Armen steht im Mittelpunkt eines stilisierten Netzwerks

Vergebung fördert den Aufbau einer intakten Gemeinschaft (Grafik: pixabay.com)

#predigtGottesdienst am 4. Sonntag nach Trinitatis, den 4. Juli 1993, um 9.30 Uhr in der Kapelle der Landesnervenklinik Alzey

Ich begrüße Sie herzlich im Gottesdienst in unserer Klinik-Kapelle. Heute wird es in der Predigt um das Thema gehen: „Der Mensch denkt, aber Gott lenkt.“ Anders gesagt: Es geht um die Frage, welcher verborgene Sinn in mancher Lebensgeschichte drinsteckt. Wir denken vielleicht: Da ist alles verfahren, da gibt es keine Hoffnung mehr. Aber Gott lenkt die Geschicke doch immer wieder anders, in wunderbarer Weise.

Lied 236, 1-3:

1) Bis hierher hat mich Gott gebracht durch seine große Güte, bis hierher hat er Tag und Nacht bewahrt Herz und Gemüte, bis hierher hat er mich geleit‘, bis hierher hat er mich erfreut, bis hierher mir geholfen.

2) Hab Lob und Ehr, hab Preis und Dank für die bisherge Treue, die du, o Gott, mir lebenslang bewiesen tägliche neue. In mein Gedächtnis schreib ich an: Der Herr hat Großes mir getan, bis hierher mir geholfen.

3) Hilf fernerweit, mein treuster Hort, hilf mir zu allen Stunden, hilf mir an all und jedem Ort, hilf mir durch Jesu Wunden; damit sag ich bis in den Tod: Durch Christi Blut hilft mir mein Gott; er hilft, wie er geholfen.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten mit Worten des 107. Psalms:

1 Danket dem HERRN; denn er ist freundlich, / und seine Güte währet ewiglich.

2 So sollen sagen, die erlöst sind durch den HERRN, / die er aus der Not erlöst hat,

3 die er aus den Ländern zusammengebracht hat / von Osten und Westen, von Norden und Süden.

4 Die irregingen in der Wüste, auf ungebahntem Wege, / und fanden keine Stadt, in der sie wohnen konnten,

5 die hungrig und durstig waren / und deren Seele verschmachtete,

6 die dann zum HERRN riefen in ihrer Not, / und er errettete sie aus ihren Ängsten

7 und führte sie den richtigen Weg, / dass sie kamen zur Stadt, in der sie wohnen konnten:

8 die sollen dem HERRN danken für seine Güte und für seine Wunder, / die er an den Menschenkindern tut,

9 dass er sättigt die durstige Seele / und die Hungrigen füllt mit Gutem.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Lass uns nicht auf eigene Faust dahinleben, Gott, und dulde nicht, dass wir in die Irre gehn. Mit sanfter Macht bewege unser Herz und bringe Ruhe in unsere Seele und Frieden in unsere Welt. Das erbitten wir von dir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Lesung aus dem Evangelium nach Lukas 15, 11-24:

11 Und Jesus sprach: Ein Mensch hatte zwei Söhne.

12 Und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht. Und er teilte Hab und Gut unter sie.

13 Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land; und dort brachte er sein Erbteil durch mit Prassen.

14 Als er nun all das Seine verbraucht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land, und er fing an zu darben

15 und ging hin und hängte sich an einen Bürger jenes Landes; der schickte ihn auf seinen Acker, die Säue zu hüten.

16 Und er begehrte, seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Säue fraßen; und niemand gab sie ihm.

17 Da ging er in sich und sprach: Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger!

18 Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir.

19 Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich zu einem deiner Tagelöhner!

20 Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater, und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn.

21 Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße.

22 Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße

23 und bringt das gemästete Kalb und schlachtet’s; lasst uns essen und fröhlich sein!

24 Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Liederheft 213: In Ängsten die einen, und die andern leben
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Wir hören den Predigttext aus dem 1. Buch Mose – Genesis 50, 15-21:

15 Die Brüder Josefs aber fürchteten sich; als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben.

16 Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach:

17 So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters! Aber Josef weinte, als sie solches zum ihn sagten.

18 Und seine Brüder gingen hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte.

19 Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes Statt?

20 Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk.

21 So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.

Liebe Gemeinde!

Wie geht es Ihnen, wenn Sie ein Buch lesen und Sie sind fast zu Ende damit? Wenn das Buch sehr spannend ist, wird man es kaum aus der Hand legen können, man will unbedingt wissen: Wie geht die Geschichte aus? – hoffentlich geht alles gut!

Und wenn man dann fertig ist, dann löst sich die Spannung, entweder hat es ein glückliches Ende gegeben, ein sogenanntes Happy End, und man kann sich mitfreuen, oder die Geschichte ist tragisch ausgegangen, man ist vielleicht traurig oder aufgewühlt, aber immerhin muss man nicht mehr die Ungewissheit darüber aushalten, was wohl noch kommen mag.

In unserem eigenen Leben spielt sich ja auch eine Geschichte ab, und wir spielen selber die Hauptrolle darin. Manches geschieht mit uns, was wir nicht ändern können, manches andere würde nicht geschehen, wenn wir es nicht selber tun oder geschehen lassen würden. Im Unterschied zu einem Buch können wir jedoch in unserem eigenen Leben nicht einfach vorwärtsblättern und schauen: Wie wird es ausgehen? Zurückblättern geht auch nicht und ungeschehen machen, was wir früher vielleicht falsch gemacht haben. Wir müssen erkennen: Unsere Zeit steht nicht in unserer eigenen Hand – nur der Augenblick zwischen Vergangenheit und Zukunft, dieser gegenwärtige Augenblick, der gehört hier und jetzt uns, an dem können wir in den Grenzen unserer Möglichkeiten etwas ändern, mehr geht nicht. Die Vergangenheit ist nicht zu ändern. Die Zukunft haben wir nicht in der Hand. Nur in der Gegenwart können wir etwas tun, können um Vergebung bitten, können neue Entscheidungen treffen, können Zuversicht gewinnen und neue Schritte in die Zukunft hinein wagen.

Zu diesem Thema gibt es in einem Lied aus dem Gesangbuch ein paar sehr schöne Strophen, in dem Lied 328, 9-11. Sie unterstreichen meine Vorbemerkungen zur Predigt: Unsere Lebensgeschichte insgesamt liegt in Gottes Hand, uns selbst gehört immer nur der jetzige Augenblick, und nur für den sind wir aber auch wirklich verantwortlich:

9) Auf, Herz, wach und bedenke, dass dieser Zeit Geschenke den Augenblick nur dein. Was du zuvor genossen, ist als ein Strom verschossen; was künftig, wessen wird es sein?

10) Verlache Welt und Ehre, Furcht, Hoffen, Gunst und Lehre und geh den Herren an, der immer König bleibet, den keine Zeit vertreibet, der einzig ewig machen kann.

11) Wohl dem, der auf ihn trauet! Er hat recht fest gebauet, und ob er hier gleich fällt, wird er doch dort bestehen und nimmermehr vergehen, weil ihn die Stärke selbst erhält.

Nun zu unserem Predigttext, liebe Gemeinde. Da wurde heute das Ende einer langen Geschichte aus dem Alten Testament erzählt. Diese Geschichte kennen viele von Ihnen bestimmt schon aus dem Kindergottesdienst oder aus der Schule. Erinnern Sie sich?

Da hatte ein Vater zwölf Söhne. Sie waren untereinander Halbbrüder. Nur jeweils zwei oder drei hatten die gleiche Mutter.

Wie es nun oft so geht, so kommt es hier: Dem Vater sind die Kinder nicht alle gleich lieb. Die beiden jüngsten Söhne, die Söhne der Frau, die er am meisten geliebt hatte, die hat er ganz besonders lieb, lieber als die anderen. Ein guter Vater hätte nun trotzdem die anderen nicht zu kurz kommen lassen, hätte sich bemüht, gerecht zu sein in dem, was er ihnen gibt und was er von ihnen verlangt. Aber dieser Vater, Jakob ist sein Name, macht es anders. Josef, der Zweitjüngste, ist sein Lieblingssohn, und er lässt es ihn und seine Brüder auch spüren. Josef kriegt besonders schöne Kleidung, die anderen müssen härtere Arbeit leisten als Josef.

Wir können uns vorstellen, wie eifersüchtig die Brüder auf Josef werden. Aber dem Josef gefällt es, so im Mittelpunkt zu stehen. Und er hat Träume, die die Eifersucht noch schlimmer machen, z. B. diesen: Seine Brüder und er sind auf dem Feld und binden Ährengarben. Als sie die Garben hingestellt haben, kommen die Garben der Brüder und verneigen sich vor der Garbe Josefs. Die Brüder sind ärgerlich, als ihnen Josef voller Stolz seinen Traum erzählt: „Was, du willst über uns herrschen?“ Schließlich wird ihr Hass auf den Bruder so groß, dass sie ihn loswerden wollen. Eines Tages werfen sie ihn in eine Grube und wollen ihn töten. Eine Karawane kommt vorbei, die nach Ägypten zieht. Da denken sich die Brüder: Nun gut, töten wollen wir den Josef doch nicht, aber wir verkaufen ihn als Sklaven nach Ägypten. Dem Vater wird mit Ziegenblut ein Unfall vorgetäuscht; der denkt, sein Lieblingssohn sei tot, und er versinkt in tiefer Trauer. Sein Leben scheint für ihn jeden Sinn verloren zu haben.

Doch wo Gott seine Hand im Spiel hat, da kommt es anders als gedacht. Josef bringt es in Ägypten zu etwas. Erst hat er wieder Pech. Die Frau seines Herrn Potiphar bringt ihn durch Lügen und Verleumdungen ins Gefängnis. Dort aber macht er wertvolle Bekanntschaften. Seine Traumdeutungen machen ihn sogar beim König des Landes, beim Pharao, bekannt, und der ernennt Josef schließlich zum Regierungschef von ganz Ägypten.

Eines Tages müssen die Brüder Josefs wegen einer Hungersnot nach Ägypten ziehen; nur dort gibt es wegen der guten Vorratspolitik des Josef während einer jahrelang anhalten Dürrezeit noch Getreide zu kaufen. Und nun erfüllt sich der Jugendtraum des Josef: Die Brüder verneigen sich vor ihm, den sie zunächst überhaupt nicht erkennen. Josef nimmt keine Rache. Die Brüder und auch der Vater bekommen bei ihm in Ägypten als Wirtschaftsflüchtlinge Asyl gewährt. Jakob hat seinen Lieblingssohn doch noch lebend wiedersehen dürfen, hat dieses Glück doch noch erfahren, auf das er schon lange nicht mehr hoffen konnte.

Und dann stirbt der alte Vater Jakob. Was nun, denken die Brüder Josefs, wird Josef es uns nun doch noch heimzahlen?

Und so hört sich das in unserem Predigttext an (1. Buch Mose – Genesis 50):

15 Die Brüder Josefs aber fürchteten sich; als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben.

Diese Furcht ist gar nicht so unbegründet. Sie haben etwas Böses getan, aus einer verständlichen Eifersucht heraus, der Bruder hat ihnen zwar vergeben, aber sie fürchten sich immer noch vor dem nun so mächtigen Mann. Hatte er vielleicht aus Rücksicht auf den Vater die Strafe nur aufgeschoben? Für den Vater war die Geschichte noch glücklich ausgegangen, nachdem er den verlorenen Sohn wieder in die Arme schließen konnte; sein Leben endete doch nicht in Verzweiflung, sondern mit einem neu geschenkten Glück. Wie würde die Geschichte nun für die anderen Söhne Jakobs ausgehen?

Davor, sich einfach vor Josef hinzustellen und ihm zu sagen: Sag mal, Josef, wie stehst du jetzt zu uns, gilt es immer noch, dass du uns verziehen hast? Was dürfen wir jetzt von dir erwarten? – vor einer solchen ehrlichen Frage haben die Brüder Angst. Wie könnte man das auch tun, zuzugeben: Wir haben Angst vor dir! Wir fühlen uns dir ausgeliefert!

Und weil sie sich nicht trauen, dem Bruder offen gegenüberzutreten, versuchen sie es mit einem Trick. Vielleicht haben sie den jüngsten Bruder vorgeschickt, und der sollte dem Josef von ihnen allen etwas ausrichten:

16 Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach:

17 So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters!

Das klingt schön und gut und sehr bußfertig. Es hat nur einen einzigen Schönheitsfehler: Der Vater hatte so etwas vor seinem Tod gar nicht gesagt. Statt selber von sich aus um Vergebung zu bitten, verstecken sich die Brüder hinter ihrem Vater. Ganz jung werden sie ja auch nicht mehr gewesen sein zu dieser Zeit, aber sehr erwachsen kommt mir dieses Verhalten nicht vor.

Sie trauen sich einfach immer noch nicht, dazu zu stehen, dass sie selber verantwortlich für ihre Taten waren. Sicher, der Vater hatte sich falsch verhalten; da mussten sie ja eifersüchtig werden. Aber es war trotzdem ihre Verantwortung und ihre Schuld, dass sie Josef so übel mitspielten.

Und jetzt ist der Vater tot. Nun wäre es endgültig an der Zeit, eigene Entscheidungen zu treffen, selber Verantwortung dafür zu übernehmen, was sie wollen und was sie tun. Wollen sie wirklich ehrlich um Vergebung bitten oder ob tun sie es nur aus Angst vor Strafe? Wollen sie sich wirklich mit Josef versöhnen oder hassen sie ihn eigentlich immer noch und beugen sich nur vor seiner Macht?

Und wie reagiert Josef?

Aber Josef weinte, als sie solches zum ihn sagten.

Bemerkenswert ist: Wo die Brüder herumreden und Tricks versuchen, wo sie Schwierigkeiten damit haben, zu ihrer eigenen Verantwortung zu stehen, da verliert Josef, dieser gestandene, erfolgreiche Politiker hier nun überhaupt keine Worte, sondern er weint, er ist ganz Gefühl. Hier gibt es zunächst nichts zu reden, hier ist zunächst einmal viel zu fühlen. Hier wächst etwas, gerade, wenn man zunächst nicht viele Worte macht.

Liederheft 217: Kleines Senfkorn Hoffnung, mir umsonst geschenkt

Was mag alles liegen in diesem Weinen, liebe Gemeinde? Die Trauer darüber, dass der geliebte Vater tot ist. Die Wehmut darüber, dass eben dieser geliebte Vater doch auch die Eifersucht und den Hass seiner Brüder provoziert hatte. Vielleicht auch die Einsicht, dass er selber auch mitverantwortlich war für die Eifersucht seiner Brüder, denn ihm hatte die Bevorzugung durch seinen Vater ja durchaus gefallen.

Ob Josef seinen Brüdern ihre Geschichte abnimmt, das weiß ich nicht. Mag sein, dass er es glaubt und dass er angerührt ist vom vermeintlich letzten Willen seines Vaters. Wollte sein Vater vielleicht einen alten Fehler endlich doch noch gutmachen und seinen anderen Söhnen etwas Gutes tun? Mag aber auch sein, dass Josef die Brüder durchschaut und angerührt ist von ihrer so menschlich-allzumenschlichen Angst, wirklich ehrlich ihre Furcht einzugestehen und zu ihrer Verantwortung zu stehen. Merkwürdig ist: Josef nimmt es einfach so hin, dass er nicht genau weiß, wie ehrlich es die Brüder meinen. Er reagiert spontan aus dem Herzen heraus. Der tiefste Grund für sein Weinen ist: Er hat seine Brüder nach all den Jahren, nach all dem, was geschehen ist, nun eigentlich erst liebgewonnen.

Aber was tun seine Brüder, als Josef nichts sagt und einfach in Tränen ausbricht?

18 Und seine Brüder gingen hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte.

Die Brüder können mit den Tränen Josefs offenbar nicht viel anfangen. Sie nehmen immer noch nicht wahr, dass er gar nicht mehr über sie herrschen will, dass er jetzt nichts weiter sein will als einfach ihr Bruder, mit dem sie sich gut verstehen könnten. Und so tun sie etwas, was so ähnlich später in einer Geschichte vorkommt, die Jesus erzählt: dort wirft sich der verlorene Sohn vor dem eigenen Vater in den Staub, hier erniedrigen sich die Brüder vor dem mächtig gewordenen kleineren Bruder. Und so wie im Gleichnis Jesu der Vater den Sohn gar nicht als Knecht, sondern als Sohn wiederhaben will, so will auch Josef seine Brüder nicht als Knechte, sondern als Brüder wiedergewinnen. Und deshalb sagt er ihnen nun offen und frei, was er fühlt und denkt:

19 Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes Statt?

20 Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk.

21 So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.

Josef möchte sich wirklich nicht rächen an seinen Brüdern, als säße er an Gottes Stelle auf dem Richterstuhl im Himmel. Und zugleich lässt Josef etwas davon ahnen, dass selbst dort oben im Himmel vielleicht gar nicht so ein hart strafender Gott sitzt, wie seine Brüder es befürchten. Vielmehr hat es Josef ja am eigenen Leibe erfahren, dass die Wege Gottes sehr verschlungen sein können. „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.“ Wir können diese Erfahrung auch in anderen Worten umschreiben. „Gott schreibt auch auf krummen Linien gerade“, hat mal jemand gesagt. Oder wir kennen alle das Sprichwort: „Der Mensch denkt, aber Gott lenkt.“

Liederheft 8: Weiß ich den Weg auch nicht, du weißt ihn wohl

Ja, liebe Gemeinde, begonnen hatte die Josefsgeschichte damit, dass ein Vater einen Sohn bevorzugt und die anderen vernachlässigt. Nach menschlichem Ermessen stürzt er dadurch beide ins Unglück: Der bevorzugte Sohn wird von den anderen fast getötet, verkauft, ins Unglück gestürzt. Die vernachlässigten Söhne hingegen werden nie richtig erwachsen, erst meinen sie den Bruder gewaltsam entfernen zu müssen, damit der Vater sie endlich liebhat, später meinen sie den Bruder durch Tricks gnädig stimmen zu müssen, damit sie nicht seine Rache erleiden.

Auf wunderbare Weise aber lernt der leidgeprüfte Sohn gerade dort in Ägypten, wirklich erwachsen zu werden. Eben weil er es nicht mehr braucht, der Lieblingssohn, der Erste zu sein, kann er ein wirklich guter Herrscher sein, kann er sein Volk und sogar die Asylsuchenden aus dem Ausland gut versorgen.

Und vielleicht kann er gerade deshalb nun auch seinen Brüdern noch etwas geben, was sie so nötig von ihrem Vater gebraucht hätten: Versorgung mit allem, was sie brauchen, freundliche Zuwendung, tröstende Worte, die ihre Furcht wegnehmen. Erzählt wird es nicht mehr, aber ein wirklich schönes Ende der Geschichte stelle ich mir so vor: Dass die Brüder Josefs nun endlich wirklich erwachsen werden. Dass sie auch weinen können über das, was sie entbehrt haben. Dass sie wirklich einsehen, dass ihre Gewalttat damals keine Lösung war. Dass sie sich auch angerührt fühlen von Gottes wunderbaren Wegen – dass er aus ihrer Bosheit trotz allem etwas Gutes wachsen ließ. Dass sie in sich hineinhorchen und -schauen, ob sie dem Josef gegenüber doch irgendwo brüderliche Gefühle empfinden.

Hat diese Geschichte Josefs auch etwas mit unserer eigenen Lebensgeschichte zu tun? Ich denke ja. Der Schriftsteller Thomas Mann hat über „Joseph und seine Brüder“ einen Roman geschrieben; darin kommt der Satz vor: „Man kann sehr wohl in einer Geschichte sein, ohne sie zu verstehen.“ Wir verstehen manchmal auch nicht, warum unser Leben bisher so verlaufen ist, wie es ist, warum ein Schicksalsschlag uns treffen musste, warum uns Menschen übel mitspielen mussten. Und doch kann es geschehen, dass wir irgendwann wie Josef sagen können: „Sie gedachten es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.“ Niemand weiß, was Gott noch alles mit mir oder mit Ihnen vorhat! Aber ich bin dessen gewiss: Er hat mit uns allen noch etwas vor. Ich wünsche uns allen, dass das Vertrauen darauf in uns wächst, dass wir dieses Vertrauen gerade in schweren Zeiten immer wieder neu gewinnen. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Wir singen aus dem Gesangbuch das Lied 294, 1 und 6-8:

1) Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.

6) Hoff, o du arme Seele, hoff und sei unverzagt! Gott wird dich aus der Höhle, da dich der Kummer plagt, mit großen Gnaden rücken; erwarte nur die Zeit, so wirst du schon erblicken die Sonn der schönsten Freud.

7) Auf, auf, gib deinem Schmerze und Sorgen gute Nacht, lass fahren, was das Herze betrübt und traurig macht; bist du doch nicht Regente, der alles führen soll; Gott sitzt im Regimente und führet alles wohl.

8) Ihn, ihn lasst tun und walten, er ist ein weiser Fürst und wird sich so verhalten, dass du dich wundern wirst, wenn er, wie ihm gebühret, mit wunderbarem Rat das Werk hinausgeführet, das dich bekümmert hat.

Nun feiern wir – wie immer am ersten Sonntag des Monats – das heilige Abendmahl miteinander. Wer kommen will, mag gleich nach vorn kommen, wer nicht mitmachen will, mag auf seinem Platz bleiben.

Christus spricht: „Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, dessen Hunger wird gestillt; wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubt, der hat das ewige Leben!“

Gott, schenke uns mit deinem Abendmahl die Gewissheit, dass du uns liebhast, dass du uns festhältst, dass du uns niemals allein lassen wirst. Stärke uns für unsere Wege, die wir vor uns haben. Amen.

Abendmahl

Gott, unser guter Vater, nimm uns unsere Scheu vor dir, dass wir dich wirklich an uns heranlassen. Dass wir es wagen, mit leeren Händen vor dir zu stehen. Dass wir uns trauen, unser Herz vor dir auszuschütten. Du bekümmerst dich auch um unsere kleinen Sorgen und Wünsche, Du bist ein Gott gerade der Menschen, die am Ende sind, ganz tief unten, total verzweifelt. Danke, guter Gott, dass du niemanden allein lässt, niemanden ins Nichts fallen lässt. Amen.

Alles, was uns heute bewegt, schließen wir im Gebet Jesu zusammen:

Vater unser
Liederheft 208: Gib uns Frieden jeden Tag, lass uns nicht allein

Und nun lasst uns mit Gottes Segen in den Sonntag und in die neue Woche gehen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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