Fliehen und wohnen – jubeln und still werden!

Die Landkarte des Geschehens im Sacharja-Buch ist mir im vergangenen Jahr näher gerückt. Das Land des Nordens liegt in der Richtung nach Syrien bis in den Irak; die herrschenden Völker in dieser Gegend wechselten häufig: damals die Assyrer, Babylonier, Perser, Griechen, Römer. Zuletzt die Osmanen, westliche Kolonisatoren, arabische Diktatoren bis hin zu Assad und zum selbst ernannten „Islamischen Staat“.

Katholische Kirche St. Albertus in Gießen

Katholische Kirche St. Albertus in Gießen

direkt-predigtÖkumenische Vesper am Sonntag, 28. Februar 2016, um 16.00 Uhr in der katholischen Kirche St. Albertus Gießen

Zur Vesper der Gemeinden St. Albertus, Michael, Paulus und Stephanus haben Andreas Pithan und Pfarrer Hermann Heil von St. Albertus und Pfarrer Helmut Schütz von der Paulusgemeinde die Gebete und die Predigt vorbereitet. Zur musikalischen Gestaltung haben sich die drei Chöre von St. Albertus, Michael und Stephanus unter der Leitung von Marion Bathe, Olga Kallasch und Norbert Kissel zusammengetan. In der Woche zuvor wurden an fünf Bibelabenden in St. Albertus, in der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde (Baptisten) und in den evangelischen Gemeinden Michael, Thomas und Paulus Texte aus dem Buch des Propheten Sacharja besprochen. Auch heute wird in der Predigt ein Abschnitt aus dem Buch Sacharja ausgelegt.

Orgelvorspiel
Begrüßung und Einführung (Pfarrer Hermann Heil)
Gemeinde und Chöre – EG 323, 1-3:

1. Man lobt dich in der Stille, du hocherhabner Zionsgott; des Rühmens ist die Fülle vor dir, o Herre Zebaoth. Du bist doch, Herr, auf Erden der Frommen Zuversicht, in Trübsal und Beschwerden lässt du die Deinen nicht. Drum soll dich stündlich ehren mein Mund vor jedermann und deinen Ruhm vermehren, solang er lallen kann.

2. Es müssen, Herr, sich freuen von ganzer Seel und jauchzen hell, die unaufhörlich schreien: »Gelobt sei der Gott Israel‘!« Sein Name sei gepriesen, der große Wunder tut und der auch mir erwiesen das, was mir nütz und gut. Nun, dies ist meine Freude, zu hangen fest an dir, dass nichts von dir mich scheide, solang ich lebe hier.

3. Herr, du hast deinen Namen sehr herrlich in der Welt gemacht; denn als die Schwachen kamen, hast du gar bald an sie gedacht. Du hast mir Gnad erzeiget; nun, wie vergelt ich’s dir? Ach bleibe mir geneiget, so will ich für und für den Kelch des Heils erheben und preisen weit und breit dich hier, mein Gott, im Leben und dort in Ewigkeit.

Psalm 98 mit Antiphon (nach dem Gotteslob – Kantor Martin Thomanek)

Jubelt, ihr Lande, dem Herrn; alle Enden der Erde schauen Gottes Heil.

1 Singt dem Herrn ein neues Lied; | denn er hat wunderbare Taten vollbracht.

2 Er hat mit seiner Rechten geholfen | und mit seinem heiligen Arm.

3 Der Herr hat sein Heil bekannt gemacht | und sein gerechtes Wirken enthüllt vor den Augen der Völker.

4 Er dachte an seine Huld | und an seine Treue zum Hause Israel.

5 Alle Enden der Erde | sahen das Heil unsres Gottes.

6 Jauchzt vor dem Herrn, alle Länder der Erde, | freut euch, jubelt und singt!

7 Spielt dem Herrn auf der Harfe, | auf der Harfe zu lautem Gesang!

8 Zum Schall der Trompeten und Hörner | jauchzt vor dem Herrn, dem König!

9 Es brause das Meer und alles, was es erfüllt, | der Erdkreis und seine Bewohner.

10 In die Hände klatschen sollen die Ströme, | die Berge sollen jubeln im Chor

11 vor dem Herrn, wenn er kommt, | um die Erde zu richten.

12 Er richtet den Erdkreis gerecht, | die Nationen so, wie es recht ist.

13 Ehre sei dem Vater und dem Sohne | und dem Heiligen Geiste,

14 wie im Anfang, so auch jetzt und allezeit | und in Ewigkeit. Amen.

Jubelt, ihr Lande, dem Herrn; alle Enden der Erde schauen Gottes Heil.

Lesung: Römer 8, 18-24a (Andreas Pithan)

(Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift © 1980 by Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart:)

18 Ich bin überzeugt, dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll.

19 Denn die ganze Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes.

20 Die Schöpfung ist der Vergänglichkeit unterworfen, nicht aus eigenem Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat; aber zugleich gab er ihr Hoffnung:

21 Auch die Schöpfung soll von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes.

22 Denn wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt.

23 Aber auc h wir, obwohl wir als Erstlingsgabe den Geist haben, seufzen in unserem Herzen und warten darauf, dass wir mit der Erlösung unseres Leibes als Söhne offenbar werden.

24 Denn wir sind gerettet, doch in der Hoffnung.

Kollektengebet (Pfarrer Helmut Schütz)

Großer Gott, zu dir als dem Zionsgott haben wir im Lied am Anfang gerufen, zu dir als dem Herrn Zebaoth, dem von den Engeln des Himmels umscharten Gott Israels. So dürfen auch wir Christen dich anbeten, der du dich uns als der Vater Jesu Christi offenbart hast. Von Propheten und Aposteln wurdest du verkündet, in deinem Sohn Jesus Christus bist du als lebendiges Wort in unsere Mitte getreten, damit wir, obwohl zerteilt in verschiedene Konfessionen, doch gemeinsam den Leib deiner heiligen Kirche bilden. Hilf uns, dass wir uns heute gemeinsam öffnen für Worte des Propheten Sacharja, im Stillewerden und im Lob zu dir. Darum bitten wir dich, der du mit dem Sohn und dem Heiligen Geist lebst und regierst in alle Ewigkeit. Amen.

Chöre: „Tochter Zion“ (EG 13)

1. Tochter Zion, freue dich, jauchze laut, Jerusalem! Sieh, dein König kommt zu dir, ja er kommt, der Friedefürst. Tochter Zion, freue dich, jauchze laut, Jerusalem!

2. Hosianna, Davids Sohn, sei gesegnet deinem Volk! Gründe nun dein ewig Reich, Hosianna in der Höh! Hosianna, Davids Sohn, sei gesegnet deinem Volk!

3. Hosianna, Davids Sohn, sei gegrüßet, König mild! Ewig steht dein Friedensthron, du, des ewgen Vaters Kind. Hosianna, Davids Sohn, sei gegrüßet, König mild!

Predigttext Sacharja 2, 10-17 (Pfarrer Helmut Schütz)

10 Auf, auf! Flieht aus dem Lande des Nordens! spricht der HERR; denn ich habe euch in die vier Winde unter dem Himmel zerstreut, spricht der HERR.

11 Auf, Zion, die du wohnst bei der Tochter Babel, entrinne!

12 Denn so spricht der HERR Zebaoth, der mich gesandt hat, über die Völker, die euch beraubt haben: Wer euch antastet, der tastet meinen Augapfel an.

13 Denn siehe, ich will meine Hand über sie schwingen, dass sie eine Beute derer werden sollen, die ihnen haben dienen müssen. – Und ihr sollt erkennen, dass mich der HERR Zebaoth gesandt hat.

14 Freue dich und sei fröhlich, du Tochter Zion! Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen, spricht der HERR.

15 Und es sollen zu der Zeit viele Völker sich zum HERRN wenden und sollen mein Volk sein, und ich will bei dir wohnen. – Und du sollst erkennen, dass mich der HERR Zebaoth zu dir gesandt hat.

16 Und der HERR wird Juda in Besitz nehmen als sein Erbteil in dem heiligen Lande und wird Jerusalem wieder erwählen.

17 Alles Fleisch sei stille vor dem HERRN; denn er hat sich aufgemacht von seiner heiligen Stätte!

Chöre: EG 295

1. Wohl denen, die da wandeln vor Gott in Heiligkeit, nach seinem Worte handeln und leben allezeit; die recht von Herzen suchen Gott und seine Zeugniss‘ halten, sind stets bei ihm in Gnad.

2. Von Herzensgrund ich spreche: dir sei Dank allezeit, weil du mich lehrst die Rechte deiner Gerechtigkeit. Die Gnad auch ferner mir gewähr; ich will dein Rechte halten, verlass mich nimmermehr.

3. Mein Herz hängt treu und feste an dem, was dein Wort lehrt. Herr, tu bei mir das Beste, sonst ich zuschanden werd. Wenn du mich leitest, treuer Gott, so kann ich richtig laufen den Weg deiner Gebot.

4. Dein Wort, Herr, nicht vergehet, es bleibet ewiglich, so weit der Himmel gehet, der stets beweget sich; dein Wahrheit bleibt zu aller Zeit gleichwie der Grund der Erden, durch deine Hand bereit‘.

Predigt (Andreas Pithan und Pfarrer Helmut Schütz)

Liebe Gemeinde!

Anlässlich der Vorbereitung zu dieser Vesper stellte Herr Pfarrer Schütz die Frage nach dem Ziel dieses Gottesdienstes. Anders als vielleicht Evangelientexte seien uns Texte aus den alttestamentlichen prophetischen Büchern doch eher fremd. Wohin wolle uns also der Text aus dem Buch des Propheten Sacharja führen?

Von Kindheit an bin ich endzeitlich, apokalyptisch geprägt. Die Erwartung der Wiederkunft Christi ist seit jeher ein Schwerpunkt in meinem Glauben.

Und so lese ich auch unseren Sacharjatext. „Alle Welt werde still vor dem Herrn, denn er kommt aus seiner heiligen Wohnung.“ Christus kommt wieder – Gott ist im Kommen!

Und damit komme ich zum Begriff „Ziel“. Haben wir als Christen, gleich welcher Konfession, nicht dieses gemeinsame Ziel?

So steht es in der Offenbarung 21, 1-4:

1 Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr.

2 Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.

3 Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein;

4 und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.

Was ist nun meine ganz persönliche Hoffnung angesichts solcher Texte?

Es gab eine Zeit, da hoffte ich – wegen meiner konfessionellen Bindung – auf die Entrückung einiger Auserwählter zu Gott vor der großen Katastrophe, die über diese Welt hereinbrechen würde. Dann kommt Christus wieder, richtet ein tausendjähriges Reich des Friedens auf. Dieses wird beendet durch das letzte Gefecht, das zum Abbruch der Geschichte führt. Danach Gericht und Neuschöpfung – wie auch immer.

Meine Sichtweise hat sich verändert. Vielleicht kann man aus einigen Bibelstellen eine solche Chronologie entwickeln. Aus der Gesamtschau der Heiligen Schrift aber wohl eher nicht. Also meine Sichtweise hat sich verändert. Die Hoffnung auf die Wiederkunft Christi ist geblieben.

Was soll nun dieses Kommen Christi bringen? – Friede auf Erden!

Liebe Gemeinde,

an dieser Stelle möchte ich mich in Ihren Gedankengang einklinken, lieber Herr Pithan, Ich habe eine andere konfessionelle Herkunft als Sie, bin mein Leben lang evangelisch gewesen und geblieben. Aber verändert hat sich auch mein Glaube; und gerade im Blick auf Texte der Bibel, die im Widerspruch zu naturwissenschaftlichen Einsichten zu stehen schienen, habe ich mich seit meiner Jugend gefragt: Wie sind sie wirklich gemeint?

Mir ist inzwischen wichtig geworden, genau auf den biblischen Wortlaut zu hören. Manchmal scheint gerade in widersprüchlich scheinenden Texten Wahrheit auf, die quer liegt zu Voreingenommenheiten.

Zum Beispiel im Offenbarungstext, den Sie gelesen haben. Da wird gerade nicht ein Bild von der Entrückung gemalt, da kommen Menschen nicht in den Himmel, sondern da kommt etwas aus dem Himmel zu uns! Jerusalem kommt zu uns auf die Erde, mit einer nur vordergründigen Jenseitsauffassung ist dieses Bild also nicht so ganz kompatibel.

In unserem Sacharja-Text musste ich mich erst einmal so richtig umschauen, ehe er anfing, mir etwas zu sagen. Zwei Gegensätze fielen mir auf: Fliehen und Wohnen, Jubeln und Stillwerden.

Die Flucht ist in diesem Text keine Vertreibung aus einem Heimatland, sie ist ein Entfliehen aus dem Land der Verbannung, wodurch es möglich wird, wieder heimzukommen, nachdem das Volk Gottes in alle Winde zerstreut war (Sacharja 2).

10 Auf, auf! Flieht aus dem Lande des Nordens! spricht der HERR; denn ich habe euch in die vier Winde unter dem Himmel zerstreut, spricht der HERR.

11 Auf, Zion, die du wohnst bei der Tochter Babel, entrinne!

Was mich gerade in dieser Zeit anrührt an diesem Text, ist die Tatsache, dass mir die Landkarte, auf der sich all das abspielt, im vergangenen Jahr viel näher gerückt ist. Das Land des Nordens, damit ist die Richtung gemeint, die über Syrien an der heutigen Türkei vorbei in den Irak führt; die herrschenden Völker in dieser Gegend wechselten häufig: damals die Assyrer, Babylonier, Perser, Griechen, Römer. Zuletzt die Osmanen, westliche Kolonisatoren, arabische Diktatoren bis hin zu Assad und zum selbst ernannten „Islamischen Staat“.

Damals musste die Tochter Zion 70 Jahre lang bei der Tochter Babel wohnen. In der Fremde. Zwangsweise. Dann hieß es: Flieht. Flieht zurück. Das ist möglich. Das ist vielleicht wegen veränderter Umstände nötig, um einer neuen Gefahr zu entrinnen.

Und damit sind wir genau bei dem Stichwort, mit dem Sie, lieber Herr Pithan, Ihre persönliche Hoffnung angesichts solcher Bibeltexte angedeutet haben: Friede auf Erden – wie kann er konkret zu uns kommen?

Da gibt es für mich zwei Aspekte. Zum einen sind wir als Christen aufgefordert, hier und jetzt Frieden zu stiften. Und das ist schon eine große Herausforderung. Das merken wir manchmal schon in unseren Familien. Da bedarf es schon der Einwohnung Gottes in unserem Herzen.

Zum anderen: Was den Frieden auf Erden unter den Menschen, allen Völkern, angeht, bin ich allerdings sehr pessimistisch, dass es uns gelingt, zu Friedensstiftern zu werden. Ist es nicht zum Verzweifeln, dass die Völker dieser Erde nicht zur Ruhe kommen? Der Nahe Osten kommt uns vor wie ein Pulverfass kurz vor der Explosion. Terroranschläge in Europa. Bürgerkriege in Afrika. Der IS. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Dazu unser Umgang mit der Natur, der guten Schöpfung Gottes! Klimawandel, Vermüllung der Meere. Kleinste Plastikteilchen selbst in unseren Flüssen und Bächen.

Da wird mir das gehörte Pauluswort bedeutsam: Die Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Kinder Gottes. Ja, sie seufzt und liegt gleichsam in Wehen. Ich stelle dieses Offenbarwerden der Kinder Gottes in unmittelbaren Zusammenhang mit der Wiederkunft Christi. Aus meiner Sicht kann nur Gott selbst den wahren Frieden bringen.

Aber, liebe Gemeinde, auf welche Weise bringt Gott Frieden?

Was uns an den Texten des Alten Testaments als Christen oft etwas querliegt, das ist der scheinbar so gewalttätig agierende Gott. In unserem Text klingt das so, als ob Gott wie ein Kriegsherr dafür sorgt, dass die bisherigen Unterdrücker zur Beute ihrer bisherigen Unterdrücker werden:

12 Denn so spricht der HERR Zebaoth, der mich gesandt hat, über die Völker, die euch beraubt haben: Wer euch antastet, der tastet meinen Augapfel an.

13 Denn siehe, ich will meine Hand über sie schwingen, dass sie eine Beute derer werden sollen, die ihnen haben dienen müssen. – Und ihr sollt erkennen, dass mich der HERR Zebaoth gesandt hat.

Der Herr Zebaoth, diesen Namen lässt Martin Luther in seiner deutschen Bibel unübersetzt stehen. Wörtlich ist es der von Engelheeren umscharte Gott, der die Macht über die ganze Welt in den Händen hält. Die Frage ist, wie wir uns diese Heere vorstellen. Mit Rüstungen und Schwertern bewaffnete Soldaten? Mit Maschinengewehren und Tornado-Flugzeugen ausgestattete moderne Truppen? Oder wie die weihnachtlichen Engelchöre, die vom Frieden singen? Wie moderne Konfliktschlichter, UN-Grünhelme? Ich werde nicht müde, davon zu erzählen, wie eine junge Frau der Türkisch-Islamischen Gemeinde Gießen zur Zeit gerade ein Praktikum in Genf macht, um Konfliktbewaltigung in Krisengebieten zu lernen, beim Geneva Centre For Security Policy, dem Genfer Zentrum für Sicherheitspolitik. So ähnlich mag himmlische Sicherheitspolitik aussehen, gewaltfrei. Unterdrückerische Verhältnisse werden ja nicht dadurch aus der Welt geschafft, indem sie einfach umgekehrt werden, sondern dadurch, dass Völker miteinander in einen friedlichen Austausch über ihre Konflikte kommen, dass sie es lernen, mit Spannungen zu leben und sie im Lauf der Zeit zu überwinden.

Und trotzdem glaube ich, dass Gott selbst eingreifen muss, und ich hoffe, dass er es tut. Nicht, um diese Welt zu zerstören, sondern sie zu retten. Denn sie ist ja seine gute Schöpfung. Aber ich bin auch überzeugt, dass wir als seine Kinder aufgerufen sind, daran mitzuwirken.

Noch ein Gedanke zum scheinbar gewalttätig agierenden Gott. Schauen wir uns den IS an. Er betreibt Genozid an Christen und Jesiden und beruft sich dabei auf Gott. Da wünsche ich mir schon einmal, dass dieser Gott seinen Zorn zeigt. Aber zurück zum Frieden für die ganz Erde. Wenn Gott mitten unter uns wohnen will, wie es in der Offenbarung verheißen ist, dann sollten wir mithelfen, ihm eine Wohnung vorzubereiten. – Heute in unserem Herzen!

Von diesem Wohnen Gottes unter uns ist bei Sacharja ja ganz wörtlich zu hören:

14 Freue dich und sei fröhlich, du Tochter Zion! Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen, spricht der HERR.

Diesen Vers kennen wir alle in der Vertonung des Adventsliedes „Tochter Zion“, wir haben es von den Chören gesungen gehört, ausnahmsweise einmal in der Zeit des Wartens auf Ostern, nicht auf Weihnachten. Für uns Christen verbindet sich dieses Lied mit der Erwartung der Geburt des Gottessohnes Jesu Christi. Für Juden hat dieses Wort ursprünglich einen anderen Klang gehabt: Das Volk, das lange in der Fremde hat leben müssen, kommt wieder nach Hause und freut sich, dass es wieder zu Hause wohnen darf und dass Gott bei ihm wohnen wird.

Diese jüdische und unsere christliche Deutung vertragen sich gut miteinander. Denn genau dieses Wohnen bei seinem Volk ist für uns Christen in besonderer Weise darin wahr geworden, dass Gott in dem Juden Jesus Mensch geworden ist und buchstäblich unter uns gewohnt hat, in Bethlehem, in Nazareth, in Kapernaum, auf den Straßen Israels bis hin nach Jerusalem. In Jesus sehen wir, was das heißt, dass Gott unter uns wohnt: Er ist vor allem den Schwachen nahe, denen, die Wunder brauchen, um überleben zu können, heil zu werden, Frieden zu finden. Jesus leidet an der Zerrissenheit dieser Welt mit und stirbt zuletzt sogar auf Grund der Machenschaften und Machtspiele heilloser Menschen. Dennoch wird wahr, was der Prophet Sacharja im nächsten Vers sagt:

15 Und es sollen zu der Zeit viele Völker sich zum HERRN wenden und sollen mein Volk sein, und ich will bei dir wohnen. – Und du sollst erkennen, dass mich der HERR Zebaoth zu dir gesandt hat.

Viele Völker sollen sich zum Herrn wenden. Ja, das wurde wahr, als Paulus die Botschaft von Jesus Christus in die Völkerwelt hinausbrachte. Auch sie sollen „mein Volk“ sein, sagt Gott. Und zugleich bleibt er dabei: „Und ich will bei dir wohnen.“ Als ob er das nicht genug betonen könnte: Niemals werde ich nur der Gott der Völker sein; niemals könnte ich meine erste Liebe vergessen, meinen erstgeborenen Sohn Israel, bei ihm wohne ich auch.

In diesem Zusammenhang kann auch ein anderes Bild unseres Bibeltextes in seiner Bedeutung für uns aufstrahlen: Das Volk Israel ist Gottes Augapfel, niemand darf es antasten. Christen, die Juden aus religiösen Gründen Gewalt angetan haben oder zu Gewalt gegen sie aufgerufen haben wie sogar unser Reformator Martin Luther, haben große Schuld auf sich geladen; unser Bibeltext vergleicht das damit, dass wir Gott ein Auge ausstechen, dass wir seiner Hand das entreißen wollen, was ihm ans Herz gewachsen ist. Sind wir eifersüchtig auf den älteren Bruder Israel? Das müssen wir nicht sein. Denn drei Verse weiter kommen auch wir dran als geliebte Menschenkinder Gottes unter den Völkern. Seinen ersten Wohnsitz im heiligen Land Israel will Gott aber niemals aufgeben.

16 Und der HERR wird Juda in Besitz nehmen als sein Erbteil in dem heiligen Lande und wird Jerusalem wieder erwählen.

Nun spricht Sacharja eindeutig von Jerusalem und von Juda, das zu Gottes besonderem Eigentum werden soll. Und offensichtlich wird die Wohnung Gottes auf dem Zion gedacht.

Wie verstehe ich diese Aussagen?

Zum einen verstehe ich unter Juda und Jerusalem das Volk Gottes aus Juden und Heiden, also die Kirche oder besser die Christenheit. Gott würde dann in den Herzen aller Christen wohnen und so würde die ganze Schöpfung durch das Handeln der Christen, angeführt von Christus selbst, befreit und errettet.

Andererseits kann ich mir aber auch vorstellen, dass der biblischen Aussage, das Heil käme von den Juden, eine tiefere Bedeutung zukommt. Vielleicht muss erst Frieden zwischen Israel und Palästina herrschen und der Tempelberg muss befriedet sein, damit gleich konzentrischen Kreisen Friede auf dieser Erde entstehen kann.

Mir ist noch eine andere Idee zu diesem Bibelvers gekommen. Vielleicht sind Juda und Jerusalem ja überhaupt nicht der Besitz irgendwelcher Menschen. Das Land in und um Jerusalem, das von drei Religionen als heiliges Land angesehen wird und darum auch umkämpft ist, das gehört weder Juden noch Christen noch Muslimen allein. Es gehört dem Gott, der letztlich über allen Glaubensbekenntnissen steht.

Alle drei Religionen, die sich auf Abraham berufen, kennen ein Bilderverbot: Du sollst dir kein Bild von Gott machen, um es anzubeten! (nach Exodus 20, 4-5) Ich verstehe das mittlerweile so: Wir können gar nicht anders, als mit unseren Gedanken-, Glaubens- und Dogmenbildern von Gott zu reden und an Gott zu glauben. Aber wir dürfen nicht unsere eigenen Gottesgedanken anbeten, als seien sie Gott selbst. Wir dürfen mit Hilfe unserer Gottesgedanken und Vorstellungen den einen Gott anbeten, der immer noch größer ist als alle unsere Bilder von ihm. Und wir dürfen demütig respektieren, dass es andere Menschen gibt, die Gott auf andere Weise und mit anderen Gedanken und Vorstellungen im Herzen anbeten.

In dieser Haltung können wir selbstbewusst unseren eigenen Glauben leben, mit einem fröhlichen Ja auch zu der Vielfalt unserer konfessionellen Begrenztheiten, die nur im Zusammenklang einen harmonischen Akkord ergeben.

17 Alles Fleisch sei stille vor dem HERRN; denn er hat sich aufgemacht von seiner heiligen Stätte!

Fleisch nennt die Bibel den Menschen, der aus Erde, aus Materie gemacht ist, der ohne Gottes Atem, Gottes Geist, Gottes Liebe nicht leben könnte. Daher: stille sein heißt Demut üben. Gott kommt, macht sich auf, er ist auf dem Weg zu uns, er begegnet uns auch in den verbleibenden 10 Monaten dieses Jahres in den Menschen, die für uns eine Herausforderung darstellen, die Wegweisung, Anleitung, Deutsch- und Ethikkurse brauchen, die alle seine Kinder sind. Gott wohnt nicht nur bei Juden, aber auch bei ihnen, nicht nur bei uns in Deutschland mit unserer vielfältig gewordenen Bevölkerung, aber auch bei uns. Gott, der alle Menschen geschaffen hat, will auch bei allen Menschen wohnen, und das heißt vor allem, dass er uns alle anstecken will mit seinem Frieden, mit seiner Liebe, die jeden Hass und jede Gleichgültigkeit überwindet. Amen.

Gemeinde und Chöre – EG 379, 1-5:

1. Gott wohnt in einem Lichte, dem keiner nahen kann. Von seinem Angesichte trennt uns der Sünde Bann. Unsterblich und gewaltig ist unser Gott allein, will König tausendfaltig, Herr aller Herren sein.

2. Und doch bleibt er nicht ferne, ist jedem von uns nah. Ob er gleich Mond und Sterne und Sonnen werden sah, mag er dich doch nicht missen in der Geschöpfe Schar, will stündlich von dir wissen und zählt dir Tag und Jahr.

3. Auch deines Hauptes Haare sind wohl von ihm gezählt. Er bleibt der Wunderbare, dem kein Geringstes fehlt. Den keine Meere fassen und keiner Berge Grat, hat selbst sein Reich verlassen, ist dir als Mensch genaht.

4. Er macht die Völker bangen vor Welt- und Endgericht und trägt nach dir Verlangen, lässt auch den Ärmsten nicht. Aus seinem Glanz und Lichte tritt er in deine Nacht: Und alles wird zunichte, was dir so bange macht.

5. Nun darfst du in ihm leben und bist nie mehr allein, darfst in ihm atmen, weben und immer bei ihm sein. Den keiner je gesehen noch künftig sehen kann, will dir zur Seite gehen und führt dich himmelan.

Fürbitten und Vater Unser (Pfarrer Hermann Heil)
Chöre: EG 171 – „Bewahre uns, Gott“
Segen (Pfarrer Helmut Schütz)

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

Orgelnachspiel

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