Irgendwann haben wir genug geweint

Das ist die Art, wie Gott tröstet: Er ermutigt uns zu weinen und tröstet uns, wie uns früher vielleicht unsere Mutter getröstet hat. Seine Liebe umschließt uns wie eine Decke, in die wir uns einkuscheln. Wir dürfen Tränen weinen und sind dabei nicht allein, und irgendwann löst sich der Schmerz. Dann werden Tränen abgewischt. Wir gehen weiter auf neuen Wegen.

Eine Frau stützt ihr Gesicht auf ihre Hand und weint

Eine Frau lässt ihren Tränen freien Lauf (Foto: pixabay.com)

#predigtGottesdienst am Freitag, 18. November 2011, 10.00 Uhr im Ensemble-Pflegeheim Gießen

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Nach mehreren Monaten bin ich aus meiner Studienzeit wieder zurück, ich bin Pfarrer Helmut Schütz aus der Paulusgemeinde, und wir feiern wieder einmal Gottesdienst miteinander. Übermorgen ist der Ewigkeitssonntag, man nennt ihn auch den Totensonntag, weil wir in den evangelischen Kirchen an diesem Tag an die Verstorbenen des vergangenen Kirchenjahres denken. Auch in diesem Gottesdienst möchte ich mit Ihnen über den Tod nachdenken, aber vor allem über die Ewigkeit und über Gottes Liebe, die den Tod überwindet.

Als erstes singen wir heute das Lied 450:

1. Morgenglanz der Ewigkeit, Licht vom unerschaffnen Lichte, schick uns diese Morgenzeit deine Strahlen zu Gesichte und vertreib durch deine Macht unsre Nacht.

2. Deiner Güte Morgentau fall auf unser matt Gewissen; lass die dürre Lebens-Au lauter süßen Trost genießen und erquick uns, deine Schar, immerdar.

3. Gib, dass deiner Liebe Glut unsre kalten Werke töte, und erweck uns Herz und Mut bei entstandner Morgenröte, dass wir, eh wir gar vergehn, recht aufstehn.

4. Ach du Aufgang aus der Höh, gib, dass auch am Jüngsten Tage unser Leib verklärt ersteh und, entfernt von aller Plage, sich auf jener Freudenbahn freuen kann.

5. Leucht uns selbst in jener Welt, du verklärte Gnadensonne; führ uns durch das Tränenfeld in das Land der süßen Wonne, da die Lust, die uns erhöht, nie vergeht.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Wir beten mit Psalm 126:

1 Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden.

2 Dann wird unser Mund voll Lachens und unsre Zunge voll Rühmens sein. Dann wird man sagen unter den Heiden: Der Herr hat Großes an ihnen getan!

3 Der Herr hat Großes an uns getan; des sind wir fröhlich.

4 Herr, bringe zurück unsre Gefangenen, wie du die Bäche wiederbringst im Südland.

5 Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.

6 Sie gehen hin und weinen und streuen ihren Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.

Danke, du Gott der Liebe, dass wir mit allem jederzeit zu dir kommen dürfen. Dir können wir uns anvertrauen, sogar mit geseufzten Gebeten, ohne Worte, einfach aus dem Herzen heraus. Großer und manchmal uns auch sehr fremder Gott, wenn wir von lieben Menschen Abschied nehmen müssen und Trost brauchen, dann gib uns einen Trost, der nicht vertröstet. Schenke uns Kraft, um traurig sein zu können und auch wieder froh werden. Hilf uns loslassen, was wir nicht ändern können, und lass uns eine Zuversicht gewinnen, die in den Himmel hineinreicht. Amen.

Im Buch Jesaja 65 stehen Worte der Hoffnung für das Volk Israel und für die Völker der Welt. Sie klingen herüber zu uns und können auch uns aufrichten:

16 Die früheren Ängste sind vergessen und vor meinen Augen entschwunden.

17 Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.

18 Freuet euch … über das, was ich schaffe. Denn siehe, …

19 ich will fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk. Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens.

Wir singen aus dem Lied 361 die Strophen 1, 4, 6 und 12:

1. Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.

4. Weg hast du allerwegen, an Mitteln fehlt dir’s nicht; dein Tun ist lauter Segen, dein Gang ist lauter Licht; dein Werk kann niemand hindern, dein Arbeit darf nicht ruhn, wenn du, was deinen Kindern ersprießlich ist, willst tun.

6. Hoff, o du arme Seele, hoff und sei unverzagt! Gott wird dich aus der Höhle, da dich der Kummer plagt, mit großen Gnaden rücken; erwarte nur die Zeit, so wirst du schon erblicken die Sonn der schönsten Freud.

12. Mach End, o Herr, mach Ende mit aller unsrer Not; stärk unsre Füß und Hände und lass bis in den Tod uns allzeit deiner Pflege und Treu empfohlen sein, so gehen unsre Wege gewiss zum Himmel ein.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde, wir haben Bilder der Hoffnung von dem Propheten Jesaja gehört. Ganz ähnlich redet Johannes in seiner Offenbarung von der Zukunft. Ich lese ein paar Verse aus Offenbarung 21:

1 Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr.

2 Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.

3 Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein;

4 und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.

5 Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss!

6 Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.

Eine neue Erde, einen neuen Himmel wird es geben, so hören wir es von Jesaja, und von Johannes. Vergangen sein wird eine Erde, auf der es Tod, Leid, Schmerz gibt. Vergangen sein wird das Meer, das in Sintfluten alles Leben vernichtet. Vergangen sein wird sogar der alte Himmel. Braucht auch der Himmel eine Renovierung, wenn auf Erden alles neu werden soll? Alles, was für uns fest steht, ist in Gottes Gottes veränderbar, sogar Himmel und Erde. Überwindbar ist sogar die Macht des Bösen und des Todes.

Eigenartig schildert uns Johannes, wie alles neu werden soll. Er sieht erst einmal gar nicht, dass wir in den Himmel kommen, sondern dass etwas aus dem Himmel zu uns kommt:

2 Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.

Die Stadt Gottes kommt zu uns, wir können auch sagen wie Jesus: das Reich Gottes ist mitten unter uns. Gott selbst erfüllt uns mit Liebe, Vertrauen und Hoffnung, Gott schenkt uns Trost und Mut, Gott selbst wirkt mitten unter uns und fügt uns zu einer Gemeinschaft zusammen, auch wenn wir sehr verschieden sind. Wo wir zusammenleben, wie Gott es will, da ist das Leben schön – da freuen wir uns miteinander, da können wir unser Herz ausschütten, da helfen wir einander unsere Lasten tragen. Dann ist nicht nur das Leben schön, dann sind wir selber schön, eine schöne Stadt Gottes, eine schöne Gemeinschaft. Wenn unter uns Liebe da ist, sind wir schön geschmückt, so wie sich eine Braut für ihren Bräutigam schön macht.

Aber der Prophet Johannes redet nicht nur von einer großen Stadt, die aus dem Himmel zu uns kommt, vielleicht ist uns dieses Bild zu groß. Er erzählt auf einmal von einer kleinen Hütte:

3 Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein.

Gott selber will mitten unter uns wohnen, aber nicht in einem großen Haus, nicht in einer Villa oder einem Schloss. Eine kleine Hütte reicht ihm. So wohnt Gott bei uns Menschen. Und er tut etwas sehr Schönes:

4 Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.

Das ist die Art, wie Gott tröstet: Er ermutigt uns dazu, unsere Tränen zu weinen, und er tröstet uns, wie uns früher vielleicht unsere Mutter getröstet hat. Seine Liebe umschließt uns wie ein warmer Mantel, wie eine Decke, in die wir uns einkuscheln und uns geborgen fühlen. Wir dürfen Tränen weinen und sind dabei nicht allein, und irgendwann haben wir genug geweint. Dann löst sich der Schmerz. Dann werden Tränen abgewischt. Dann können wir loslassen und weitergehen auf neuen Wegen.

Und noch mehr ruft uns der Prophet Johannes zu:

Und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.

Das ist Zukunftsmusik, denn davon sehen wir noch nichts: Tod, Leid, Wehklage und Schmerz sind auf unserer Erde noch nicht endgültig vergangen. Dass der Tod einmal aufhören wird, das können wir für diese Welt nicht hoffen, aber wir hoffen es für die unsichtbare Welt Gottes, in die unsere Toten hineingehen. Dort wird es nicht noch einmal einen Tod geben, dort sind sie, denen wir in Liebe verbunden sind, in Ewigkeit gut aufgehoben, dort sind alle Unzulänglichkeiten, unter denen sie auf Erden gelitten haben, überwunden; sie leben im Frieden Gottes.

5 Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss!

Gott sitzt auf dem Thron, und zwar ein Gott, der alles neu macht, der den Tod und das Böse überwindet. Wenn wir ihn lassen, erfüllt Gott schon hier auf Erden unsere Herzen mit Trost und Mut und neuer Kraft. Und dort im Himmel wird er vollenden, was hier auf Erden bruchstückhaft geblieben ist, wird heil machen, was hier auf Erden kaputt gegangen oder krank geworden ist.

6 Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.

Hier sagt Gott selbst: „Es ist geschehen.“ Darin klingt Jesu Wort an, das er am Kreuz spricht: „Es ist vollbracht.“ Man konnte Gottes Sohn am Kreuz nicht endgültig töten. In Jesus blieb die Liebe Gottes stärker als das Böse der Menschen. Und so umschließt Gott den Anfang und das Ende, auch unsere Geburt und unseren Tod. Und wenn wir durstig sind nach Leben, wenn wir meinen zu verdursten auf den Wüstenstrecken unseres Lebens, dann gibt uns Gott lebendiges Wasser zu trinken. Umsonst. Wir müssen nichts dafür bezahlen. Dieses lebendige Wasser ist seine Liebe, die uns erfüllt, seine Kraft, sein Trost. Wir können es auch Gottvertrauen nennen oder dass wir neuen Mut bekommen. Selbst wenn wir manchmal weinen müssen, ist das nicht schlimm, denn Gott selber wird unsere Tränen wieder abwischen. Er tröstet uns wie eine liebe Mutter. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit Trost und Zuversicht und Frieden im Glauben. Amen.

Wir singen das Lied 533:

Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand

Wir beten. Gott des Trostes, lass uns unsere Tränen nicht immer herunterschlucken, sondern mach uns Mut, unser Herz auszuschütten und Tränen loszulassen. Wische unsere Tränen ab und zeige uns neue Wege für unser Leben.

Gott der Liebe, schenke uns Zuversicht, damit wir unser Leben aus deiner Hand nehmen und es in der Verantwortung vor dir führen, bis du auch uns abrufen wirst aus dieser Zeit in die Ewigkeit. Amen.

In der Stille bringen wir vor Gott, was wir außerdem auf dem Herzen haben:

Stille und Vater unser

Wir singen aus dem Lied 527 von Andreas Gryphius die Strophen 8 bis 10:

8. Auf, Herz, wach und bedenke, dass dieser Zeit Geschenke den Augenblick nur dein. Was du zuvor genossen, ist als ein Strom verschossen; was künftig, wessen wird es sein?

9. Verlache Welt und Ehre, Furcht, Hoffen, Gunst und Lehre und geh den Herren an, der immer König bleibet, den keine Zeit vertreibet, der einzig ewig machen kann.

10. Wohl dem, der auf ihn trauet! Er hat recht fest gebauet, und ob er hier gleich fällt, wird er doch dort bestehen und nimmermehr vergehen, weil ihn die Stärke selbst erhält.

Nun geht mit Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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