Durch das Singen wird ein Haus rein und heilig

Trauerfeier für einen Mann, der in seiner Kindheit in der Sowjetunion von einer Tante getauft wurde, wo es keine Kirche gab. Bevor die evangelischen Christen in einem ihrer Häuser eine kirchliche Feier abhielten, wurden zuerst christliche Lieder gesungen.

Durch das Singen wird ein Haus rein und heilig: ein altes aufgeschlagenes Gesangbuch mit evangelischen Liedern

Lieder aus einem alten evangelischen Gesangbuch (Bild: Detmold – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Gemeinde, wir sind hier zusammengekommen, um von Herrn F. Abschied zu nehmen, der so plötzlich aus seinem Leben gerissen wurde. Traurig und doch dankbar denken wir an sein Leben zurück: an ein erfülltes Leben im Kreis einer großen Familie. Als sein Leben begann, waren die Zeiten schwer, wir werden noch hören, was er in seiner Kindheit durchstehen musste. Schon damals hat er Bewahrung erfahren, für die wir Gott danken wollen.

Gott kennt uns besser, als wir uns selber kennen. Lasst uns beten mit Worten aus dem Psalm 139:

1 HERR, du erforschest mich und kennest mich.

2 Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne.

3 Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege.

4 Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, HERR, nicht schon wüsstest.

5 Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.

6 Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch, ich kann sie nicht begreifen.

13 Denn du … hast mich gebildet im Mutterleib.

14 Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.

15 [Mein Werden war dir] nicht verborgen, als ich im Verborgenen gemacht wurde, als ich gebildet wurde unten in der Erde.

16 Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war.

23 Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine.

24 Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege.

Wir singen aus dem Lied 361 die erste und letzte Strophe:

1. Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.

12. Mach End, o Herr, mach Ende mit aller unsrer Not; stärk unsre Füß und Hände und lass bis in den Tod uns allzeit deiner Pflege und Treu empfohlen sein, so gehen unsre Wege gewiss zum Himmel ein.

Liebe Trauergemeinde!

Herr F. ist im Alter von [über 60] Jahren gestorben. Seine Familie war – wie es so vielen ging – aus Wolgadeutschland zwangsweise nach Kasachstan umgesiedelt worden. Den Vater hatte man ins Arbeitslager abgeholt; einige Jahre später wurde er erschossen. Auch die Mutter musste Zwangsarbeit in der Landwirtschaft leisten und wurde nach dem Krieg zu einer jahrelangen Gefängnisstrafe verurteilt. Der kleine F. und seine Geschwister blieben ohne Vater und Mutter allein zu Hause und kamen in staatliche Obhut, alle Geschwister in verschiedene Heime. Erst als Stalin tot war und die Mutter aus dem Gefängnis frei kam, schaffte er es, wieder zurück zu ihr zu kommen.

Weitere Erinnerungen an das Leben des Verstorbenen

Nun ist Herr F. ganz plötzlich gestorben. Sie alle können es nicht fassen. Er fehlt Ihnen. Sie alle haben ihn in guter Erinnerung. Jeder hat sich auf ihn verlassen.

In die Dankbarkeit und Trauer mischen sich manchmal auch noch andere Gefühle. Ich fand es gut, wie Sie ehrlich gesagt haben: „Ich bin wütend auf ihn. Wir brauchen ihn doch.“ Es ist völlig normal und in Ordnung, auch diese Gefühle zuzulassen.

Sie haben auch gesagt: „Ich kann ihn nicht loslassen. Wie kann er uns allein lassen?“ Ich verstehe, dass es Zeit braucht, bis sie ihn gehen lassen können. Er ist so plötzlich aus diesem Leben gerissen worden, dass der Schock zu groß ist. Sie ist einfach noch zu früh, es kann noch gar nicht jeder wirklich erfassen, was geschehen ist.

In einem alten Lied der Bibel, im Psalm 77, gibt es Verse, die davon handeln, wie verzweifelt ein Mensch in seiner Not mit Gott reden, ja, wie er zu ihm schreien kann, voller Schmerz und wohl auch Wut. Wenn Gott der Herr über Leben und Tod ist, dann dürfen wir auch vor Gott unser Herz ausschütten und ihm alles zeigen, was wir fühlen, wir dürfen sogar Gott anklagen (Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift © 1980 by Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart):

2 Ich rufe zu Gott, ich schreie, ich rufe zu Gott, bis er mich hört.

3 Am Tag meiner Not suche ich den Herrn; unablässig erhebe ich nachts meine Hände, meine Seele lässt sich nicht trösten.

4 Denke ich an Gott, muss ich seufzen; sinne ich nach, dann will mein Geist verzagen.

5 Du lässt mich nicht mehr schlafen; ich bin voll Unruhe und kann nicht reden.

Es gibt Zeiten, da denken wir, Gott hört uns nicht. Und selbst wenn er uns hören würde, vielleicht würden wir uns gar nicht trösten lassen wollen. Aber es kommt die Zeit, da wissen wir: Gott hört uns, er erhört unsere Gebete, er lässt uns unsere Dankbarkeit spüren, er lässt uns unsere Traurigkeit fühlen und durchstehen, er hilft uns, dem geliebten Menschen, den wir verloren haben, unsere Liebe zu bewahren, er hilft uns, ihn getrost loszulassen. Denn er geht nicht verloren. Er geht hinüber in ein anderes Leben. Gott nimmt ihn auf in seinem unsichtbaren Himmel, wo er für immer im Frieden leben darf.

Sie wissen, Gott kann überall bei uns sein, auch wenn wir ihn nicht sehen können. Es ist gut, in eine Kirche gehen zu können, um von Gott zu hören und ihn zu suchen, aber Gott braucht keine Kirche, um bei uns zu sein.

In Kasachstan gab es ja keine Kirche in Ihrem Dorf. Aber man versammelte sich als Hausgemeinde in den Wohnhäusern, so wie es die allerersten Christen getan haben, damals vor 2000 Jahren, als Jesus Christus auferstanden war und denen, die an ihn glaubten, den Heiligen Geist schenkte. So ähnlich haben Sie trotz des Atheismus in der Sowjetunion Ihren lutherischen Glauben bewahrt, auch ohne Kirche, indem Sie sich mal hier, mal da in Ihren Häusern trafen. Wenn jemand getauft oder kirchlich getraut werden sollte, kam eine Tante und tat, was eine Pfarrerin tut. Auch der nun Verstorbene war kirchlich getauft worden.

Sie haben mir erzählt: Bevor damals in einem Wohnhaus eine kirchliche Feier stattfand, wurden dort zuerst christliche Lieder gesungen.

Ich finde es schön, sich vorzustellen, dass ein ganz normales Haus durch das Singen sozusagen rein und heilig wird – ein Ort, an dem man Gott begegnen kann. So ist es auch hier in dieser Stunde; auch wir haben vorhin gesungen und werden es gleich noch einmal tun. Auch hier in dieser Kapelle können wir Gott begegnen und den geliebten Verstorbenen, Herrn F., seinen liebevollen Händen anvertrauen. Amen.

Wir singen das Lied 376 von den Händen Gottes, die uns an der Hand nehmen und uns führen, durch unser Leben hier auf Erden und dort hinein in die Ewigkeit:

1. So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich. Ich mag allein nicht gehen, nicht einen Schritt: wo du wirst gehn und stehen, da nimm mich mit.

2. In dein Erbarmen hülle mein schwaches Herz und mach es gänzlich stille in Freud und Schmerz. Lass ruhn zu deinen Füßen dein armes Kind: es will die Augen schließen und glauben blind.

3. Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht, du führst mich doch zum Ziele auch durch die Nacht: so nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich!

Barmherziger Gott, nimm Herrn F. gnädig auf in dein himmlisches Reich. Wir danken dir für alles Gute, das seiner Familie und allen, die ihm nahestanden, mit seinem Leben geschenkt war. Sei seinen Angehörigen und Freunden nahe in ihrer Trauer und lass niemanden allein dastehen, der Hilfe braucht. Wenn wir mit dem, was wir fühlen, nicht fertig werden, dann schenke uns Menschen, bei denen wir unser Herz ausschütten können. Hilf uns, füreinander da zu sein und schenke uns neuen Mut zum Leben. Amen.

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