Sind junge Männer generell nicht heiratsfähig?

Leserbrief an Alexander Borell, Lebensberater in der Zeitschrift „Gong“.

Helmut Schütz wendet sich gegen das Urteil von Alexander Borell, junge Männer seien generell nicht heiratsfähig.

Männlein und Weiblein im einem Rahmen miteinander verbunden

Engt eine zu frühe Ehe den männlichen Partner zu sehr ein? (Bild: pixabay.com)

Sehr geehrter Herr Borell,

über ihre Antwort auf den Leserbrief „Mein Mann betrügt mich“ (Gong 1/82, Seite 86) habe ich mich geärgert – da ich den Eindruck hatte, dass Sie im Allgemeinen über die Zuschriften nachdenken (bzw. Ihr Team), sich einfühlen und notfalls konfrontieren können.

Mich stört schon der erste Abschnitt, in dem Sie erkennen lassen, wie lästig Ihnen die Beschäftigung mit immer dem gleichen Problem („Frühehen“) ist. Dann die pauschale Aburteilung aller Männer in früh geschlossenen Ehen, bzw. nicht „-urteilung“, sondern Einstufung als nicht fähig zur Verantwortung – wodurch dem Mädchen sozusagen die Haupt- oder alleinige Verantwortung zugeschoben wird. Sind alle jungen Männer „natürlicherweise“ unfähig, in einer Ehe Bindung undFreiheit zu erfahren? Ich bezweifle es. Sind sie alle fast zwangsläufig auf eine Flucht in andere Beziehungen angewiesen? Ich kann das aus meiner Erfahrung (als Gemeindepfarrer, der übrigens mit 22 Jahren geheiratet hat, und mit jetzt 29 Jahren) nicht so pauschal bestätigen.

Nun gut, Sie bekommen all die Briefe von jungen Leuten in ähnlicher Lage. (Bezieht sich eigentlich die Zahl 99 von 100 auf die, die Ihnen schreiben, oder auf bestimmte statistische Untersuchungen?) Aber im konkreten Fall vermisse ich doch das Eingehen auf die Lage und Gefühle der jungen Frau. Sie verengen durch Ihre ausschließliche Vorliebe für das Problem der früh geschlossenen Ehe und männlichen Unreife den Blick für mehrere andere Probleme.

Zum Beispiel: es hat nie Streit gegeben, er hat es gut zu Hause gehabt, sagt die junge Frau. Anscheinend haben die beiden es nicht gelernt, ihre Konflikte wahrzunehmen, voreinander auszusprechen und gemeinsam zu lösen. Sie wissen nicht, dass sie verschieden sein können und sogar streiten können, und gerade so zu einem tieferen Verständnis füreinander gelangen können.

Oder: er hält sie finanziell kurz, scheint aber auf Scheidung keinen Wert zu legen – vielleicht weil sie ihn so gut versorgt? Wie steht es mit dem Verständnis der beiden von ihrer jeweiligen Rolle?

Oder: sie hat zwei Selbstmordversuche hinter sich. Wäre da nicht der Hinweis auf eine Therapiemöglichkeit angebracht, auf Beratungsstellen oder Telefonseelsorge: Denn entweder ist sie akut bedroht oder sie greift zu diesem Mittel, um ihren Mann (mehr unbewusst als bewusst) zu erpressen. Beides sind Probleme, die man kaum durch eine schriftliche Antwort lösen helfen kann.

Mit keinem Wort gehen Sie darauf ein, wie beide denn überhaupt miteinander umgehen. Sie soll Offenheit, Geduld und Verständnis aufbringen – aber was macht sie mit ihrem Gefühl des Verletztseins, was mit ihrer Abhängigkeit von ihm, die anscheinend besteht?

Vielleicht haben Sie all diese Problem auch gesehen, haben aber von Ihrer Erfahrung her es nicht für gut befunden, darauf einzugehen. Geärgert hat mich nur, dass dem einen letzten Abschnitt, in dem Sie einen guten Rat geben, sieben lange Abschnitte vorausgehen, in denen Sie ein Klagelied über die schlimmen Frühehen anstimmen und in denen der jungen Frau suggeriert wird, „sie habe es eben auch nicht begriffen“, dass Männer mit 19 noch nicht heiratsfähig sind. Ob sie sich daraus nicht Selbstvorwürfe machen wird?

Ich könnte als Seelsorger so von fern ihr nicht raten – da sind Sie in einer anderen Situation als ich, die oft schwerer ist, deshalb verstehe ich Sie auch. Ich wünsche Ihnen weiterhin wieder eine glückliche Hand beim Beraten!

Ihr Helmut Schütz, Pfarrer in Reichelsheim/Wetterau

Am 30. April 1982 erhielt ich eine sehr persönliche und wertschätzende Antwort von Alexander Borell, in der er mich unter anderem zu einem Besuch bei sich zu Hause einlud, um sich ausführlicher mit mir zu unterhalten. Leider war es mir nicht möglich, ihn tatsächlich zu besuchen.

Zu meinem Leserbrief schrieb er unter anderem, ihm sei die Beschäftigung mit dem Thema „Frühehen“ nicht lästig gewesen. Vielmehr habe er das Gefühl gehabt, sich „bei den Lesern entschuldigen zu müssen, weil ich eben gerade dieses Problem schon sehr oft und ausführlich behandelt habe“.

Inhaltlich verwies er auf den „Scheidungsprozentsatz bei Frühehen“ von „im Augenblick bei 74 Prozent“ und begründete nochmals eingehend seinen Standpunkt, dass reifere Menschen „nicht so blind verliebt feste Bindungen“ eingehen und „deshalb eine größere Sicherheit für eine beständigere Partnerschaft“ geben.

Abschließend stellte er die Vorteile einer brieflichen Kommunikation langen persönlichen Gesprächen gegenüber, in denen „sich alles stundenlang im Kreise“ dreht „und es kommt letztlich nichts dabei heraus“, denn „ein Brief ist bereits der Beginn einer Therapie, weil er den Schreiber zunächst einmal zwingt, über sich und sein Problem nachzudenken und es in eine kurze Form zu bringen. Damit ist schon bereits etwas geholfen.“

Diesem Gedanken kann ich rückblickend einiges abgewinnen: Immerhin mache ich seit vielen Jahren auch Beratung per Email und sehe darin ähnlich viele Chancen wie in einem persönlichen Gespräch.

Helmut Schütz, am 20. Februar 2015

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