Stammbäume

Die beiden Stammbäume des Todes und des Lebens in Genesis 4 und 5 stellen uns vor eine Wahl: Sehen wir uns als Teil einer menschlichen Geschichte, in der Menschen nicht anders können, als sich selbst rücksichtslos gegen andere zu behaupten? Oder nutzen wir innerhalb dieser menschlichen Geschichte die uns von Gott geschenkte Chance, im Segen Gottes zu leben?

Stammbaum für eine Familie - mit leeren Abstammungstafeln vor einem Laubbaum

Was lehren uns die ellenlangen Stammbäume in der Urgeschichte der Bibel? (Grafik: pixabay.com)

Andacht zur Pfarrkonferenz des Evangelischen Dekanats Gießen in der Paulusgemeinde am 4. Juni 2014

Liebe Kolleginnen und Kollegen, am letzten Freitag traf ich bei einem Geburtstagsbesuch den Kriminologen Arthur Kreuzer, und ich sprach ihn darauf an, dass ich vor Jahren einen Vortrag von ihm über Kain und Abel gehört hatte. Er sagte mir, dass genau dieser Vortrag auch in einem Büchlein stehen werde, das im kommenden Herbst erscheinen werde, mit dem Titel: „Das Verbrechen und wir“.

Eine seiner Thesen geht davon aus, dass auch die Bibel ein Gesetz der Geschichte bestätige: Geschichte werde von Tätern geschrieben und schreite achtlos über die Opfer hinweg. Denn wir alle seien Nachkommen Kains, nicht Abels. Dem konnte ich nun allerdings im Gespräch mit Kreuzer, was die Bibel betrifft, mit guten Gründen widersprechen, und er war offen für meine Kritik.

Kain und Abel sind ja nicht die einzigen Kinder Adams und Evas. Als Eva, die Mutter aller Lebendigen, ihren ersten Sohn bekommen hatte, hatte sie ihn voller Stolz „Mann“ genannt: „Ich habe einen Mann gewonnen mit dem Herrn“; Kain nennt sie ihn von ‚qaniti‘, das heißt wörtlich: „Ich habe geschaffen, wie Gott habe ich ein Kind geschaffen.“ Es ist, als ob die Frau ihre Chance nutzen will in einer Situation, in der Männer anfangen über Frauen zu herrschen; mindestens in einer Hinsicht ist sie dem Mann überlegen: sie kann aus ihrem Leib neues Leben hervorbringen. So präsentiert sich Eva als die Mitschöpferin Gottes.

Der zweite Sohn heißt Abel, also Hauch oder Nichts. Abel ist geradezu unmännlich verletzbar und schwach; nirgends wird er „Mann“ genannt, aber siebenmal als „Bruder“ bezeichnet. Umgekehrt wird Kain kein einziges Mal „Bruder“ genannt, und so verhält er sich auch, als er sich von Gott beim Opfern zurückgesetzt fühlt. Kain sperrt sich gegen einen Gott, der den Bruder zu bevorzugen scheint, er weigert sich, seines Bruders Hüter zu sein, und wird zum Totschläger seines Bruders.

Die These Arthur Kreuzers scheint sich zu erfüllen; Abel stirbt ohne Nachkommen, aber von Kains Nachkommenschaft werden sieben Generationen erwähnt, in denen sich Glanz und Elend der menschlichen Zivilisation entwickeln. Kain selber wird zum Städtebauer, fünf Generationen weiter gibt es Viehhirten und Musikanten und Handwerker, die Eisen verarbeiten. Und in der siebten Generation prahlt Lamech vor seinen beiden Frauen, wie viele Männer und Knaben er aus nichtigem Anlass tötet.

Doch das ist nicht das letzte Wort der Bibel. Eva bekommt noch einen dritten Sohn, den sie ganz anders nennt als ihren Erstgeborenen: „Set, das heißt Setzling“, wie ein zartes Pflänzchen, das verletzbar ist und behütet werden muss, damit es aufwachsen kann.

Und zum ersten Mal nennt sie den Namen ihres zweiten Sohnes Abel. „Denn Gott hat mir, sprach sie, einen andern Sohn gegeben für Abel, den Kain erschlagen hat.“ Sie reißt Abel aus der Vergessenheit, indem sie ihrem dritten Sohn das Vermächtnis mit auf den Weg gibt: Er ist ein „Sohn für Abel“, mit ihm soll der Mensch als Bruder eine neue Chance bekommen, der Mann, der den Bruder nicht tötet, sondern hütet.

Zugleich nennt sie auch die Schuld ihres Sohnes Kain beim Namen. Sie ist der erste Mensch in der Bibel, der das tut, der prophetisch im Namen Gottes die Wahrheit sagt. Insofern ist der erste in der Bibel genannte Prophet eine Prophetin: Eva.

Interessant ist nun auch der Stammbaum dieses dritten Sohnes der Eva. Als Seth seinen ersten Sohn bekommt, setzt auch er, der „Setzling“, ein Zeichen. Er nennt ihn „Enosch“, das ist ein alternatives Wort zu „Adam“ für „Mensch“; hier beginnt die Geschichte des Menschen neu, indem dieser Mensch anfängt, dankbar den Namen Gottes anzurufen.

Das Geschlechtsregister Sets ist feierlicher formuliert als das des Kain; vor allem fällt auf, dass weder Zivilisations- noch Gewalttaten erwähnt werden, stattdessen jedes Mal, wie eine Litanei, das Lebensalter und die Zeugung von Söhnen und Töchtern. Einem Stammbaum des Todes wird also ein Stammbaum des Lebens gegenübergestellt.

Auffällig ist, dass in beiden Stammbäumen großenteils dieselben oder wenigstens sehr ähnliche Namen auftauchen. Der erstgeborene Sohn Kains heißt Henoch, nach dem Kain eine Stadt benennt; im Stammbaum Seths gibt es einen Henoch, der mit Gott wandelt und von ihm in den Himmel weggenommen wird. Kain hat einen Enkel mit Namen Irad, Set einen Ururenkel mit Namen Jered. Die Namen Mehujaël und Mahalalel klingen einander nicht ganz so ähnlich wie die Namen Metuschaël und Metuschelach; den Letzteren kennen wir besser unter der volkstümlichen Bezeichnung Methusalem.

Damit ist klar: hier soll keine historische Geschichte geschrieben werden, hier wird die Menschheitsgeschichte idealtypisch aus zwei gegensätzlichen Blickwinkeln beobachtet. So unterschiedlich kann sich die Menschheit bei völlig gleichen Genen entwickeln, je nachdem, ob Menschen sich wie großspurige Halbgötter aufführen oder ob sie wahrhaft seine Menschenkinder sein wollen, wie Gott sie gewollt hat.

Die beiden Lamechs repräsentieren den jeweiligen Stammbaum in Reinkultur. Der eine ist der Vertreter eines angeberischen Stolzes, der die Menschheit in den Abgrund des Todes reißt. Sein überlieferter Stammbaum reißt mit Lamechs Kindern ab. Fortgesetzt wird die Sicht auf die Menschheitsgeschichte aus diesem Blickwinkel erst im Sintflutkapitel, wo es heißt: „Als aber der HERR sah, dass der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar, da reute es ihn, dass er die Menschen gemacht hatte auf Erden…“.

Diesem Lamech wird im Stammbaum Sets ein anderer Lamech gegenübergestellt. Er ist der Vater Noahs, von dem Lamech sagt: „Der wird uns trösten in unserer Mühe und Arbeit auf dem Acker, den der HERR verflucht hat.“ Diesem alternativen Lamech ist bewusst, dass Menschen, die sich gegen Gott auflehnen, sich damit das Leben selber zur Hölle machen. Trotzdem hält er an der Hoffnung fest, dass es einen Ausweg aus dieser selbstgemachten Hölle gibt. Zum Beispiel, wenn Kinder geboren werden, die man mit Liebe erzieht und denen man darum zutrauen kann, dass sie ein Trost für ihre Eltern sein werden.

Der Weg des ersten Lamechs führt zur Sintflut; in ihr geht eine Menschheit unter, die sich selbst an die Stelle Gottes setzt. Der zweite Lamech ist der Vater des Menschen, mit dem Gott einen neuen Anfang machen will und kann: „Aber Noah fand Gnade vor dem HERRN.“ Mit Noah überlebt die Menschheit also nicht, weil er ein perfekter guter Mensch gewesen wäre. Auch er ist auf Gnade angewiesen. Der Unterschied zu den Menschen im Stammbaum Kains besteht darin, dass er bereit ist, auf Gott zu hören. Er baut eine Arche, obwohl ihn die Menschen vom Schlage des ersten Lamech für verrückt halten.

So stellen uns die beiden Stammbäume des Todes und des Lebens vor eine Wahl: Sehen wir uns als Teil einer menschlichen Geschichte, in der Menschen nicht anders können, als sich selbst rücksichtslos gegen andere zu behaupten? Oder nutzen wir innerhalb dieser menschlichen Geschichte die uns von Gott geschenkte Chance, im Segen Gottes zu leben?

Lied: Einmal wurd es am Himmel hell, hier und da

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