Nächstenliebe in der Schule oder in der Politik?

Nächstenliebe ist schon im Alten Testament das wichtigste Gebot neben der Liebe zu Gott. Verbinden wir Nächstenliebe nur mit großen Namen wie Albert Schweitzer, Mutter Teresa oder Martin Luther King? Gibt es Nächstenliebe in der Schule oder in der Politik?

Nächstenliebe: Das Bild zeigt die monumentale Statue von Martin Luther King in Washington

Verbindet sich Christsein nur mit monumentalen Vorbildern wie M. L. King? (Bild: Hatschii – pixabay.com)

#predigtAbendgottesdienst am Sonntag, 27. April 1980, um 19.00 Uhr in der Kirche zu Reichelsheim
Vorspiel – Begrüßung – Einübung der Lieder

Wir feiern den Gottesdienst nicht in unserem eigenen Namen, sondern im Namen Gottes, des Vaters, der uns das Leben gibt, des Sohnes, der uns mit seinem ganzen Leben liebt, des Geistes, der uns zur Liebe frei nacht. Amen.

Gott liebt uns nicht, weil wir so wertvoll sind. Sondern wir sind so wertvoll, weil uns Gott liebt.

Lied EG 334: Danke für diese Abendstunde

Herr, unser Gott, zur Liebe, auch zur Nächstenliebe kann uns niemand zwingen. Doch wenn wir danken können, können wir auch lieben, denn dann haben wir selbst Liebe erfahren, dann geben wir Liebe weiter, freiwillig und gern. Herr, wir bitten dich um Aufmerksamkeit für die Dinge, für die Liebe, für die wir danken können. Wir bitten dich auch um Aufmerksamkeit für die Gelegenheiten, bei denen unsere Liebe gebraucht wird. Amen.

Wir kennen alle das Gebot (Markus 12, 31):

Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

Jesus hat es das wichtigste Gebot genannt, das alle Gebote des Volkes Israel zusammenfasst. Als Lesung hören wir nun den Abschnitt aus dem dritten Buch Mose, in dem das Gebot der Nächstenliebe enthalten ist (3. Buch Mose – Levitikus 19 – GNB):

1 Der Herr befahl Mose:

2 »Richte der Gemeinde der Israeliten aus, was ich von ihnen verlange: Ich, der Herr, euer Gott, bin heilig; darum sollt auch ihr heilig sein.

3 Jeder von euch soll seinen Vater und seine Mutter ehren und den wöchentlichen Ruhetag einhalten. Ich bin der Herr, euer Gott!

4 Wendet euch nicht anderen Göttern zu und macht euch keine Götterbilder. Ich bin der Herr, euer Gott!

9 Wenn ihr erntet, sollt ihr euer Feld nicht bis zum Rand abernten und keine Nachlese halten.

10 Auch eure Weinberge sollt ihr nicht ganz ablesen und die heruntergefallenen Trauben nicht aufheben. Lasst etwas übrig für die Armen und für die Fremden, die in eurem Land wohnen. Ich bin der Herr, euer Gott!

11 Vergreift euch nicht an fremdem Eigentum. Belügt und betrügt einander nicht.

12 Missbraucht nicht meinen Namen, um etwas Unwahres zu beschwören; denn damit entweiht ihr ihn. Ich bin der Herr, euer Gott!

13 Erpresst und beraubt eure Mitmenschen nicht. Wenn jemand für euch arbeitet, dann zahlt ihm seinen Lohn noch am selben Tag.

14 Sagt nichts Böses über einen Tauben, der es nicht hören und sich nicht wehren kann, und legt einem Blinden keinen Knüppel in den Weg. Nehmt meine Warnungen ernst: Ich bin der Herr, euer Gott!

15 Beugt niemals das Recht. Bevorzugt weder den Armen und Schutzlosen noch den Reichen und Mächtigen. Wenn jemand einen Rechtsfall zu entscheiden hat, muss allein die Gerechtigbeit sein Maßstab sein.

16 Verbreitet keine Verleumdungen über eure Mitmenschen. Sucht niemand dadurch aus dem Weg zu schaffen, dass ihr vor Gericht falsche Anschuldigungen gegen ihn vorbringt. Ich bin der Herr!

17 Wenn du etwas gegen einen anderen hast, dann trage deinen Groll nicht mit dir herum. Rede offen mit ihm darüber, sonst machst du dich schuldig.

18 Räche dich nicht an deinem Mitmenschen und trage niemand etwas nach. Liebe deinen [Nächsten] wie dich selbst. Ich bin der Herr!

31 Wendet euch nicht an Wahrsager und an Leute, die die Geister der Toten befragen. Wer das tut, macht sich unrein. Ich bin der Herr, euer Gott!

32 Begegnet älteren Menschen mit Achtung und helft ihnen, wo ihr könnt. Dadurch zeigt ihr, dass ihr mich ehrt. Ich bin der Herr, euer Gott!

33-34 Unterdrückt nicht die Fremden, die in eurem Land leben, sondern behandelt sie genau wie euresgleichen. Jeder von euch soll seinen fremden Mitbürger lieben wie sich selbst. Denkt daran, dass auch ihr in Ägypten Fremde gewesen seid. Ich bin der Herr, euer Gott!

37 Richtet euch in allem nach meinen Geboten und Weisungen und befolgt sie. Ich bin der Herr!«

Lied EG 409: Gott liebt diese Welt

Wir sollen es zeigen: Gott liebt diese Welt. Wir sollen unseren Nächsten lieben wie uns selbst. Aber: Nächstenliebe? Gibt‘s die heute noch?

Früher nannte jeder Albert Schweitzer, den Urwaldarzt, wenn er ein Beispiel für glaubwürdiges Christsein geben wollte. Oder Martin Luther King, den gewaltfreien Kämpfer für die Rechte der amerikanischen Schwarzen. Heute gibt es neue Paradebeispiele: etwa Mutter Teresa oder Dom Helder Camara – in Indien und in Brasilien. Aber wer lässt sich durch solche Beispiele Mut machen, selbst engagierter Christ zu sein? Uns reizen große Beispiele kaum zum Nachdenken, wahrscheinlich reizen sie uns zum Ärgern. Wir sind ganz normale Menschen, haben unsere kleine Welt der Sorgen und unsere große Welt der Fragen. Wie könnten WIR Beispiele vollbringen, die besondere Erwähnung verdienten?

Die großen Beispiele allein helfen uns nicht weiter. Kleine Beispiele wagen wir kaum zu nennen, wir wollen sie nicht überbewerten. Kann man denn mit ein bisschen Menschlichkeit schon eine neue Welt herbeiführen? Aber das Leben setzt sich aus tausend Kleinigkeiten zusammen. Gottes Reich der Liebe macht sich bemerkbar mitten unter uns, mitten in banalen, alltäglichen Kleinigkeiten. Worin zum Beispiel?

Wieder zögern wir, Beispiele zu nennen. Könnte das ein Beispiel sein, wenn ich einem Menschen Lernhilfe anbiete, einem Ausländer, einem Behinderten, einem Nachbarskind? Oder ihm Gänge abnehme, die ihm Probleme machen, oder für ihn spreche, wenn ihn andere nicht mögen? Wenn einer durch mich wieder Mut bekäme, an sich selbst und noch mehr an Gott zu glauben? Wären das Beispiele? Warum eigentlich nicht? Martin Luther sagte bereits: „Eine Magd, die im Glauben einen Strohhalm aufhebt, tat damit einen Gottesdienst.“ Macht es die Größe oder macht es die Liebe, durch die ein Beispiel nennenswert wird?

Lied EG 610, 1-2: Herr, deine Liebe

Wir wollten in der Vorbereitungsgruppe herausfinden, ob es Beispiele für Nächstenliebe in der Schule gibt. Einer meinte: Schule und Nächstenliebe haben nichts miteinander zu tun.

Vergleichen wir einmal das Lied, das wir eben gesungen haben, mit Erfahrungen aus der Schule. Im Lied heißt es: Zu Gottes Liebe können wir Ja oder Nein sagen. Sie bedeutet Freiheit, Weite und Offenheit, wie sie ein Ferientag am Meer mit sich bringt, aber auch Geborgenheit, wie wir sie nur da kennen, wo wir uns wie zu Hause fühlen. Im Lied wird der Wunsch nach Freiheit ausgesprochen: jeder junge Mensch will sein eigenes Leben leben und sich nicht den Vorschriften der anderen unterwerfen. Und jeder sollte träumen dürfen und sich nicht jeden ungewohnten Traum von vornherein ausreden lassen.

Und in der Schule? Ist dort Platz für Träume? Können wir dort lernen, unsere Fähigkeiten zu entfalten, unser Zusammenleben zu gestalten, unsere Umwelt zu verändern, an Problemen unserer Welt zu arbeiten? Können wir dort lernen, was wir wollen? Gibt es in der Schule noch Klassengemeinschaft? Helfen sich Schüler gegenseitig? Haben Schüler und Lehrer Verständnis füreinander? Oder sind alle gefangen in einem System, in dem nicht Liebe, sondern Leistung zählt, in dem gar nicht mehr damit gerechnet wird, dass Schüler freiwillig etwas lernen wollen könnten?

Alle wissen über ihre Rechte Bescheid. Alle pochen nur auf ihre Rechte. So sagen viele unter uns. Aber wenn es um die Pflichten geht, will niemand etwas davon wissen. Geht es unserer Jugend wirklich zu gut? Wer auf sein Recht pocht, hat vielleicht Liebe vermisst: Geborgenheit und Freiheit. Wer Liebe erfahren hat, wer so sein durfte, wie er war, der denkt von selbst an den anderen, an sein Recht, an seine Freiheit, an seinen Wunsch nach Liebe. Oder heißt es etwa nicht: Liebe deinen Nächsten – wie dich selbst?

Lied EG 610, 3-4: Herr, deine Liebe

Wo die Liebe Menschen ergreift, wirkt sie sich nicht nur im kleinen Kreis aus, sondern auch im Bereich der Völker und Rassen, kurz gesagt: Im Bereich der Politik. So sagt es jedenfalls unser Lied.

Nächstenliebe und Politik? Sind es nicht gerade besonders religiöse Politiker, die in der Weltpolltik fanatisch oder unüberlegt handeln? Z. B. Khomeiny, der den Völkerrechtsbruch der Geiselnehmer duldet. Oder auch Präsident Carter, der zwar täglich auch für Khomeiny betet, aber das Gespräch sowohl mit den Verbündeten als auch mit der Gegenseite zu vernachlässigen scheint?

Nächstenliebe und Politik? Warum meinen so viele Menschen, beides hänge überhaupt nicht zusammen, Politik sei ein schmutziges Geschäft? Warum gehen so viele Menschen nicht mehr zu politischen Veranstaltungen oder höchstens zu Veranstaltungen ihrer eigenen Partei? Warum ist es so ähnlich wie in dem Lied: „da sind Mauern zwischen Menschen, und nur durch Gitter sehen wir uns an“?

Im Lied heißt es weiter: diese Mauern sind gebaut „aus Steinen unserer Angst“. Wir haben Angst vor Menschen, die anders denken als wir. Es fällt uns schwer, Menschen als Diskussionspartner zu akzeptieren, die andere Interessen vertreten, die Althergebrachtes verändern wollen, die Meinungen vorbringen, deren Sinn uns nicht einleuchtet. Wenn einer Einfluss hat, fällt es schwer, ihn mit bisher Einflusslosen zu teilen. Wenn jemand etwas zu verlieren hat, fällt es schwer, die Rechte der Besitzlosen anzuerkennen.

Könnte es daran liegen, dass sachliche Auseinandersetzung über politische Fragen so selten ist? Dass man lieber die persönliche Ebene zum Streit aussucht? Dass Kommunalpolitikern aller Parteien der kleinste Anlass willkommen ist, um empört auf die unverzeihlichen Fehler der Gegenseite zu zeigen – wie wir es seit Monaten im Stadtkurier erleben?

Nächstenliebe und Politik – das sollte auf der niedrigsten Ebene, im eigenen Wohnort beginnen. Es gibt Probleme genug, über die es sich – in sachlicher Weise – zu streiten lohnt. Könnte man nicht mit den persönlichen Auseinandersetzungen aufhören, durch die man nur vielen Bürgern einen Abscheu vor der Politik vermittelt? Und wenn man wirklich einem Politiker der Gegenseite keine Achtung entgegenzubringen vermag – sollte man nicht so viel Selbstachtung haben, dass man nicht mit gleichen Mitteln zurückschlägt?

Wir brauchen nicht einer Meinung zu sein, um miteinander reden zu können. Wir brauchen einen anderen nicht unbedingt zu mögen, um ihn ernstzunehmen. Wir brauchen einen anderen nicht schlecht darzustellen, um selbst überzeugend aufzutreten.

Lied: Wir sind eins in dem Herren

Ein Leben ohne Liebe ist sinnlos. Pflicht ohne Liebe macht verdrießlich. Verantwortung ohne Liebe macht rücksichtslos. Gerechtigkeit ohne Liebe macht hart. Erziehung ohne Liebe macht widerspruchsvoll. Klugkeit ohne Liebe macht gerissen. Freundlichkeit ohne Liebe macht heuchlerisch. Ordnung ohne Liebe macht kleinlich. Sachkenntnis ohne Liebe macht machthaberisch. Macht ohne Liebe macht gewalttätig. Ehre ohne Liebe macht hochmütig. Besitz ohne Liebe macht geizig. Glaube ohne Liebe macht fanatisch. Wenn die Liebe dünn ist, siehst du die Fehler der anderen dick.

Lied: Wir stehn ein füreinander
Bekanntmachungen

Herr, die Kirche braucht in dieser Welt nichts zu verteidigen, wenn sie von deiner Kraft lebt. Sie soll Christus verkündigen, sie soll leben, sie soll Zeuge sein. Unbekannt – und doch beachtet, sterbend – und am Leben, verfolgt – und doch nicht getötet, betrübt – und doch voller Freude, arm – und doch macht sie viele reich, mit leeren Händen, – und doch besitzt sie alles. Das, Herr, ist die leidende Kirche – aber wie steht es um die Kirche in Sattheit und Wohlstand? Wie steht es um die Kirche, die das gerade nicht ist – „ein bescheidenes irdenes Gefäß“? Wie steht es um die „Volkskirche“ in einem „christlichen“ Land? Wie steht es um die Kirche dort, wo es kein Leiden, keine Bedrängnis, keine Armut gibt? Wie soll da ihr Leben und Ihr Zeugnis aussehen? Herr, bewirke bei unserer Kirche Veränderung und Erneuerung, Erneuerung ihrer Ordnungen, Erneuerung ihres Gottesdienstes, Erneuerung ihrer Sendung, Erneuerung des ganzen Volkes. Amen.

Vaterunser und Segen
Lied: Du, Herr, heißt uns hoffen

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