„Unser Gott ist ein verzehrendes Feuer“

Silas, wie ich den Schreiber des Hebräerbriefs heute einmal nennen möchte, hatte dazu aufgerufen, Gottes Gnade nicht zu versäumen und Jesus nicht abzuweisen, wenn er zu uns redet. Und er will, dass wir dankbar leben und Gott ohne Angst, aber mit einem heiligen Respekt, dienen. Mir wird klar, dass Gott ein verzehrendes Feuer ist, eben weil er die Liebe ist.

Ein Herz, geformt wie ein verzehrendes Feuer

Was bedeutet es, dass Gott wie ein verzehrendes Feuer sein soll? (Bild: pixabay.com)

#predigtGottesdienst am 2. Sonntag n. Epiphanias, 19. Januar 2014, 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Ich begrüße alle herzlich in der Pauluskirche mit dem Wort zur Woche aus dem Evangelium nach Johannes 1, 17:

Das Gesetz ist durch Mose gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden.

Am 2. Sonntag nach Epiphanias denken wir über das Licht nach, das mit Jesu Geburt in der Welt erschienen ist. Dieses Licht verbinden wir mit leuchtender Helligkeit und mit angenehmer Wärme. In der Bibel wird Gott manchmal aber auch „ein verzehrendes Feuer“ genannt. Was damit gemeint ist, wird Pfarrer Schütz in der Predigt zu erklären versuchen.

Lied 255, 1+4+6+8:

1. O dass doch bald dein Feuer brennte, du unaussprechlich Liebender, und bald die ganze Welt er ennte, dass du bist König, Gott und Herr!

4. Verzehre Stolz und Eigenliebe und sondre ab, was unrein ist, und mehre jener Flamme Triebe, die dir nur glüht, Herr Jesu Christ.

6. Du unerschöpfter Quell des Lebens, allmächtig starker Gotteshauch, dein Feuermeer ström nicht vergebens. Ach zünd in unsern Herzen auch.

8. Beleb, erleucht, erwärm, entflamme doch bald die ganze weite Welt und zeig dich jedem Völkerstamme als Heiland, Friedefürst und Held.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Suchet den HERRN, so werdet ihr leben, dass er nicht daherfahre über [uns] wie ein verzehrendes Feuer, das niemand löschen kann. (Amos 5, 6)

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Unser Gott ist ein verzehrendes Feuer? Der Satz klingt gefährlich. Wer möchte einem solchen Gott zu nahe kommen? Müssen wir vor Gott Angst haben, vor der Willkür eines allmächtigen Tyrannen, vor den Strafen eines übermächtigen Richters? Gott, wir verstehen oft nicht, was von dir in der Bibel gesagt wird. Hilf uns, an das Feuer deiner Liebe zu glauben, das uns nicht verbrennt, sondern verwandelt, so dass wir lieben können. Wir rufen zu dir:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Mit Psalm 68 beten wir:

20 Gelobt sei der Herr täglich. Gott legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch.

21 Wir haben einen Gott, der da hilft, und den HERRN, der vom Tode errettet.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Barmherziger Gott, Licht der Welt, lass uns dich erkennen, aber verbrenne uns nicht. Zeige uns Wege zum sinnvollen Leben. Das erbitten wir von dir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören aus dem 2. Buch Mose – Exodus 24, 15-18, wie es war, als Mose von Gott auf dem Berg Sinai die Zehn Gebote bekam:

15 Als nun Mose auf den Berg kam, bedeckte die Wolke den Berg,

16 und die Herrlichkeit des HERRN ließ sich nieder auf dem Berg Sinai, und die Wolke bedeckte ihn sechs Tage; und am siebenten Tage erging der Ruf des HERRN an Mose aus der Wolke.

17 Und die Herrlichkeit des HERRN war anzusehen wie ein verzehrendes Feuer auf dem Gipfel des Berges vor den Israeliten.

18 Und Mose ging mitten in die Wolke hinein und stieg auf den Berg und blieb auf dem Berge vierzig Tage und vierzig Nächte.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Glaubensbekenntnis

Die Predigt wird heute wieder einmal lang, darum singen wir vorher nur ein ganz kurzes Lied, das ich Sie und euch bitte, mal eben auswendig zu lernen. Wir singen es drei Mal, und auch wenn ich in der Predigt nicht noch einmal ausdrücklich auf das Lied eingehe, versuche ich doch darauf zu antworten, wie uns das gelingen kann, das Böse zu wenden, das Gute zu tun, den Frieden zu suchen und ihm nachzujagen:

Wende des Böse, tue das Gute, suche den Frieden und jage ihm nach!

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde,

unser Predigttext heute steht im Hebräerbrief, einem der schwierigsten Briefe im Neuen Testament. Wir wissen nicht, von wem er geschrieben wurde, aber damit ich in der Predigt nicht dauernd vom „Schreiber des Hebräerbriefs“ reden muss, möchte ich ihm einen Namen geben. Ich nenne ihn Silas, weil er am Ende des Briefes seinen engen Mitarbeiter Timotheus erwähnt, und dieser Timotheus hat nicht nur zusammen mit Paulus, sondern auch mit Silas Reisen unternommen und Briefe geschrieben; wer weiß, vielleicht hat Silas oder Silvanus, wie er manchmal auch genannt wird, ja sogar wirklich den Brief geschrieben.

Wir wissen übrigens auch nicht genau, wer die „Hebräer“ sind, an die der Brief adressiert ist. Auf jeden Fall sind es Christen, die sich in der hebräischen Bibel gut auskennen, das werden wir noch merken.

Der Predigttext endet mit den Worten, die ich als Überschrift über diesen Gottesdienst gesetzt habe: „Unser Gott ist ein verzehrendes Feuer.“ Damit endet auch der Hauptteil des Hebräerbriefs, bevor in einem letzten Kapitel noch Ermahnungen und Grüße folgen. Dieser Satz bildet also den Höhepunkt des ganzen Briefes; wie ist er gemeint?

Wir brauchen Zeit, um ihn zu verstehen. Schauen wir uns gemeinsam mit Silas die Verse an, die zu ihm hinführen, Hebräer 12, 12-29. Vorher hatte Silas geschrieben, dass Gott gerade denen, die auf ihn vertrauen, oft schweres Leid auferlegt. Frau Schau übernimmt jetzt den Part von Silas und liest seine Worte nach und nach, und ich versuche, verständlich zu machen, was sie für uns in unserer Zeit bedeuten können.

12 Darum stärkt die müden Hände und die wankenden Knie

13 und macht sichere Schritte mit euren Füßen, damit nicht jemand strauchle wie ein Lahmer, sondern vielmehr gesund werde.

Hier zitiert Silas zwei Mal das Alte Testament (Jesaja 35):

3 Stärket die müden Hände und macht fest die wankenden Knie!

Das hatte wortwörtlich schon der Prophet Jesaja den Israeliten gesagt, als ihnen harte Zeiten auferlegt waren. Gemeint ist: derselbe Gott, der uns Lasten auferlegt, hilft uns auch (Psalm 68, 20). Und wenn wir an die Ursache der Lasten denken, die dem Volk Israel auferlegt waren, müssen wir zugleich sagen: Es handelt sich nicht um willkürliche Strafaktionen Gottes, sondern die Propheten machen dem Volk Israel bewusst, dass sie sich vieles selber zuzuschreiben haben. Das gesamte Volk war ja Wege des Unrechts gegangen, die letzten Endes in Katastrophen hineingeführt haben. Als dann die Zeit der Verbannung nach Babylon vorbei war, hörte der zweite Jesaja eine Stimme rufen (Jesaja 40):

3 In der Wüste bereitet dem HERRN den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott!

Diesen Satz zitiert Silas nicht wörtlich; aus der ebenen Bahn für Gott macht er gerade Wege für die Füße derer, die auf Gott vertrauen, und Martin Luther übersetzt noch ein wenig freier, indem er dazu auffordert, sichere Schritte mit den Füßen zu machen.

Wir können davon ausgehen, dass die von Silas angeredeten Hebräer ihre hebräische Bibel durchaus kennen und merken, worauf Silas hinaus will: Es geht nicht darum, dass man in einem äußerlichen Sinn für Gott eine Prachtstraße baut, auf der er zu uns kommt, sondern dass wir den geraden Weg Gottes gehen, auch wenn unsere Hände müde sind und unsere Knie zittern.

Aber wie soll einer, der vor Schwäche fast umfällt, sichere Schritte machen? Das geht nur, wenn einer den anderen stützt und an der Hand hält. Dann braucht sich auch einer, der in seiner Beweglichkeit eingeschränkt ist, nicht die Füße zu verrenken, und kommt nicht ins Stolpern, sondern er kommt heil an seinem Ziel an, auch wenn seine körperliche Behinderung nicht beseitigt wird (Hebräer 12):

14 Jagt dem Frieden nach mit jedermann und der Heiligung, ohne die niemand den Herrn sehen wird.

Hier sagt Silas deutlich, was der gerade Weg ist, auf dem wir mit sicheren Schritten gehen sollen: der Weg des Friedens und der Heiligung.

Friede ist nicht ein Zustand, in dem zufällig gerade kein Krieg herrscht, sondern wir können dem Frieden nachjagen, etwas für ihn tun, zum Beispiel indem wir uns fragen, welchen Streit wir mit Menschen beenden können – oder gar nicht erst anfangen.

Das mit der Heiligung kommt mir fast noch schwieriger vor: Silas meint tatsächlich, dass wir heilig werden müssen, um Gott sehen zu können! Ist das nicht eine absolute Überforderung? Wir sind doch alle keine Heiligen, sagen wir, und meinen damit, dass niemand vollkommen ist. Aber so einfach sollen wir es uns eben nicht machen. Gott traut uns zu, als seine Kinder zu leben, und dazu gehört, dass wir uns nicht mit dem abfinden, was an unserer Lebenshaltung böse ist: wo wir lieblos sind, ungerecht, egoistisch, verbittert, nachtragend.

15 Und seht darauf, dass nicht jemand Gottes Gnade versäume.

Dem Silas ist dabei durchaus bewusst, dass wir nicht aus eigener Kraft heilig sein können, sondern nur aus Gottes Gnade. Wir brauchen seine Liebe, seine Vergebung. Wir können nur auf Gottes Wegen des Friedens, der Liebe, der Gerechtigkeit gehen, wenn er uns zunächst einmal so annimmt, wie wir sind. Auf dieser Grundlage arbeitet dann Gott selber an uns. Sein Geist erfüllt uns, zeigt uns die richtige Richtung, lässt in uns Kräfte zum Guten entstehen. Und nun kommt es darauf an, dass wir diese Gnade Gottes, die in und an uns arbeiten will, nicht versäumen, nicht gering achten. Und dass wir andere ermutigen, auf Gottes Gnade zu vertrauen; denn er traut jedem Menschen etwas zu.

Dieser Gedanke ist Silas so wichtig, dass er ihn mit einer ganzen Reihe von Bibelzitaten untermauert.

Dass nicht etwa eine bittere Wurzel aufwachse und Unfrieden anrichte und viele durch sie unrein werden.

Hier erinnert Silas an einen Satz aus der Tora der Juden, dem 5. Buch Mose – Deuteronomium 29:

17 Lasst unter euch nicht eine Wurzel aufwachsen, die da Gift und Wermut hervorbringt.

Gemeint sind mit diesen Wurzeln sicher nicht böse Menschen, die man aus der Gemeinschaft der Menschen ausrotten sollte; Jesus sagt ja in einem Gleichnis (Matthäus 13, 29), dass man Unkraut mit dem Weizen zusammen wachsen lassen soll bis zur Ernte,

damit ihr nicht zugleich den Weizen mit ausrauft, wenn ihr das Unkraut ausjätet.

Silas meint bestimmt, dass wir achtgeben sollen auf das Gift der Bitterkeit in unseren Gedanken und Worten, mit der wir uns und anderen das Leben schwer machen. Wenn Menschen rücksichtslos oder auch nur gedankenlos sind, aber auch wenn wir anderen nur Böses unterstellen oder uns selber nicht leiden können, dann kann so eine Haltung wie ein Gift auf unsere mitmenschlichen Beziehungen wirken und auch andere Menschen negativ beeinflussen.

Als zweites erwähnt Silas aus der Bibel als abschreckendes Beispiel Esau, den Zwillingsbruder Jakobs (Hebräer 12):

16 Dass nicht jemand sei ein Abtrünniger oder Gottloser wie Esau, der um der einen Speise willen seine Erstgeburt verkaufte.

17 Ihr wisst ja, dass er hernach, als er den Segen ererben wollte, verworfen wurde, denn er fand keinen Raum zur Buße, obwohl er sie mit Tränen suchte.

Mit diesen Sätzen habe ich Schwierigkeiten. Denn wenn wir das, was Silas hier sagt, mit den Erzählungen im 1. Buch Mose vergleichen, wird Esau zu hart beurteilt. Abtrünnig, gottlos, so wird er in der Tora nicht genannt. Ja, im 1. Buch Mose – Genesis 25 steht:

34 So verachtete Esau seine Erstgeburt.

Denn er verkauft sie gedankenlos seinem Bruder Jakob für ein Linsengericht. Aber Jakob, der mit Hilfe seiner Mutter den Vater und den Bruder hintergeht, ist ja nicht besser als sein Bruder. Später handelt Esau als ein Mann des Friedens; er versöhnt sich mit Jakob, als er dem Bruder nach langen Jahren der Feindschaft wieder begegnet. Ausdrücklich wird von ihm gesagt (1. Buch Mose – Genesis 33):

4 Esau aber lief ihm entgegen und herzte ihn und fiel ihm um den Hals und küsste ihn, und sie weinten.

Und als der Vater Isaak stirbt, handeln seine beiden Söhne einträchtig miteinander (1. Buch Mose – Genesis 35):

29 Seine Söhne Esau und Jakob begruben ihn.

Dass die Nachkommen Esaus, das Volk der Edomiter, bei den Israeliten keinen guten Ruf hatten, liegt an der späteren Feindschaft dieser beiden Nachbarvölker, und wenn im Prophetenbuch Maleachi 1 Gott sagt:

2 Ich [hab] Jakob lieb

3 und hasse Esau

– dann geht es um ein Strafgericht gegen diese Völker in dieser späteren Zeit, nicht um ein Urteil über die Personen Jakob und Esau.

Anscheinend will Silas lediglich auf einen Gedanken hinaus, nämlich wie gedankenlos Esau seine Erwählung durch Gott abtut und wegwirft. Er hat Hunger und will Linsen; sein Bruder Jakob sagt: „OK, wenn ich dann der ältere von uns bin.“ Das ist dem Esau egal, er legt keinen Wert darauf, einen besonderen Segen von Gott zu bekommen. Damals jedenfalls nicht. Als Jakob dann tatsächlich Isaaks Segen erschleicht, ist es zu spät für Esau; es nützt ihm nichts, unter Tränen den Vater zu bitten, den Segen von Jakob wieder wegzunehmen und ihm zu geben. Er findet keinen Raum zur Buße, zur Umkehr. Also obwohl Esau um den Segen betrogen wurde, ist ihm in Gottes Augen kein Unrecht geschehen, da ihm dieser Segen ja früher so egal gewesen ist, dass er ihn für eine einzige Mahlzeit aufgeben wollte.

Silas will wohl andeuten: Auch wenn Gott auf Menschen wartet, dass sie umkehren, um auf seinen Wegen zu gehen, seine Liebe und Gnade annehmen, kann es irgendwann für eine solche Umkehr zu spät sein. Nicht alle Chancen in unserem Leben wiederholen sich immer wieder.

Noch ausführlicher erinnert Silas an den Berg Sinai, auf dem Mose von Gott die Zehn Gebote erhielt (Hebräer 12):

18 Denn ihr seid nicht gekommen zu dem Berg, den man anrühren konnte und der mit Feuer brannte, und nicht in Dunkelheit und Finsternis und Ungewitter

19 und nicht zum Schall der Posaune und zum Ertönen der Worte, bei denen die Hörer baten, dass ihnen keine Worte mehr gesagt würden;

20 denn sie konnten’s nicht ertragen, was da gesagt wurde: »Und auch wenn ein Tier den Berg anrührt, soll es gesteinigt werden.«

21 Und so schrecklich war die Erscheinung, dass Mose sprach: »Ich bin erschrocken und zittere.«

Lang und breit schildert Silas, dass seine Leserinnen und Leser nicht dabei waren, als das Volk Israel von Gott am Berg Sinai die Zehn Gebote bekam. Ihm ist es wichtig, dass sie sich klar machen: Als Gott damals redete, war es für die Menschen nicht einfach zuzuhören. Der Berg Sinai war ein realer Berg zum Anfassen, aber trotzdem durfte man ihn nicht berühren, ja, nicht einmal ein Tier hinauflaufen lassen, um Gott nicht zu nahe zu kommen, sonst wäre man gestorben (2. Buch Mose – Exodus 19):

12 Hütet euch, auf den Berg zu steigen oder seinen Fuß anzurühren; denn wer den Berg anrührt, der soll des Todes sterben.

13 Keine Hand soll ihn anrühren, sondern er soll gesteinigt oder erschossen werden; es sei Tier oder Mensch, sie sollen nicht leben bleiben.

Gottes Worte auf dem Sinai konnte man nicht hören, ohne zu erschrecken vor Feuer und Finsternis, vor Gewitter und Posaunenschall. Aber wichtiger als diese ganzen Äußerlichkeiten ist, dass die Forderungen Gottes den Menschen so unerträglich in den Ohren klangen, dass sie am liebsten gar nichts mehr von Gott hören wollten. Sogar Mose selbst erschrak und zitterte, als ihm Gott auf diese Weise erschien. Im 5. Buch Mose – Deuteronomium 9 sagt Mose wörtlich, nachdem das Volk Israel das Goldene Kalb angebetet hat:

19 Ich fürchtete mich vor dem Zorn und Grimm, mit dem der HERR über euch erzürnt war, so dass er euch vertilgen wollte.

Ich gebe zu, dass mir auch diese Worte Schwierigkeiten bereiten. Immerhin versuche ich seit Jahrzehnten, das heißt mein ganzes Pfarrerleben hindurch, dem Vorurteil entgegenzutreten, man müsse vor Gott Angst haben. Ist Gott nicht die Liebe? Gott will doch nicht unsere Angst, er sucht unser Vertrauen! Wieso ist Gott dann auf dem Berg Sinai und auch hier in der Erinnerung des Silas von dermaßen ängstigenden Erscheinungen umgeben? Ich kann mir das nur so erklären, dass Silas meint: Natürlich ist Gott die Liebe. Silas hat ja selber die Gnade Gottes in den Mittelpunkt gestellt. Aber er befürchtet, dass wir Gottes Gnade versäumen und seine Liebe mit Füßen treten könnten, wenn wir sie als etwas betrachten, was man billig kriegen kann und darum auch schnell auf den Müll wirft. Das kann der menschenfreundliche Gott der Liebe aber überhaupt nicht haben, wenn wir seine Menschenfreundlichkeit verachten und seine Gebote als unwichtig oder als bloße Schikane abtun.

Trotz dieser ausführlichen Schilderung der Erscheinung Gottes am Berg Sinai hat Silas gleich gesagt, dass seine Zuhörerschaft, also auch wir, damals nicht dabei gewesen sind. Es sind auch insofern nicht unsere Erinnerungen, als wir ja nicht zum Volk Israel gehören, dem Gott damals zuerst seine Tora, seine Wegweisung, gegeben hat. Darum fährt Silas fort (Hebräer 12):

22 Sondern ihr seid gekommen
zu dem Berg Zion
und zu der Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem,
und zu den vielen tausend Engeln,
und zu der Versammlung
23 und Gemeinde der Erstgeborenen, die im Himmel aufgeschrieben sind,
und zu Gott, dem Richter über alle,
und zu den Geistern der vollendeten Gerechten
24 und zu dem Mittler des neuen Bundes, Jesus,
und zu dem Blut der Besprengung, das besser redet als Abels Blut.

Was Silas hier alles aufzählt, das kann man gar nicht beim einmaligen Hören behalten. Eine Fülle von Bildern stellt er uns vor Augen, und alle diese Bilder haben ein einziges Ziel: sie zeigen uns den Ort oder vielleicht auch eine Vielzahl von Orten, wo wir, die wir nicht zum Volk Israel gehören, trotzdem Gott begegnen und sein Wort hören können.

Als erstes nennt er den „Berg Zion“, das war der Tempelberg in Jerusalem, von dem der Prophet Jesaja 2 gesagt hatte:

3 Viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns auf den Berg des HERRN gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem.

Also obwohl wir nicht Juden sind, ist unser Gott nicht ein allgemein menschlicher Gott, sondern der Gott Israels. Aus der Bibel der Juden lernen wir, was für einen Gott wir haben und was er uns zu sagen hat.

Zweitens ruft uns Silas zur „Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem“, von dem der Prophet Johannes in der Offenbarung sagt, dass Gott es aus dem Himmel zu uns herabschickt. Gemeint ist, dass Gott mitten unter uns wohnen, sein Reich des Friedens unter uns aufbauen will (Offenbarung 21, 2-3).

Drittens erwähnt Silas „Tausende von Engeln“; auch sie können uns Gott nahe bringen, es sind ja seine Boten, die um uns sind, um uns zu behüten und uns auf guten Wegen zu geleiten.

Viertens kann die „Festversammlung und Gemeinde der Erstgeborenen, die im Himmel aufgeschrieben sind“, ein Ort sein, um etwas von Gott zu erfahren. Mit den Erstgeborenen meint Silas Menschen, die auf Gott vertrauen und nicht wie Esau ihr Geburtsrecht als Kinder Gottes verachten. Er spricht hier noch nicht von denen, die schon im Himmel sind, die kommen nämlich gleich noch, sondern er schickt uns zur real auf der Erde existierenden Gemeinde Jesu, die damals, zur Zeit des Hebräerbriefs, aus Juden und zum Glauben gekommenen Heiden besteht und die er mit zwei Namen benennt: Festversammlung und Ekklesia. Ich möchte das so verstehen: Hier in der Festversammlung des Gottesdienstes ist für uns ein wichtiger Ort, um Gottes Wort zu hören, und wir tun es als eine „Ekklesia“, eine Gemeinschaft von „Herausgerufenen“. Wir sind von Gott aus der Welt der nicht an Gott glaubenden Menschen herausgerufen, um aufeinander zu hören und einander im Glauben an Gott zu bestärken und dann unsere Aufgabe in der Welt zu erfüllen.

Fünftens ruft Silas uns zu „Gott, dem Richter über alle“; damit erinnert er uns daran, dass jeder Mensch sich vor Gott verantworten muss für alles, was er tut und sein lässt.

Sechstens sollen wir kommen zu den „Geistern der vollendeten Gerechten“. Hier spricht Silas von den Menschen, die bereits im Himmel sind. Sogar von den Mitchristen, die bereits verstorben sind, können wir uns im Glauben stärken lassen, wenn wir an ihr Vorbild denken und an das, was sie uns einmal von Gott erzählt haben.

Siebtens nennt Silas die Person, die für ihn am wichtigsten ist, um Gott zu begegnen: es ist „Jesus, der Mittler des Neuen Bundes“. Von einem Neuen Bund war schon im Alten Testament die Rede gewesen; dabei ging es darum, Gottes Gesetz nicht rein äußerlich zu befolgen, sondern auf Gottes Liebe mit eigener Liebe zu antworten und aus freien Stücken auf Gottes Wegen zu gehen (Jeremia 31, 31). Jesus ist der Mittelsmann, der uns Menschen aus der Heidenwelt der Völker dieses Vertrauen auf den Gott Israels möglich macht und uns hilft, ein heiliges Leben, ein Leben des Friedens auf Gottes Wegen, zu führen.

Achtens spricht Silas im Zusammenhang mit Jesus vom „Blut der Besprengung, das besser redet als Abels Blut“. Er erinnert damit noch einmal daran, dass wir heilig nur sein können durch Vergebung. Vier Geschichten bringt er mit diesem einen Satz in Verbindung:

Erstens, wie Abels Blut zum Himmel schreit (1. Buch Mose – Genesis 4, 10), als sein Bruder Kain ihn tötet, und Gott den Kain nicht mit dem Tode bestraft, sondern damit, dass er seine Verantwortung auf Erden tragen muss.

Zweitens, wie Mose das Volk Israel mit Blut besprengt zum Zeichen des Lebens, als sie sich verpflichten, Gottes Geboten zu folgen (2. Buch Mose – Exodus 24, 8).

Drittens, wie man im Tempel von Jerusalem mit dem Blut einer rötlichen Kuh ein spezielles Reinigungswasser herstellt (Numeri 19, 9), um unrein gewordene Menschen damit zu besprengen und wieder rein zu machen.

Und viertens mit dem Tod Jesu am Kreuz, der im Hebräerbrief als ein Opfer gedeutet wird, das alle anderen menschlichen Sühnopfer endgültig überflüssig macht (Hebräer 7, 27).

Weiter appelliert Silas an seine Leser (Hebräer 12):

25 Seht zu, dass ihr den nicht abweist, der da redet.

Das ist der Satz, auf den Silas hingearbeitet hat: Wenn Gott auf so viele Arten und Weisen mit uns reden will, dann sollen wir auf ihn hören und ihn nicht abweisen. Wir sollen Gottes Gnade nicht versäumen, seine Liebe nicht verachten.

Denn wenn jene nicht entronnen sind, die den abwiesen, der auf Erden redete, wieviel weniger werden wir entrinnen, wenn wir den abweisen, der vom Himmel redet.

Hier wird der Tonfall des Silas wieder bedrohlich. Er warnt eindringlich: Wer von Mose nichts wissen wollte, der Gottes Gebote hier auf der Erde von Gott erhielt, musste die Folgen tragen; wer nicht auf Gottes Wegen geht, bringt ja sich selber und andere Menschen mit sich ins Unglück. Jesus als der Sohn Gottes redet sogar vom Himmel her, er ist der Weltenrichter, den Gott selber einsetzt (Matthäus 25, 31-46). Und auch wenn dieser Richter barmherzig ist, sollten wir bedenken, dass er eines absolut nicht ausstehen kann: wenn wir unbarmherzig sind. Daran werden wir gemessen, diesem Gericht kann niemand entkommen: Der barmherzige Gott erwartet von uns, dass wir ihm nacheifern in seiner barmherzigen Liebe!

26 Seine Stimme hat zu jener Zeit die Erde erschüttert, jetzt aber verheißt er und spricht: »Noch einmal will ich erschüttern nicht allein die Erde, sondern auch den Himmel.«

Wieder zitiert Silas das Alte Testament, dieses Mal den Propheten Haggai 2, der gesagt hatte:

6 So spricht der HERR Zebaoth: Es ist nur noch eine kleine Weile, so werde ich Himmel und Erde, das Meer und das Trockene erschüttern.

Martin Luther ließ in dieser Übersetzung ausgerechnet die beiden kleinen Wörter aus, auf die es Silas besonders ankommt: „noch einmal“. Auf dem Berg Sinai hatte Gott die Erde erschüttert, indem er dem Volk Israel durch Mose die Gebote gegeben hatte. Jetzt gibt es durch Jesus noch einmal eine Erschütterung, die sogar den Himmel erfasst. Weiter im Hebräerbrief 12:

27 Dieses »Noch einmal« aber zeigt an, dass das, was erschüttert werden kann, weil es geschaffen ist, verwandelt werden soll, damit allein das bleibe, was nicht erschüttert werden kann.

Sogar der Himmel, der uns als Sinnbild und Wohnung Gottes gilt, ist von Gott geschaffen und nicht unerschütterlich. Dass unser Weltall, so unendlich es zu sein scheint, dennoch ein Ende haben kann, das nimmt sogar die moderne Wissenschaft an. Und dass im Himmel Gottes, wie ihn uns die Bibel vor Augen malt, ein Mensch wie Jesus, ein Gekreuzigter und vom Tode Auferstandener auf dem Thron des Weltenrichters sitzt, bedeutet für das normale Nachdenken über Gott einen noch gewaltigeren Umsturz. Nur Gottes Liebe bleibt ewig, alles andere vergeht; was böse ist in der Welt, soll verwandelt werden, denn vor Gott hat nur Bestand, was gut ist, was seiner Liebe entspricht.

28 Darum, weil wir ein unerschütterliches Reich empfangen, lasst uns dankbar sein und so Gott dienen mit Scheu und Furcht, wie es ihm gefällt;

29 denn unser Gott ist ein verzehrendes Feuer.

Damit kommt Silas zu seinem Schlusswort. Wir bekommen von Gott ein unerschütterliches Königreich geschenkt; es besteht in dem Frieden, in der Liebe, die unter uns wie von selber wachsen, wenn wir auf Jesu Wort bauen und auf Gott vertrauen.

Zuvor hatte Silas dazu aufgerufen, Gottes Gnade nicht zu versäumen und Jesus nicht abzuweisen, wenn er zu uns redet. Hier ruft er dazu auf, dankbar zu leben und Gott mit Scheu und Ehrfurcht zu dienen. Mit Angst hat das nichts zu tun, wohl aber mit einem heiligen Respekt, der es uns nicht erlaubt, Gott und seine Liebe einfach zu vergessen. Mir wird klar, dass Gott ein verzehrendes Feuer ist, eben weil er die Liebe ist.

Martin Luther hat einmal gesagt:

Gott ist ein glühender Backofen voller Liebe, der da reichet von der Erde bis an den Himmel.

Die Hitze dieses Ofens mag wohl verzehren, was in uns nicht in Ordnung ist, Hass und Gewalttätigkeit, Bitterkeit und böse Gedanken. Aber wo wir offen sind für Gottes Liebe, erfahren wir sie als Wärme und Licht und als ein Glück, das uns mit Gott und allen liebenden Menschen verbindet. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.
Lied 412, 1-2+8:

1. So jemand spricht: »Ich liebe Gott«, und hasst doch seine Brüder, der treibt mit Gottes Wahrheit Spott und reißt sie ganz darnieder. Gott ist die Lieb und will, dass ich den Nächsten liebe gleich als mich.

2. Wer dieser Erde Güter hat und sieht die Brüder leiden und macht die Hungrigen nicht satt, lässt Nackende nicht kleiden, der ist ein Feind der ersten Pflicht und hat die Liebe Gottes nicht.

8. Ein unbarmherziges Gericht wird über den ergehen, der nicht barmherzig ist, der nicht die rettet, die ihn flehen. Drum gib mir, Gott, durch deinen Geist ein Herz, das dich durch Liebe preist.

Lasst uns beten!

Gott der Liebe, zünde in uns die Liebe an, die uns mit dir und mit allen Menschen verbindet, die uns brauchen und die wir brauchen. Mach unsere Kirchengemeinde und unser Kinder- und Familienzentrum zum Ort der Begegnung für Menschen, die hilfreich füreinander da sind. Sei in unseren Familien bei uns, auch und gerade dann, wenn wir unter Konflikten leiden; bewege uns dazu, Streit zu überwinden und dem Frieden nachzujagen.

Besonders beten wir heute für zwei Verstorbene… An Frau … dachten wir auf dem Friedhof mit dem Wort aus Jesaja 43, 1:

Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!

Von Herrn … nahmen wir Abschied mit dem Bibelwort aus 1. Korinther 13, 13:

Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

Begleite du die Angehörigen und Freunde der beiden Verstorbenen mit deiner Liebe. Lass sie im Vertrauen auf dich Trost finden und die Kraft, ihr Leben mit all dem zu bewältigen, was weh tut. Hilf ihnen, auf dich zu werfen, was sie belastet, und neue Schritte zu wagen, die für sie dran sind.

In der Stille bringen wir vor Gott, was wir außerdem auf dem Herzen haben:

Gebetsstille und Vater unser
Lied 621: Ins Wasser fällt ein Stein
Abkündigungen

Empfangt Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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