Leeres Grab – volles Leben!

Weil Jesu Grab leer ist, kann unser Leben erfüllt sein. Das Leben der Toten in der Ewigkeit, unser Leben hier auf der Erde, weil es nicht vergeblich ist. Das Grab ist leer, weil Gottes Sohn keine Zeit hat, im Grab zu verweilen – er schenkt uns volles Leben. Gott leert die Gräber, um unsere leere Seele mit Liebe zu füllen.

Das Steinkreuz auf dem Neuen Friedhof im Gegenlicht des Ostermorgens

Das Steinkreuz auf dem Neuen Friedhof im Gegenlicht des Ostermorgens

Osterandacht am Ostersonntag, 31. März 2002, 8.00 Uhr am Steinkreuz auf dem Friedhof Gießen
Vorspiel des Bläserkreises

Herzlich willkommen am Ostermorgen in aller Herrgottsfrühe auf dem Neuen Friedhof in Gießen!

Wir feiern eine Osterandacht im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

„Leeres Grab – volles Leben!“ – so lautet das Leitmotiv dieser Osterfeier. Am steinernen Kreuz stehen wir, wir haben das Kreuz des Karfreitags im Rücken, wir haben den kalten Stein im Rücken, der am Karsamstag vor Jesu Grab lag, heute ist das Grab leer, und wir verkünden volles Leben durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.

Lasst uns unsere Andacht beginnen mit dem Lied 114 aus dem evangelischen Gesangbuch. Wir singen die Strophen 1, 4 und 5:

1) Wach auf, mein Herz, die Nacht ist hin, die Sonn ist aufgegangen. Ermuntre deinen Geist und Sinn, den Heiland zu umfangen, der heute durch des Todes Tür gebrochen aus dem Grab herfür der ganzen Welt zur Wonne.

4) Quält dich ein schwerer Sorgenstein, dein Jesus wird ihn heben; es kann ein Christ bei Kreuzespein in Freud und Wonne leben. Wirf dein Anliegen auf den Herrn – und sorge nicht, er ist nicht fern, weil er ist auferstanden.

5) Geh mit Maria Magdalen und Salome zum Grabe, die früh dahin aus Liebe gehn mit ihrer Salbungsgabe, so wirst du sehn, dass Jesus Christ vom Tod heut auferstanden ist und nicht im Grab zu finden.

Was lesen wir über das Grab Jesu im Evangelium nach Matthäus 27?

57 Am Abend [des Karfreitags] kam ein reicher Mann aus Arimathäa, der hieß Josef und war auch ein Jünger Jesu.

58 Der ging zu Pilatus und bat um den Leib Jesu. Da befahl Pilatus, man sollte ihm ihn geben.

59 Und Josef nahm den Leib und wickelte ihn in ein reines Leinentuch

60 und legte ihn in sein eigenes neues Grab, das er in einen Felsen hatte hauen lassen, und wälzte einen großen Stein vor die Tür des Grabes und ging davon.

61 Es waren aber dort Maria von Magdala und die andere Maria; die saßen dem Grab gegenüber.

Karfreitag, nicht nur der Todestag Jesu, auch der Tag seiner Bestattung. Alles muss schnell gehen, am Sabbat darf kein Leichnam mehr am Kreuz hängen.

Alle wissen, was sich gehört: Ein reicher Mann namens Josef von Arimathäa, ein ansonsten unbekannter Jünger Jesu – er erweist dem Toten die letzte Ehre, überlässt Jesus sein eigenes Grab. Pilatus gibt ihm ohne Zögern den Leichnam heraus – auch ein hingerichteter Verbrecher hat Anspruch auf eine anständige Beerdigung. Und die Totenwache übernehmen zwei Frauen aus der Jüngerschaft Jesu. Alles, wie es sich gehört. Tod heißt Abschied. Man kann nichts mehr tun. Nur noch trauern und gedenken.

Dann kommt der Karsamstag. Und was geschieht?

62 Am nächsten Tag, der auf den Rüsttag folgt, kamen die Hohenpriester mit den Pharisäern zu Pilatus

63 und sprachen: Herr, wir haben daran gedacht, dass dieser Verführer sprach, als er noch lebte: Ich will nach drei Tagen auferstehen.

64 Darum befiehl, dass man das Grab bewache bis zum dritten Tag, damit nicht seine Jünger kommen und ihn stehlen und zum Volk sagen: Er ist auferstanden von den Toten, und der letzte Betrug ärger wird als der erste.

65 Pilatus sprach zu ihnen: Da habt ihr die Wache; geht hin und bewacht es, so gut ihr könnt.

66 Sie gingen hin und sicherten das Grab mit der Wache und versiegelten den Stein.

Ein Grab soll bewacht werden. Ein Diebstahl und ein Betrug soll verhindert werden. Was Jesus angekündigt hat, die Auferstehung am dritten Tag, soll unmöglich gemacht werden.

Was steht nicht alles gegen die Möglichkeit der Auferstehung: Der schwere Stein vor dem Grab, die schwer bewaffneten römischen Wachsoldaten, das amtliche Siegel auf dem Grabstein.

Der Stein steht für die Macht der reinen Materie – widerspricht Auferstehung nicht jedem Naturgesetz?

Die Wache steht für die Macht menschlicher Gewalt – widerspricht Auferstehung nicht der Überzeugung, dass Liebe in einer Welt der Gewalt keine Chance hat?

Das Siegel steht für den Glauben an amtliche Beglaubigungen – widerspricht Auferstehung nicht dem gesunden Menschenverstand, der Beweise fordert?

Dann kommt der dritte Tag, der Ostermorgen.

Was an diesem Tag geschieht, davon singen wir am besten ein Lied. Wir singen aus dem Lied 105 die Strophen 4 bis 7:

4) Evangelist: Drei Frauen gehn des Morgens früh; Halleluja, Halleluja, den Herrn zu salben kommen sie. Halleluja, Halleluja.

5) Sie suchen den Herrn Jesus Christ, Halleluja, Halleluja, der an dem Kreuz gestorben ist. Halleluja, Halleluja.

6) Frauen: Wer wälzt uns fort den schweren Stein, Halleluja, Halleluja, dass wir gelangn ins Grab hinein? Halleluja, Halleluja.

7) Der Stein ist fort! Das Grab ist leer! Halleluja, Halleluja. Wer hilft uns? Wo ist unser Herr? Halleluja, Halleluja.

Matthäus 28 schildert den Ostermorgen so:

1 Als aber der Sabbat vorüber war und der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria von Magdala und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen.

2 Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn der Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf.

3 Seine Gestalt war wie der Blitz und sein Gewand weiß wie der Schnee.

4 Die Wachen aber erschraken aus Furcht vor ihm und wurden, als wären sie tot.

Der Ostermorgen sprengt unsere Vorstellungen. Als die beiden Frauen nach dem Grab sehen, wie es sich gehört, bringt ein Erdbeben und ein Engel alles durcheinander, was sie vorhaben. Grabpflege ist plötzlich kein Thema mehr. Der Stein – weggewälzt. Oben drauf sitzt ein Engel. Die Naturgesetze – gelten sie noch? Wie Jesus aufersteht, wird von niemandem beschrieben und bleibt ein unergründliches Geheimnis. Gesprengt werden allerdings Glaubenssätze, so unerschütterlich wie Stein und Siegel. Und die Wachsoldaten? Gelähmt in namenlosem Entsetzen über den Engel sind sie wie tot, machtlose Machtmenschen.

Aber geht es den Frauen besser als ihnen? Und uns? „Der Stein ist fort! Das Grab ist leer!“ Schön und gut. Aber was fangen wir damit an? „Wer hilft uns? Wo ist unser Herr?“ Stein, Wache und Siegel verlieren ihre Macht – aber bricht nun stattdessen das Chaos ein in unsere wohlgeordnete Welt? Furcht und Schrecken befallen nicht nur die Wachsoldaten, sondern auch die Frauen am Grab.

Das Grab ist leer. Aber damit fängt Ostern noch nicht wirklich an. Ostern beginnt erst mit dem, was der Engel sagt. Ostern beginnt mit der Botschaft des Gottesboten, mit der Engelsbotschaft an die Frauen. Und so beginnt die Osterbotschaft des Engels nach Matthäus:

5 Aber der Engel sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht.

6 Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht die Stätte, wo er gelegen hat.

Wir singen aus dem Lied 105 die Strophen 8 bis 13:

8) Engel: Erschrecket nicht! Was weinet ihr? Halleluja, Halleluja. Der, den ihr sucht, der ist nicht hier. Halleluja, Halleluja.

9) Frauen: Du lieber Engel, sag uns an, Halleluja, Halleluja, wo habt ihr ihn denn hingetan? Halleluja, Halleluja.

10) Engel: Er ist erstanden aus dem Grab, Halleluja, Halleluja, heut an dem heilgen Ostertag. Halleluja, Halleluja.

11) Frauen: Zeig uns den Herren Jesus Christ, Halleluja, Halleluja, der von dem Tod erstanden ist! Halleluja, Halleluja.

12) Engel: So tret’t herzu und seht die Statt, Halleluja, Halleluja, wo euer Herr gelegen hat. Halleluja, Halleluja.

13) Frauen: Wir sehen’s wohl, das Grab ist leer. Halleluja, Halleluja. Wo aber ist denn unser Herr? Halleluja, Halleluja.

Die Frauen gehen zum Friedhof, wollen das Grab Jesu besuchen, doch sie finden ihn nicht im Grab. Der Stein ist weggerollt. Das Grab ist leer. Und ein Engel sagt: „Er ist auferstanden. Er ist nicht hier.“

Wie wäre das für uns? Wir kommen auf den Friedhof, wollen ein Grab besuchen, und der Grabstein ist umgekippt, das Grab ist offen, der Sarg ist leer. Wir bekämen auch einen Schreck! „Grabschändung!“, würden wir denken. Wer stiehlt einen Toten? Wie kann man so die Gefühle der Trauernden verletzen?

Bei weiterem Nachdenken ergeben sich andere Konsequenzen. Wenn nun kein Grabraub vorliegt – könnte der Tote wieder lebendig geworden sein? Das wäre noch entsetzlicher für unsere Vorstellung. Denn entweder wäre er scheintot gewesen – schrecklich zu denken, lebendig begraben worden zu sein und nur mit knapper Not aus dem Grab zu entkommen! Oder er wäre ein Geist, ein Untoter, ein wiederbelebter Leichnam wie im Gruselfilm.

Aber um beides geht es in der Verkündigung von der Auferstehung Jesu nicht. Er ist wirklich gestorben, ist nicht scheintot. Und er lebt auch nicht weiter als ein wiederbelebter Leichnam. Auferstehung heißt auch nicht, dass er weiter bei seinen Freunden lebt, als sei gar nichts geschehen.

Mit der Erzählung vom leeren Grab muss wohl etwas ganz anderes gemeint sein. Aber was?

Jesus hatte einmal einen Mann aufgefordert (Lukas 9, 59):

„Folge mir nach!“ Der sprach aber: „Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe.“

Dieser Vater war noch nicht tot, aber der Sohn wollte seine Nachfolge aufschieben bis nach dem Tod des Vaters. Da sagte Jesus zu ihm dieses harte Wort (Lukas 9, 60):

„Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh und verkünde das Reich Gottes!“

Lehnte er damit nicht auch einen Totenkult ab, der niemals loskommt von der Vergangenheit, der Nein sagt zur Zukunft?

Dass Jesu Grab leer ist, bestätigt dieses Wort. Sein Grab jedenfalls soll nicht zur Kultstätte für einen Toten werden. Denn er ist der Lebendige in Ewigkeit – wo er tröstet, da hilft er, Trauer zu bewältigen, dem Leben neu zu begegnen, neue Zuversicht zu gewinnen, neue Herausforderungen zu bestehen.

Darum schickt der Engel die Frauen vom leeren Grab weg. Nicht um eine Leiche zu suchen, sondern um lebendigen Menschen zu begegnen – erstens ihren Gefährten, denen sie die Botschaft des Engels ausrichten sollten, und zweitens dem lebendigen Christus selbst:

7 Geht eilends hin und sagt seinen Jüngern, dass er auferstanden ist von den Toten. Und siehe, er wird vor euch hingehen nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt.

8 Und sie gingen eilends weg vom Grab mit Furcht und großer Freude und liefen, um es seinen Jüngern zu verkündigen.

9 Und siehe, da begegnete ihnen Jesus und sprach: Seid gegrüßt! Und sie traten zu ihm und umfaßten seine Füße und fielen vor ihm nieder.

10 Da sprach Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern, dass sie nach Galiläa gehen: dort werden sie mich sehen.

Wir singen aus dem Lied 105 die Strophen 14 – 15:

14) Engel: Ihr sollt nach Galiläa gehn; Halleluja, Halleluja, dort werdet ihr den Heiland sehn. Halleluja, Halleluja.

15) Frauen: Du lieber Engel, Dank sei dir. Halleluja, Halleluja. Getröstet gehen wir von hier. Halleluja, Halleluja.

16) Evangelist: Nun singet alle voller Freud: Halleluja, Halleluja. Der Herr ist auferstanden heut. Halleluja, Halleluja.

17) Alle: Des solln wir alle fröhlich sein, Halleluja, Halleluja, und Christ soll unser Tröster sein. Halleluja, Halleluja.

So wird das leere Grab zum Trost, auch wenn es kein Beweismittel für Jesu Auferstehung ist. Leer ist Jesu Grab, damit das, was im Grab liegt, nicht unsere Gedanken beherrscht. Der Tod ist nicht das Letzte, er streicht nicht alles durch, was sinnvoll ist, er ist nicht der oberste Herr der Welt. Diese Macht hat ihm Jesus genommen.

Ohnehin wird mit der Zeit jedes Grab leer. Was ist denn drin in einem alten Grab? – ein bisschen Asche, ein paar Knochen. Die Erinnerung, die wir mit den Menschen verbinden, die wir geliebt haben, ist nicht die Erinnerung an das, was im Grab liegt, sondern an gelebtes Leben, an Liebe, an Vertrauen, an Schmerz, an Kampf, an Sehnsucht. Auf dem Weg jeder gesunden Trauer wird aus Erinnerung letzten Endes auch ein Ja zu neuem Leben, also eine Offenheit für die Zukunft – keine Bindung an die Vergangenheit.

Weil das Grab Jesu leer ist, kann unser Leben erfüllt sein. Das Leben der Toten bei Gott in der Ewigkeit, unser eigenes Leben hier auf der Erde, weil es nicht vergeblich ist. Das Grab ist leer, weil Gottes Sohn keine Zeit hat, im Grab zu verweilen – er schenkt uns volles Leben. Gott leert die Gräber, um den Himmel zu füllen, unsere leeren Hände zu füllen, unsere leere Seele mit Liebe zu füllen. Amen.

Wir singen aus dem Lied 116 die Strophen 1 bis 3:
Er ist erstanden, Halleluja! Freut euch und singet, Halleluja!

Barmherziger Vater im Himmel! Wir danken dir am frühen Ostersonntagmorgen für die strahlende Sonne, die du über uns scheinen lässt, und erst recht dafür, dass du mit den Sonnenstrahlen deiner allmächtigen Liebe deinen Sohn Jesus Christus von den Toten auferweckt hast!

Wir bitten dich: lass das leere Grab Jesu Christi uns zur Hoffnung auf ein erfülltes Leben werden – hier auf Erden und dort im Himmel! Schenke uns Trost, wenn wir um geliebte Menschen trauern, die wir ins Grab legen mussten! Schenke uns Kraft, wenn wir mit Krankheiten und mit dem Gedanken an den eigenen Tod fertig werden müssen! Schenke uns Liebe, um einander auf schweren Wegen beizustehen.

Schenke uns ein gesegnetes Osterfest im Kreise lieber Menschen. Schenke uns Osterfreude, die nicht vergeht. Amen.

Gemeinsam beten wir mit den Worten, die uns unser Herr Jesus Christus selber gelehrt hat:

Vater unser

Zum Schluss singen wir das Lied 99:

1) Christ ist erstanden von der Marter alle; des solln wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein. Kyrieleis.

2) Wär er nicht erstanden, so wär die Welt vergangen; seit dass er erstanden ist, so lobn wir den Vater Jesu Christ‘. Kyrieleis.

3) Halleluja, Halleluja, Halleluja! Des solln wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein. Kyrieleis.

Nun geht mit Gottes Segen in diesen Ostertag:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. Amen.

Nachspiel des Bläserkreises

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