„Wir sind Papst“

Zu guter Letzt

Papst Benedikt mit einer Art Sonnenhut

Papst Benedikt XVI. (Foto: pixabay.com)

… fragt mich einer beim „Fünfziger“-Stammtisch in kleiner Runde, was ich vom neuen Papst halte. Ich antworte: Benedikt XVI. ist für mich ein persönlich integrer klarer theologischer Denker mit gewissen konservativen Ansichten, die ich nicht teile. Da entgegnet ein anderer: „Für dich müsste er doch der Anti-Christ sein – wie für Martin Luther.“ Meinen Einwand, die katholische Kirche mit ihrem Papstamt sei heute völlig anders zu beurteilen als zur Zeit Luthers, ließ er nicht gelten: „Ihr zeigt zu wenig Profil! Die evangelische Kirche muss es wie Luther machen.“

Evangelisch-landeskirchliches Profil – worin besteht es? Geht es verloren, wenn wir uns zu wenig gegen andere abgrenzen? Biedern wir uns tatsächlich an? Blicken wir neidisch auf die Medienaufmerksamkeit für den Papst und auf das oft viel regere Leben in freikirchlichen Schwestergemeinden?

Zu uns gehören sehr viele, die nicht „fromm“ sein wollen; doch irgendwie wissen sie, dass ohne Werte die Gesellschaft zugrunde geht und ohne Gott nichts mehr einen Wert hat – nicht einmal der Mensch.

Zu uns gehören viele, die ganz im Verborgenen christlich handeln; immer wieder erfahre ich das bei Besuchen und persönlichen Begegnungen.

Zu uns gehören die, die in der Kirche Trost, Mut und Zuversicht „auftanken“, um ihren Alltag zu bewältigen.

Und zu uns gehören einige, die Zeit und Kraft für die Gemeinde einsetzen (immerhin stehen 50 Namen auf der Mitarbeiterliste der Paulusgemeinde), und weitere, die kirchliche Projekte finanziell unterstützen.

Reicht all das aus, um den großen gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit zu begegnen? Müssten die Kirchen nicht voller sein? Müsste die evangelische Kirche nicht auch in der Öffentlichkeit mit lauter, womöglich prophetischer Stimme reden?

Darüber denke ich nach – und komme zunächst zu zwei Ergebnissen:

Für uns Evangelische gilt in gewissem Sinn tatsächlich frei nach der Bildzeitung: „Wir sind Papst!“ – wir alle sind verantwortlich für unseren eigenen Glauben und mitverantwortlich für das Reden und Handeln unserer Kirchengemeinde.

Und: Zu jedem evangelisch sinnvollen Reden gehört zuerst das Hören: Auf die Botschaft der Bibel, die nie veraltet. Auf Gott, der uns wunderbar erschaffen hat und uns klare Wegweisung gibt. Auf Jesus Christus, der uns aus Sünde (= Leben ohne Liebe) herausholt. Auf den Heiligen Geist, der Angst überwindet und uns dankbar und verantwortlich leben lässt.

Sie sind willkommen in unseren Veranstaltungen, um am evangelischen Profil unserer Kirche mitzubasteln – im Hören und Beten, Reden und Tun.

Ihr Pfarrer Helmut Schütz

„Zu guter Letzt“ Juni – August 2005 im Gemeindebrief der Evangelischen Paulusgemeinde Gießen

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