Desiderata. Was ich dir wünsche

SEI DU SELBST. Nur dann kommt unsere Seele zur Ruhe, wenn wir das dürfen: Ich selbst sein! Angenommen sein, wie ich bin! Geliebt von Gott, mit allen meinen Stärken und auch Schwächen! Nur dann kann ich auch überwinden, was an mir nicht gut ist. Nur dann kann ich wachsen, lernen, mich verändern. Ich bin echt – und zur Liebe fähig.

Das Gesicht einer Frau vor Sonnenuntergangslandschaft mit Wolken, Autobahn, Hinweisschild "Dreams"

Träume, Wünsche – was macht unser Leben sinnvoll? (Bild: pixabay.com)

Himmelfahrtsgottesdienst am Donnerstag, den 16. Mai 1996, um 10.00 Uhr auf dem Sportplatz der Landesnervenklinik Alzey
Gnade und Friede sei mit uns allen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

Zur Predigt hören wir einen Vers aus dem Psalm 62, 2 (Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift © 1980 by Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart):

Bei Gott allein kommt meine Seele zur Ruhe, von ihm kommt mir Hilfe.

Liebe Gemeinde!

Wenn wir Hilfe von Gott erwarten, dann blicken wir unwillkürlich nach oben, dahin wo der Himmel ist. Unten ist für uns das Niedrige, was nicht so viel Wert hat, das was man mit Füßen tritt. Oben ist für uns das Höhere, das Kostbare, das Heilige. Und früher hat man gedacht: dort oben ist Gottes Wohnung. Dorthin, in den Himmel über uns, ist auch Jesus bei der Himmelfahrt hinaufgefahren.

Aber schon damals bei der Himmelfahrt wurde den Jüngern Jesu gesagt: „Was steht ihr da und seht zum Himmel?“ Sie sollten den Boden unter den Füßen nicht verlieren. Jesus ist im unsichtbaren Himmel Gottes; Gott trägt sein menschliches Gesicht; und gerade weil das so ist, können wir getrost auf dieser Erde leben. Sie ist nicht wertlos, hier auf dem Erdboden spielt sich unser Leben ab, auf das es ankommt. Hier unten ist Gottes Himmel um uns, hier kann unsere Seele Ruhe finden.

Auf dem Blatt, das wir Ihnen ausgeteilt haben, finden Sie einen Text, den ich im Urlaub an der Nordsee in einer Kirche hörte. Er ist überschrieben mit dem lateinischen Wort „Desiderata“, das heißt auf deutsch: „Was ich dir wünsche!“ Er beschreibt die Art, wie Gott unsere Seele zur Ruhe kommen lässt.

Diese Worte haben von der im Jahre 1692 gegründeten Old Saint Paul’s Church in Baltimore (*) in den USA aus ihren Weg in die ganze Welt gefunden. Lassen auch Sie sich von ihm ansprechen!

Geh freundlich und gelassen inmitten von Lärm und Hast
und denke daran, welcher Friede in der Stille zu finden ist.

Lärm und Hast ist das Kennzeichen der modernen Welt. Lärm und Hast zerren uns hin und her, machen uns krank. Lärm und Hast stören das, was zwischen Menschen wachsen könnte, lassen uns auch nicht auf das horchen, was Gott uns sagen will. Hier hören wir nun: Lärme nicht mit, haste nicht mit. Geh deinen Weg anders: freundlich, gelassen, mit Gedanken an den Frieden, der aus der Stille kommt.

Wo beginnt dieser Friede?

Soweit wie immer möglich, und ohne Dich selbst aufzugeben,
versuche mit allen Menschen auszukommen.

Bei mir selbst fängt der Friede an, indem ich im Kontakt zu anderen immer erst nach Möglichkeiten suche, Konflikte friedlich zu lösen. Weise ist der Text, denn er sagt nicht einfach: „Der Klügere gibt nach!“ Sondern er betont mit Nachdruck: „Du musst dich dabei nicht selber aufgeben!“ Frieden zu halten bedeutet nicht, zu verraten, an was man selber glaubt, oder sich selber zu demütigen.

Aber wie setzt man sich mit friedlichen Mitteln in einer Welt des Streits durch?

Rede von Deiner Wahrheit ruhig und deutlich
und hör anderen zu,
selbst wenn sie Dir langweilig und unwissend erscheinen,
auch sie haben ihre Geschichte.

Zwei Wahrheiten stehen einander gegenüber: die eigene Wahrheit und die des anderen Menschen. Beide müssen zur Sprache gebracht und gehört werden, sonst kann man nicht gut miteinander auskommen. Deutlich darf man das Eigene sagen, dabei ist es nicht unbedingt hilfreich, wenn man laut wird. Und gut ist es, wenn man zum Zuhören ermuntert wird: zur Neugier auf das, was hinter einer scheinbar langweiligen oder sogar dummen Geschichte eines anderen Menschen steckt. Nur im folgenden Fall hat es wenig Zweck, sich auf ein Gespräch oder einen Streit einzulassen:

Geh lauten und angriffslustigen Menschen aus dem Weg,
denn sie sind eine Plage für den Geist.

Häufig kommt es auch zu Streit oder zu Minderwertigkeitsgefühlen, wenn man sich selber anderen Leuten gegenüber als besser oder schlechter einstuft:

Wenn Du Dich mit anderen vergleichst, werde nie eitel oder verbittert,
denn es wird immer Menschen geben, die mehr oder weniger können als Du.

Wie einfach und realistisch ist dieser Ratschlag gegen Eitelkeit oder Verbitterung: Wir müssen nicht perfekt sein, wir brauchen aber auch nicht Weltmeister zu sein im Versagen!

Ohne uns vergleichen zu müssen, können wir uns auf das konzentrieren, was wir selber schon geschafft haben, was wir können und was wir noch lernen und planen werden:

Freue Dich über das, was Du erreicht hast, wie auch über Deine Pläne.
Behalte das Interesse an Deiner Arbeit, doch ohne Überheblichkeit,
denn Dein Tun und Handeln ist ein wahrer Besitz unter alle den Dingen,
deren Wert mal zu-, mal abnimmt.

Das kann die trösten, die traurig darüber sind, dass sie nicht viel besitzen. Der wirklich kostbare Besitz eines Menschen sind die eigenen Fähigkeiten, die eigenen Begabungen, etwas tun zu können, etwas geben zu können, sich selbst einsetzen zu können. Und auch wer nicht viel tun kann, wer eingeschränkt ist in seinen Möglichkeiten durch Alter oder Krankheit oder Behinderung – es ist jedem wenigstens eine geringe Möglichkeit gegeben, etwas zu tun. Auch ein freundlicher Blick, auch der spontane Ausdruck eines Gefühls, auch liebevolle Worte sind wertvolle Taten der Zuwendung.

Der nächste Satz bezieht sich auf das öffentliche Leben, das scheinbar vom Leistungsdruck und von den Ellenbogen regiert wird:

Sei vorsichtig in Deinen Geschäften, denn die Welt ist voller List.
Werde aber dadurch nicht blind gegenüber der Tatsache,
dass es viele Menschen gibt, die noch Ideale haben und sie zu verwirklichen trachten.

Gegen den absoluten Glauben an das Böse im Menschen und in der Welt wendet sich dieser weise Rat. Vorsicht: Ja – aber Zynismus: Nein! Wenn auch der Satz aus der Sintflutgeschichte sein Recht behält: „Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf“, so ist dies doch nicht die endgültige Wahrheit über die Menschen. Denn es geschieht auch, dass Menschen angerührt, bewegt und verwandelt werden durch Liebe, dass sie fähig werden zu einem Idealismus, der menschlich bleibt. Manchmal findet man sogar Menschen mit Mut, mit Zivilcourage, die sich den Einsatz für die Sache, an die sie sie glauben, etwas kosten lassen:

Sieh auch, dass es überall im Leben noch echte Tapferkeit gibt.

Mitten drin in unserem alten Text finden wir nun einen großgeschriebenen Satz, um den sich alles andere dreht:

SEI DU SELBST.

Nur dann kommt unsere Seele zur Ruhe, wenn wir das dürfen: Ich selbst sein! Angenommen sein, wie ich bin! Geliebt von Gott, mit allen meinen Stärken und auch Schwächen! Nur dann kann ich auch überwinden, was an mir nicht gut ist. Nur dann kann ich wachsen und lernen und mich verändern. Wenn wir das nicht dürften: wir selbst sein, dann wären wir nicht echt, dann könnten wir bestenfalls gute Schauspieler sein oder Heuchler, aber zur Liebe wären wir nicht fähig.

Vor allem täusche nicht Zuneigung vor
noch werde zynisch, was die Liebe angeht,
denn trotz aller Erstarrung und Entzauberung, die Du um Dich siehst,
lebt sie ewig fort wie das Gras.

Weise realistische Worte über die Liebe hören wir da: es gibt erstarrte Formen von Liebe, auch vorgetäuschte Liebe, einen falschen magischen Glauben daran, man könnte die Liebe eines Partners oder Elternteils durch eigene Anstrengung gewinnen oder sichern. Und daneben gibt es echte Liebe, die einfach da ist, die einfach verschenkt wird, die es von Gott her ewig gibt, die in Menschen wächst wie das Gras.

Älter gewordene Menschen werden dann ermuntert, nicht krampfhaft an Jugendlichkeit festzuhalten, sondern sich mit ihrem Lebensalter anzufreunden:

Beuge Dich freundlich dem Rat der Jahre
und gibt mit Anmut jene Dinge aus der Hand, die der Jugend vorbehalten sind.

Offenbar gibt es nicht nur die natürliche Anmut jugendlicher Schönheit, sondern auch eine reife Anmut, die aus Lebenserfahrung wächst.

Weiter folgen Wünsche, die wieder unabhängig vom Lebensalter gelten. Zunächst geht es um klares Denken:

Erhalte Dir die Schärfe Deines Verstandes,
denn sie vermag Dich vor plötzlichem Unglück zu bewahren.

Dieser Satz lässt erst einmal stutzen. Denn man kann ja nicht jedes Unglück voraussehen. Aber bevor man allzuschnell seinen Schutzengel bemüht und auf übernatürliche Wunder hofft, sollte man die eigene Umsicht und Vorausschau des eigenen Verstandes gebrauchen. Dann kann man sich zwar nicht vor jedem, aber doch vor manchem Unglück bewahren.

Denken ist also gut. Es führt zu Klarheit und zu guten Entscheidungen. Davon das genaue Gegenteil ist Grübeln, ein dauerndes Kreisen von altvertrauten Gedanken in immer denselben ausgetretenen, schlechten Bahnen:

Aber lass Dich nicht fallen in ständiges Grübeln.
Viele Ängste sind nur eine Ausgeburt von Müdigkeit und Einsamkeit.

Darüber lohnt es sich, nachzudenken. Natürlich gibt es auch Ängste vor wirklichen Gefahren, Ängste, die nicht aus Müdigkeit und Einsamkeit erwachsen. Aber vielleicht können wir manche unerklärlichen Ängste auch überwinden, wenn wir aufhören, grübelnd um uns selber zu kreisen und uns müde zu machen. Das Vertrauen zu einem Menschen, mit dem wir uns aussprechen können, kann uns helfen, Angst zu überwinden.

Nicht nur das Grübeln, auch eine übermäßige Härte gegen sich selbst wird in unserem Text abgelehnt. Besser man ist barmherzig gerade auch mit sich selbst!

Nichts gegen eine gewisse Disziplin,
im übrigen aber sei freundlich mit Dir selbst.

Hier erinnere ich mich an den Anfang, als davor gewarnt wurde, sich mit anderen zu vergleichen und sich dann für wertloser oder auch für besonders außerordentlich zu halten als andere! Beides haben wir nicht nötig – wir brauchen uns nicht kleiner und auch nicht größer zu machen als wir sind. Denn:

Du bist ein Kind des Universums,
nichts anderes als der Baum vor der Tür oder Stern am Himmel.
Du hast ein Recht darauf, hier zu sein.

Wie kommt es eigentlich, dass manche unter uns denken, sie hätten kein Recht zu leben? Das ist nicht die Meinung Gottes. Es ist immer nur etwas, was uns bestimmte Menschen, die für uns wichtig waren, vermittelt haben. Aber es stimmt nicht. Und ich bin davon überzeugt: Jeder und jede unter uns kann umlernen. Alle können es erfahren: auch ich gehöre zum Universum, auch ich bin ein geliebtes Kind Gottes.

Und ob es Dir nun klar ist oder nicht:
Das Universum entfaltet sich seiner Bestimmung gemäß!

Auf die Frage: „Hat Gott alles vorherbestimmt?“ erhalten wir eine einfache Antwort: Unsere Welt hat eine Bestimmung, ein Ziel, ist nicht einfach ein Zufallsprodukt, auch wenn nicht alle einzelnen Ereignisse genau vorherbestimmt sein müssen.

Und wenn wir fragen: „Ist das Universum von Gott geschaffen oder hat es sich in der Evolution nach Naturgesetzen entwickelt?“ dann bekommen wir gesagt: Beides. Das ist kein Widerspruch. Die Welt entfaltet sich nach natürlichen Regeln, die Gott ihm in der Schöpfung mitgegeben hat.

Deshalb lebe in Frieden mit Gott,
für was immer Du ihn halten magst
und was immer Deine Arbeit und Dein Streben sein mögen
in der lärmerfüllten Verwirrung des Lebens.

Im Frieden mit Gott zu leben, das ist gar nicht so schwer, wenn man darunter keine Disziplin versteht, nicht die Erfüllung moralischer Forderungen. In gewissem Sinn ist diese Aufforderung gleichbedeutend mit der folgenden:

Halte Frieden mit Deiner Seele.

Gott sagt uns nicht: Sei nicht Du! Sondern das genaue Gegenteil: Sei Du selbst! Gott hat uns lieb, nimmt uns an, so wie wir sind. Darum kommt unsere Seele bei Gott zur Ruhe. Wenn wir geliebt sind, gehen wir auch barmherzig mit uns selbst um.

Wir kommen zum Schluss. Wir hören ein realistisches und zuversichtliches Loblied der Schöpfung, in die Gott uns Menschen hineingestellt hat:

Trotz aller Täuschungen, Plackereien und aller zerbrochenen Träume
ist es immer noch eine wunderbare Welt.

Und nach all dem, was uns für unser Leben gewünscht und angeraten wurde, bleiben nun nur noch zwei kurze Sätze übrig, die alles zusammenfassen:

Sei bedacht.

Ein Satz gegen das Abheben vom Boden, auf dem wir stehen. Denke nach. Bleibe realistisch. Pass auf, wenn du anfängst, Unmögliches zu wollen, euphorisch zu werden.

Strebe danach, glücklich zu sein.

Und ein Satz gegen den Pessimismus, gegen die Verbitterung, gegen den Trübsinn: Strebe nach dem Glück! Glücklich sein, das ist kein Leben ohne Leid, ohne Streit, ohne eine Ahnung des Bösen. Glücklich sein, das heißt: Ich bin ich selbst, ich bin von Gott geliebt, ich bin barmherzig mit mir selbst und mit anderen Menschen. Trotz allem.

Bei Gott allein kommt meine Seele zur Ruhe, von ihm kommt mir Hilfe.

Amen.


(*) Ein aufmerksamer Besucher meiner Homepage (Claus Frankl) macht darauf aufmerksam, dass der Text Desiderata nicht aus dem Jahr 1692 und auch nicht aus der St. Paul’s Cathedral in Baltimore stammt, wie vielfach behauptet. In Wirklichkeit stammt der Text von Max Ehrmann (1872 – 1945). Nähere Informationen sind auf der Internetseite von Volkert Braren zu finden.

 

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