Sölles „Linke Theologie“

Leserbrief zu Artikeln in der Kirchenzeitung „Unsere Kirche“.

Als 17-Jähriger konnte Helmut Schütz noch gar nichts mit der Theologie von Dorothee Sölle anfangen. Das hat sich im Lauf der Jahre und Jahrzehnte geändert.

Buchcover von Dorothee Sölle, Das Recht ein anderer zu werden, und Klappentext ihres Buches "Leiden"

Bücher von Dorothee Sölle vom Anfang der 70er Jahre

Lieber redax!

Ich möchte Stellung nehmen in der Auseinandersetzung zwischen „Rechter“ und „Linker Theologie“, insbesondere zu Frau Sölles Vortrag in Gütersloh (uk 12/70):

Frau Sölle setzt keine Hoffnung mehr in einen „überweltlichen Gott“, der eine so große Macht und Liebe darstellt, dass sie der Mensch rational (mit seinem Verstand) nicht fassen und beweisen kann. Sie hat nicht den Glauben an den heute lebenden Christus (in dem sich Gott den Menschen offenbart hat), der es etwa einem Menschen wie Wurmbrand möglich macht, die Liebe Gottes auch in schwerstem Leid zu erfahren, Liebe, die auch vor dem Tod nicht haltmacht.

So schraubt sie ihre Hoffnung auf einen diesseitigen Idealismus zurück, den sie unter dem Etikett „Linke Theologie“ anbietet: „Gott außerhalb einer sozialen Erfahrung gibt es nicht“; „der Mensch (ist) durch sachliche Information zum Guten veränderbar“. Abgesehen davon, dass sich ihr Begriff von „gut“ an der Gesellschaft und nicht am Reich Gottes orientiert, halte ich es für unmöglich, dass jeder Mensch durch sachgerechte Information allein zur Überwindung seines Egoismus gebracht werden kann. Sie hat nicht erkannt, dass jeder Mensch immer wieder schuldig wird und dass nur Christus ihn von dieser Schuld befreien kann. Diese Befreiung kann allerdings auch nur im Glauben erfahren werden.

Gott liebt jeden einzelnen Menschen; daher setzt sich auch der glaubende, an ihn gebundene Mensch für die anderen Menschen ein. Wenn er die Voraussetzungen zum politisch-sozialen Engagement hat, wird er sich dazu verpflichtet fühlen; wenn sie ihm fehlen, hat er sicher auf anderen Gebieten Möglichkeiten, sich einzusetzen.

Ich frage mich, ob zwei so gegensätzliche Auffassungen, wie sie in der Anthropologie (Lehre vom Menschen) der „Linken Theologie“ und im Glauben an Christus in der „Rechten Theologie“ gegenüberstehen, in der gleichen Kirche nebeneinander bestehen können, ohne besonders die Nicht-Intellektuellen in große Verwirrung zu setzen.

Mit freundlichem Gruße
Helmut Schütz, Oelde

Aus viel späterer Rückschau (am 20.02.2015) muss ich schon schmunzeln, wie hart ich damals Dorothee Sölles Theologie kritisiert habe. Wenige Jahre später setzte ich mich als Student in Mainz dafür ein, dass sie dort Lehraufträge halten durfte, einmal war sie einen Abend lang zu Gast in unserer Wohngemeinschaft in Gonsenheim. Theologisch blieben mir ihre Auffassungen trotzdem lange fremd; ich hielt es mehr mit Helmut Gollwitzer. Spät lernte ich an Dorothee Sölle, als sie im Alter von etwa 70 Jahren einen Vortrag in Lich hielt, eine Seite kennen, die ich sehr ansprechend fand – eine mystische Gotteserfahrung, durch die unser Ich in den Akkusativ gerät – das klingt doch fast wie Gollwitzer, dachte ich. Faszinierend fand ich ihre poetische Sprache und ihren leidenschaftlichen Einsatz für die geringsten Geschwister Jesu jedenfalls seit meinem Studium in Mainz in den Jahren 1973 bis 1975.

Helmut Schütz, Gießen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.