Gemeinsame Verantwortung für heute und morgen

Einen Schlussstrich unter die Geschichte der Juden mit den Deutschen kann es nicht geben. Wohl aber eine Aufarbeitung von Schuld im Vertrauen auf Vergebung und der verantwortungsvolle Blick nach vorn. Wir haben als Christen gemeinsam mit den Juden etwas von Gott zu erwarten, nicht untätig, sondern tätig.

Gemeinsame Verantwortung von Christen und Juden: Ein Bild von der Klagemauer, aus deren Ritzen Grün hervorsprießt

Vom Tempel in Jerusalem steht bis heute nur noch die Klagemauer (Bild: ddouk – pixabay.com)

#predigtGottesdienst am Israelsonntag in Dorn-Assenheim und Reichelsheim am 30.8.1981 mit alkoholfreiem Abendmahl
Orgelvorspiel

Ich begrüße Sie herzlich zu unserem Gottesdienst. Heute steht im Mittelpunkt des Gottesdienstes wieder einmal unser Verhältnis zum Volk Israel, über das nachzudenken wir Jahr für Jahr durch Handreichungen der Landeskirche und der christlichen Versöhnungsdienste aufgefordert werden. Und das hat ja auch seinen guten Sinn, obwohl wir kaum persönlich einen Juden kennen, denn unser christlicher Glaube ging aus dem jüdischen Glauben hervor und die Geschichte der Juden und der Christen hat bis heute einen besonderen Zusammenhang.

Wir beginnen mit dem Lied EKG 187, das einem alten Lied des Volkes Israel nachgedichtet worden ist, dem Psalm 100 der hebräischen Bibel (EG 288, 1-4):

1. Nun jauchzt dem Herren, alle Welt! Kommt her, zu seinem Dienst euch stellt, kommt mit Frohlocken, säumet nicht, kommt vor sein heilig Angesicht.

2. Erkennt, dass Gott ist unser Herr, der uns erschaffen ihm zur Ehr, und nicht wir selbst: Durch Gottes Gnad ein jeder Mensch sein Leben hat.

3. Er hat uns ferner wohl bedacht und uns zu seinem Volk gemacht, zu Schafen, die er ist bereit zu führen stets auf gute Weid.

4. Die ihr nun wollet bei ihm sein, kommt, geht zu seinen Toren ein mit Loben durch der Psalmen Klang, zu seinem Vorhof mit Gesang.

Wir feiern den Gottesdienst im Namen des Vaters, der der Gott der Juden wie der Christen ist, des Sohnes, den wir als den Messias glauben, auf den die Juden noch warten, und des heiligen Geistes, der der Geist der Liebe des Vaters und des Sohnes ist. „Amen.“

Wir sprechen Worte aus Psalm 126, der in einer Zeit des Unglücks, das das Volk Israel getroffen hat, zurückblickt und vorausblickt auf das vergangene und auf zukünftiges Handeln Gottes:

1 Wenn der HERR die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden.

2 Dann wird unser Mund voll Lachens und unsre Zunge voll Rühmens sein. Dann wird man sagen unter den Heiden: Der HERR hat Großes an ihnen getan!

3 Der HERR hat Großes an uns getan; des sind wir fröhlich.

4 HERR, bringe zurück unsre Gefangenen, wie du die Bäche wiederbringst im Südland.

5 Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.

6 Sie gehen hin und weinen und streuen ihren Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehre sei dem Vater und dem Sohne und dem Heiligen Geiste, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Wir wollen beten und einstimmen in das jüdische 18-Bitten-Gebet, das wir auch als Christen mitbeten können:

Führe uns zurück, Vater, zu deiner Lehre, bring uns näher, unser König, deinem Dienst. Lass uns bußfertig zu dir umkehren. Gelobt seist du, Ewiger, dem die Umkehr wohlgefällt. Vergib uns, Vater, dass wir gefehlt, verzeih uns, König, dass wir abgefallen, denn du vergibst und verzeihst. Gelobt seist du, Ewiger, der immer wieder verzeiht. Verleihe Frieden, Glück und Segen uns und ganz Israel, deinem Volke, segne uns, unser Vater, durch das Licht deines Angesichts. Amen.

Schriftlesung – Lukas 19, 41-44 – über Jesus und die Stadt Jerusalem:

41 Und als er nahe hinzukam, sah er die Stadt und weinte über sie

42 und sprach: Wenn doch auch du erkenntest zu dieser Zeit, was zum Frieden dient! Aber nun ist‘s vor deinen Augen verborgen.

43 Denn es wird eine Zeit über dich kommen, da werden deine Feinde um dich einen Wall aufwerfen, dich belagern und von allen Seiten bedrängen,

44 und werden dich dem Erdboden gleichmachen samt deinen Kindern in dir und keinen Stein auf dem andern lassen in dir, weil du die Zeit nicht erkannt hast, in der du heimgesucht worden bist.

Wir singen nun das Lied EKG 184, das vom 84. Psalm seinen Text entliehen hat. Hier wird eine enge Beziehung zwischen dem jüdischen Gottesdienst im Tempel und dem christlichen Gottesdienst in den Kirchen gesehen (EG 282, 1-4):

1. Wie lieblich schön, Herr Zebaoth, ist deine Wohnung, o mein Gott; wie sehnet sich mein Herz zu gehen, wo du dich hast geoffenbart, und bald in deiner Gegenwart im Vorhof nah am Thron zu stehen. Dort jauchzet Leib und Seel in mir, o Gott des Lebens, auf zu dir.

2. Die Schwalb, der Sperling find‘t ein Haus, sie brüten ihre Jungen aus, du gibst Befriedigung und Leben, Herr Zebaoth, du wirst auch mir – mein Herr, mein Gott, ich traue dir – bei deinem Altar Freude geben. O selig, wer dort allezeit in deinem Lobe sich erfreut.

3. Wohl, wohl dem Menschen in der Welt, der dich für seine Stärke hält, von Herzen deinen Weg erwählet! Geht hier sein Pfad durchs Tränental, er findet auch in Not und Qual, dass Trost und Kraft ihm nimmer fehlet; von dir herab fließt mild und hell auf ihn der reiche Segensquell.

4. Wir wandern in der Pilgerschaft und gehen fort von Kraft zu Kraft, vor Gott in Zion zu erscheinen. Hör mein Gebet, Herr Zebaoth, vernimm‘s, vernimm‘s, o Jakobs Gott. Erquicke mich auch mit den Deinen; bis wir vor deinem Throne stehn und dort anbetend dich erhöhn.

Der Friede des einen Gottes der ganzen Welt, des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs, des Gottes Jesu sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde!

Im letzten Jahr muss ich einmal eine Predigt gehalten haben zum Thema „Die Juden und wir Deutsche“, die eine Kirchenbesucherin so in Aufregung versetzt hat, dass sie angekündigt haben soll: „Wenn der Pfarrer noch einmal über deutsche Schuld am Volk der Juden predigt, dann gehe ich mitten in der Predigt aus der Kirche!“ Sie könne sich das nicht mehr mit anhören. Sie hätte mitbekommen, wie manche, die damals doch über die Zusammenhänge nicht genau Bescheid gewusst hätten, am liebsten vor Scham in Grund und Boden versunken wären. Es müsse doch einmal ein Ende sein mit Vorwürfen; und ich könne doch einen Teil der Zuhörer nicht einfach so fertig machen.

Mich hat diese Sache, als ich davon erfuhr, dann auch ziemlich betroffen gemacht, aus zwei Gründen.

Erstens, weil die Frau, die das gesagt haben soll, nie mit mir persönlich darüber gesprochen hat. Ich weiß nicht einmal genau, um welchen Gottesdienst es da ging. Ich weiß nicht, welche Sätze es waren, mit denen ich möglicherweise unbeabsichtigt Gottesdienstbesucher verletzt habe. Ich weiß auch nicht, ob mir alles richtig übermittelt worden ist, wie das ja so ist, wenn einer etwas gehört hat und weitererzählt, und der soundsovielte trägt es dann dem eigentlich Beteiligten zu.

Zweitens hat es mich betroffen gemacht, dass ich damals vielleicht wirklich zu viel von Schuld und zu wenig von Vergebung gesprochen habe, dass einzelne sich gebrandmarkt fühlen konnten als besonders großer Sünder, obwohl es mir doch darum ging, von unserer gemeinsamen Verantwortung zu sprechen, die wir heute haben.

Ich versuche es noch einmal ganz deutlich zu machen. Wenn gesagt wird, es muss doch einmal ein Schlussstrich gezogen werden unter die Geschichte der Juden mit den Deutschen, dann stimme ich dem nicht zu, jedenfalls nicht so allgemein. Aus zwei Gründen nicht:

Erstens leben heute noch Opfer, die nicht so einfach vergessen können. Wenn sie einen Schlussstrich ziehen, wenn sie also vergeben, dann ist es gut. Unbeteiligten oder gar Mitverantwortlichen steht ein solches Urteil nicht zu.

Zweitens darf aus angestauten schlechten Erfahrungen und Gefühlen gegenüber Gruppen, die uns fremd sind oder fremd erscheinen, nicht wieder Hass oder Verfolgung entstehen. Wir müssen uns an die Vergangenheit erinnern, um in Zukunft nie wieder sagen zu können: Wir haben ja alle nichts davon gewusst, wie es zu so unmenschlichem Verhalten kommen konnte. Wir haben es doch alle nicht gewollt.

Keiner soll heute noch fertig gemacht werden, weil er mitgemacht hat bei etwas, was verlockend erschien, was alle mitgemacht haben, was manche Hoffnungen zu erfüllen schien. Martin Niemöller, einer der bekanntesten Männer aus dem Widerstand gegen Hitler, war zu Beginn des Dritten Reiches noch in der NSDAP. Nach einigen Monaten allerdings erkannte er die Unmenschlichkeit der Partei gegenüber den Juden und kehrte um von seinem bisherigen Weg. Der neue Weg führte ihn in den Widerstand und ins Gefängnis.

Andere haben erst in den Schrecken des Krieges die Einsicht gewonnen: wir haben es im Grunde nicht anders verdient, wie mir mein Vater z. B. erzählt hät. Wir wollten groß werden auf Kosten der von uns sogenannten minderwertigen Völker, und nun müssen wir die Folgen tragen.

Und wieder andere haben nach dem Krieg die Umkehr vollzogen, haben eingesehen, dass das, was damals fast alle bewundert und mitgemacht gemacht haben, falsch war. Wer das konnte, dem gebührt besondere Achtung, denn wer kann schon so einfach eingestehen, dass ein Großteil seiner Erziehung ihn in eine falsche Richtung geführt hat? Wer vermag es auszuhalten, dass das, woran man geglaubt hat, eine finstere Kehrseite gehabt hat, vor der man damals die Augen verschlossen hatte? Wohl nur der, der auf Vergebung vertrauen kann.

Wenn wir beten: „Vergib uns unsere Schuld“, dann ist das eine Bitte um Befreiung. Durch Vergebung werden wir frei vom Zwang, Schuld verdrängen zu müssen. Und wir werden frei vom ständigen Druck des schlechten Gewissens. Und schließlich frei, wieder voll die Verantwortung für das Heute und das Morgen zu übernehmen.

Und wir, die junge Generation, die doch damals noch gar nicht gelebt hat? Ein Urteil über die damalige Zeit steht uns nicht zu. Aber verantwortlich sind wir für unser Verhalten heute und morgen. Was heißt das für das Verhältnis zwischen Christen und Juden? Wir müssen uns heute fragen, wie in unserem Denken und Fühlen das abgebaut werden kann, was einmal zur Judenverfolgung geführt hat. Wir müssen uns fragen, wie wir die Gemeinsamkeiten mit den Juden stärker betonen können als das Trennende, damit aus Gleichgültigkeit oder Feindschaft gegenseitiges Verstehen oder sogar Freundschaft werden kann.

In der Vergangenheit mussten oft Bibeltexte herhalten, um die Ablebnung der Juden zu begründen. Die Juden wurden in einseitiger Weise als Mörder des Gottessohnes verurteilt, obwohl Jesus doch selber Jude war und die Römer ebenso wie die Juden für den Tod Jesu verantwortlich waren, obwohl wir sogar in einem Kirchenlied singen: Meine Sünden haben dich geschlagen!

Ein Text, der in besonderer Weise die Juden als ein Volk von Händlern zu brandmarken schien, gegen das Jesus eine ganz andere Religion vertreten habe, war der Bericht von der Tempelreinigung. An dieser Stelle nun erst möchte ich also den Predigttext vorlesen, um einmal genau hinzuhören (Johannes 2, 13-22 – GNB):

Als das [jüdische] Passahfest näherkam, ging Jesus nach Jerusalem. Im Tempel fand er Händler, die Ochsen, Schafe und Tauben verkauften; auch Geldwechsler saßen dort an ihren Tischen. Da machte er sich aus Stricken eine Peitsche und trieb alle Ochsen und Schafe aus dem Tempelbezirk. Er stieß die Tische der Geldwechsler um und warf ihre Geldstücke auf den Boden. Den Taubenverkäufern befahl er: „Schafft das hier weg! Macht aus dem Haus meines Vaters keine Markthalle!“ Später erinnerten sich seine Jünger an das Wort in den heiligen Schriften: „Meine Liebe zu deinem Haus verzehrt mich wie ein Feuer.“ Die führenden Männer fragten ihn: „Woran können wir erkennen, dass du so etwas tun darfst? Gib uns einen Beweis!“ Jesus antwortete ihnen: „Reißt diesen Tempel nieder, und in drei Tagen werde ich ihn wieder aufbauen!“ Sie hielten ihm entgegen: „Für den Bau dieses Tempels wurden 46 Jahre gebraucht, und du willst ihn in drei Tagen wieder aufbauen!“ Mit dem Tempel meinte Jesus aber sich selbst. Als er später vom Tod auferstanden war, erinnerten sich seine Jünger an dieses Wort. Da glaubten sie den heiligen Schriften und dem, was Jesus selbst ihnen gesagt hatte.

Liebe Zuhörer, dieser Text hat viele Ausleger zu einer Schwarzweißmalerei verführt. Hier die Juden mit ihren Händlern und Geldwechslern im Tempel – da die Christen mit ihrem neuen Tempel „Jesus Christus“, durch den sie überall ihren Vater anbeten können. Aber lehnt Jesus wirklich das Volk der Juden und seinen Tempel und seinen Gottesdienst ab?

Der Text selbst spricht dagegen. Jesus will das jüdische Passahfest mitfeiern. Er will im Tempel zu seinem Vater beten. Er nennt den Tempel das Haus seines Vaters. Jesus hat den jüdischen Gottesdienst in Tempel und Synagoge selbst geübt und geliebt. Aufheben wollte er ihn sicher nicht. Wenn er sich selbst als den neuen Tempel sieht, dann ist damit gesagt, dass Gott nicht NUR im Tempel zu finden ist, dass wir Gott vor allem in Jesus begegnen können.

Doch auch für das Volk Israel war der Tempel nicht vordergründig die einzige Stelle, wo Gott wohnte. Schon Salomo hatte gesagt: „Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen, wie sollte es denn dieses Haus tun, das mit Händen gemacht ist.“ Und in der Zeit nach der Zerstörung des 2. Tempels, auf die der Evangelist Johannes schon zurückblickt, gibt es trotzdem bis heute weiter jüdischen Gottesdienst an vielen Orten ohne den Tempel. Ein jüdisches Lied aus der Zeit der Verfolgung durch den Kaiser Hadrian singt davon: „Mir ist jetzt versagt das Heiligtum, aber mein Herz besitzt die Synagogen und Lehrhäuser. Mir sind jetzt versagt die Opfer, aber mein Herz besitzt die Gebote und das Wohltun. Mir sind jetzt versagt die Gebote, aber mein Herz besitzt, sie zu tun. Mir ist jetzt versagt das Zeitenende, aber mein Herz besitzt die Erlösung.“

Ist das nicht Ausdruck eines Glaubens, der unserem christlichen sehr nahe ist, der nicht von Werkgerechtigkeit, sondern von Erlösung weiß, nicht von äußerlichem Opferkult, sondern von tätiger Nächstenliebe geprägt ist?

Wie ist aber auf diesem Hintergrund der Zorn Jesu über den Betrieb im Tempel zu verstehen? Die Jünger Jesu geben im Text das Stichwort: die heiligen Schriften. In den eigenen heiligen Schriften der Juden selbst war zu lesen, wie Propheten immer wieder gegen ausgehöhlte Gottesdienstformen gepredigt hatten, gegen den frommen Schein statt tätigem Einsatz für Gerechtigkeit. In diesen Schriften war von der Liebe zum Haus Gottes die Rede, die wie ein Feuer ist, das mich noch verbrennen wird, und an dieses Wort erinnern sich die Jünger bei der Aktion Jesu im Tempel.

Jesus war also kein Gegner des Volkes der Juden, sondern er wollte, dass die Juden wieder zu sich selbst finden. Er wollte den jüdischen Gottesdienst für Gott, seinen Vater, nicht aufheben, sondern erneuern und dadurch bewahren. Ähnlich wie Martin Luther später keine Abspaltung von der katholischen Kirche beabsichtigte, sondern sie erneuern, reformieren wollte, ging es Jesus nicht um die Stiftung einer neuen Religion, sondern um eine Erneuerung und Fortführung des Glaubens an den Gott des Volkes Israel, der ja zugleich schon immer der Gott aller Völker war.

Aus dem Text geht auch hervor, dass die Juden selbst Jesus nicht als radikalen Gegner sehen, der sich völlig außerhalb des Volkes Israel stellt, denn sie fragen ihn ganz sachlich nach der Vollmacht, die er hat für seine Kritik, seine innerjüdische Kritik: „Woran können wir erkennen, dass du so etwas tun darfst?“

So viel möchte ich heute sagen zu einigen Gemeinsamkeiten zwischen dem Glauben der Juden und dem Glauben der Christen, die größer sind, als wir ahnen. Wir haben keinen Grund, uns über das Judentum zu erheben, denn wie weit bleiben wir hinter unseren eigenen Maßstäben zurück!

Was uns trennt, ist, dass die Juden sich keinen Messias vorstellen können, der scheitert, wie Jesus nach menschlichem Ermessen gescheitert ist, der nicht alles Unrecht und Leid besiegt, vollständig und endgültig. Für Juden ist Jesus ein Vorläufer des Messias wie die Propheten. Gemeinsam ist uns dennoch der Blick nach vorn: das Warten auf den Messias bei den Juden, das Warten auf unseren wiederkommenden Herrn, auf eine herrliche Zukunft Gottes bei den Christen.

Und damit bin ich am Ende der Predigt wieder an einem Stichwort vom Beginn der Predigt angelangt: es geht um den Blick nach vorn, um die Verantwortung für das Heute und das Morgen. Wir haben als Christen gemeinsam mit den Juden etwas von Gott zu erwarten, nicht untätig, sondern tätig. Wir warten auf den Frieden Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, von dem wir schon etwas geschenkt bekommen in unserem Leben, in den wir einbezogen sind, sofern wir selbst Frieden schaffen, an unserem Platz, in unserer Familie, in unserer Gemeinde, in unserer Gesellschaft, in unserer Welt. Und ein Friede, höher als alle Vernunft, ist ein Friede, der Probleme und Konflikte nicht verdrängt und zudeckt, sondern eine gerechte Lösung sucht. Frieden mit Gott finden heißt auch: sich eigener Schuld stellen zu können, um sie hinter sich lassen zu können durch Vergebung und frei zu werden für ein neues Leben. Amen.

Ja, der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.
Lied EKG 180, 1+4-6 (nicht im EG):

1. Großer Gott, du liebst Erbarmen, straf mich Armen doch in deinem Zorne nicht. Züchtigst du, ach deine Stimme ruf im Grimme mich nicht vor dein Zorngericht.

4. All mein Wünschen, all mein Hoffen leg ich offen und bedecke nichts vor dir; sind doch Seufzer nicht noch Sorgen dir verborgen: Ach Erbarmer, hilf du mir!

5. Offen will ich dir bekennen und dir nennen alle meine Missetat. O wie quält mich jede Sünde, da ich finde, wie sie mich zerrüttet hat.

6. Wirst du nicht von allem Bösen mich erlösen? Bist du nicht mein Gott, mein Teil? Eile dann, mir beizustehen, hör mein Flehen, Herr, ich warte auf dein Heil.

Wir wollen nun gemeinsam das heilige Abendmahl feiern. Es schenkt uns Gemeinschaft mit Gott durch Vergebung unserer Schuld und Gemeinschaft mit allen Menschen dieser Erde, weil Jesus alles Trennende aus dem Weg geräumt hat.

Wir sprechen gemeinsam ein Bekenntnis unserer Schuld: Herr, wir mögen es nicht, an Schuld erinnert zu werden. Wir vergleichen gern unsere kleine Verantwortung mit der großen Verantwortung anderer. Wir haben vielleicht Angst, uns mit dem eigenen Versagen auseinanderzusetzen, weil wir meinen, uns dann selbst nicht mehr achten zu können. Wir haben Angst, vor anderen bloßgestellt zu werden. Herr, wenn wir an den heutigen Gottesdienst und sein Thema denken, dann müsssen wir sagen:

Herr, unser Gott, wir reden nicht gern von unserem Verhältnis zu den Juden. Wir schaffen es nicht, sie so zu nehmen wie jedes andere Volk. Was Israel falsch macht, das stößt auf unsere besondere Kritik, was Juden leiden mussten, davon wollen wir am liebsten nichts mehr hören. Herr, wenn wir unsere Schuld vor dir bekennen, kommen dann die Juden in diesem Bekenntnis vor? Ist uns Schuld bewusst, in unserem Denken, in unseren unangenehmen Gefühlen, in unserer Gleichgültigkeit, in unserer Abwehr der Klage eines Volkes, die auch vier Jahrzehnte nach der Judenverfolgung und -vernichtung nicht verstummt?

Gott, du rechnest uns unsere Sünden nicht vor und vergiltst uns nicht nach unserer Schuld. Wir würden am liebsten ohne Schuld leben und jeden Gedanken an unsere eigene verborgene Sünde verdrängen. Und wir merken dabei gar nicht, wie befreit wir leben können aus deiner Vergebung. Befreit von einem schlechten Gewissen, befreit zu einer neuen Haltung, befreit von Vorurteilen gegen wen auch immer, befreit zum aktiven Einsatz dafür, dass von unserem Land aus kein Fremdenhass, keine Verfolgung bestimmter Gruppen und kein Massenmorden mehr ausgeht.

Herr, in deinem Abendmahl befreist du uns dazu, einander anzunehmen. Du bereitest vor uns einen Tisch im Angesicht unserer Feinde, du machst uns stark dazu, auch über Gegensätze hinweg in deiner Kirche zusammenzubleiben, über unser verschiedenen Auffassungen und Interessen zu sprechen und im anderen, auch im Gegner, immer den Nächsten zu lieben. Wir denken daran, wie Jesus sein Mahl eingesetzt hat:

Einsetzungsworte und Austeilung und Abendmahlslied
Fürbitten: 55/3-4
Vaterunser und Segen
Lied EKG 184 (EG 282), 6:

6. Denn Gott der Herr ist Sonn und Schild, er deckt uns, er ist gut und mild, er wird uns Gnad und Ehre geben. Nichts mangelt dem, der in der Not auf Gott vertraut; er hilft im Tod, er selber ist der Frommen Leben. Heil dem, der stets in dieser Welt, Herr Zebaoth, an dich sich hält.

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