„Beten ist wie…“

Welche Gedanken machen sich Konfirmanden zum Thema Beten – und wie half das Beten dem Bürgerrechtler Martin Luther King, seine Angst zu überwinden?

Skulpturen zweier Mädchen und einer alten Frau, die unterschiedlich beten.

Beten kann ein Hören sein, ein Sich-Ausstrecken oder ein Ruhen (Bild: shanequreshi – pixabay.com)

Andacht in der Kirchenvorstandssitzung der evangelischen Paulusgemeinde Gießen am 14. Juni 2005

Als wir mit den neuen Konfirmanden letzte und diese Woche das Thema „Beten ist wie…“ besprachen, waren wir erstaunt, zu welchen Einsichten sie kamen.

In der letzten Woche sollten sie in Kleingruppen Stationen bauen zum Thema „Beten ist wie…“. Manche dieser Stationen waren ganz einfach – eine Leiter oder ein liebevoll gebastel­ter Aufzug, die nach oben führen, eine Treppe, die über Hindernisse hinweg zu einem brennenden Dornbusch führt, von dem man nicht genau weiß, ob Gott in ihm steckt und uns etwas mitteilen will. Eine Gruppe hat den Berg gestaltet, auf den Jesus hinaufgeklettert ist, um Gott näher zu sein.

Besonders interessant war eine Geschichte in mehreren Bildern von einem Zwillingspaar. Auf einem Bild waren die Sorgen von Jugendlichen dargestellt mi der Frage: Wo werde ich mit diesen Sorgen gehört. Auf dem zweiten Blatt ein Jugendlicher, der sich entschließt zu beten und sich dazu hinkniet. Das dritte Bild war hinter einem Vorhang versteckt und stellte den Himmel da – blau mit weißen Wolken – wer mit seinen Sorgen zu Gott kommt, dem steht der Himmel offen.

Einer unserer fünf Jungen malte einen Menschen, der in seinem Kopf viele Wünsche hat wie viele bunte Seifenblasen – dazu mein­te er: Beten ist wie diese Wünsche, es kann dauern, bis sie vielleicht erfüllt wer­den. Und ein zweiter Junge wollte es sich einfach machen und Billard spielen statt etwas gestalten. Er meinte: Beten ist wie Billard. Dann fiel ihm dazu sogar etwas ein: Nicht jede Kugel, die man anstößt, trifft ein Loch, auch beim Beten gibt es unerfüllte oder falsche Wünsche, von denen es gut ist, dass sie nicht erfüllt werden.

Heute mussten die Konfis u. a. entscheiden, welche Sätze nach ihrer Ansicht über das Gebet stimmen und welche nicht. Interessant ist, dass alle sich ernsthafte Gedanken gemacht haben. Bei vielen stand an oberster Stelle der Satz: „Beten macht Mut“, „Wer betet, findet Ruhe“ und nicht weit darunter: „Wer betet, will etwas ändern.“

Wie ein Gebet wirken kann, hat der schwarzamerika­nische Pastor und Bürgerrrechtler Martin Luther King im Jahr 1955 erfahren. Er war gerade zum Leiter des Busboykotts in Montgomery gewählt worden; die Schwarzen hatten be­schlossen, zu Fuß zur Arbeit zu gehen und die Busse zu bestreiken, solange sie nicht auf den gleichen Plätzen sitzen durften wie die Weißen. Wegen dieser Aktionen bekam King massive Drohbriefe und Anrufe.

Als er einen dieser Anrufe mitten in der Nacht erhalten hatte, verließ ihn sein Mut völlig, und er wollte einen Weg suchen, wie er von der Bildfläche verschwinden konnte, möglichst ohne allzu feige zu erscheinen.

In dieser Stimmung kochte er sich eine Kanne Kaffee, setzte sich an den Küchen­tisch, stützte den Kopf in beide Hände und betete laut: „Ich stehe für das ein, was ich für richtig halte. Aber jetzt habe ich Angst. Die Leute verlangen nach meiner Führung, und wenn ich vor ihnen so ohne Kraft und Mut stehe, werden sie auch mutlos werden. Ich bin am Ende meiner Kräfte. Ich habe nichts mehr übrig. Ich bin an dem Punkt angelangt, wo ich nicht allein weiterkomme.“

In diesem Augenblick spürte er auf einmal so stark wie nie zuvor, dass Gott bei ihm war. Er hörte die stille Versiche­rung einer inneren Stimme, die ihm sagte: „Steh auf für Gerechtigkeit ein, steh ein für die Wahrheit. Gott wird immer an deiner Seite sein.“

Fast augenblicklich hörten seine Ängste auf, seine Unsicherheit verschwand, er war bereit, allem standzuhalten. Die äußere Situation blieb dieselbe, aber Gott hatte ihm innere Ruhe gegeben.

Als wenige Tage später der erste Bombenanschlag auf sein Haus und seine Familie verübt wurde, reagierte er mit erstaunlicher Gelassenheit. Und er trat allen Forderun­gen, auf Gewalt mit Gegen­gewalt zu antworten, erfolgreich entgegen.

Beten verändert viel, oft sogar in der äußeren Welt, aber auf jeden Fall an und in uns selbst.

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