Weltverantwortung und der Himmel

Unsere Haut wird im Alter welk wie eine Blume, unser Körper hinfällig, wir sind sterblich. Viele Menschen stellen sich den Tod wie einen finsteren Abgrund oder verschlingenden Schlund vor, das grauenvolle Nichts. Paulus dreht dieses Bild um; er weiß von einer Hoffnung, von der die Schönheitsfanatiker nichts ahnen: „Das Sterbliche wird vom Leben verschlungen.“

Ein Abrisshaus mit verdreckten Wänden in Erfurt

Unser irdisches Leben – nur eine Hütte – reif zum Abriss? (Foto: pixabay.com)

direkt-predigtGottesdienst am Vorletzten Sonntag im Kirchenjahr, den 17. November 2002, um 10.00 Uhr in der Pauluskirche zu Gießen

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Der vorletzte Sonntag im Kirchenjahr wird traditionell als Volkstrauertag begangen. Wir denken an diesem Tag an die Opfer von Krieg und Gewalt. Und wir nutzen diesen Tag, um für den Frieden in der Welt zu beten.

Auch für unsere Verantwortung für den Frieden gilt das Wort zur kommenden Woche, das dem heutigen Predigttext in 2. Korinther 5, 10 entnommen ist:

„Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.“

Zu Beginn singen wir das Lied 430:

Gib Frieden, Herr, gib Frieden, die Welt nimmt schlimmen Lauf
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. „Amen.“

Gottes Weite löse uns.
Gottes Friede erfülle uns.
Gottes Atem belebe uns.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Gott, wir haben Angst um diese Welt. Angst vor der Zukunft, die uns unheilvoll erscheint. Angst vor den vielen Bedrohungen des Lebens. Angst, weil es keine Sicherheit zu geben scheint. Bewahre uns davor, dass die Angst unsere Liebe lähmt und zerstört.

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

„In der Welt habt ihr Angst“, sagt Christus, „aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden! Das habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt.“ (Johannesevangelium 16, 33b.a)

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende.

Der Herr sei mit euch! „Und mit deinem Geist!“

Gott, du willst uns eine neue Ruhe schenken, von der wir kaum zu träumen wagen. Du willst uns Hoffnung geben und zum Frieden führen. Du willst, dass wir bei uns selbst und bei dir ankommen. Du erwartest uns mit offenen Armen und hältst uns fest in den Stürmen des Lebens. Dafür danken wir dir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören ein Gleichnis, das Jesus Christus erzählt hat, aus dem Evangelium nach Matthäus 25, 31-46:

31 Wenn der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit, und alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit,

32 und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet,

33 und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken.

34 Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt!

35 Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich aufgenommen.

36 Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen, und ihr seid zu mir gekommen.

37 Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben? oder durstig und haben dir zu trinken gegeben?

38 Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen? oder nackt und haben dich gekleidet?

39 Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen?

40 Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.

41 Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln!

42 Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben.

43 Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gefängnis gewesen, und ihr habt mich nicht besucht.

44 Dann werden sie ihm auch antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig gesehen oder als Fremden oder nackt oder krank oder im Gefängnis und haben dir nicht gedient?

45 Dann wird er ihnen antworten und sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan.

46 Und sie werden hingehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben.

Herr, dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Glaubensbekenntnis
Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde,

mit gemischten Gefühlen erlebe ich den Volkstrauertag, mit gemischten Gefühlen einen Bittgottesdienst für den Frieden, mit gemischten Gefühlen die Bibeltexte für den heutigen Sonntag.

Volkstrauertag – wie echt ist die Trauer auf den Friedhöfen Jahrzehnte nach den Weltkriegen? Bittgottesdienst für den Frieden – wie echt ist die Bitte um den Frieden, wenn Achsen des Bösen konstruiert und Präventivkriege geplant werden? Gerichtstexte aus der Bibel – bedroht das Gericht Gottes wirklich Menschen mit ewiger Strafe?

Immerhin scheint der Maßstab, an dem wir gemessen werden, klar zu sein: Der Richterstuhl Christi, vor dem wir alle offenbar werden, wird uns ja im Gleichnis aus dem Matthäusevangelium deutlich vor Augen gestellt. Jesus ist der letzte Richter, vor dem wir uns zu verantworten haben, und er richtet uns nach dem Maßstab der Barmherzigkeit – was wir ihm getan oder nicht getan haben, das zählt. Schockierend ist nur, dass wir ihm tagtäglich überall begegnen können; überall kann Gottes Sohn in Not sein, überall können die geringsten Geschwister Jesu auf uns angewiesen sein. Mitten im größten Stress klingelt es und ein Mann erzählt umständlich seine Geschichte, am Schluss geht es um eine Unterstützung, die er dringend braucht. Stiehlt er meine Zeit – bin ich bereit, sie ihm zu schenken? Gebe ich ihm schnell etwas, um ihn loszuwerden, glaube ich ihm, dass er das Geld zurückzahlen wird, wie er verspricht? Wieder klingelt es. Ein Schüler macht mich auf einen kleinen Hund aufmerksam, der herumgeschubst wird, und ich glaube, ich kann gar nicht viel für ihn tun. Oder will ich es nicht?

So klar, wie Jesu Gleichnis auf den ersten Blick zu sein scheint – es ist doch gar nicht so einfach, im konkreten Alltag die richtige Entscheidung zu treffen. Nicht in den kleinen Dingen, die nur wenige Menschen um mich herum betreffen, und erst recht nicht in den großen Zusammenhängen der Gesellschaft und der Völkergemeinschaft.

In christlichen Kreisen hat man daraus häufig die Konsequenz gezogen: Wir sollten uns lieber gar nicht so viel um diese Welt kümmern. Die geht eh den Bach runter! Weniger salopp ausgedrückt: Da die Welt ihrem Untergang entgegengeht, sollten Christen sich lieber um das Heil ihrer Seele sorgen und an das Jenseits denken.

Im heutigen Predigttext scheint Paulus genau in diese Kerbe zu hauen. Er schreibt in 2. Korinther 5:

1 Wir wissen: wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel.

2 Denn darum seufzen wir auch und sehnen uns danach, dass wir mit unserer Behausung, die vom Himmel ist, überkleidet werden,

3 weil wir dann bekleidet und nicht nackt befunden werden.

4 Denn solange wir in dieser Hütte sind, seufzen wir und sind beschwert, weil wir lieber nicht entkleidet, sondern überkleidet werden wollen, damit das Sterbliche verschlungen werde von dem Leben.

5 Der uns aber dazu bereitet hat, das ist Gott, der uns als Unterpfand den Geist gegeben hat.

6 So sind wir denn allezeit getrost und wissen: solange wir im Leibe wohnen, weilen wir fern von dem Herrn;

7 denn wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen.

8 Wir sind aber getrost und haben vielmehr Lust, den Leib zu verlassen und daheim zu sein bei dem Herrn.

9 Darum setzen wir auch unsre Ehre darein, ob wir daheim sind oder in der Fremde, dass wir ihm wohlgefallen.

10 Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit jeder seinen Lohn empfange für das, was er getan hat bei Lebzeiten, es sei gut oder böse.

Wie gesagt, liebe Gemeinde, Paulus spricht hier vom Leben nach dem Tod so, als ob es nichts Schöneres gäbe!

Als erstes vergleicht er unseren irdischen Körper mit einem abbruchreifen Haus. Das heißt, eigentlich hat er eine Hütte oder ein Zelt vor Augen, das wir nur vorübergehend bewohnen auf unserer abenteuerlichen Reise durch das Leben. Das erste richtige Haus, in dem wir wohnen werden, wird nicht von menschlichen Händen erbaut sein, sondern es hat ewigen Bestand und ist von Gott selbst erbaut. So malt sich Paulus unseren Auferstehungsleib aus, den wir durch Gottes Gnade nach unserem Tode bekommen.

Ein zweites Bild benutzt er für dieses herrliche Leben im Himmel: Er meint, dass die Menschen regelrecht danach seufzen und sich in Sehnsucht verzehren, dass sie endlich einen neuen himmlischen Leib bekommen. Denn im irdischen Körper kommt sich unsere Seele nackt vor – ungeschützt, verletzlich, dem Spott und der Gewalt ausgeliefert, und immer wieder in der Versuchung, auf Kränkung mit um so größerer Kränkung zu antworten.

Den meisten von uns modernen Menschen ist diese Sehnsucht oder sogar „Lust, den Leib zu verlassen und daheim zu sein bei dem Herrn“, eher fremd. An diesem Leben krallt sich fest, selbst wer damit unzufrieden ist – warum? Weil man an das jenseitige Leben nicht mehr glauben kann? Wer wirklich absolut nicht zurechtkommt mit seinem Leben, der entwickelt wohl eine Todessehnsucht, aber eine ohne Hoffnung. Paulus dagegen stellt sich vor, im Tod nach Hause zu kommen – heim zu dem Gott, der uns geschaffen hat, zu dem wir gehören, dessen Kinder wir sind.

Einen Satz sagt Paulus immerhin, der scheint auch für uns heutige Menschen einigermaßen nachvollziehbar zu sein: „Denn solange wir in dieser Hütte sind, seufzen wir und sind beschwert, weil wir lieber nicht entkleidet, sondern überkleidet werden wollen, damit das Sterbliche verschlungen werde von dem Leben.“ Da scheint Paulus unsere Angst vor dem Sterben zu verstehen. So unvollkommen unser irdischer Leib ist, verlieren wollen wir ihn nicht so gerne. Viele, die mit ihrem Körper unzufrieden sind, zahlen hohe Preise für kosmetische und chirurgische Eingriffe – obwohl sie durch sogenannte Schönheitsoperationen oft auf Dauer nur hässlicher und keinesfalls glücklicher werden.

Paulus hätte den Kopf geschüttelt über Menschen, die sich anmaßen, durch riskante ärztliche Maßnahmen, die eigentlich der Behandlung kranker oder entstellter Menschen vorbehalten sein sollten, ihren von Gott geschaffenen Körper zu verbessern. Unser Leib ist eine Übergangsgestalt, die ihre Schönheit nicht in sich trägt, sondern darin, dass sie vorausweist auf den zukünftigen Leib, mit dem Gott uns einmal „überkleiden“ wird. Hier sind wir nun einmal sterblich, dazu gehört, dass unsere Haut im Alter welk wird wie eine Blume, dass unser Körper hinfällig wird und schließlich ins Grab gelegt wird. Viele Menschen stellen sich den Tod wie einen finsteren Abgrund oder verschlingenden Schlund vor, das grauenvolle Nichts. Paulus dreht dieses Bild um; er weiß von einer Hoffnung, von der die Schönheitsfanatiker nichts ahnen: „Das Sterbliche wird vom Leben verschlungen.“

Woher weiß er das? Durch Gott selbst, durch den Geist Jesu Christi, der ihm diese Einsicht schenkt.

Vor einem Missverständnis müssen wir uns hüten. Die Hoffnung des Paulus auf das Leben nach dem Tod hat nichts mit Weltflucht zu tun. Er leidet unter Verfolgung, unter Ängsten, unter einer tückischen Krankheit, aber er verzweifelt nicht am Leben. Der Gedanke, sich das Leben zu nehmen, wäre ihm völlig fremd. Seine Hoffnung auf das Jenseits lässt ihn getrost das Leben im Diesseits führen, auch wenn er es nur als eine Vorstufe für ein großartigeres Leben ansieht: „So sind wir denn allezeit getrost und wissen: solange wir im Leibe wohnen, weilen wir fern von dem Herrn; denn wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen. Wir sind aber getrost und haben vielmehr Lust, den Leib zu verlassen und daheim zu sein bei dem Herrn.“

Diese Lust, den Himmel zu schauen, schwächt aber nicht sein Verantwortungsgefühl für dieses Leben hier auf Erden, sondern stärkt es – hier ist unser Bewährungsfeld, hier ist der Ort, an dem wir sozusagen für das Leben im Himmel trainieren können: „Darum setzen wir auch unsre Ehre darein, ob wir daheim sind oder in der Fremde, dass wir ihm wohlgefallen.“

Paulus scheut sich nicht einmal, einen Satz zu sagen, der gar nicht zu ihm zu passen scheint: „Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit jeder seinen Lohn empfange für das, was er getan hat bei Lebzeiten, es sei gut oder böse.“ Das sagt der gleiche Paulus, der jede Werkgerechtigkeit ablehnt, der genau weiß, dass niemand sich den Himmel verdienen kann. Wenn wir Gutes tun, dann nicht aus eigener Kraft, sondern weil Gott uns die Kraft dazu schenkt. Wenn wir auf Gewalt verzichten, dann deshalb, weil wir im Vertrauen auf die Feindesliebe Christi die Waffen niederzulegen wagen. Wenn wir die geringen Geschwister Jesu, die uns brauchen, nicht übersehen, dann nur aus dem Grund, weil Gott selbst uns für sie die Augen öffnet. Glaube und Liebe sind für Paulus offenbar zwei Seiten derselben Medaille – wer angerührt ist durch Christus, wer von der Hoffnung auf den Himmel durchdrungen ist, der muss sich nicht eigensüchtig an das Irdische klammern, sondern wird fähig zu Taten der Liebe und des Friedens. Und wer Angst hat vor ewiger Strafe im Jüngsten Gericht, der darf gewiss sein, dass Christus auch diese Angst überwunden hat. Er darf barmherzig auch mit sich selbst sein. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Wir singen auch das nächste Lied 638 gemeinsam zu den Klängen von Klavier und Gitarre:

Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt, damit ich lebe
Fürbittgebet

In der Stille bringen wir vor dich, Gott, was wir außerdem auf dem Herzen haben:

Gebetsstille

Wir bitten gemeinsam: „Gott, dein Friede erfülle die ganze Welt.“

Vater unser

Zum Schluss singen wir das Lied 432:

Gott gab uns Atem, damit wir leben
Abkündigungen

Und nun geht mit Gottes Segen. Vielleicht bleiben Sie auch noch ein wenig zusammen im Gemeindesaal bei Kaffee oder Tee.

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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