„In sich selbst vergnügt“

Trauerfeier für eine Frau, die sich sehr eng mit unserer Kirchengemeinde verbunden gefühlt hat und entschieden dafür eingetreten ist, dass es in der Kirche fröhlich zugehen darf, dass vor allem viel musiziert, gesungen und getanzt wird.

Vergnügte Runde im Tanzkreis einer Kirchengemeinde

Vergnügte Runde im Tanzkreis einer Kirchengemeinde

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Gemeinde, wir sind hier versammelt, um von Frau M. Abschied zu nehmen, die im Alter von [über 80] Jahren gestorben ist.

Frau M. war für unsere Kirchengemeinde ein besonderer Mensch. Ich habe kaum jemanden erlebt, der sich so eng wie sie mit ihr verbunden gefühlt hätte. Ihren Nachnamen kannten viele gar nicht, aber wenn man von der „M.“ sprach, dann wussten die meisten Bescheid.

Im Kirchenchor waren wir uns daher einig, dass wir heute bei der Trauerfeier für sie singen wollen. Schließlich hat sie selbst die Musik so sehr geliebt.

Wir singen zuerst das Lied 533 aus dem Evangelischen Gesangbuch:
Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand

M. ist gestorben, wir sind traurig, dass sie uns nicht mehr mit ihrer Fröhlichkeit anstecken und uns nicht mehr auf dem Klavier vorspielen kann. Doch wir sind dankbar, dass sie unter uns gelebt hat, dass dieser Mensch uns geschenkt war. Darum ist es angemessen, wenn wir bei ihrer Trauerfeier mit dem Psalm 147 Gott loben:

1 Halleluja! Lobet den Herrn! Denn unsern Gott loben, das ist ein köstlich Ding, ihn loben ist lieblich und schön.

2 Der Herr baut Jerusalem auf und bringt zusammen die Verstreuten Israels.

3 Er heilt, die zerbrochenen Herzens sind, und verbindet ihre Wunden.

4 Er zählt die Sterne und nennt sie alle mit Namen.

5 Unser Herr ist groß und von großer Kraft, und unbegreiflich ist, wie er regiert.

6 Der Herr richtet die Elenden auf und stößt die Gottlosen zu Boden.

7 Singt dem Herrn ein Danklied und lobt unsern Gott mit Harfen,

8 der den Himmel mit Wolken bedeckt und Regen gibt auf Erden; der Gras auf den Bergen wachsen lässt,

9 der dem Vieh sein Futter gibt, den jungen Raben, die zu ihm rufen.

10 Er hat keine Freude an der Stärke des Rosses und kein Gefallen an den Schenkeln des Mannes.

11 Der Herr hat Gefallen an denen, die ihn fürchten, die auf seine Güte hoffen.

12 Preise, Jerusalem, den Herrn; lobe, Zion, deinen Gott!

13 Denn er macht fest die Riegel deiner Tore…

14 Er schafft deinen Grenzen Frieden und sättigt dich mit dem besten Weizen.

16 Er gibt Schnee wie Wolle, er streut Reif wie Asche.

18 Er sendet sein Wort, da schmilzt der Schnee; er lässt seinen Wind wehen, da taut es.

Lasst uns nun gemeinsam aus dem Lied 369 die Strophen 1 bis 3 singen:

1. Wer nur den lieben Gott lässt walten und hoffet auf ihn allezeit, den wird er wunderbar erhalten in aller Not und Traurigkeit. Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut, der hat auf keinen Sand gebaut.

2. Was helfen uns die schweren Sorgen, was hilft uns unser Weh und Ach? Was hilft es, dass wir alle Morgen beseufzen unser Ungemach? Wir machen unser Kreuz und Leid nur größer durch die Traurigkeit.

3. Man halte nur ein wenig stille und sei doch in sich selbst vergnügt, wie unsers Gottes Gnadenwille, wie sein Allwissenheit es fügt; Gott, der uns sich hat auserwählt, der weiß auch sehr wohl, was uns fehlt.

Liebe Trauergemeinde!

Passt dieses Lied nicht auf M., wie sie leibte und lebte? Sie hat den lieben Gott walten lassen und immer auf ihn gehofft. Sie fühlte sich fast mehr im Gemeindezentrum zu Hause als in ihrer eigenen Wohnung. Sie hielt nichts davon, zu jammern und über ihr Schicksal zu seufzen, sondern freute sich lieber am Musizieren und Tanzen, so lange sie es konnte.

„In sich selbst vergnügt“, diese Beschreibung trifft auf M. zu, vergnügt im Sinne ihrer Fröhlichkeit, die immer wieder lebendig war, auch wenn es ihr gar nicht gut ging, vergnügt aber auch in dem alten Sinne des sich Begnügens, also der Zufriedenheit mit dem, wie Gott alles fügt und was er einem zugedacht hat. „Gott, der uns sich hat auserwählt, der weiß auch sehr wohl, was uns fehlt.“

Was wir im Lied gesungen haben, spiegelt die Wahrheit eines Bibelverses wider, den ich meiner Ansprache für M. zu Grunde lege, Psalm 23,1:

Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.

Sie war nicht reich nach menschlichen Maßstäben, war aber von einem inneren Reichtum erfüllt, der ihr von oben geschenkt war. Sie wusste, wo sie hingehörte, sie vertraute auf ihren Gott, sie hielt sich zu ihrer Kirche, sie hatte immer Menschen, mit denen zusammen sie gerne fröhlich war, und Menschen, die ihr Hilfe anboten und gaben, wenn sie alleine nicht zurechtkam. Zugleich war sie jedoch bemüht, so weit wie möglich selbständig zu leben; sie hatte ihren eigenen Kopf und ließ sich nichts aufzwingen, was sie nicht wirklich wollte. So fehlte es ihr weder an Zuwendung noch an Freiheit; war sie nicht ein glücklicher Mensch?

Geboren war sie in den Jahren des Ersten Weltkriegs. Die Geschichte, wie es zur Hochzeit ihrer Eltern gekommen war, hört sich an wie aus dem Märchen. Ihre Mutter, eine feine und edle Frau, die viel Güte ausstrahlte, hatte selber wohl früh ihre Eltern verloren. Sie kam ins Kinderheim und ging nach der Schulzeit in einem Haushalt in Stellung. Wie man sich erzählt, fuhr eines Tages ein Graf oder Baron mit einem sechsspännigen Pferdefuhrwerk vor und hielt um die Hand des hübschen Mädchens an. M.s Mutter schlug die Partie ihres Lebens jedoch aus, sie wollte nicht über ihrem „Stand“ heiraten. Stattdessen verliebte sie sich in einen Handwerksgesellen, der auf der Wanderschaft auch durch die Stadt kam, und feierte mit ihm eine standesgemäße Hochzeit.

Erinnerungen an das Leben der Verstorbenen

In unserer Kirchengemeinde gehörte sie von Anfang an zum Tanzkreis, für den sie entschieden eintrat, wenn jemand gegen das Tanzen in einem kirchlichen Gebäude Stellung nahm. Ihre Überzeugung war, dass in der Kirche auch Platz für Fröhlichkeit sein muss. Aber auch an Gottesdiensten und anderen Gemeindeveranstaltungen nahm Frau M. gern teil. Und nicht nur das, sie half auch gern, wo sie helfen konnte, spülte ab nach dem Kirchencafé oder wenn sich die Senioren im Saal getroffen hatten, und sagte einmal, als wir einen neuen Zivi eingestellt hatten: „Ich bin auch ein Zivi!“ Sie machte sich gern nützlich, wollte gebraucht werden. Besonders gern spielte sie Klavier, und sie war froh, das Instrument in unserem Gemeindesaal benutzen zu dürfen. Ob im Tanzkreis, beim Fasching oder nach dem Kirchencafé, sie griff immer gern in die Tasten und spielte am liebsten fröhliche Lieder. Ein bisschen hat sie auch selbst komponiert. Es ist gar nicht so lange her, da hat sie unserem Organisten etwas eigenes vorgespielt.

Als unser Gemeindepraktikant und ich sie zum letzten Mal besuchten, zeigte sie uns die Bäume, die sie von ihrem Balkon aus sehen konnte und wollte mit uns ihre Freude über diese herrliche Aussicht teilen. Als sie von ihrer Freude sprach, hier zu wohnen und zu unserer Kirchengemeinde zu gehören, tat sie das, so wie sie eben war, sie sprach mit ihren Armen und mit leuchtenden Augen. Und zum Schluss gab sie uns eine kleine Spende für die Kirche mit, wir durften das nicht ablehnen: „Ich gehöre doch zu euch!“ meinte sie. Was wir an diesem Tag nicht verstanden, war, dass sie uns ausdrücklich ihr Sparbuch zeigte – sie wollte wohl sagen: Für meine Beerdigung ist gesorgt; sie wollte niemandem finanziell zur Last fallen.

Kurze Zeit darauf ist sie friedlich gestorben – hinübergeschlafen in die andere Welt, in das Land der Ewigkeit. Es hat sich so gefügt, dass sie nicht lange leiden musste und dass sie sich auch nicht noch einmal völlig umstellen und anpassen musste an das Leben in einem Heim. Bis zuletzt können wir Gottes gnädige Führung in ihrem Leben erkennen. Der Vers aus dem Psalm 23 ist in ihrem Leben rundherum wahr geworden:

Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.

Als ich Frau M. zu ihrem letzten Geburtstag gratulierte, da wünschte sie sich, dass ich ihr ein Wort aus ihrer Bibel vorlese. Ich habe damals den Psalm 131 ausgesucht:

1 HERR, mein Herz ist nicht hoffärtig, und meine Augen sind nicht stolz. Ich gehe nicht um mit großen Dingen, die mir zu wunderbar sind.

2 Fürwahr, meine Seele ist still und ruhig geworden wie ein kleines Kind bei seiner Mutter; wie ein kleines Kind, so ist meine Seele in mir.

In solchem Gottvertrauen können wir Frau M. getrost loslassen und den Händen Gottes anvertrauen. Er schaut sie als sein geliebtes Menschenkind mit liebevollen Augen an und nimmt sie am Ende mit Ehren an. Amen.

Der Kirchenchor singt nun das Lied 398:

1. In dir ist Freude in allem Leide, o du süßer Jesu Christ! Durch dich wir haben himmlische Gaben, du der wahre Heiland bist; hilfest von Schanden, rettest von Banden. Wer dir vertrauet, hat wohl gebauet, wird ewig bleiben. Halleluja. Zu deiner Güte steht unser G‘müte, an dir wir kleben im Tod und Leben; nichts kann uns scheiden. Halleluja.

2. Wenn wir dich haben, kann uns nicht schaden Teufel, Welt, Sünd oder Tod; du hast‘s in Händen, kannst alles wenden, wie nur heißen mag die Not. Drum wir dich ehren, dein Lob vermehren mit hellem Schalle, freuen uns alle zu dieser Stunde. Halleluja. Wir jubilieren und triumphieren, lieben und loben dein Macht dort droben mit Herz und Munde. Halleluja.

Barmherziger Gott, unsere Verwandte, unsere gute Bekannte, ein Mitglied unserer Kirchengemeinde ist zu dir in die ewige Ruhe eingegangen. Du hast Frau M. begleitet durch ihr langes Leben, und sie hat sich leiten lassen in guten und in schweren Zeiten. Bescheiden und doch mit starkem eigenen Willen, eine kleine Person und doch prägend für unsere Kirchengemeinde, so haben wir sie gekannt und geschätzt. Lass uns von ihr lernen, dass man trotz schwerer Lebensumstände dennoch fröhlich bleiben kann. Schenke uns Hoffnung und lass uns leben im Vertrauen auf dich. Amen.

Wir singen zum Schluss die Liedstrophe 163:

Unsern Ausgang segne Gott, unsern Eingang gleichermaßen, segne unser täglich Brot, segne unser Tun und Lassen, segne uns mit sel‘gem Sterben und mach uns zu Himmelserben.

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