Wer ist Prof. Dr. Odo Marquard?

Prof. Dr. Odo Marquard

Prof. Dr. Odo Marquard

Prof. Dr. Odo Marquard war seit 1965 ordentlicher Professor für Philosophie an der Justus-Liebig-Universität Gießen und gehörte bis wenige Jahre vor seinem Tod zur Evangelischen Paulusgemeinde Gießen. Seit 2004 zählte er mit seinem kleinen Vortrag „Gott in vielen Geschichten” zu den Gastautoren der Bibelwelt-Homepage.

Sich selbst charakterisierte der Professor der Philosophie in einem seiner Vorträge, für deren Stil er selbst den Ausdruck „Transzendentalbelletristik“ prägte, als „einen in Hinterpommern geborenen Zwangsostfriesen, der am Fuße des Vogelsbergs sein bedenkliches Leben verbringt und darum ja auch sowieso eher zuständig ist für nonkonformistische Teile der südhessischen Grundlagenfolklore.“ (Inkompetenzkompensationskompetenz? Über Kompetenz und Inkompetenz der Philosophie. In: Odo Marquard, Abschied vom Prinzipiellen. Philosophische Studien, Stuttgart 1995, S. 27)

Noch schöner und original für eine Veranstaltung der Evangelischen Paulusgemeinde Gießen am 8. Juli 2004 hatte er eine Selbstvorstellung in seinen oben erwähnten Diskussionsbemerkungen zum Thema „Gott in vielen Geschichten“ formuliert.

Am 8. August 2009 überreichte ich Herrn Prof. Dr. Marquard anlässlich eines Besuchs bei ihm zu Hause einige Diskussionsbemerkungen innerhalb eines inneren Dialoges, den ich selber mit ihm führte, seit ich ihn als Pfarrer seiner evangelischen Kirchengemeinde kennengelernt hatte: „Zu-fällige Zugänge zur Analyse der Psyche“. Auch diesen Text mache ich hier der Öffentlichkeit zugänglich.

Seit dem 9. Mai 2015 müssen wir fragen: Wer war Odo Marquard, denn an diesem Tag ist er in Celle gestorben. Am 16. Mai 2016 hat seine Familie von ihm Abschied genommen. Auf Bitten seiner Ehefrau Edeltraut Marquard verfasste ich, Pfarrer Helmut Schütz, aus Gießen die Traueransprache.

Faszinierender Stil und Inhalt philosophischer Gedanken

Aber um Prof. Dr. Odo Marquard in seinem Denken wirklich kennenzulernen, muss man ihn selber lesen. Ich hätte das wahrscheinlich nie getan, wenn ich ihn nicht in meiner Eigenschaft als Gemeindepfarrer besucht hätte, zum Geburtstag oder als er krank war. Er schenkte mir seine Reclam-Heftchen mit Vorträgen und Aufsätzen und ich war mehr und mehr fasziniert von Stil und Inhalt seiner philosophischen Gedanken.

Dabei teile ich nicht alle seine Überzeugungen. Ich tendiere im Rahmen des bürgerlich-demokratischen Spektrums doch mehr zur sozialen und ökologischen Veränderung, nehme aber seine kritischen Anfragen an die Bürgerlichkeitsverweigerung auch im Rückblick auf mein eigenen Denken und Handeln in den Siebziger und Achtziger Jahren sehr ernst. Interessant finde ich die Berührungspunkte, die sich zwischen dem Denken so unterschiedlicher Menschen wie dem linkssozialistisch geprägten Theologen Ton Veerkamp und dem bürgerlichen Philosophen Odo Marquard ergeben. Immer wieder stieß ich auch auf Ähnlichkeiten seiner Philosophie mit tiefsinnigen Einsichten des englischen Humoristen Terry Pratchett.

Philosophie-Häppchen

Um neugierig zu machen auf die Philosophie von Odo Marquard, darf ich mit dem Einverständnis von Odo Marquard und seiner Frau Edeltraut hier auf der Bibelwelt Philosophie-Häppchen präsentieren, denn wie zitierte Odo Marquard einmal selbst Heinrich Heine:

[„D]och ist das Zitieren alter und neuer Bücher das Hauptvergnügen eines jungen Autors, und so ein paar grundgelehrte Zitate zieren den ganzen Menschen.“ (Schwierigkeiten, S. 145).

Dieses Zitat von H. Heine (Das Buch le Grand, Kap. XIII), das Odo Marquard den Anmerkungen voranstellt, die den halben Umfang eines seiner frühen Bücher ausmachen, mag mein Unterfangen rechtfertigen, mit einer Auswahl von Zitaten und Bonmots eines Philosophen nicht die eigene Lektüre seiner Vorträge und Aufsätze zu ersetzen, sondern Leserinnen und Leser neugierig auf sein Werk zu machen.

Bonmots:
Prägnante Zitate aus allen Bereichen für diejenigen, die es kurz und knapp mögen.

Persönliches:
Bemerkungen zur Autobiographie, zur eigenen philosophischen Position und ihrer Wandlungen sowie zur philosophischen Schriftstellerei.

Philosophie:
Allgemeines zur Philosophie überhaupt: Was ist Vernunft und Theorie, was ist von Metaphysik zu halten, und wie geht man mit der Wahrheitsfrage um?

Religion:
Odo Marquard ist Philosoph, kein Theologe. Aber er ist Spezialist für die Theodizee-Frage und scheut sich nicht, religiöse Grundsatzfragen aufzugreifen, mitunter zu dem Zweck, diese Fragen durch das Geben von zu vielen Antworten offen zu lassen. Was er zur Religion sagt, ist oft kritisch, oft aber auch Religionskritik-kritisch, und auf jeden Fall für Theologen höchst bedenkenswert.

Geschichtsphilosophie:
Wenige Jahre dachte Odo Marquard als Geschichtsphilosoph, bis er ihr entschiedener Gegner wurde. Was versteht er unter Geschichtsphilosophie und warum lehnt er ihre Konsequenzen in jeder Philosophie des Ausnahmezustands, der Revolution, der Übertribunalisierungstendenzen ab?

Kunst und Natur:
Von Anfang an interessiert sich Marquard für die Ästhetik, wofür ich mich weniger interessiere. Vielleicht habe ich ihn in diesem Bereich am wenigsten verstanden. Mir scheinen die Zitate aus dem Spannungsfeld von Kunst und Natur am besten in den Umkreis seiner Gedanken zur Geschichtsphilosophie zu passen, weil Ästhetik ihm zeitweise als Verrat an der Geschichtsphilosophie erschien, später als Kompensation der Illusionen der Geschichtsphilosophie erkannt wurde, und weil er Naturphilosophie anfangs als Schwundstufe des deutschen Idealismus beschrieb, während er später die Indienstnahme der Natur für geschichtsphilosophische Illusionen kritisierte.

Kompensation:
Odo Marquard ist ein Philosoph, der überall Kompensationen wahrnimmt und sie meistens auch liebt, da sie mit ihrem realistischen „schwachen Trost“ dazu beitragen, dass diese Erde, die nicht „Himmel auf Erden“ werden kann, „Erde auf Erden“ bleibt, statt „Hölle auf Erden“ zu werden. Aber es gibt auch Kompensationen, die er nicht liebt. Sie kritisiert er als Erhaltungssätze von Negativitätsbedarf.

Endlichkeit:
Ausgehend von der Sterblichkeit des Menschen wertschätzt Odo Marquard philosophische Begriffe wie Endlichkeit, Schicksal, Herkunft, Üblichkeiten, Erfahrung. Und zwar nicht als Gegner jeden Fortschritts, sondern gerade weil in einer zunehmend beschleunigten Welt der Mensch als Kompensation Langsamkeiten braucht.

Glück:
Odo Marquard plädiert dafür, dass die Philosophie nach dem Glück fragt, und zwar nach dem lebensgeschichtlich erfahrbaren „Glück im Unglück“. Manchmal verkleidet sich die Frage nach dem Glück als Sinnfrage, oder man vermeidet das Glück durch Übererwartungen und einen Missbrauch psychologischer oder gruppendynamischer Techniken.

Bürgerlichkeit:
Als politischer Philosoph plädiert Odo Marquard für die Bejahung der Bürgerlichkeit, insbesondere der Neuzeit mit den Errungenschaften der Aufklärung und ganz besonders der real existierenden Bundesrepublik Deutschland.

Geschichten:
Der vehementen Ablehnung der Geschichtsphilosophie entspricht eine ebenso große Liebe zu den Geschichten im Plural, die in den Geisteswissenschaften als erzählenden Wissenschaften bewahrt bleiben.

Freiheit:
Freiheit entsteht nach Odo Marquard durch Determinantengedrängel, durch Gewaltenteilung, durch Pluralität, ja – für einen evangelischen Theologen natürlich bedenklich! – durch Polytheismus. Damit plädiert er, der sich durchaus als protestantischer Christ versteht, allerdings nicht für eine alternative Religion, sondern er wehrt sich gegen die totale Vereinnahmung der Menschen durch eine einzige Art des So-und-nicht-anders-glauben-Dürfens. Spannend ist sein Weg hin zu einer determinationspluralistischen Freiheitsthese.

Ich wünsche viel Freude beim Neugierig-Werden auf die Philosophie von Odo Marquard!

Odo Marquards Werke

Will man von den Hauptwerken Odo Marquards sprechen, so sind es in aller Regel Sammlungen von Vorträgen und Aufsätzen. Seine sieben kleinen gelben Reclam-Heftchen, die mir der Autor selbst verehrte, sind in meinem Besitz:

Apologie des Zufälligen. Philosophische Studien, Stuttgart 1986

Skepsis und Zustimmung. Philosophische Studien, Stuttgart 1994

Abschied vom Prinzipiellen. Philosophische Studien, Stuttgart 1995

Philosophie des Stattdessen. Studien, Stuttgart 2000

Zukunft braucht Herkunft. Philosophische Essays. Stuttgart, 2003

Individuum und Gewaltenteilung. Philosophische Studien, Stuttgart 2004

Skepsis in der Moderne. Philosophische Studien, Stuttgart 2007

 

Außerdem zitiere ich aus drei weiteren Sammelbänden in etwas größerem Format:

Schwierigkeiten mit der Geschichtsphilosophie. Aufsätze, Frankfurt am Main 1982

Aesthetika und Anaesthetika. Philosophische Überlegungen, Paderborn 1989 / München 2003

Glück im Unglück. Philosophische Überlegungen, München 1995

 

Sein dickstes und zugleich von ihm selbst ungeliebtestes Buch ist seine „Habilitationsschrift über die Psychoanalyse als Aggregatzustand des deutschen Idealismus…, die dann ein freundlicher Zufall davor bewahrte, gedruckt zu werden“ (Skeptiker, 1984, S. 9), was einen anderen (unfreundlichen?) Zufall nicht daran hinderte, diesen Druck dann doch mit einem Vierteljahrhundert Verspätung im Jahr 1987 zu ermöglichen:

Transzendentaler Idealismus – Romantische Naturphilosophie – Psychoanalyse. Köln 1987

Aus diesem einzigen dicken Buch des Philosophen zitiere ich nur sehr wenig. Es ist allzu schwere Kost für philosophische Laien, wie ich es bin, und es wäre vermessen, aus diesem 279 Seiten starken Buch plus knapp 200 Seiten Anmerkungen Zitate auswählen zu wollen, die die Zielsetzung des differenzierten Gedankengangs auch nur halbwegs widerspiegeln sollten. Dennoch empfehle ich dieses Buch allen philosophisch einigermaßen Halbgebildeten, die sich fragen, was der deutsche Idealismus eigentlich wollte und warum er in der Naturphilosophie eine zunächst romantische und später (in Schopenhauer und Nietzsche) desillusionierte Fortsetzung fand. Ja, und die wechselseitigen Berührungspunkte von Philosophie und Psychoanalyse haben mich auch sehr interessiert. Im Gegensatz zu den kleineren Schriften Marquards ist die Lektüre dieses Werkes allerdings ein höchst anstrengender Genuss – und selbst dieser Genuss stellte sich bei mir erst nach den ersten 50 Seiten ein…

 

Weitere Aufsätze, Vorträge und Interviews sind andernorts veröffentlicht, einige liegen mir in Kopie vor, manche gar nicht. So bleibt meine Zitatensammlung – ganz im Sinne Odo Marquards – eine von Zufällen bestimmte Auswahl, die auf jeden Fall eines nicht ersparen soll: den Autor selbst im Zusammenhang zu lesen.

Helmut Schütz

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.