„Flieht die Hurerei!“

Alles ist erlaubt. Aber: Nicht alles macht frei.

Wer etwas nur tut, weil es alle tun, sollte lieber warten. Wer sich ausgenutzt fühlt, sollte auf jeden Fall Stop sagen. Wer nur Sex haben will, um vor seinen Freunden anzugeben, begeht tatsächlich Unzucht, weil er seine Freundin nicht respektiert. Aber jede voreheliche oder außereheliche Beziehung als Unzucht zu betrachten, wäre unbarmherzig.

Das Gesicht einer verzweifelt aussehenden Frau mit niedergeschlagenem Blick und gefalteten Händen vor einer rissigen Tapete

Unser Leib ist kostbar, die Gebote Gottes dienen dazu, ihn zu bewahren (Bild: pixabay.com)

#predigtGottesdienst am 8. Sonntag nach Trinitatis, 29. Juli 2012, 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Ich begrüße alle herzlich im Gottesdienst in der Pauluskirche mit dem Wort zur Woche aus dem Brief an die Epheser 5, 8-9:

Lebt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.

Was es bedeutet, als Kinder des Lichts zu leben, darüber werden wir heute in der Predigt nachdenken.

Lied 367:

1. Herr, wie du willst, so schick’s mit mir im Leben und im Sterben; allein zu dir steht mein Begier, lass mich, Herr, nicht verderben. Erhalt mich nur in deiner Huld, sonst wie du willst; gib mir Geduld, denn dein Will ist der beste.

2. Zucht, Ehr und Treu verleih mir, Herr, und Lieb zu deinem Worte; behüt mich, Herr, vor falscher Lehr und gib mir hier und dorte, was dienet mir zur Seligkeit; wend ab all Ungerechtigkeit in meinem ganzen Leben.

3. Soll ich einmal nach deinem Rat von dieser Welt abscheiden, verleih mir, Herr, nur deine Gnad, dass es gescheh mit Freuden. Mein‘ Leib und Seel befehl ich dir; o Herr, ein seligs End gib mir durch Jesus Christus. Amen.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten mit Psalm 48:

2 Groß ist der HERR und hoch zu rühmen in der Stadt unsres Gottes, auf seinem heiligen Berge.

3 Schön ragt empor der Berg Zion, daran sich freut die ganze Welt.

9 Wie wir es gehört haben, so sehen wir es an der Stadt des HERRN Zebaoth, an der Stadt unsres Gottes: Gott erhält sie ewiglich.

11 Gott, wie dein Name, so ist auch dein Ruhm bis an der Welt Enden. Deine Rechte ist voll Gerechtigkeit.

15 Wahrlich, das ist Gott, unser Gott für immer und ewig. Er ist’s, der uns führt.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

„Lass mich nicht verderben“, so haben wir im Lied zu Gott gebetet, und auch darum, dass Gott uns „Zucht, Ehre und Treue“ verleiht. Altertümliche Worte sind das, sie wollen in die heutige Sprache übersetzt werden, damit wir sie verstehen.

Treue verstehen wir noch, obwohl auch sie für viele unmodern geworden ist: einander bis zum Tod die Treue zu halten in der Ehe, das gelingt nicht allen; unseren Überzeugungen treu zu bleiben, das erfordert heute ein immer neues Nachdenken über den Sinn dessen, was wir glauben.

Die Ehre ist ins Zwielicht geraten, weil einige wenige Menschen ihre Religion fanatisch missverstehen und meinen, im Dienst der Ehre morden zu müssen. In der Bibel muss der Mensch nicht für seine Ehre kämpfen: unsere Menschenwürde ist uns mit unserer Erschaffung geschenkt. Gott ehren wir am besten, indem wir uns ihm anvertrauen, und andere Menschen ehren wir, indem wir ihnen mit Nächstenliebe und Respekt begegnen.

Und die Zucht? Sie meint das, was wir heute Erziehung zur Verantwortung nennen, hat auch mit dem neudeutschen Wort Disziplin zu tun.

Treuer Gott, vergib uns, wo wir vergessen, dass wir von dir geschaffen und geliebt sind, wo wir undankbar leben, wo wir einander enttäuschen und zu wenig Respekt erweisen.

Großer Gott, vergib uns, wo wir dich und deinen Willen zur Menschlichkeit nicht respektieren und deine Gebote nicht halten.

Barmherziger Gott, vergib uns, wo wir verantwortungslos handeln oder unbarmherzig mit uns oder anderen Menschen umgehen.

Gott, lass uns nicht verdorben sein! Wir rufen zu dir:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Jesus Christus spricht (Matthäus 5, 13-14.16):

13 Ihr seid das Salz der Erde.

14 Ihr seid das Licht der Welt.

16 So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist gross Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Gott, Vater Jesu Christi und unser Vater, hilf uns, zu verstehen, was du von uns erwartest, und entsprechend zu leben. Darum bitten wir dich im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Schriftlesung aus dem 2. Buch Mose – Exodus 20, 1-17:

1 Und Gott redete alle diese Worte:

2 Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.

3 Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.

4 Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen…:

5 Bete sie nicht an und diene ihnen nicht!

7 Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen…

8 Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligest.

9 Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun.

10 Aber am siebenten Tage … sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt.

12 Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebest in dem Lande, das dir der HERR, dein Gott, geben wird.

13 Du sollst nicht töten.

14 Du sollst nicht ehebrechen.

15 Du sollst nicht stehlen.

16 Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.

17 Du sollst nicht begehren…, was dein Nächster hat.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Glaubensbekenntnis

Wir singen das Lied 231, das wir noch nie gesungen haben. Abwechselnd begleiten wir die Strophen mit der Gitarre und der Orgel:

1. Dies sind die heilgen zehn Gebot, die uns gab unser Herre Gott durch Mose, seinen Diener treu, hoch auf dem Berg Sinai. Kyrieleis.

2. Ich bin allein dein Gott, der Herr, kein Götter sollst du haben mehr; du sollst mir ganz vertrauen dich, von Herzensgrund lieben mich. Kyrieleis.

3. Du sollst nicht brauchen zu Unehrn den Namen Gottes, deines Herrn; du sollst nicht preisen recht noch gut, ohn was Gott selbst red’t und tut. Kyrieleis.

4. Du sollst heilgen den siebten Tag, dass du und dein Haus ruhen mag; du sollst von deim Tun lassen ab, dass Gott sein Werk in dir hab. Kyrieleis.

5. Du sollst ehrn und gehorsam sein dem Vater und der Mutter dein und wo dein Hand ihn‘ dienen kann; so wirst du langes Leben han. Kyrieleis.

6. Du sollst nicht töten zorniglich, nicht hassen noch selbst rächen dich, Geduld haben und sanften Mut und auch dem Feind tun das Gut. Kyrieleis.

7. Dein Eh‘ sollst du bewahren rein, dass auch dein Herz kein‘ andern mein, und halten keusch das Leben dein mit Zucht und Mäßigkeit fein. Kyrieleis.

8. Du sollst nicht stehlen Geld noch Gut, nicht wuchern jemands Schweiß und Blut; du sollst auftun dein milde Hand den Armen in deinem Land. Kyrieleis.

9. Du sollst kein falscher Zeuge sein, nicht lügen auf den Nächsten dein; sein Unschuld sollst auch retten du und seine Schand decken zu. Kyrieleis.

10. Du sollst deins Nächsten Weib und Haus begehren nicht, noch etwas draus; du sollst ihm wünschen alles Gut, wie dir dein Herz selber tut. Kyrieleis.

11. All die Gebot uns geben sind, dass du dein Sünd, o Menschenkind, erkennen sollst und lernen wohl, wie man vor Gott leben soll. Kyrieleis.

12. Das helf uns der Herr Jesus Christ, der unser Mittler worden ist; es ist mit unserm Tun verlorn, verdienen doch eitel Zorn. Kyrieleis.

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, wie leben wir als Kinder des Lichts?

Eine Ermahnung des Apostels Paulus, die er an die christliche Gemeinde in der großen griechischen Hafenstadt Korinth schreibt, kann uns dabei helfen, diese Frage zu beantworten. Sie steht in 1. Korinther 6, 9-20, und wir hören sie Vers für Vers. Mit drastischen Worten beginnt der Apostel:

9 Wisst ihr nicht, dass die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben werden? Lasst euch nicht irreführen!

Harte Worte richtet Paulus gegen die Ungerechten. Dieses Wort meint in der Bibel nicht nur, dass man den einen bevorzugt, den andern benachteiligt. Ungerecht ist jeder, der im Gegensatz zum Willen Gottes steht, man könnte ihn auch Sünder nennen, weil er sich von Gott abgesondert hat. Die ganze Lebenshaltung eines Ungerechten verträgt sich nicht mit der Art, wie Gott sein Reich unter uns aufbaut, seinen Einfluss unter uns geltend machen will. Gott will, dass wir im Einklang mit ihm und untereinander leben, ihm vertrauen und einander helfen, wo wir können. Ungerechte fühlen sich, wenn sie überhaupt an Gott glauben, von ihm eher ungerecht behandelt, versuchen sich zu nehmen, was sie nur kriegen können. Sie kennen keine Dankbarkeit, sondern meinen, sich um jeden Preis selber behaupten zu müssen.

In Korinth gibt es in der christlichen Gemeinde einige Vorfälle, die Paulus zu seinen harten Ermahnungen veranlassen. Einige haben einen Streit vor Gericht getragen und wollten vor heidnischen Richtern ihr Recht einklagen. Ein anderer schläft mit seiner Stiefmutter. Solche Dinge sind für Paulus untragbar. „Lasst euch nicht täuschen!“, sagt er und wendet sich damit gegen Gemeindemitglieder, die das in seinen Augen Untragbare offenbar doch rechtfertigen wollen.

Zu diesem Zweck stellt er eine regelrechte Liste auf, in die er alle einträgt, die seiner Ansicht nach zu den Ungerechten gehören.

Weder Unzüchtige noch Götzendiener, Ehebrecher, Lustknaben, Knabenschänder,

10 Diebe, Geizige, Trunkenbolde, Lästerer oder Räuber werden das Reich Gottes ererben.

Zehn Eintragungen stehen auf der schwarzen Liste des Paulus, fünf von ihnen beziehen sich auf die Zehn Gebote. Wer falsche Götter anbetet, Ehebruch begeht, fremdes Eigentum stiehlt und raubt oder mit Lästerungen die Ehre Gottes oder den Ruf seiner Mitmenschen in den Dreck zieht, der steht klar im Gegensatz zu Gottes Willen.

Mit dem Geizigen meint Paulus jemanden, der gierig ist, nur auf Profit bedacht, der nie genug bekommt und mit anderen nicht teilen kann.

Auch der Trunksüchtige stellt sich mit seinem Verhalten außerhalb des Reiches Gottes, meint Paulus. Trockene Alkoholiker könnten das nachvollziehen, denke ich, denn ihnen ist bewusst, dass der Alkohol wie ein falscher Gott von ihnen Besitz ergreift, so dass sie das Suchtmittel nicht unter Kontrolle bekommen, wenn sie nicht das erste Glas stehen lassen. Wie oft werden unter Einfluss von Alkohol die nettesten Menschen zu Schlägern, die Frau und Kinder verprügeln und ihre Ehe und Familie aufs Spiel setzen.

Aber was meint Paulus mit der Unzucht, und warum führt er Lustknaben und Knabenschänder extra auf? Auf die Unzucht wird Paulus noch ausführlich eingehen. Was Martin Luther mit Lustknaben und Knabenschänder übersetzt, heißt im Urtext wörtlich „Weichlinge“ und „Mannesschänder“. Paulus verdammt hier jede Form von Homosexualität; für ihn besteht sie entweder darin, dass einer einem anderen Mann Gewalt antut, oder darin, dass er sich selber verweichlicht, das heißt, wie eine Frau behandeln lässt. Für die Einsicht unserer Zeit, dass Homosexualität eine Veranlagung ist, für die ein Mensch nichts kann, gab es im Denken des Paulus noch keinen Platz. Heute gibt es Christen, die dazu stehen, in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft zu leben, die sagen: „Gott hat mich so geschaffen, ich kann mich nicht zur Liebe zu einer Frau zwingen, ich will treu zu meinem Partner stehen und ich weiß mich von Gott in dieser Partnerschaft gesegnet.“ Eine so verstandene Partnerschaft konnte damals noch nicht im Blick des Paulus sein. Er dachte tatsächlich nur mit Abscheu an die Strichjungen, die sich verkauften, vielleicht sich gezwungen sahen, sich zu prostituieren, und an die älteren, meist wohlhabenden und durchaus in der römischen Gesellschaft angesehenen Männer, die sich zum eigenen Vergnügen einen solchen Lustknaben leisteten. Insofern ist Martin Luthers Übersetzung „Lustknaben und Knabenschänder“ doch angemessen: diese Art der Benutzung des menschlichen Körpers, als wäre er nur ein Gegenstand, verträgt sich nicht mit dem Reich Gottes.

Kopfzerbrechen bereitet mir allerdings die Frage, ob Paulus nicht doch unbarmherzig ist, wenn er all diese Menschen pauschal vom Reich Gottes ausschließt. Widerspricht er nicht Jesus, der die betrügerischen Zöllner und die Huren, die sich verkaufen mussten, ausdrücklich in seiner Gemeinschaft willkommen geheißen hat? Der nächste Vers schafft Klarheit:

11 Und solche sind einige von euch gewesen. Aber ihr seid reingewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes.

Deutlich wird hier, dass Paulus die Menschen nicht auf das festlegt, was sie einmal gewesen sind. Ihm ist bewusst, dass zur Gemeinde auch Menschen mit einer dunklen Vergangenheit gehören. Sie sind reingewaschen. Sie sind sogar geheiligt, das heißt, ihnen ist ein Weg gezeigt worden, in einer neuen Weise mit sich und Gott und den anderen Menschen umzugehen. Der Name Jesu macht sie zu gerechten Menschen, denn dieser Name bedeutet „Rettung“, „Befreiung“; es ist Gottes Geist selber, der sie verwandelt. Sie müssen nicht mehr ablästern oder sich unrechtmäßig bereichern, nicht mehr saufen oder seitenspringen; im Vertrauen auf Gott können sie anfangen zu teilen, dankbar zu leben, Menschen zu werden, auf die man sich verlassen kann.

12 Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber es soll mich nichts gefangennehmen.

Dieser Kernsatz des Paulus stellt einen Maßstab auf, an dem wir ablesen können, was in einer christlichen Gemeinde geht und was nicht geht. Paulus tritt vehement für die Freiheit eines Christenmenschen ein, so wie später Martin Luther, aber es gibt auch eine Freiheit, die wir besser Freizügigkeit nennen, die uns letzten Endes nicht frei macht, sondern abhängig. Was nicht zum Guten dient, was nicht dem Grundsatz der Nächstenliebe entspricht, das muss nicht ausdrücklich verboten sein, und trotzdem passt es nicht zu einem Leben nach dem Willen Gottes.

13 Die Speise dem Bauch und der Bauch der Speise; aber Gott wird das eine wie das andere zunichte machen. Der Leib aber nicht der Hurerei, sondern dem Herrn, und der Herr dem Leibe.

Hier redet Paulus offen über das Problem sexueller Verfehlungen. Er ist nicht prüde, hat nichts gegen Sex an sich, vertritt allerdings klare Maßstäbe auch im Bereich der geschlechtlichen Liebe.

In Korinth gibt es offenbar Gemeindemitglieder, die so argumentieren: Sex ist genauso ein Bedürfnis wie Essen und Trinken. Warum soll es einem Mann also nicht erlaubt sein, auch einmal zu einer Hure zu gehen, um seinen Trieb zu befriedigen? Besser das, als wenn er Frauen vergewaltigt.

Paulus nimmt das Argument mit dem Essen auf. „Die Speise dem Bauch und der Bauch der Speise“, das bejaht auch Paulus. Wir müssen essen, das ist ein unabweisbares Bedürfnis, so lange wir auf dieser Erde leben. Allerdings auch wirklich nur so lange; Paulus weist ausdrücklich auf die Vergänglichkeit sowohl des Essens als auch unseres Bauches, also der Organe unseres irdischen Körpers, hin.

Von diesem vergänglichen Körper unterscheidet Paulus aber nun ausdrücklich unseren menschlichen Leib. Er ist mehr als der Körper. Zu unserem Leib gehört unsere ganze Individualität und unsere Lebensgeschichte mit allen Beziehungen zu anderen Menschen, mit unserem Denken und Fühlen und Wollen. Zugleich denkt Paulus daran, dass der Leib auch ein Bild für die Gemeinschaft mit Jesus selbst ist. Beim Abendmahl erinnern wir uns immer wieder daran: gemeinsam bilden wir den Leib Christi. Sowohl unser individueller Leib als auch unsere Gemeinschaft in Christus würden aber Schaden erleiden durch das, was Paulus „Unzucht“ oder „Hurerei“ nennt, im griechischen Urtext wörtlich „porneia“. Wir dürfen unseren Leib nicht der wahllosen Ausübung unseres Geschlechtstriebes zur Verfügung stellen, so wie unser Magen etwas zu essen braucht, weil dieser Leib dem Herrn gehört. Wir sind bildlich gesprochen ein Körperteil am Leib Christi, und Paulus dreht das Bild sogar um, auch Jesus gehört als Kopf zum Leib der Gemeinde dazu; wir würden Jesus mit hineinziehen in das, was sich nicht gehört.

Nebenbei fällt mir auf, wie eigenartig dieser Ausdruck ist: „Das gehört sich nicht!“ Engländer sagen: „Das wird einfach nicht getan!“ Wir Deutschen benutzen das Wort „sich gehören“. Damit wird angedeutet: Es gibt Dinge, die sich nicht mit dem eigenen Leib, nicht mit „sich selbst“ vertragen, die nicht zu mir gehören sollen und erst recht nicht zu Jesus und dem Reich Gottes.

14 Gott aber hat den Herrn auferweckt und wird auch uns auferwecken durch seine Kraft.

Mit diesem Satz betont Paulus noch einmal ausdrücklich, dass unser Leib genau wie Jesus Christus durch die Kraft Gottes auferweckt wird. Der Körper vergeht, während der Leib aufersteht, mit allem, was unsere Persönlichkeit ausmacht.

15 Wisst ihr nicht, dass eure Leiber Glieder Christi sind? Sollte ich nun die Glieder Christi nehmen und Hurenglieder daraus machen? Das sei ferne!

Sehr offen und drastisch spricht Paulus das Thema der Männer an, die zu Prostituierten gehen. Er handelt nicht nach dem Motto: „Reden wir nicht drüber, es geschieht ja sowieso“, sondern er möchte klarstellen, warum sich ein solches Verhalten nicht mit dem christlichen Glauben verträgt.

16 Oder wisst ihr nicht: wer sich an die Hure hängt, der ist ein Leib mit ihr? Denn die Schrift sagt: »Die zwei werden ein Fleisch sein«.

Paulus begründet seine Ermahnung mit der Schöpfungsgeschichte. Wer mit einer Hure schläft, vollzieht eigentlich das, was Gott zwischen Mann und Frau vorgesehen hat, nämlich sich in Liebe miteinander zu vereinigen, eine Ehe zu schließen, eine Familie zu gründen. Aber hier geschieht diese Vereinigung ohne Liebe; sie ist ein reines Geschäft: Sex gegen Geld. Liebe würde da nur stören. Was nach Gottes Willen zusammengehört, Sexualität und Liebe mit dem Willen, einander nicht als Mittel zum Zweck zu benutzen, das wird hier auseinandergerissen.

Wörtlich benutzt Paulus hier übrigens das Wort „haften“, „kleben“. Wer mit einer Hure schläft, klebt an ihr, auch wenn er meint, er benutzt sie ja nur wie einen Wegwerfartikel und darf sie danach wieder verachten.

Im Konfirmandenunterricht hatten wir einmal eine Diskussion über das Schimpfwort „Hurensohn“; das wollten sie nicht einmal aussprechen, so unpassend fanden sie es für den Unterricht. In der Bibel können Hurensöhne im wörtlichen Sinne, also Söhne von Prostituierten, durchaus geachtete Menschen sein; sie können ja nichts für den Beruf ihrer Mutter. Auch die Huren selbst werden in der Bibel nicht als minderwertige Menschen betrachtet, von einigen wird mit Hochachtung erzählt. Aber wer als Freier an einer Hure klebt, der ist in den Augen des Paulus überhaupt nicht frei, sondern kritischer zu beurteilen als die Prostituierte selbst.

17 Wer aber dem Herrn anhängt, der ist ein Geist mit ihm.

Paulus treibt sein Wortspiel noch weiter, indem er davon spricht, dass wir als Christen an Jesus kleben. Es gibt sogar ein Lied, in dem es heißt: „An dir wir kleben im Tod und Leben“, wir werden es nachher singen. Im Unterschied zur sexuellen Vereinigung werden wir aber nicht „ein Fleisch“ mit Jesus, sondern „ein Geist mit ihm“. Es ist eine Gemeinschaft, die der Beziehung zu Eltern und Kindern, Geschwistern und guten Freunden ähnelt, von Liebe geprägt, aber ohne sexuelles Verlangen und ohne jeden erotischen Beigeschmack. Die Gemeinschaft des Leibes Christi, unsere christliche Gemeinde, ist eine geistliche Gemeinschaft, in der wir füreinander verantwortlich sind – denn Jesus hat sich zuerst für uns eingesetzt.

18 Flieht die Hurerei! Alle Sünden, die der Mensch tut, bleiben außerhalb des Leibes; wer aber Hurerei treibt, der sündigt am eigenen Leibe.

Von seiner Unterscheidung zwischen Bauch und Leib, zwischen dem Hunger, den man befriedigen muss, und dem Sexualtrieb, den wir Menschen nicht wie die Tiere instinktiv ausleben müssen, kommt Paulus zu dem Schluss, dass Sex ohne Liebe eine der schlimmsten Sünden ist, denn sie richtet sich gegen den eigenen Leib, sie trennt uns nicht nur von Gott, sondern wir verlieren sozusagen uns selbst, indem wir uns behandeln, als seien wir keine liebende Person, sondern nur eine Art Sex-Maschine.

Ich verstehe diese Argumentation des Paulus. Aber leider führten solche Gedanken dazu, dass die Kirche viele Jahrhunderte hindurch die gesamte Sexualität als etwas Schmutziges abgewertet hat und sexuelle Sünden viel kritischer betrachtet wurden als der Verstoß gegen andere Gebote. Wahrscheinlich denkt schon Paulus hier zu einseitig. Denn die anderen Sünden bleiben ja auch nicht „außerhalb unseres Leibes“. Auch mit Besitzgier oder Gewalttätigkeit verlieren wir Wesentliches, was zu unserer Person gehört, und in den Zehn Geboten wird der Ehebruch nicht als die schlimmste aller Sünden hervorgehoben. Leider gibt es bis heute christliche Gemeinschaften, die Mitglieder ausschließen, wenn sie in einer unehelichen Partnerschaft leben, während andere Verfehlungen nicht zu einem solchen Ausschluss führen.

Überhaupt müssen wir kritisch fragen, ob alles, was man im Lauf der Zeit unter Unzucht verstanden hat, auch wirklich mit Recht so beurteilt worden ist. Ich will versuchen, ähnlich offen zu reden wie Paulus, weil ich weiß, dass sich nicht nur Jugendliche in der Pubertät, sondern manchmal auch erwachsene Männer und Frauen, die ernsthaft Christen sein wollen, darüber Gedanken machen, wie weit sie denn gehen dürfen, wenn sie verliebt sind und schmusen möchten und sich gegenseitig begehren. Hier gab es früher und gibt es manchmal auch noch heute eine Menge Verkrampftheit. Inzwischen halte ich es für normal und in Ordnung, wenn junge oder auch alte Leute, die verliebt sind, sich auch körperlich nahekommen. Hier gibt es kein einfaches Rezept.

Was wir vorhin von Paulus gehört haben, könnte ein Wegweiser sein: Alles ist erlaubt, aber nicht alles macht uns frei. Wer meint, etwas tun zu müssen, weil es alle tun, sollte lieber noch warten. Wer sich ausgenutzt fühlt, sollte auf jeden Fall Stop sagen. Wer nur Sex haben will, um vor seinen Freunden anzugeben, begeht tatsächlich Unzucht, weil er nicht aus Liebe handelt und seine Freundin absolut nicht respektiert. Aber jede voreheliche oder außereheliche Beziehung als Unzucht zu betrachten, könnte in der heutigen Zeit nicht nur als weltfremd gelten, sondern wäre auch unbarmherzig: Auch die meisten modernen Menschen sehnen sich nach einer dauerhaften Beziehung mit einem Liebespartner und tun ihr Möglichstes dafür, obwohl sie nicht mehr nur darum heiraten, weil „man“ das eben tut. Was sich mit der Liebe zu einem geliebten Menschen und mit der eigenen Selbstachtung verträgt, das darf man sich erlauben.

Wenn Paulus die Freiheit zum Maßstab dessen macht, was erlaubt ist, sollte man auch sagen dürfen, dass es sehr viele innere Zwänge gibt, die aus einer übersteigerten Angst vor sexuellen Sünden herrühren, zum Beispiel wenn sich junge Leute vor allem früher gefragt haben, ob bereits Selbstbefriedigung oder Petting eine schwere Sünde ist.

Die Bibel geht mit diesem Thema unbefangener um als später die christliche Kirche; es gibt mit dem Hohenlied der Liebe, das der König Salomo zusammengestellt haben soll, ein ganzes biblisches Buch mit Liebesliedern, in dem ohne jede Erwähnung der Ehe offen und frei ein verliebtes Pärchen die Schmetterlinge im eigenen Bauch und die Schönheit des begehrten Partners besingt.

Übrigens: wenn sich doch jemand bei diesem Thema unsicher und verkrampft fühlt, kann er durchaus Rat finden; es gibt Beratungsstellen wie pro familia, die auch für junge Leute ansprechbar sind. Und wer es möchte, kann sich mit seinem Pfarrer auch über solche Fragen aussprechen.

19 Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört?

Große Worte findet Paulus hier für unseren Leib. Wie gesagt, er meint damit nicht einfach den Körper mit seinen Organen, sondern unser ganzes Selbst mit Körper, Seele und Geist. Wir selber sind ein Tempel, ein Heiligtum für den Geist, den Gott selber in uns wohnen lassen will. Weniger hochtrabend ausgedrückt, meint Paulus: Wir sollen uns nicht von Trieben beherrschen lassen, sondern Liebe soll in uns wohnen. Wir gehören dem Gott, der uns liebt und uns dazu fähig machen will, zu lieben.

20 Denn ihr seid teuer erkauft; darum preist Gott mit eurem Leibe.

Dieser Satz erinnert noch einmal daran, dass wir nicht freier werden, wenn wir meinen, alles sei erlaubt. Wo wir ohne Liebe handeln, geraten wir immer tiefer in Abhängigkeiten hinein, kreisen um uns selbst, finden keinen wirklichen Sinn im Leben. Aus diesem Teufelskreis hat Jesus uns freigekauft, bildlich gesprochen. Er liebt uns ohne Ende; sogar als man ihn tötete, hörte er nicht auf, die zu lieben, die ihm das antaten und die ihn im Stich ließen. Er liebt uns Sünder, damit wir die Sünde sein lassen. Er kauft uns frei von Abhängigkeiten, damit wir ein freies Leben in Liebe und Verantwortung vor Gott führen können. Wenn wir so leben, preisen wir Gott, ohne viele Worte machen zu müssen. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Wir singen das Lied 398 von dem Jesus, an dem wir kleben:

1. In dir ist Freude in allem Leide, o du süßer Jesu Christ! Durch dich wir haben himmlische Gaben, du der wahre Heiland bist; hilfest von Schanden, rettest von Banden. Wer dir vertrauet, hat wohl gebauet, wird ewig bleiben. Halleluja. Zu deiner Güte steht unser G’müte, an dir wir kleben im Tod und Leben; nichts kann uns scheiden. Halleluja.

2. Wenn wir dich haben, kann uns nicht schaden Teufel, Welt, Sünd oder Tod; du hast’s in Händen, kannst alles wenden, wie nur heißen mag die Not. Drum wir dich ehren, dein Lob vermehren mit hellem Schalle, freuen uns alle zu dieser Stunde. Halleluja. Wir jubilieren und triumphieren, lieben und loben dein Macht dort droben mit Herz und Munde. Halleluja.

Vater im Himmel, wir beten um klare Maßstäbe für unser Verhalten, dass wir uns an deine Gebote halten und verstehen, was sie uns für unsere Zeit und unsere konkrete Situation sagen wollen. Wir bitten dich um wahre Freiheit, die sich an deiner Liebe orientiert und uns zur Liebe frei macht: Zu echter partnerschaftlicher Liebe, zur liebevollen Verbundenheit in Familie und Freundschaft und zum Eintreten füreinander, wo Menschen Hilfe und Solidarität brauchen.

Großer Gott, wir beten zu dir für die Menschen, die bei den Olympischen Spielen um sportliche Erfolge kämpfen, und für die vielen Zuschauer in aller Welt, die an fairem Sport ohne Doping und Bestechlichkeit interessiert sind. Vor allem wünschen wir uns, dass die Spiele nicht durch Gewalt überschattet werden und die Völkergemeinschaft näher zusammenbringt.

Barmherziger Gott, hier in der Gießener Pauluskirche beten wir besonders für ein Mitglied unserer Gemeinde, das gestorben und kirchlich bestattet worden ist … . Wir haben sie deiner Liebe anvertraut, der du sprichst: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein.“ Wir beten auch für die Angehörigen, dass sie Trost finden und in Dankbarkeit an die Verstorbene denken können.

In der Stille bringen wir vor dich, was wir persönlich auf dem Herzen haben.

Gebetsstille und Vater unser
Lied 629: Liebe ist nicht nur ein Wort
Abkündigungen

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. Amen, Amen, Amen!

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