„Mit wem wollt ihr Gott vergleichen?“

Dass wir heute viel mehr messen und wissen können, bedeutet nicht, dass es für uns weniger zum Staunen gäbe. Der Prophet Jesaja redet in bildhafter Sprache: Gott ist ja nicht wirklich ein riesenhafter Gulliver, der mit der Erde Sandkastenspiele treibt. Aber es ist Gottes Macht, die hinter all den Prozessen steht, die das Weltall, unsere Erde, unser Leben hervorgebracht haben.

Foto des Sternenhimmels, im Vordergrund die Silhouette einer Wiese mit einem Baum

So weit das Weltall auch ist, Gott misst die Weite des Himmels mit seiner Spanne (Bild: pixabay.com)

#predigtAbendmahlsgottesdienst am 5. Sonntag nach Epiphanias, 6. Februar 2011, um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Ich begrüße alle herzlich zum Abendmahlsgottesdienst in der Pauluskirche mit dem Wort zur Woche aus 1. Korinther 4, 5:

Der Herr [wird] ans Licht bringen…, was im Finstern verborgen ist, und wird das Trachten der Herzen offenbar machen.

In der Predigt wird Herr Pfarrer Schütz auf die Frage antworten: „Was haben wir zu erwarten von einem Gott, der alles ans Licht bringt?“

An der Gestaltung dieses Gottesdienstes ist das Gaudete-Quartett unter der Leitung von Chorleiter Werner Boeck mit drei Liedern beteiligt. Herzlichen Dank dafür! Der Chor beginnt auch gleich mit dem ersten Lied: „Wie schön leuchtet der Morgenstern!“

Lied 70, 1+4+6:

1. Wie schön leuchtet der Morgenstern voll Gnad und Wahrheit von dem Herrn, die süße Wurzel Jesse. Du Sohn Davids aus Jakobs Stamm, mein König und mein Bräutigam, hast mir mein Herz besessen; lieblich, freundlich, schön und herrlich, groß und ehrlich, reich an Gaben, hoch und sehr prächtig erhaben.

4. Von Gott kommt mir ein Freudenschein, wenn du mich mit den Augen dein gar freundlich tust anblicken. Herr Jesu, du mein trautes Gut, dein Wort, dein Geist, dein Leib und Blut mich innerlich erquicken. Nimm mich freundlich in dein Arme und erbarme dich in Gnaden; auf dein Wort komm ich geladen.

6. Zwingt die Saiten in Cythara und lasst die süße Musika ganz freudenreich erschallen, dass ich möge mit Jesulein, dem wunderschönen Bräut’gam mein, in steter Liebe wallen. Singet, springet, jubilieret, triumphieret, dankt dem Herren; groß ist der König der Ehren.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Die Sonntage nach dem Fest der Erscheinung, die an das weihnachtliche Licht von Bethlehem erinnern, nehmen in diesem Jahr immer noch kein Ende; heute ist der 5. Sonntag nach Epiphanias. Alles bringt Gott ans Licht, haben wir im Wochenspruch gehört. Das kann Angst machen; vielleicht schämen wir uns für manches, was plötzlich herauskommt, so dass alle es wissen. Für Menschen, denen übel mitgespielt wurde, ist das gut; sie sind bei Gott nicht vergessen. Letzten Endes ist es ein freundliches Licht, das von Gott her in unser Leben leuchtet, ein Licht voller Wahrheit und zugleich voller Gnade und Liebe; davon hat der Chor gesungen: vom Freudenschein, der uns Wärme und Geborgenheit schenkt.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Wir beten die ersten Verse aus Psalm 97. Da ist von dem gewaltigen Licht Gottes die Rede, das Gerechtigkeit auf die Erde bringt:

1 Der HERR ist König; des freue sich das Erdreich und seien fröhlich die Inseln, soviel ihrer sind.

2 Wolken und Dunkel sind um ihn her, Gerechtigkeit und Gericht sind seines Thrones Stütze.

3 Feuer geht vor ihm her und verzehrt ringsum seine Feinde.

4 Seine Blitze erleuchten den Erdkreis, das Erdreich sieht es und erschrickt.

5 Berge zerschmelzen wie Wachs vor dem HERRN, vor dem Herrscher der ganzen Erde.

6 Die Himmel verkündigen seine Gerechtigkeit, und seine Herrlichkeit sehen alle Völker.

7 Schämen sollen sich alle, die den Bildern dienen und sich der Götzen rühmen. Betet ihn an, alle Götter!

8 Zion hört es und ist froh, und die Töchter Juda sind fröhlich, weil du, HERR, recht regierest.

9 Denn du, HERR, bist der Höchste über allen Landen, du bist hoch erhöht über alle Götter.

10 Die ihr den HERRN liebet, hasset das Arge!

Gerechter Gott, wir rufen zu dir und bitten dich um deine Barmherzigkeit:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Wir beten den Schluss des Psalms 97, ein Trost für Menschen, die ihr Vertrauen auf Gott setzen:

Der Herr bewahrt die Seelen seiner Heiligen; aus der Hand der Gottlosen wird er sie erretten.

11 Dem Gerechten muss das Licht immer wieder aufgehen und Freude den aufrichtigen Herzen.

12 Ihr Gerechten, freut euch des HERRN und danket ihm und preiset seinen heiligen Namen!

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade; ein Wohlgefalln Gott an uns hat, nun ist groß Fried ohn Unterlass; all Fehd hat nun ein Ende.“

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Gott, wir loben dich mit alten Worten aus Psalmen und Liedern, wir preisen dich als König, der mächtiger ist als menschliche Könige, Präsidenten und Bundeskanzlerinnen, wir glauben an dein Licht, das in die Herzen der Menschen hineinleuchtet und alle dunklen Geheimnisse aufspürt, wir hoffen auf deine Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, durch die du diese Welt und zuerst uns selbst verändern willst. Vater im Himmel, wir preisen dich im Namen deines Sohnes, Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören den Text zur Predigt aus dem Buch Jesaja 40, 12-25:

12 Wer misst die Wasser mit der hohlen Hand, und wer bestimmt des Himmels Weite mit der Spanne und fasst den Staub der Erde mit dem Maß und wiegt die Berge mit einem Gewicht und die Hügel mit einer Waage?

13 Wer bestimmt den Geist des HERRN, und welcher Ratgeber unterweist ihn?

14 Wen fragt er um Rat, der ihm Einsicht gebe und lehre ihn den Weg des Rechts und lehre ihn Erkenntnis und weise ihm den Weg des Verstandes?

15 Siehe, die Völker sind geachtet wie ein Tropfen am Eimer und wie ein Sandkorn auf der Waage. Siehe, die Inseln sind wie ein Stäublein.

16 Der Libanon wäre zu wenig zum Feuer und seine Tiere zu wenig zum Brandopfer.

17 Alle Völker sind vor ihm wie nichts und gelten ihm als nichtig und eitel.

18 Mit wem wollt ihr denn Gott vergleichen? Oder was für ein Abbild wollt ihr von ihm machen?

19 Der Meister gießt ein Bild, und der Goldschmied vergoldet’s und macht silberne Ketten daran.

20 Wer aber zu arm ist für eine solche Gabe, der wählt ein Holz, das nicht fault, und sucht einen klugen Meister dazu, ein Bild zu fertigen, das nicht wackelt.

21 Wisst ihr denn nicht? Hört ihr denn nicht? Ist’s euch nicht von Anfang an verkündigt? Habt ihr’s nicht gelernt von Anbeginn der Erde?

22 Er thront über dem Kreis der Erde, und die darauf wohnen, sind wie Heuschrecken; er spannt den Himmel aus wie einen Schleier und breitet ihn aus wie ein Zelt, in dem man wohnt;

23 er gibt die Fürsten preis, dass sie nichts sind, und die Richter auf Erden macht er zunichte:

24 Kaum sind sie gepflanzt, kaum sind sie gesät, kaum hat ihr Stamm eine Wurzel in der Erde, da lässt er einen Wind unter sie wehen, dass sie verdorren, und ein Wirbelsturm führt sie weg wie Spreu.

25 Mit wem wollt ihr mich also vergleichen, dem ich gleich sei? spricht der Heilige.

Herr, dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Glaubensbekenntnis

Wir haben einen Psalm gehört, in dem es hieß „Der Herr ist König“. Während der Predigt hören wir diesen Psalm in gesungener Form noch einmal vom Chor. Vor der Predigt singen wir ein Lied von Gott, unserem König, der uns Mut macht und durch Dunkelheit zum Licht führt, das Lied 259:

1. Kommt her, des Königs Aufgebot, die seine Fahne fassen, dass freudig wir in Drang und Not sein Lob erschallen lassen. Er hat uns seiner Wahrheit Schatz zu wahren anvertrauet. Für ihn wir treten auf den Platz, und wo’s den Herzen grauet, zum König aufgeschauet!

2. Ob auch der Feind mit großem Trutz und mancher List will stürmen, wir haben Ruh und sichern Schutz durch seines Armes Schirmen. Wie Gott zu unsern Vätern trat auf ihr Gebet und Klagen, wird er, zu Spott dem feigen Rat, uns durch die Fluten tragen. Mit ihm wir wollen’s wagen.

3. Er mache uns im Glauben kühn und in der Liebe reine. Er lasse Herz und Zunge glühn, zu wecken die Gemeine. Und ob auch unser Auge nicht in seinen Plan mag dringen: er führt durch Dunkel uns zum Licht, lässt Schloss und Riegel springen. Des wolln wir fröhlich singen!

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, was haben wir von einem Gott zu erwarten, der alles ans Licht bringt? Wir können vor ihm erschrecken, wenn wir etwas zu verbergen haben. So stellt uns jedenfalls der Psalm 97 Gott vor Augen, mit einer Urgewalt, die an Vulkane und Unwetter erinnert: Er bringt Berge zum Schmelzen, erleuchtet mit Blitzen die Erde, so dass sie erschrickt. Gott hat aber nicht einfach Lust zum Erschrecken, seine gewaltige Macht hat letzten Endes nur diesen einen Zweck: alle auf der Erde sollen sich freuen, bis hin zu den kleinsten Inseln; denn Gott will Gerechtigkeit, Liebe, Wahrheit und Einsicht auf die Erde bringen. Und das kann er, eben weil er all-mächtig ist.

Nun können wir uns fragen, ob Gott wirklich so gewaltig ist. Wer glaubt heute noch an Gottes gewaltige Kraft und Allmacht? Ein Konfirmand, nicht aus dem jetzigen Jahrgang, staunte einmal darüber, dass Gott alles wissen soll. „Wie? Gott weiß auch, was ich denke?“ Das konnte er sich überhaupt nicht vorstellen. Seine nächste Frage war dann, ganz besorgt: „Petzt der das dann meiner Mutter?“ Da konnte ich ihn beruhigen, nein, Gott petzt nicht weiter, was er von uns weiß. Der Konfirmand hat sich dann doch vom Unterricht abgemeldet; ich weiß bis heute nicht, ob er einfach keine Lust mehr hatte, oder ob er doch ein bisschen Angst bekommen hatte, seine Mutter könnte von Gott erfahren, was er lieber vor ihr verheimlichen wollte. Oder meinte er: Ein Gott, der etwas weiß, was nicht so ganz in Ordnung ist, aber nichts dagegen unternimmt, kann wohl nicht so mächtig sein. Vielleicht stimmt ja gar nicht, was der Pfarrer sagt, vielleicht gibt es diesen Gott ja auch gar nicht.

Der heutige Predigttext aus dem Buch Jesaja ist ein einziger Lobgesang auf die Allmacht Gottes, und ich möchte mit Ihnen und euch gemeinsam dieses Gotteslob noch einmal nachbuchstabieren, Vers für Vers:

12 Wer misst die Wasser mit der hohlen Hand, und wer bestimmt des Himmels Weite mit der Spanne und fasst den Staub der Erde mit dem Maß und wiegt die Berge mit einem Gewicht und die Hügel mit einer Waage?

Was ist das für eine Frage? Für wen sind die Meere wie Pfützen, so dass er ihr Wasser mit seiner hohlen Hand abmessen kann? Bei wem passt die Weite des Himmels in die Spanne zwischen seinem Daumen und Zeigefinger? Für wen ist die Erde wie ein Sandkasten, in dem er den Sand mit einer Schaufel verteilt und dabei das Gewicht der Berge und Hügel genau abwiegt? Die Frage ist rhetorisch gemeint: Eine solche Schöpfermacht hat nur Gott, davon ist der Prophet Jesaja überzeugt.

Heute müssen wir angesichts der modernen Naturwissenschaft etwas genauer hinschauen und uns klarmachen, was hier wirklich gemeint ist. Denn wenn es hier um das buchstäbliche Messen geht, wenn auch nicht mit der hohlen Hand oder mit unzulänglichen Sandkastengeräten, dann haben wir Menschen inzwischen doch gelernt, die Tiefe und Strömungen der Meere zu erforschen, zu erklären, wie sich Berge und Hügel in langen Zeiträumen aufgeschichtet haben, und sogar Einblicke in den Aufbau des Weltalls zu gewinnen, mit seinen Milliarden von Galaxien, die wiederum Milliarden von Sternen enthalten, von denen unsere Sonne nur ein einziger und nicht einmal besonders großer ist. Aber dass wir heute viel mehr messen und wissen können als die Menschen zur Zeit des Propheten Jesaja, bedeutet nicht, dass es für uns weniger zum Staunen gäbe; im Gegenteil, Jesaja behält Recht, wenn er uns in seiner bildhaften Sprache vorhält, wie klein unsere Macht gegenüber der Macht Gottes ist. Dabei weiß der Prophet selber, dass er in bildhafter Sprache von Gott redet. Gott ist ja nicht wirklich ein riesenhafter Gulliver, der mit der Erde Sandkastenspiele treibt. Aber es ist Gottes Macht, die hinter all den Prozessen steht, die das Weltall, unsere Erde, unser Leben hervorgebracht haben.

Ich las einmal die Geschichte von einem Affen, der ein großer Angeber war und zu Gott sagte: „Ich kann so weit springen wie kein anderer, nämlich von einem Ende der Welt bis zum andern!“ Da sagte Gott: „Na, dann los, spring!“ Ich weiß nicht genau, wo er losgesprungen und wo er wieder gelandet ist, aber tatsächlich schaffte es der Affe, diesen Riesensprung hinzulegen. In einer Geschichte, in der Affen sprechen können, kann auch das klappen. Die Pointe der Geschichte ist nun aber, dass Gott ihm zum Schluss sagt: „Weißt du, liebes Äffchen, was du Großartiges geschafft hast? Du bist gerade mal von meinem Daumen bis zu meinem Zeigefinger gesprungen.“ Das ganze Weltall mit seinen Milliarden von Milliarden von Sternen – Gott hält es in seiner Hand, Gott umgibt und durchdringt es mit seiner Energie und Kraft. Das können wir beim besten Willen nicht begreifen, wir können es nur bildlich ausdrücken.

Schon als ich Kind war, versuchte ich mir manchmal vorzustellen, was denn da draußen außerhalb des Weltalls ist. Oder was war vor der Welt, als es noch gar nichts gab? Als ich mir diese Frage allzu intensiv stellte, kam ich mir ganz verloren vor wie in einer großen Leere, und diese Vorstellung machte mir eine Heidenangst. Ich kam aus dieser Angst nur heraus, indem ich mir in Erinnerung rief: Da draußen ist Gott. Und auch hier drinnen, ganz nahe bei mir, ist Gott. Vor aller Zeit war Gott, und nach aller Zeit wird Gott immer noch sein. Wir können das nicht gut beschreiben, wir sprechen von Unendlichkeit und vom Jenseits, vom Himmel und von der Ewigkeit. All das sind Bilder für etwas Großes, das wir nicht wirklich begreifen können, weil es die Möglichkeiten unserer Vorstellungskraft übersteigt. Das heißt auch: Wir können diesen Gott nicht beweisen, aber es kann auch niemand beweisen, dass es ihn nicht gibt. Dass er da ist, spüren wir, indem wir auf ihn vertrauen.

Wichtig ist auch, dass wir uns klarmachen: Messen und erforschen können wir nur das, was die Engländer „sky“ nennen: den sichtbaren Himmel über uns, das Weltall mit seinen Sternsystemen. Der Himmel, wo Gott wohnt und wo die Toten bei Gott leben, der auf Englisch „heaven“ heißt, der ist noch viel größer als das Weltall, unerforschbar für menschliche Messmethoden, unsichtbar für unsere Augen, Gottes Himmel ist da, wo Gott selber ist, zugleich unendlich weit und unendlich nah.

13 Wer bestimmt den Geist des HERRN, und welcher Ratgeber unterweist ihn?

14 Wen fragt er um Rat, der ihm Einsicht gebe und lehre ihn den Weg des Rechts und lehre ihn Erkenntnis und weise ihm den Weg des Verstandes?

Weitere rhetorische Fragen hören wir. Fragen, auf die es nur eine Antwort gibt: Kein Ratgeber könnte Gott einen Rat geben. Niemanden muss Gott um Rat fragen. Er ist selber das Licht, er kann uns Licht, Rat, Einsicht, Erkenntnis geben, all das sind Dinge, die wir Menschen von ihm brauchen. Wir müssen Wege gehen, auf denen wir lernen, unseren Verstand entwickeln, erkennen, was recht und unrecht ist. Gott hat das nicht nötig.

Die Frage „Wer bestimmt den Geist des Herrn?“ finde ich interessant: hier steht im Hebräischen das gleiche Wort wie eben in der Frage: „Wer bestimmt des Himmels Weite mit der Spanne?“ Das heißt: Wir können zwar heute mit dem Hubbleteleskop und komplizierten Messverfahren allerhand über den „sky“, den Weltraum-Himmel herausfinden. Aber den „heaven“, den Himmel Gottes und seinen Geist, seine Gedanken und Pläne, seine Lebendigkeit und Kraft können wir Menschen nicht erforschen. Es sei denn, Gott lässt sich erforschen. Das tut er, indem er manchmal einem Menschen Worte eingibt. So redet Gott zu den Menschen, zum Beispiel durch den Propheten Jesaja oder durch Jesus Christus. Dann gibt er uns Rat, Einsicht und Wegweisung. Er bringt ans Licht, was böse ist, aber nicht, um uns zu vernichten, sondern damit wir das Böse durch Gutes überwinden.

Hier unterbreche ich die Predigt, und wir hören vom Gaudete-Quartett noch einmal Verse aus dem Psalm 97 in gesungener Form:
Der Herr ist König

Liebe Gemeinde, der schwerste Teil unseres Predigttextes kommt jetzt erst. Auf den ersten Blick folgt nun ein zynischer Kommentar zum Weltgeschehen nach dem Motto: Gott ist groß, die Menschen sind klein, und der König auf dem himmlischen Thron kann mit seinen Untertanen auf Erden machen, was er will.

15 Siehe, die Völker sind geachtet wie ein Tropfen am Eimer und wie ein Sandkorn auf der Waage. Siehe, die Inseln sind wie ein Stäublein.

16 Der Libanon wäre zu wenig zum Feuer und seine Tiere zu wenig zum Brandopfer.

17 Alle Völker sind vor ihm wie nichts und gelten ihm als nichtig und eitel.

Völker sollen nichts sein? Tropfen am Eimer? Sandkorn auf der Waage? Inseln sind nicht mehr als Staubkörner? Der Libanon, damals noch ein stolzer Wald mit Tieren, die gejagt werden konnten, reicht Gott nicht einmal für ein einziges Brandopfer? Klingt das nicht alles so, als ob die Menschen und die Natur nichts wert wären?

Aber so ist es nicht gemeint. Der Prophet redet aus der Sicht des kleinen Volkes Israel, das von dem großen Volk der Babylonier in die Verbannung geführt worden war. Für Israel ist es tröstlich zu wissen: Assyrien, Babylon, Persien, all diese Weltmächte und Erobererstaaten, sie sind nicht mehr als ein Tropfen am Eimer, ihre Macht ist begrenzt. Irgendwann stürzt auch der mächtigste Diktator, egal ob er Stalin oder Hitler oder Lukaschenko heißt. Und den Libanon völlig kahlzuschlagen, so dass dort keine Bäume mehr stehen und keine Waldtiere mehr leben, das haben die Menschen fertiggebracht, das war nicht Gottes Werk. Wäre der Prophet zynisch, dann würde er die Menschen ihrem Schicksal überlassen. Was er sagt, soll aber eine Mahnung sein. In die Finsternis einer Welt voller falscher Götter will er das Licht des einen wahren Gottes bringen, der die Welt geschaffen hat:

18 Mit wem wollt ihr denn Gott vergleichen? Oder was für ein Abbild wollt ihr von ihm machen?

19 Der Meister gießt ein Bild, und der Goldschmied vergoldet’s und macht silberne Ketten daran.

20 Wer aber zu arm ist für eine solche Gabe, der wählt ein Holz, das nicht fault, und sucht einen klugen Meister dazu, ein Bild zu fertigen, das nicht wackelt.

Diese Sätze erinnern an das 1. Gebot: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ Das sagt der Gott, der Israel in die Freiheit geführt hat. Seine Gebote, auch wenn sie mit „Du sollst“ anfangen, sind Wegweiser in die Freiheit. „Sei nicht gierig.“ „Nimm nicht, was dir nicht gehört.“ Das macht dich nicht glücklich. „Mach keine Ehe kaputt“, gib nicht zu schnell auf, wenn du meinst, Konflikte ließen sich nicht lösen, lasst Kinder nicht unter eurer Beziehungsunfähigkeit leiden.

Aber was sind dann falsche Götter? Damals ließ man sich Götterstatuen aus Gold und Silber oder aus gutem Holz machen, je nachdem, ob einer reich oder arm war, und dieses Götterbild betete man dann an, Hauptsache, es wackelte nicht.

Haben wir heute auch solche falschen Götter, über die sich Jesaja lustig machen würde?

Für manch einen mag eine falsche Vorstellung von Selbstverwirklichung ein falscher Gott sein: dass man Treue und Verantwortung gegenüber dem Partner und den Kindern für weniger wichtig hält als zum Beispiel den Spaß mit einem neuen aufregenden Menschen.

Für andere mag Luxus oder Macht oder Erfolg um jeden Preis ein falscher Gott sein. Auch wer mehr als nur zum Spaß Wahrsager oder Horoskope befragt, vertraut auf Götter, die einem keine Sicherheit geben, sondern sogar abhängig machen können.

Martin Luther hat einmal gesagt: „Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott.“ Er meinte damit nicht, dass wir nicht unsere Elten, Ehepartner, Kinder, Enkel und Freunde von Herzen lieben dürften. Sondern er meinte jede ungesunde Abhängigkeit, zum Beispiel wenn jemand sein Kind an sich klammert, obwohl es schon erwachsen ist und auf eigenen Füßen stehen könnte. Dann kann sogar das eigene Kind zum falschen Gott werden, nach dem Motto: „Ohne dich kann ich nicht leben!“ Aber zur normalen Kindererziehung gehört auch, dass irgendwann der Zeitpunkt kommt, sie loszulassen und gehen zu lassen. Wenn das klappt, verliert man sie dabei gar nicht, sondern man bleibt ihnen auch als erwachsenen Kindern in Liebe und Vertrauen verbunden – aber nicht in Abhängigkeit.

Zurück zum Jesajatext:

21 Wisst ihr denn nicht? Hört ihr denn nicht? Ist’s euch nicht von Anfang an verkündigt? Habt ihr’s nicht gelernt von Anbeginn der Erde?

Jesaja meint: Was er jetzt sagt, müsste jedem Menschen bekannt sein. Jedenfalls jedem Menschen in Israel, der schon einmal etwas von Gott gehört hat. Und auch uns, die wir die Bibel haben, in der jede Menge Worte von Gott stehen.

22 Er thront über dem Kreis der Erde, und die darauf wohnen, sind wie Heuschrecken; er spannt den Himmel aus wie einen Schleier und breitet ihn aus wie ein Zelt, in dem man wohnt;

23 er gibt die Fürsten preis, dass sie nichts sind, und die Richter auf Erden macht er zunichte:

24 Kaum sind sie gepflanzt, kaum sind sie gesät, kaum hat ihr Stamm eine Wurzel in der Erde, da lässt er einen Wind unter sie wehen, dass sie verdorren, und ein Wirbelsturm führt sie weg wie Spreu.

Noch einmal hören wir gewaltige Bilder. Gott thront als König über dem Erdkreis, und die Menschen auf der Erde erscheinen gegenüber Gottes Größe wie Heuschrecken. Sogar wenn es Fürsten oder Richter sind oder Heuschrecken im modernen Sinne, also „Finanzinvestoren“, die „wie Heuschreckenschwärme über Unternehmen“ herfallen, sie abgrasen und weiterziehen, für Gott sind sie nichts. Menschen mögen sich und ihrer Familie eine große Zukunft ausrechnen, Herrscher wollten früher oft ihre Macht ihren Kindern und Enkeln weitervererben, wer ein Geschäft aufgebaut hat, wünscht sich das heute oft immer noch so. Aber wir wissen alle, dass menschliche Stammbäume schnell verdorren können und dass die Wirbelstürme des Lebens, Katastrophen, Kriege, Notzeiten ganze Familien auseinandertreiben können. Was wir heute Migration und Globalisierung nennen, geschieht ja nicht immer auf freiwilliger Basis, viele Menschen in der Welt verlieren ihre Lebensgrundlage oder sind bedroht in ihrem Land, so dass sie fliehen müssen.

Diese Bilder wirken trostlos. Woran liegt das? Sie stellen unsere Wirklichkeit dar, als ob es Gott nicht gäbe. Wenn nur falsche Götter zählen, zum Beispiel möglichst viel Geld und Macht, egal auf wessen Kosten, dann gibt es keinen Trost, dann gehen Menschen zugrunde.

Aber nicht alles ist trostlos in diesen Sätzen. Ein tröstliches Bild ist hier doch zu finden: „Gott spannt den Himmel aus wie einen Schleier und breitet ihn aus wie ein Zelt, in dem man wohnt.“ Es ist Gottes Himmel, unter dem wir Menschen wohnen, und wenn wir uns dessen bewusst sind, dass wir auf Gott angewiesen sind und ihm vertrauen dürfen, dann haben wir Zukunft, dann hat unser Leben einen ewigen Sinn. Der Himmel, Gottes Himmel, ist wie ein Zelt, das Gott über uns ausbreitet, wie einen schützenden Schleier, mit Sternen oder Wolken besetzt. Unter diesem Himmel weiß Gott gute Wege für uns.

25 Mit wem wollt ihr mich also vergleichen, dem ich gleich sei? spricht der Heilige.

Unvergleichlich ist Gott. Er ist König, wie wir im Psalm gehört haben, und zwar anders als menschliche Herrscher. Er bleibt König, der unvergleichliche und einmalige Gott, auch später, als er in Jesus Mensch wird. In Jesus, in seinem ganzen Leben spricht Gott sein deutlichstes Wort zu uns Menschen. Der große Gott ist nicht groß, um uns klein zu machen. Gott wurde in Jesus klein, um uns groß zu machen, aufzurichten. Nur Menschen, die groß tun, müssen Gott gegenüber erkennen, wie klein und mickrig sie in Wirklichkeit sind. Gott ist der Heilige, ein Gott, der heil macht – unsere Seelen, den sozialen Frieden im Lande und den Frieden in der Welt. Im Vertrauen auf ihn kann heilen, was in uns zerrissen ist. Im Vertrauen auf ihn gewinnen wir Kraft, um heilsam in unserer Welt zu wirken. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.
Lied 269: Christus ist König, jubelt laut!

Wir feiern miteinander das Heilige Abendmahl, im Vertrauen auf Jesus Christus, den Sohn des Königs auf dem himmlischen Thron.

Gott, nimm von uns, was uns von dir trennt: Unglauben, Lieblosigkeit, Verzagtheit. Hochmut, Trägheit, Lebenslügen. In der Stille bringen wir vor dich, was unsere Seele belastet:

Beichtstille

Wollt Ihr Gottes Treue und Vergebung annehmen, so sagt laut oder leise oder auch still im Herzen: Ja!

Auf euer aufrichtiges Bekenntnis spreche ich euch die Vergebung eurer Sünden zu – im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Der Herr sei mit euch. „Und mit deinem Geiste.“

Erhebet eure Herzen! „Wir erheben sie zum Herren.“

Lasset uns Dank sagen dem Herrn, unserem Gott. „Das ist würdig und recht.“

Würdig und recht ist es, Gott ernst zu nehmen als den der groß ist in seiner Güte und Freundlichkeit zu uns Menschen. Würdig und recht ist es, uns selber anzunehmen als Menschen mit aufrechtem Gang, von Gott geliebt und verantwortlich für unser Leben. Dich preisen wir, Heiliger Gott:

Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth; alle Lande sind seiner Ehre voll. Hosianna in der Höhe. Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herrn. Hosianna in der Höhe.

Vater unser und Abendmahl

Jesus ist das Licht der Welt, das vom Vater her in unser Leben hineinleuchtet und alles aufdeckt, was dunkel ist, damit wir es mit Liebe überwinden. Nehmt und gebt weiter, was euch gegeben ist, den lebendigen Leib der Liebe Gottes.

Herumreichen des Korbs

Jesus ist durch das Dunkel der Gottverlassenheit am Kreuz zum Licht der Auferstehung gelangt, durch Gottes Gnade. Und dahin nimmt er uns mit. Nehmt hin den Kelch des Lichtes und der Auferstehung.

Austeilen der Kelche

Der Apostel Paulus spricht: Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.

Gehet hin im Frieden!

Großer Gott, der du das Weltall erschaffen hast und alles, was es gibt, in deinen Händen hältst: Wir danken dir, dass wir dir trotzdem wichtig sind, dass du an uns denkst, dass du keinen Menschen unter all den Milliarden Menschen auf der Erde vergisst! Und wir bitten dich: Lass uns das nicht vergessen, dass wir deine kostbaren Geschöpfe sind und dass unser Leben von dir seinen Sinn bekommt.

Vater im Himmel und Vater Jesu Christi, wir danken dir, dass du uns Wegweisung gibst durch die Propheten und Jesus und die Apostel, dass du uns auf guten Wegen führst, dass du uns heil machst, wenn unsere Seele wund und zerrissen ist. Hilf uns, dass wir das Vertrauen zu dir nicht verlieren und dass wir in Liebe für die Menschen da sind, die uns brauchen. Hilf uns auch, dass wir gut für uns sorgen, wenn wir uns überfordert haben, dass wir falschen Stolz überwinden und Hilfe suchen und annehmen, wenn wir am Ende sind.

Gott, Heiliger Geist, unser Tröster, begleite uns mit deiner wärmenden Nähe, wenn wir traurig sind. Wir vertrauen dir heute im Gebet besonders die Familien zweier Menschen aus unserer Gemeinde an, die wir kirchlich bestattet haben: Herrn … und Herrn …, die beide im Alter von … Jahren gestorben sind. Du hast die Schritte dieser beiden Männer je auf ihre eigene Weise hier auf Erden festgemacht, nimm sie nun gnädig auf in deinem himmlischen Reich und lass sie die Vollendung finden, die ihrem Leben gemäß ist, in deinem ewigen Frieden. Stärke die Angehörigen in ihrer Trauer und gib ihnen Kraft, um ihr eigenes Leben zu bewältigen und in Liebe füreinander da zu sein. Wo wir schwach sind, starker Gott, da sei du selbst in uns Schwachen mächtig. Amen.

Zuletzt hören wir vom Gaudete-Quartett das Lied 19:
O komm, o komm, du Morgenstern
Abkündigungen

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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