„Das Wort ward Fleisch…“

Was passiert, wenn wir ernst nehmen, dass Gottes Wort unter uns wohnt?

Pfarrer Helmut Schütz

Pfarrer Helmut Schütz

„Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns“ (Johannes 1, 14). So beschreibt die Bibel das Wunder, das an Weihnachten geschieht. Was ist das für ein „Wort“, das „Fleisch“ wird? Kann man das essen? Macht uns das satt? Ja, tatsächlich, möchte ich sagen. In jedem Abendmahl können wir uns diese Wahrheit einverleiben, dass Gottes Wort nicht als etwas rein Geistiges über uns schwebt, sondern für uns Fleisch und Blut annimmt.

Das „Wort“ ist die Art und Weise, wie der unsichtbare Gott sich Menschen mitteilt. Was Juden und Christen „Gott“ nennen, ist keine unpersönliche Schicksalsmacht. Gott „spricht“ zu uns. Zuerst zum Volk Israel. Dann durch den Messias dieses jüdischen Volkes auch zu den Völkern der Welt. Und so auch zu uns.

Wir Christen verdanken also Jesus das „Wort“ vom Gott Israels: seine Stimme, seine Liebe. Und das nicht nur, indem wir buchstäblich Worte der Tora, der Propheten, der Psalmen als auch an uns gerichtete Worte Gottes begreifen dürfen. Im Mittelpunkt unseres christlichen Glaubens steht das Wunder, dass in Jesus Gott selber zur Welt kommt. Das meint der Satz: „Das Wort ward Fleisch“.

Aber was heißt das nun? Für Theologen und Philosophen der Alten Welt war das eine krasse Zumutung. Man unterschied zwischen Körper, Seele und Geist, und Gott durfte nur mit dem Geist, vielleicht ein wenig mit der Seele zu tun haben. Die Juden waren zwar nicht so leibfeindlich wie später die christliche Kirche, aber dass Gott in Jesus „Fleisch und Blut“ angenommen haben sollte, das lehnte eine Mehrheit unter ihnen ebenfalls ab. Denn für sie konnte Jesus, der am Fluchholz hing, nicht der von ihnen ersehnte Friedenskönig sein, zumal die christliche Kirche der Friedenspredigt Jesu wahrhaftig nicht immer nachfolgte.

Insofern bleibt der Satz „das Wort ward Fleisch“ auch für uns Christen eine Herausforderung. Nicht gemeint ist damit ja, dass Gott einen Sohn hat in der Art der griechisch-römischen Halbgötter. Aber in diesem von Gott auserwählten Menschenkind kommt Gottes Friede auf  die Erde. In Jesus kommt die göttliche Liebe so real und vollkommen zur Welt, dass man nur sagen kann: „Wer dieses Kind, wer diesen Menschensohn anblickt, der begegnet Gott selbst.“

Wenn nun jemand fragt: „Ist das nicht bei jedem Kind so, vor allem bei jedem Menschen, der mich braucht?“ Dann sagt Jesus: „Genau so ist es. Ich wohne unter euch. Nicht nur damals, als meine Eltern mich in eine Krippe legten. Auch heute, wo ich Herberge in einer Flüchtlingsunterkunft finde oder wo ihr für mich einen Deutschkurs organisiert.“

In diesem Sinne – frohe Weihnachten!

Ihr Pfarrer Helmut Schütz

Dieser Beitrag erschien als „Geistliches Wort“ im Gießener Gemeindebrief „Evangelisch in der Nordstadt“ für Dezember 2015 bis Februar 2016