„Sei rein!“

Jesus und der Aussätzige, der sich dreckig fühlte.

Jesus sagt dem Kranken: Sieh dich an als einer, der nicht böse ist, dessen Seele zu Gott gehört! Das ist auch eine Zumutung. Es ist manchmal auch einfacher, unrein zu sein. Dann hat man weniger Verantwortung, denn böse ist man ja sowieso, wozu also besondere Anstrengungen, etwas gut zu machen?

Die Skulptur einer stilisierten blauen Hand über einem Teich, die mit den Fingenspitzen ihr eigenes Spiegelbild im Wasser berührt

Jesus fordert einen Aussätzigen auf, rein zu sein, indem er ihn berührt (Bild der Skulptur: pixabay.com)

#predigtGottesdienst am 13. Sonntag nach Trinitatis, den 5. September 1993, um 9.30 Uhr in der Kapelle der Landesnervenklinik Alzey und am 14. Sonntag nach Trinitatis, den 12. September 1993, um 9.00 Uhr in Eppelsheim und um 10.00 Uhr in Offenheim

Ich grüße Sie herzlich in diesem Gottesdienst mit dem Wochenspruch für diese Woche (Psalm 103, 2):

Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!

Lied 198, 1-3+5:

1) Lobe den Herren, o meine Seele! Ich will ihn loben bis in‘ Tod. Weil ich noch Stunden auf Erden zähle, will ich lobsingen meinem Gott. Der Leib und Seel gegeben hat, werde gepriesen früh und spat. Halleluja, Halleluja.

2) Fürsten sind Menschen, vom Weib geboren, und kehren um zu ihrem Staub; ihre Anschläge sind auch verloren, wenn nun das Grab nimmt seinen Raub. Weil denn kein Mensch uns helfen kann, rufe man Gott um Hilfe an. Halleluja, Halleluja.

3) Selig, ja selig ist der zu nennen, des Hilfe der Gott Jakobs ist, welcher vom Glauben sich nicht lässt trennen und hofft getrost auf Jesum Christ. Wer diesen Herrn zum Beistand hat, findet am besten Rat und Tat. Halleluja, Halleluja.

5) Zeigen sich welche, die Unrecht leiden, er ist’s, der ihnen Recht verschafft; Hungrigen will er zur Speis bescheiden, was ihnen dient zur Lebenskraft. Die hart Gebundnen macht er frei, und seine Gnad ist mancherlei. Halleluja, Halleluja.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten mit Worten des 146. Psalms:

1 Halleluja! Lobe den HERRN, meine Seele!

2 Ich will den HERRN loben, solange ich lebe, und meinem Gott lobsingen, solange ich bin.

3 Verlasset euch nicht auf Fürsten; sie sind Menschen, die können nicht helfen.

4 Denn des Menschen Geist muss davon, und er muss wieder zu Erde werden; dann sind verloren alle seine Pläne.

5 Wohl dem, dessen Hilfe der Gott Jakobs ist, der seine Hoffnung setzt auf den HERRN, seinen Gott,

6 der Himmel und Erde gemacht hat, das Meer und alles, was darinnen ist; der Treue hält ewiglich;

7 der Recht schafft denen, die Gewalt leiden, der die Hungrigen speiset. Der HERR macht die Gefangenen frei.

8 Der HERR macht die Blinden sehend. Der HERR richtet auf, die niedergeschlagen sind. Der HERR liebt die Gerechten.

9 Der HERR behütet die Fremdlinge und erhält Waisen und Witwen; aber die Gottlosen führt er in die Irre.

10 Der HERR ist König ewiglich, dein Gott, Zion, für und für. Halleluja!

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Großer Gott, wir fühlen uns oft schwach und verletzbar und unserem Schicksal hilflos ausgeliefert. Und immer wieder geraten wir in die Versuchung, uns dann nichts anmerken zu lassen, wir wollen lieber stark scheinen, als uns jemandem anzuvertrauen, als Hilfe oder Trost zu erbitten. Bist wenigstens Du uns nahe, Gott, oder sind wir allein auf der Erde, ohne deinen Himmel über uns? Lass uns spüren, dass Dein Himmel über uns aufgeht, dass Du mit Deinen guten Mächten uns tagtäglich liebevoll umgibst. Schenke uns das Vertrauen zu Deiner Liebe, in der sich Himmel und Erde berühren! Das erbitten wir von dir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Lesung aus dem 1. Buch Mose – Genesis 28, 10-19 – da wird erzählt, wie Jakob einmal davon geträumt hat, wie Himmel und Erde miteinander in Kontakt kommen:

10 Aber Jakob zog aus von Beerscheba und machte sich auf den Weg nach Haran

11 und kam an eine Stätte, da blieb er über Nacht, denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen Stein von der Stätte und legte ihn zu seinen Häupten und legte sich an der Stätte schlafen.

12 Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder.

13 Und der HERR stand oben darauf und sprach: Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben.

14 Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden.

15 Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.

16 Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht!

17 Und er fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels.

18 Und Jakob stand früh am Morgen auf und nahm den Stein, den er zu seinen Häupten gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem Steinmal und goss Öl oben darauf

19 und nannte die Stätte Bethel; vorher hieß die Stadt Lus.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Liederheft 220: Der Himmel geht über allen auf
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Zur Predigt hören wir aus dem Evangelium nach Markus 1, 40-45:

40 Und es kam zu ihm ein Aussätziger, der bat ihn, kniete nieder und sprach zu ihm: Willst du, so kannst du mich reinigen.

41 Und es jammerte ihn, und er streckte die Hand aus, rührte ihn an und sprach zu ihm: Ich will’s tun; sei rein!

42 Und sogleich wich der Aussatz von ihm, und er wurde rein.

43 Und Jesus drohte ihm und trieb ihn alsbald von sich

44 und sprach zu ihm: Sieh zu, dass du niemandem etwas sagst; sondern geh hin und zeige sich dem Priester und opfere für deine Reinigung, was Mose geboten hat, ihnen zum Zeugnis.

45 Er aber ging fort und fing an, viel davon zu reden und die Geschichte bekanntzumachen, so dass Jesus hinfort nicht mehr öffentlich in eine Stadt gehen konnte; sondern er war draußen an einsamen Orten; doch sie kamen zu ihm von allen Enden.

Liebe Gemeinde,

kürzlich feierten wir drüben im DRK-Krankenhaus (in Alzey) Krankenhausgottesdienst. Wir waren zu siebt, vier Erwachsene und drei Kinder, und hatten uns in einer kleinen Runde zusammengesetzt, um zu singen und zu beten und über die Lesung aus der Bibel zu sprechen. Es war eine Wundergeschichte, welche, das tut jetzt nichts zur Sache. Ich stellte die Frage: Wie mag es wohl zugegangen sein, dass Jesus dieses Wunder tun konnte? Wie kann man sich das vorstellen? Und alle beteiligten sich am Gespräch. Jemand hatte Wunderbares an der eigenen Seele erfahren. Ein Mädchen erinnerte sich aus der Schule an die wunderbare Geschichte mit Jesus und der Ehebrecherin. Ein ehemaliger DDR-Offizier, SED-Mitglied und seit seiner Konfirmationszeit aus der Kirche ausgetreten, versuchte im Gespräch herauszufinden, ob er mit diesem Jesus in der Bibel vielleicht doch etwas anfangen könne. Eine Frau jedoch sagte: Wenn Jesus ein Wunder tut, dann tut er es eben. Das muss man nicht erklären, man muss es einfach glauben.

Wir haben eben auch eine Wundergeschichte gehört. Und die, die mich kennen, werden nicht von mir erwarten, dass ich einfach sage, was diese Frau sagte: Man muss es einfach glauben. Was hätten wir schon davon, wenn das so eine Tatsachenwahrheit wäre, die man einfach für wahr halten muss? Okay, Jesus hat den Mann damals gesund gemacht. Aber wäre uns schon allein damit geholfen? Würde uns das, was da erzählt wird, schon allein dadurch irgendwie anrühren? Viel interessanter sind doch diese Fragen: Was macht dieser Mensch eigentlich durch, bis er zu Jesus kommt? Was ist denn eigentlich so hilfreich für ihn in der Begegnung mit Jesus? Und geht es uns selber vielleicht manchmal ähnlich wie diesem Mann, und könnte auch uns geholfen sein, wenn das Vertrauen zu Jesus in uns wächst?

Ich finde, es ist schon ein Wunder, dass dieser Mensch überhaupt zu Jesus kommt (Markus 1):

40 Und es kam zu ihm ein Aussätziger, der bat ihn, kniete nieder und sprach zu ihm: Willst du, so kannst du mich reinigen.

Aussatz, das muss nicht unbedingt die tödliche Lepra-Krankheit gewesen sein, die wir heute noch in Afrika und Asien kennen. Aber Aussatz hatte jedenfalls etwas mit einem Hautausschlag zu tun, mit abstoßendem Aussehen, mit üblem Geruch und auch mit Vorschriften, dass so jemand nicht in Berührung kommen dürfte mit gesunden Menschen. Dreckig und eklig war so ein Mensch in den Augen der anderen, da half kein Waschen mit Seife oder Scheuersand. „Unrein, unrein!“ hätte er schon von weitem rufen müssen, damit alle gewarnt waren und weglaufen konnten.

Was für ein Mensch mag das sein – wie oft mag er schon entwürdigt worden sein, wie sehr mag er sich schon zurückgezogen haben vor den anderen Leuten, wie unrein und schmutzig mag er sich selber vorkommen, als ein Mensch, der nichts wert ist, der in der Gemeinschaft nicht zählt, der nirgends dazu gehört außer zur Gruppe der anderen Ausgestoßenen, die vor den Toren der Stadt ihr armseliges Leben fristen!

Was mag gerade dieser Mensch aber gehört haben von diesem Jesus, dass er nun etwas so Unerhörtes tut! Er traut sich, diesem Wanderprediger auf die Pelle zu rücken, diesem Wunderheiler Jesus, er wagt sich in seine unmittelbare Nähe. Offenbar muss er Geschichten von diesem Jesus gehört haben, die ihn haben Mut fassen lassen. Nein, dieser Mensch wird sich nicht vor mir ekeln. Er wird mich nicht wegschubsen und nicht vor mir davonlaufen. Wenn er wirklich von Gott kommt, dieser Jesus, dann muss man sich auch ihn schämen, ihn um etwas zu bitten. Und deshalb bringt er etwas über sich, was ihm ungeheuer schwer fällt: Er spricht eine Bitte aus, er fällt dazu sogar auf die Knie. Er gibt zu, dass er Hilfe braucht, dass er nicht stark genug ist, um sein Leben auf Dauer alleine zu meistern. Ja, diesem Jesus traut er ein Wunder zu: Ich will nicht mehr unrein sein, und Du kannst mich rein machen.

Lied 263, 1-5:

1) Ein reines Herz, Herr, schaff in mir, schließ zu der Sünde Tor und Tür; vertreibe sie und lass nicht zu, dass sie in meinem Herzen ruh.

2) Dir öffn ich, Jesu, meine Tür, ach komm und wohne du bei mir; treib all Unreinigkeit hinaus aus deinem Tempel, deinem Haus.

3) Lass deines guten Geistes Licht und dein hell glänzend Angesicht erleuchten mein Herz und Gemüt, o Brunnen unerschöpfter Güt;

4) und mache dann mein Herz zugleich an Himmelsgut und Segen reich; gib Weisheit, Stärke, Rat, Verstand aus deiner milden Gnadenhand.

Ein Kranker bittet Jesus: Mach mich rein! Wie nun, liebe Gemeinde, mag Jesus reagieren? Hören wir genau hin, was als erstes über Jesu Verhalten berichtet wird:

41 Und es jammerte ihn, und er streckte die Hand aus, rührte ihn an und sprach zu ihm: Ich will’s tun; sei rein!

„Und es jammerte ihn“ – welch ein eigentümlicher Ausdruck! Sonst verwenden wir immer dieses Wort „jammern“, wenn jemand sehr viel über sein eigenes Leid klagt, und es steckt auch etwas Abwertendes in diesem Ausdruck. Aber hier wird Jesus von einem fremden Leid buchstäblich in Mitleidenschaft gezogen: „es jammert ihn“. Jesus fühlt mit, das Leid dieses Mannes rührt ihn an. Der Unberührbare, der, den man nach den Regeln der Gesellschaft nicht anfassen darf, der ist ihm in diesem Augenblick näher als jeder andere Mensch, er ist ihm ein Nächster geworden. Eben noch kannte er ihn überhaupt nicht, doch schon ist er kein Fremder mehr. Sein Ausgestoßensein ist etwas, worüber Jesus nicht einfach hinweggehen kann. In der Welt Gottes, wie Jesus sie begreift, da darf es keine Weggeschickten und Verachteten geben, da gehören alle Menschen zu einer großen Familie, und alle sind sie Gottes geliebte Kinder.

Was tut Jesus also? Er schickt den Aussätzigen nicht nur nicht weg, sondern er streckt sogar die Hand nach ihm aus und berührt ihn. Er setzt sich der Ansteckungsgefahr aus, er berührt den Unberührbaren, er lässt sich ein mit dem Ausgestoßenen.

Der Kranke hatte ihn ausdrücklich gefragt: „Willst du? Willst du mich rein machen? Wenn du willst, dann kannst du es. Aber willst du es wirklich?“ Konnte dieser Kontakt nicht auch für Jesus gefährlich sein? Und Jesus antwortet ausdrücklich: „Ich will’s tun!“

Und wie vollzieht Jesus die Heilug? „Sei rein!“ sagt Jesus. Mehr nicht. Er veranstaltet keinen großen Zauber, er verordnet keine Salben, er tut nichts außer Sprechen, und auch das nur sparsam. Zwei Worte nur: „Sei rein!“

Was steckt alles in diesen zwei Worten! Zunächst einmal muss Jesus wohl davon ausgehen, dass dieser Mann sich bisher immer nach einer anderen Botschaft ausgerichtet hatte. Er hatte den Stimmen geglaubt, die ihm gesagt hatten: Du bist unrein, du bist ekelhaft, du bist unserer nicht wert, du gehörst nicht dazu! Er hatte sich wahrscheinlich selber schuldig gefühlt und es für normal gehalten, dass er als böse abgestempelt wurde, als ein unreiner Mensch. Vielleicht war der Hautausschlag neben allen unangenehmen Folgen auch so eine Art Schutz, hinter den er sich zurückziehen konnte. Niemand forderte etwas von ihm, niemand erwartete etwas von ihm, außer dass er niemandem zu nahe trat.

Und jetzt kommt da einer und sagt ihm diese völlig entgegengesetzte Botschaft: „Sei rein!“ Sieh dich an als einer, der nicht böse ist, der nicht beschmutzt ist, dessen Seele zu Gott gehört und zu den anderen Kindern Gottes auf Erden! Das klingt so einfach, aber es ist auch eine Zumutung für den Kranken. Alles, was bisher für ihn gegolten hat, gilt ja nun nicht mehr. Es ist manchmal auch einfacher, unrein zu sein. Dann weiß man, wo man hingehört. Dann hat man weniger Verantwortung, man muss sich nicht fragen: Was ist gut, was ist böse, denn böse ist man ja eh, wozu also besondere Anstrengungen, etwas gut zu machen?

Gleichwohl kenne ich solche Veränderungen an Menschen, die sich immer unrein und böse gefühlt haben, und im Laufe einer langen Therapie langsam dahin kommen, sich selber liebzuhaben, sich selber etwas zuzutrauen.

Frauen, die bereits als Kinder missbraucht wurden und sich immer beschmutzt und unrein vorkamen, als seien sie selber schuld an den Taten ihrer Väter, sie können lernen, sich als rein zu erleben, als unschuldige Opfer von Vätern, die an ihnen zu Verbrechern wurden. Die Kehrseite dieses sich-Rein-Fühlens ist allerdings ein ungeheurer Schmerz. Es ist viel leichter, sich schuldig zu fühlen für etwas, was ein anderer getan hat, als dass man dieses Gefühl der Machtlosigkeit, des Ausgeliefertseins aushalten muss. Das kann man wirklich nur, wenn man einen starken Halt erfährt, so wie von einer guten Mutter oder einem wirklich verlässlichen, nicht-missbrauchenden Vater.

Offenbar war Jesus für den Aussätzigen in unserer Geschichte solch ein starker Halt. In seinem Fall wird von einer ganz raschen Heilung erzählt:

42 Und sogleich wich der Aussatz von ihm, und er wurde rein.

Der Aussatz dieses Mannes muss also, so nehme ich an, in der Tat eine seelische Krankheit gewesen sein. Denn in dem Augenblick, in dem der Kranke die Botschaft Jesu – „Sei rein!“ – annehmen kann, geht der Hautausschlag einfach weg. Er braucht nichts mehr, was zwischen ihm und den Leuten steht. Er fängt an, ein neues Leben zu leben.

Und was macht Jesus? Jetzt auf einmal scheint er den Mann doch buchstäblich von sich wegzujagen:

43 Und Jesus drohte ihm und trieb ihn alsbald von sich

44 und sprach zu ihm: Sieh zu, dass du niemandem etwas sagst; sondern geh hin und zeige dich dem Priester und opfere für deine Reinigung, was Mose geboten hat, ihnen zum Zeugnis.

Merkwürdig, diese Drohung Jesu. Vielleicht ist es eine besonders eindrückliche Mahnung an den Mann, dass er nun auch die Konsequenzen ziehen soll aus dem, was er neu gelernt hat. Er hat gelernt, dass er in Gottes Augen gar nicht unrein ist. Und als ein nicht mehr böser, schmutziger, ausgestoßener Mensch darf er nun auch wieder in der Gemeinschaft der Menschen leben. Darum schickt ihn Jesus zu den Priestern, die damals auch solche Aufgaben hatten wie heute ein Gesundheitsamt. Sicher, so ein Gang zu Ämtern und Behörden ist unangenehm; aber Jesus will ausdrücklich, dass der Mann sich nicht mehr als Mensch zweiter Klasse behandeln lässt. Er soll nicht wieder zurückfallen und weiter so leben, als sei er doch unrein.

Nein, er hat nun eine Verantwortung dafür, wie er sein Leben gestalten kann, er kann sich entscheiden, welchen Stimmen er glauben will – der Stimme Jesu, die ihm zusagt: „Du bist rein!“ oder der Stimme der Leute: „Du dreckiger Aussätziger!“

Liederheft 206: Hört, wen Jesus glücklich preist

Die Geschichte ist noch nicht ganz zu Ende, liebe Gemeinde. Als Jesus den vom Aussatz Geheilten zu den Priestern schickt, sagt er ihm nachdrücklich: „Sieh zu, dass du niemandem sonst etwas sagst!“ Was mit dem Mann passiert ist, soll nicht an die große Glocke gehängt werden, soll nicht ins Gerede der Leute kommen. Wie leicht kann das neue Lebensgefühl, das in ihm ganz zart und zaghaft zu wachsen begonnen hat, wieder kaputtgemacht werden!

Mich erinnert das an eine Frau, die daran arbeitet, eine psychische Krankheit zu überwinden und dann zurückkommt in ihre alte Umgebung. Sie spürt mehr als zuvor, wie verletzbar sie ist. Und um so weher tut es dann, wenn die Verwandten zu ihr sagen: „Wie lange soll das denn noch gehen? Jetzt reiß dich endlich zusammen! Du warst lange genug in der Nervenklinik!“ Es dauerte nicht lange, und sie musste wieder zur Behandlung in die Klinik. Mittlerweile lebt sie getrennt von Mann und Kindern in einer Wohngemeinschaft, wo man sie als Mensch anerkennt und sie nicht unter Druck setzt: Hoffentlich funktionierst du bald wieder als Hausfrau und Mutter!

Oder ich denke an einen Alkoholiker, der eben anfängt, trocken zu leben. Und dann kommt er in die alte Familiensituation zurück und trifft sich mit den alten Freunden, und er muss sich die Sprüche anhören: Sei doch nicht so, ein Glas schadet doch nichts, du bist wohl jetzt was Besseres geworden, willst nicht mal mehr mit deinem besten Freund einen heben, jetzt bin ich aber beleidigt! Der nächste Rückfall war schon vorprogrammiert.

Offenbar ist es manchmal besser, die Menschen zu meiden, die schon dazu beigetragen haben, dass die Krankheit überhaupt so schlimm wurde. Der ehemals Ausgestoßene sollte nicht gleich stolz die Nachricht von seiner Heilung gerade denen herausposaunen, die ihn eben noch als Ausgestoßenen behandelt hatten. Allerdings hört der Mann nicht auf Jesus:

45 Er aber ging fort und fing an, viel davon zu reden und die Geschichte bekanntzumachen.

Ob er selber Nachteile davon hat, ob er einen Rückfall erlitten hat, wie es ihm überhaupt weiterhin ergangen ist, davon hören wir nichts. Aber nun wird deutlich, dass Jesus auch um seiner selbst willen kein großes Aufsehen wollte. Denn nun gilt er in der Öffentlichkeit noch mehr als bisher als der große Wunderdoktor, zu dem die Menschenmassen hinströmen, so dass Jesus kaum noch Ruhe findet:

Jesus [konnte] hinfort nicht mehr öffentlich in eine Stadt gehen …; sondern er war draußen an einsamen Orten; doch sie kamen zu ihm von allen Enden.

Es ist, als ob Jesus, der den anderen von seinem Ausgestoßensein geheilt hatte, nun selber eine Art von Ausgestoßensein erleiden muss. Der andere kann wieder in der Stadt leben, mitten unter den Leuten, Jesus ist nun derjenige, der „draußen an einsamen Orten“ Zuflucht vor den Menschenmassen sucht.

Zwiespältig ist die Lage Jesu: Einerseits kommen so viele kranke Menschen zu ihm und wollen seine Hilfe, bis an die Grenzen seiner Kräfte – ja, denn auch Jesus war ein Mensch mit zwar großartigen, aber begrenzten Kräften. Andererseits sind da auch diejenigen, die es Jesus ankreiden, dass er die sogenannten Unreinen anfasst, dass er Aussätzige nicht als Aussätzige behandelt. Bald werden sie ihn ganz herausdrängen aus der Gemeinschaft der Menschen, sie werden ihn sogar anklagen und töten.

Und gerade darin zeigt es sich, wer wirklich unrein und wer rein ist.

Die wirklich Unreinen, die Menschen mit wirklich schmutzigen Gedanken, das sind die, die auf einen Kranken oder auf ein Kind herabsehen, die einen Schwächeren ausnutzen und missbrauchen, wo sie es nur können.

Umgekehrt: wer verachtet ist, nur weil er krank oder behindert ist, für den tritt Jesus ein, für den bringt er sich selbst in Gefahr, für ihn macht er sich selbst zu einem Ausgestoßenen. Ihm gibt er das Gefühl, ein Mensch mit Würde zu sein, er vergibt ihm, was er selber getan hat und nimmt von ihm, womit andere ihn beschmutzt haben. Jesus selbst ist ja nicht unrein, und er fühlt sich auch keinesfalls unrein, sondern er ist so eins mit dem heiligen Gott, seinem Vater, wie sonst keiner. Darum kann Jesus in jedem, der sich unrein fühlt, ein neues, reines Herz schaffen, auch in jedem von uns. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.
Lied 156, 1-2+4-5:

1) Herr Jesu Christe, mein getreuer Hirte, komm, mit Gnaden mich bewirte. Bei dir alleine find ich Heil und Leben, was mir fehlt, kannst du mir geben. Kyrieleison. Dein arm Schäflein wollest du weiden auf Israels Bergen mit Freuden und zum frischen Wasser führn, da das Leben her tut rührn. Kyrieleison.

2) All ander Speis und Trank ist ganz vergebens, du bist selbst das Brot des Lebens, kein Hunger plaget den, der von dir isset, alles Jammers er vergisset. Kyrieleison. Du bist die lebendige Quelle, zu dir ich mein Herzkrüglein stelle; lass mit Trost es fließen voll, so wird meiner Seele wohl. Kyrieleison.

4) Du rufest alle, Herr, zu dir in Gnaden, die mühselig und beladen; all ihre Missetat willst du verzeihen, ihrer Bürde sie befreien. Kyrieleison. Ach komm selbst, leg an deine Hände und die schwere Last von mir wende, mache mich von Sünden frei, dir zu dienen Kraft verleih. Kyrieleison.

5) Mein‘ Geist und Herze wollst du zu dir neigen, nimm mich dir, gib mich dir eigen. Du bist der Weinstock, ich bin deine Rebe, nimm mich in dich, dass ich leben. Kyrieleison. Ach in mir find ich eitel Sünden, in dir müssen sie bald verschwinden; in mir find ich Höllenpein, in dir muss ich selig sein. Kyrieleison.

Nun feiern wir – wie immer am ersten Sonntag des Monats – das heilige Abendmahl miteinander. Wer kommen will, mag gleich nach vorn kommen, wer nicht mitmachen will, mag auf seinem Platz bleiben.

Herr Jesus Christus, du rührst uns an, du scheust dich nicht vor uns, auch wenn wir uns unrein fühlen. Ob wir Fehler gemacht haben, schlimme Schuld auf uns geladen haben, du vergibst uns! Ob andere Menschen ihre Schuld auf uns abgewälzt haben, Du nimmst uns diese Last ab!

So frage ich Euch nun: Seid Ihr bereit, Vergebung anzunehmen für alles Böse, was Ihr in eigener Verantwortung getan habt, für rachsüchtige Gedanken, für verletzende Worte, für Bitterkeit gegenüber Gott und den Menschen? Und wünscht Ihr auch, die Schuld loszulassen, mit denen Euch andere Menschen belastet haben, für die Ihr keine Verantwortung tragt? So sprecht „Ja“!

Im Auftrag Jesu spreche ich Euch die Vergebung aller Eurer Sünden zu, und auch fremde Schuld soll Euch nicht mehr belasten!

Stärke uns nun mit Brot und Saft, damit wir es aushalten, verletzbare Menschen zu sein, die von Dir gut geschaffen sind und in denen Du täglich neu ein reines Herz schaffen willst. Amen.

Einsetzungsworte und Abendmahlsfeier

Und nun lasst uns beten.

Heiliger Gott, wer könnte vor Dir aus eigener Kraft bestehen? Und doch sagst Du zu uns allen Ja, Du schließt uns alle väterlich, mütterlich in Deine liebevollen Arme. Und zu jedem, der sich wertlos oder schmutzig, böse oder unrein fühlt, sagst du: „Ich will es! Sei rein!“

Hilf uns, diese Überzeugung in uns aufzunehmen, dass Du uns nicht wegstoßen willst, sondern mit uns immer wieder einen neuen Anfang suchst, und dass wir nicht das Recht haben, irgendjemanden aus unserer Mitte auszustoßen, nur weil er anders ist. Lass unsere Kirchengemeinden zu Orten werden, an denen Menschen sich gut aufgehoben fühlen, z. B. gerade die, über die man sich sonst das Maul zerreißt, die Hilfe besonders nötig haben.

Gott, Du willst nicht, dass irgendein Menschenkind zeitlebens denken muss, es sei böse geboren worden. Nein, jedes Menschenkind heißt du willkommen auf deiner Erde. Amen. Alles, was uns heute bewegt, schließen wir im Gebet Jesu zusammen:

Vater unser
Liederheft 200: Wir haben Gottes Spuren festgestellt
Abkündigungen

Und nun lasst uns mit Gottes Segen in den Sonntag und in die neue Woche gehen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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