„Wollen die leeren Worte kein Ende haben?“

Trauerfeier für eine Frau, die für Kinder und Kindeskinder immer als wunderbare Mutter da war. Ich gehe auf biblische Texte ein, in denen nicht ohne kritische Anfragen vom Trost in Schmerz und Trauer die Rede ist.

"Wollen die leeren Worte kein Ende haben?" Das Bild zeigt die Zeichnung eines jungen Mannes mit einer leeren Sprechblase

Wie kann man trösten, ohne leere Worte zu machen? (Bild: Prawny – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Trauergemeinde, wir sind hier zusammengekommen, um von Frau Q. Abschied zu nehmen, die im Alter von [über 60] Jahren gestorben ist.

Wir halten eine Trauerfeier, um uns noch einmal gemeinsam daran zu erinnern, was für ein Mensch sie gewesen ist und um ihr die letzte Ehre zu erweisen.

Vielleicht kann diese Feier dem einen oder der andern auch helfen, das Chaos der Gedanken und Gefühle im eigenen Innern ein wenig zu ordnen und den Weg der Trauer mit etwas mehr Trost weiterzugehen.

Leicht ist es nicht, mit der Trauer umzugehen, die so weh tut und die sich nicht wegschieben lässt, die gefühlt und durchgestanden werden muss, und je mehr wir einen Menschen geliebt haben, desto intensiver ist diese Trauer in unserem Herzen zu spüren.

Leicht ist es nicht, mit Fragen umzugehen, die sich uns aufdrängen und auf die es keine Antwort gibt, zum Beispiel die Frage: „Warum?“ oder: „Was wäre gewesen, wenn…?“ oder: „Hätte man ihr Leid ersparen können?“ Selbst wenn sich uns Antworten aufdrängen: Wir können nun einmal nicht ungeschehen machen, was geschehen ist.

Ich weiß, dass in Ihrer Familie viele nach Gott fragen, ja, mit Gott ringen, jeder auf seine Weise und nicht immer auf die gleiche Weise. Ich weiß selber, wie schwer es manchmal ist, richtige Worte für ein Gebet zu finden. Darum möchte ich Ihnen Worte eines Psalm aus der Bibel ans Herz legen, die eine Hilfe zum Beten sein können.

Im Psalm 77 betet einer zu seinem Gott, der vor vielen Jahren sein Volk Israel aus der Sklaverei befreit hat. Er betet zu Gott in einer Zeit, in der er von der Güte Gottes nichts mehr spürt, in der er und sein Volk in neues Unglück, neue Trauer, neues Leid geraten sind:

So beten wir mit Psalm 77 (bis Vers 8 Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift © 1980 by Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart):

2 Ich rufe zu Gott, ich schreie, ich rufe zu Gott, bis er mich hört.

3 Am Tag meiner Not suche ich den Herrn; unablässig erhebe ich nachts meine Hände, meine Seele lässt sich nicht trösten.

4 Denke ich an Gott, muss ich seufzen; sinne ich nach, dann will mein Geist verzagen.

5 Du lässt mich nicht mehr schlafen; ich bin voll Unruhe und kann nicht reden.

6 Ich sinne nach über die Tage von einst, ich will denken an längst vergangene Jahre.

7 Mein Herz grübelt bei Nacht, ich sinne nach, es forscht mein Geist.

8 Wird der Herr mich denn auf ewig verstoßen und mir niemals mehr gnädig sein?

9 Ist‘s denn ganz und gar aus mit Gottes Güte?

10 Hat Gott vergessen, gnädig zu sein, oder sein Erbarmen im Zorn verschlossen?

11 Ich sprach: Darunter leide ich, dass die rechte Hand des Höchsten sich so ändern kann.

12 Darum denke ich an die Taten des HERRN, ja, ich denke an deine früheren Wunder.

14 Gott, dein Weg ist heilig. Wo ist ein so mächtiger Gott, wie du, Gott, bist?

15 Du bist der Gott, der Wunder tut.

16 Du hast dein Volk erlöst mit Macht.

21 Du führtest dein Volk wie eine Herde.

Liebe Gemeinde! Wie kam es eigentlich dazu, dass Frau Q. zu dem Menschen wurde, der er für Sie war, zu dieser beeindruckenden Frau, über die ich von niemandem ein böses Wort gehört habe?

Selbstverständlich war das nicht, denn ihr Leben war von Kindheit und Jugend an nicht gerade leicht. Manch ein anderer hätte sich vielleicht auch ganz anders entwickelt, wäre hart und verbittert geworden.

Erinnerungen an das Leben der Verstorbenen

Man kann es, glaube ich, nicht genug betonen: Frau Q. war immer für ihre große Familie da. Es war ihr nichts zu viel. Ihre Tür war immer offen auch für die Kinder und Kindeskinder, die längst woanders wohnten, egal ob sie einfach mal hereinschneiten oder ein großes Problem mit sich herumschleppten. Sie kamen nie ungelegen. Frau Q. wollte ja auch an ihrem Leben Anteil nehmen. Wenn sie sich mal zwei Wochen nicht meldeten, wurde sie unruhig und fragte: „Warum lässt du dich nicht mal sehen?“

Man kann in einer solchen Traueransprache nicht alles erfassen, wie einen eine solche Mutter geprägt hat, was man vermissen wird. Aber so, wie es in unserem Gespräch war, werden Sie sich immer wieder vieles erzählen, wenn Sie an die Verstorbene zurückdenken, und oft sind es gerade die kleinen Dinge, die einem durch den Kopf schießen, auch jetzt in der Erinnerung. Wieviel Geduld hatte die Mutter beim Basteln mit den Kindern oder wenn sie ihnen ein Brettspiel beibrachte. Wieviel Rücksicht nahm sie beim Essenkochen auf die verschiedenen Geschmäcker ihrer Kinder. Wie oft war sie vor 5 Uhr auf, um alles vorzubereiten und im Haushalt zu schaffen – oder sie stand sogar mit dem Sohn um 3 Uhr auf, bevor er zur Arbeit ging. Sie hätte das nicht gemusst, aber „ich mach‘s doch gern“, meinte sie. Sie kannte keine schlechte Laune.

Dabei hat sie sich nicht aufgeopfert. Sie hatte ja wirklich Freude an ihrem Leben, ging in der Stadt gern auf Schnäppchenjagd, konnte gut ihren großen Haushalt organisieren. Und sie hat gerne gefeiert; Anlässe zu Familienfeiern gab es ja genug, außerdem Silvester, Fasching und Weihnachten. An Weihnachten schmückten ihre Hände jeden Baum zum schönsten Christbaum, und sie sorgte dafür, dass selbst in schlechten Zeiten jeder seinen eigenen bunten Teller bekam: „Der ist nur für dich!“, und das Kind wusste: dieses Geschenk kam von Herzen.

Ich glaube, wenn man sagt: „Sie war die beste Mutter auf Erden“, dann ist wohl Ihnen allen aus der Seele gesprochen. Umgekehrt sind aber auch alle ihre Kinder eng mit ihr verbunden geblieben, was in einer großen Familie durchaus auch nicht selbstverständlich ist. Meinungsverschiedenheiten mit der Mutter konnte man nie lange aushalten, das musste schnell aus der Welt geschafft werden. Wo immer jemand in der Familie schwere Problemen zu tragen hatte, da war die Mutter einfach da. Sie werden nicht aufhören, sie zu lieben und sie nicht vergessen.

Darum war es am Ende auch klar, dass die Mutter nicht alleingelassen wurde, als sie selber so schwer krank wurde.

Jetzt habe ich Ihnen viel erzählt, im Grunde nacherzählt von dem, was Sie mir erzählt haben, und ich weiß, dass das Erinnern wichtig ist, dass ich aber mit all meinem Reden nicht Ihren Schmerz wegnehmen kann.

Ich kann auch die Frage nicht beantworten, warum sie am Ende noch so leiden musste.

In der Bibel gibt es einen Mann, Hiob mit Namen, der viel Trauer und Leid zu tragen hatte. Ihn versuchten Freunde zu trösten mit allen möglichen frommen Sprüchen und Erklärungen für sein Unglück (Hiob 16). Da sagte Hiob:

2 Ihr seid … leidige Tröster!

3 Wollen die leeren Worte kein Ende haben?

4 Auch ich könnte wohl reden wie ihr, wärt ihr an meiner Stelle.

5 Ich würde euch stärken mit dem Munde und mit meinen Lippen trösten.

6 Aber wenn ich schon redete, so würde mich mein Schmerz nicht verschonen; hörte ich auf zu reden, so bliebe er dennoch bei mir.

Jeder, der zu trösten versucht, muss wissen: Man kann nicht ungeschehen machen, was geschehen ist, und Trauer ist ein Weg, den man selber gehen muss. Im Grunde kann man nur so trösten, wie es Ihre Mutter getan hat, wenn Sie auch ihre erwachsenen Kindern in den Arm genommen hat und einfach da war, wenn es Ihnen schlecht ging. Jetzt ist sie nicht mehr da, die Sie trösten konnte, jetzt ist es wichtig, dass Sie in der Familie weiterhin füreinander da sind. Wenn‘s drauf ankommt, hält man in der Familie und unter Geschwistern zusammen, das sind Sie dem Andenken Ihrer Mutter schuldig. Sie dürfen dabei wissen, dass Sie Trost auch von oben erwarten dürfen. Gott selber sagt im Buch Jesaja (Jesaja 66, 13):

Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.

Ich bin überzeugt: Gott lässt unser Schicksal auf Erden nicht kalt. Gott wird selber Mensch in Jesus und leidet mit, was wir erleiden. Er weiß, was wir fühlen, er lässt uns nie allein, auch wenn wir nicht immer verstehen, was er mit uns vor hat.

Wenn es Ihnen hilft, dann stellen Sie sich vor, dass Gott Sie in den Arm nimmt, damit Sie zulassen können, was Sie fühlen, damit Sie getröstet werden. Vielleicht brauchen Sie aber auch mehr Distanz von Gott, so in einem Gegenüber; es ist völlig in Ordnung, wenn Sie mit ihm diskutieren, das hat der Hiob, von dem ich erzählt habe, auch gemacht, und Gott fand das gut so.

Wenn ich an Frau Q. denke, dann stelle ich mir vor, dass Gott sie liebevoll in seine Arme geschlossen hat in ihrem Hinübergehen in die Ewigkeit. Dort nimmt er sie mit Ehren an; im Himmel hat sie keine Schmerzen mehr und darf im Frieden bei Gott leben. Darum müssen wir uns um sie keine Sorgen machen. Wir dürfen sie getrost loslassen. Denn Gott tröstet uns, wie uns unsere Mutter getröstet hat. Amen.

EG 533: Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand

Treuer Gott, du hast uns ewiges Leben verheißen. Ewiges Leben, das heißt: erfülltes Leben, erfüllt von Liebe, von Vertrauen, von Hoffnung, von Frieden.

Hilf uns, dass wir uns auf dein Wort verlassen und im Leben und Sterben auf deine Barmherzigkeit vertrauen. Wir denken an die Verstorbene, die du aus unserer Mitte genommen hast. Wir danken dir für alles, was du an ihr getan hast, und für all das Gute, das du durch sie auch uns gegeben hast.

Nimm von uns, was uns auf der Seele liegt. Tröste alle, die Frau Q. vermissen werden. Barmherziger Gott, lass uns unser Leben im Vertrauen auf deine Liebe führen. Amen.

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