„Gib dich zufrieden und sei stille“

Um Zufriedenheit geht es, der wir uns öffnen oder verschließen können. „Gib dich!“, das ist eine Aufforderung, loszulassen, etwas wegzugeben, Kontrolle aufzugeben. „Sich zufrieden geben“ ist mehr als „man muss zufrieden sein“, weil es nicht anders geht. Nein, das ist ein Ausdruck der Dankbarkeit, denn Gott ist der Gott meines Lebens, in ihm „ruht aller Freuden Fülle“ – echte Lebenserfüllung.

Jesus im Garten Gethsemane, betend

Jesus betete um Frieden mit Gottes Willen (Foto des Kirchenfensters: pixabay.com)

#predigtGottesdienst am 6. Sonntag nach Trinitatis, 15. Juli 2012, 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Ich begrüße alle herzlich im Gottesdienst mit dem Wort zur kommenden Woche aus dem Buch Jesaja 43, 1:

Nun spricht der Herr, der dich geschaffen hat…: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!

Der Gottesdienst steht unter dem Thema „Gib dich zufrieden und sei stille“. Das ist eine Zeile aus einem Kirchenlied, das wir in der Predigt singen werden und über das Herr Pfarrer Schütz predigen wird.

Lied 323:

1. Man lobt dich in der Stille, du hocherhabner Zionsgott; des Rühmens ist die Fülle vor dir, o Herre Zebaoth. Du bist doch, Herr, auf Erden der Frommen Zuversicht, in Trübsal und Beschwerden lässt du die Deinen nicht. Drum soll dich stündlich ehren mein Mund vor jedermann und deinen Ruhm vermehren, solang er lallen kann.

2. Es müssen, Herr, sich freuen von ganzer Seel und jauchzen hell, die unaufhörlich schreien: »Gelobt sei der Gott Israel‘!« Sein Name sei gepriesen, der große Wunder tut und der auch mir erwiesen das, was mir nütz und gut. Nun, dies ist meine Freude, zu hangen fest an dir, dass nichts von dir mich scheide, solang ich lebe hier.

3. Herr, du hast deinen Namen sehr herrlich in der Welt gemacht; denn als die Schwachen kamen, hast du gar bald an sie gedacht. Du hast mir Gnad erzeiget; nun, wie vergelt ich’s dir? Ach bleibe mir geneiget, so will ich für und für den Kelch des Heils erheben und preisen weit und breit dich hier, mein Gott, im Leben und dort in Ewigkeit.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Wir konnten bei unserem Lied eben durchaus unsere Stimmen laut erschallen lassen. Auch die Orgel hat nicht gerade leise gespielt. Und trotzdem hieß es im Text des Liedes: „Man lobt dich in der Stille.“ Stille ist nicht immer die Abwesenheit von Geräuschen. Stille ist sogar vereinbar mit dem Schreien zu Gott. Still werden, damit ist hier ein Ruhigwerden unserer Seele gemeint, eine Konzentration auf das, was wirklich wichtig ist in unserem Leben. Still wird unsere Seele im Kontakt mit dem heiligen Gott.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

„Gib dich zufrieden und sei stille“, so lassen wir uns nicht gern abkanzeln, wenn wir berechtigte Forderungen vorbringen. Wer ungerecht behandelt wird, darf und soll seine Stimme erheben, muss nicht zufrieden sein und den Mund halten. Aber es gibt auch selbstgemachte Unzufriedenheit und Unruhe in unserem Leben. Wo wir zu viel von uns oder vom Leben erwarten. Wo wir nicht genug bekommen können. Wo unsere Ziele und Maßstäbe im wahrsten Sinn des Wortes ver-rückt sind.

Sei in beiden Fällen mit uns barmherzig, guter Gott: dort, wo wir aufstehen dürfen für unser Recht, und dort, wo unsere Seele sich danach sehnt, nicht mehr so zerrissen zu sein. Wir rufen zu dir, Gott:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Wir beten mit Psalm 46, im Gesangbuch steht er unter der Nummer 725. Sprechen Sie bitte die linksbündigen Verse; ich lese die nach rechts eingerückten Teile:

2 Gott ist unsre Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben.

3 Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge und die Berge mitten ins Meer sänken,

4 wenngleich das Meer wütete und wallte und von seinem Ungestüm die Berge einfielen.

5 Dennoch soll die Stadt Gottes fein lustig bleiben mit ihren Brünnlein, da die heiligen Wohnungen des Höchsten sind.

6 Gott ist bei ihr drinnen, darum wird sie festbleiben; Gott hilft ihr früh am Morgen.

7 Die Heiden müssen verzagen und die Königreiche fallen, das Erdreich muss vergehen, wenn er sich hören lässt.

8 Der Herr Zebaoth ist mit uns, der Gott Jakobs ist unser Schutz.

9 Kommt her und schauet die Werke des Herrn, der auf Erden solch ein Zerstören anrichtet,

10 der den Kriegen steuert in aller Welt, der Bogen zerbricht, Spieße zerschlägt und Wagen mit Feuer verbrennt.

11 Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin! Ich will der Höchste sein unter den Heiden, der Höchste auf Erden.

12 Der Herr Zebaoth ist mit uns, der Gott Jakobs ist unser Schutz.

Lasst uns Gott lobsingen. „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Gott, unser Vater im Himmel, lehre uns erkennen, was es mit deiner Stille, deiner Ruhe, deinem Frieden auf sich hat. Lass unser Herz ruhig werden. Stille die aufgepeitschten Wellen eines Meeres von Angst oder Traurigkeit oder Verzweiflung, in dem wir zu versinken drohen. Schenke uns deinen Frieden, damit wir fähig werden, in unserer Welt Frieden zu schaffen. Darum bitten wir dich im Namen deines Sohnes Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Schriftlesung aus dem Evangelium nach Matthäus 11, 27-30. Jesus spricht:

27 Alles ist mir übergeben von meinem Vater; und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.

28 Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.

29 Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.

30 Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

Herr, dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Glaubensbekenntnis
Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde! Sie wundern sich, ihr wundert euch, und das mit Recht, denn normalerweise wird vor der Predigt ein Lied gesungen. Ich lasse dieses Mal das Lied vor und nach der Predigt aus, weil wir in der Predigt ein Lied singen und über den Text nachdenken.

Es ist das Lied 371, und wir singen gleich die 1. Strophe. Die Orgel spielt sie einmal vor, dann singen wir diese Strophe zur Gitarre.

Orgel: Melodie 371

1. Gib dich zufrieden und sei stille in dem Gotte deines Lebens!
In ihm ruht aller Freuden Fülle, ohn ihn mühst du dich vergebens.
Er ist dein Quell und deine Sonne, scheint täglich hell zu deiner Wonne.
Gib dich zufrieden!

Als ich vor einigen Wochen dieses Lied von Paul Gerhardt im Ensemble-Pflegeheim mit den alten Menschen sang, setzte sich die Melodie wie ein Ohrwurm in mir fest, und irgendwann beschloss ich: Über dieses Lied muss ich einmal predigen! Nicht nur die Musik, auch der Text sprach mich an.

Um Zufriedenheit geht es in dem Lied, und zwar eine Zufriedenheit, der wir uns öffnen oder verschließen können. „Gib dich!“, das ist eine Aufforderung, loszulassen, etwas wegzugeben, Kontrolle aufzugeben. „Sich zufrieden geben“, das ist mehr als „man muss zufrieden sein“, weil es nicht anders geht. Nein, das ist ein Ausdruck der Dankbarkeit, denn Gott ist der Gott meines Lebens, in ihm „ruht aller Freuden Fülle“. Sehr geschwollen ist das ausgedrückt und trotzdem nicht übertrieben; echte Lebenserfüllung finden wir bei Gott, Freude, die den Grundton des Lebens bestimmt, sogar in schweren Zeiten, und die unserem Leben Sinn verleiht. Quelle und Sonne, beides ist Gott, bildlich gesprochen, er löscht unseren Lebensdurst, stillt unseren Bedarf nach Licht und Wärme, und zwar jeden Tag neu, alltags und sonntags.

Welche Fülle an Gaben uns zuteil werden lässt, erläutert die zweite Strophe:

2. Er ist voll Lichtes, Trosts und Gnaden, ungefärbten, treuen Herzens.
Wo er steht, tut dir keinen Schaden auch die Pein des größten Schmerzens.
Kreuz, Angst und Not kann er bald wenden, ja auch den Tod hat er in Händen.
Gib dich zufrieden!

Gott ist angefüllt, randvoll, mit Licht, Trost und Gnade. Er bringt Licht in unser Denken, lässt uns in Traurigkeiten nicht allein, geht gnädig um mit unseren Fehlern. Ungefärbt ist sein Herz, das heißt wohl unbestechlich und rein; Gott ist treu nicht nur zu Menschen, die in ein ganz bestimmtes frommes Schema passen. Unsichtbar steht Gott da, steht er zu uns, selbst wenn wir von starken Schmerzen gepeinigt werden; diese Qualen sind schlimm, sie schaden uns aber nicht, machen uns nicht kaputt, so lange wir wissen: Wir sind nicht allein. Ja, es gibt furchtbare Ereignisse im Leben vieler Menschen; das Stichwort Kreuz erinnert daran, dass Gott in Jesus selber auch diese Seite des menschlichen Lebens erfahren hat. Gott ist aber auch der, der alles zum Guten wenden kann, der selbst den Tod in seinen Händen hält und die Macht über ihn hat. Wir begreifen es nicht, aber wir dürfen auch angesichts von Leid und Tod uns getrost und im Frieden mit uns selbst Gott anvertrauen.

In der dritten Strophe wird näher ausgeführt, wie gut Gott uns alle kennt:

3. Wie dir’s und andern oft ergehe, ist ihm wahrlich nicht verborgen;
er sieht und kennet aus der Höhe der betrübten Herzen Sorgen.
Er zählt den Lauf der heißen Tränen und fasst zuhauf all unser Sehnen.
Gib dich zufrieden!

Gott ist hoch über uns und uns doch so nahe, dass er unsere Sorgen genau kennt. Die Höhe, in der Gott sich befindet, ist nicht räumlich zu verstehen, als ob er auf einer Wolke sitzen oder irgendwo im Weltall schweben würde; er ist größer als alles andere, zu ihm können wir wirklich aufschauen und Hilfe erwarten. Wir sind ihm so wichtig, dass er unsere Tränen zählt, ja sogar den genauen Lauf dieser Tränen verfolgt, jedes Auf und Ab unserer Stimmungsschwankungen. Und obwohl wir selber oft gar nicht wissen, was wir wirklich wollen, ist Gott dazu imstande, unsere wahre Sehnsucht auf den Punkt zu bringen, um sie zu erfüllen.

Die vierte Strophe geht weiter auf die Treue Gottes ein:

4. Wenn gar kein einz’ger mehr auf Erden, dessen Treue du darfst trauen,
alsdann will er dein Treuster werden und zu deinem Besten schauen.
Er weiß dein Leid und heimlich Grämen, auch weiß er Zeit, dir’s abzunehmen.
Gib dich zufrieden!

Wenn wir den Eindruck haben, ganz verlassen zu sein, uns auf niemanden mehr verlassen zu können, dann bleibt Gott uns doch treu. Diese Strophe klingt, als ob der Liederdichter Paul Gerhardt menschlichen Verrat und Treuebruch gekannt hat und sich darum um so mehr nach einem sehnt, dessen „Treue man trauen“ kann. Menschen gibt es viele, die angeblich unser Bestes wollen, in Wirklichkeit aber nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind, man denke nur an die vielen Betrüger am Telefon oder an der Haustür, die mit Enkeltricks oder Ankündigungen angeblicher Preisgewinne gutgläubigen Menschen das Geld aus der Tasche locken wollen. Gott ist tatsächlich auf unser Bestes bedacht; er weiß, was uns bedrückt, auch was wir niemandem anzuvertrauen wagen. Manchmal brauchen wir allerdings viel Geduld, um die Zeit abzuwarten, bis uns eine Last von der Seele genommen wird. Gott weiß diese Zeit.

Die fünfte Strophe geht noch ausführlicher auf das heimliche Leid unserer Seele ein:

5. Er hört die Seufzer deiner Seelen und des Herzens stilles Klagen,
und was du keinem darfst erzählen, magst du Gott gar kühnlich sagen.
Er ist nicht fern, steht in der Mitten, hört bald und gern der Armen Bitten.
Gib dich zufrieden!

Es gibt Probleme, die wir in uns verschließen, vielleicht weil sie uns peinlich sind. Es gibt Menschen, die nie klagen. Vielleicht weil sie dafür nur Vorwürfe ernten würden. Gott gegenüber dürfen wir unsere Scham überwinden, seit Adam und Eva wissen wir, dass wir uns vor ihm sowieso nicht verstecken können. Kühnheit und Mut dürfen wir einüben, indem wir im Gebet unsere heimlichsten Gedanken und Sorgen Gott anvertrauen. Der hohe Gott ist ja nicht weit weg, er steht in unserer Mitte und hört uns zu. „Bald und gern“ tut er das; nicht aus Widerwillen lässt er uns warten, weil wir ihm lästig wären. Gott ist einer, der gerne mit uns zu tun hat, und zwar obwohl – oder gerade weil? – wir „arm“ sind. Arm sind wir alle im Sinne einer Bedürftigkeit, derer wir uns nicht schämen müssen. Jeder Mensch braucht auch einmal Hilfe, braucht Liebe, Verständnis, eine Hand, die zupackt. Bedürfnisse zu haben, ist keine Schande.

Noch eine weitere Strophe ist dem Umgang mit eigenem Elend gewidmet:

6. Lass dich dein Elend nicht bezwingen, halt an Gott, so wirst du siegen;
ob alle Fluten einhergingen, dennoch musst du oben liegen.
Denn wenn du wirst zu hoch beschweret, hat Gott, dein Fürst, dich schon erhöret.
Gib dich zufrieden!

Man kann unterschiedlich mit Problemen umgehen, muss sich nicht einmal in einer elenden Situation unterkriegen lassen. Ich kenne Menschen, die jahrzehntelang mit Medikamenten leben müssen, damit ihre Psychose nicht ausbricht; die Nebenwirkungen sind oft unerträglich, trotzdem leben sie gegen ihre Tabletten-bedingte Antriebslosigkeit an, genießen die kleinen Wunder eines farbenfrohen Sonnenuntergangs oder eines Blumenmeeres auf der Wiese. Jede kleine Freude kann ein von Gott geschenkter Sieg über Lebensmüdigkeit sein. Wenn Ängste, Trauer, Zorn und Verzweiflung sich wie ein bedrängendes Meer in und um uns ausbreiten, ist Gott in der Lage, uns auf dem Wasserspiegel dieser Fluten gehen, ja sogar liegen und ausruhen zu lassen. Zu groß und schwer erscheinen manche Lasten, aber Gott ist und bleibt unser Fürst, ein persönlicher Ansprechpartner, der alles im Griff hat. Er hat unsere Anliegen bereits gehört und sogar erhört, auch wenn wir noch nicht wissen, wie seine Hilfe aussehen wird.

In der Bergpredigt sagt Jesus: „Macht euch nicht zu viele Sorgen!“ (Matthäus 6, 25.34)

Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. … Denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen.

Daran erinnert die siebte Strophe:

7. Was sorgst du für dein armes Leben, wie du’s halten wollst und nähren?
Der dir das Leben hat gegeben, wird auch Unterhalt bescheren.
Er hat ein Hand, voll aller Gaben, da See und Land sich muss von laben.
Gib dich zufrieden!

Arm ist unser Leben, nicht im abwertenden Sinn, sondern, weil wir von Natur aus bedürftig sind. Wir brauchen Lebensunterhalt. Und wenn wir auf Jesu Worte vertrauen, wird Gott das Leben, das er uns geschenkt hat, auch erhalten. Hören und schauen wir genau hin, damit wir die Hand Gottes wahrnehmen: sie ist voll mit Nahrung für alle Lebewesen im Meer und auf dem Land. Gott gibt genug, wenn wir es schaffen, das von ihm Gegebene gerecht zu verteilen.

In der Mitte des Liedes steht die achte Strophe mit schönen Bildern aus der Natur:

8. Der allen Vöglein in den Wäldern ihr bescheidnes Körnlein weiset,
der Schaf und Rinder in den Feldern alle Tage tränkt und speiset,
der wird viel mehr dich einz’gen füllen und dein Begehr und Notdurft stillen.
Gib dich zufrieden!

Wie Jesus die Menschen an die Vögel unter dem Himmel und die Lilien auf dem Felde erinnert (Matthäus 6, 26.28), so malt uns Paul Gerhardt Bilder von Waldvögeln und Vieh auf den Feldern vor Augen. Wie Tiere ihr bescheidenes Mahl erhalten, so dürfen auch wir Menschen erwarten, dass unsere schon mehrfach erwähnte Bedürftigkeit gestillt wird. „Begehr und Notdurft“ sind altertümliche Ausdrücke für ein unabweisbares Verlangen, das zu unserer menschlichen Natur gehört. Das Wort „Notdurft“ verwenden wir heute fast nur noch für den Gang zur Toilette, und vom „Begehren“ sprechen wir, wenn Frau und Mann verliebt sind und sich nach körperlicher Vereinigung sehnen. Alle Bedürfnisse des Menschen gottgegeben, von der Nahrungsaufnahme bis zur Ausscheidung, von der Sehnsucht nach Nähe und Verständnis bis hin zum Verlangen nach einer sexuellen Beziehung mit einem geliebten Menschen. Dieses Thema vertiefe ich heute nicht; in zwei Wochen gibt es einen Predigttext, der Anlass bietet, näher darauf einzugehen.

Aber was ist, wenn wir trotzdem nicht zufrieden sind, weil wir nicht alles kriegen, was wir möchten?

9. Sprich nicht: »Ich sehe keine Mittel, wo ich such, ist nichts zum besten.«
Denn das ist Gottes Ehrentitel: helfen, wenn die Not am größten.
Wenn ich und du ihn nicht mehr spüren, tritt er herzu, uns wohl zu führen.
Gib dich zufrieden!

Diese Strophe klingt wie Hohn, wenn man schon viel versucht hat, um aus einem Elend herauszukommen, aber vergeblich. Was ist denn mit Menschen, die wirklich keine Mittel kennen und sehen, um Hilfe zu erfahren? Tröstlich finde ich die Formulierung „wo ich such, ist nichts zum Besten“. Sie lässt die Möglichkeit offen, jemand könnte mir zeigen und ich könnte offen dafür sein, dass ich auch woanders Hilfe suchen kann. Es gibt ja Menschen, die haben ihr Leben lang nach den gleichen Rezepten gelebt, waren immer stark, haben sich immer zusammengerissen und weiter gemacht, bis weit über die Grenzen ihrer Kräfte hinaus. Sie dürfen lernen, dass Gott doch noch Mittel weiß, um sie auf einen anderen Weg zu führen. Das ist eine Ehrensache für Gott: er ist Kraft für schwache Menschen. Sogar wenn wir ihn gar nicht spüren, tritt er uns zur Seite.

Zur Geduld fordert die zehnte Strophe auf:

10. Bleibt gleich die Hilf in etwas lange, wird sie dennoch endlich kommen;
macht dir das Harren angst und bange, glaube mir, es ist dein Frommen.
Was langsam schleicht, fasst man gewisser, und was verzieht, ist desto süßer.
Gib dich zufrieden!

Ich bin mir sicher, dass Paul Gerhardt diese Strophe aus eigenem Erleben so geschrieben hat. Er hat sich in einer bestimmten Angelegenheit Hilfe ersehnt und musste allzu lange warten, Ängste und Sorgen deswegen ausstehen. Trotzdem hat er ausgeharrt in der festen Zuversicht, dass Hilfe irgendwann kommen wird. Er malt uns die langsam schleichende Hilfe in einem geradezu lustigen Bild vor Augen; sie lässt uns Zeit, sich auf sie einzustellen, sie mit Gewissheit zu fassen und anzunehmen. Schließlich erinnert er an die Vorfreude auf etwas Süßes, die schon die Wartezeit versüßt; ja, es kann sein, dass man sich über etwas, auf das man sehr lange warten musste, um so mehr freuen kann.

Die elfte Strophe wendet sich einem neuen Thema zu, nämlich dem Umgang mit feindseligen Menschen:

11. Nimm nicht zu Herzen, was die Rotten deiner Feinde von dir dichten;
lass sie nur immer weidlich spotten, Gott wird’s hören und recht richten.
Ist Gott dein Freund und deiner Sachen, was kann dein Feind, der Mensch, groß machen?
Gib dich zufrieden!

Auch hier frage ich mich, ob Paul Gerhardt das selber gekannt hat: Leute, die etwas gegen ihn hatten und Spottgedichte über ihn verfassten. Wenn wir zu Unrecht angegriffen oder beleidigt werden, wenn uns Menschen feindlich gesonnen sind, so dürfen wir gewiss sein: Gott hört alles und beurteilt uns gerecht.

Die zwölfte Strophe zeigt noch deutlicher, von wem Paul Gerhardt hier spricht, nämlich von dem Menschen, der andern Menschen zum Feind wird, indem er mit dem Finger auf sie zeigt und so tut, als hätte er selber keine Fehler und keine Probleme:

12. Hat er doch selbst auch wohl das Seine, wenn er’s sehen könnt und wollte.
Wo ist ein Glück so klar und reine, dem nicht etwas fehlen sollte?
Wo ist ein Haus, das könnte sagen: »Ich weiß durchaus von keinen Plagen«?
Gib dich zufrieden!

Jeder hat „das Seine“. Jeder soll zuerst vor seiner eigenen Tür kehren. Allerdings kann oder will nicht jeder die eigenen Unzulänglichkeiten wahrnehmen. Dabei ist es doch ganz normal, dass es im menschlichen Leben kein vollkommenes Glück gibt. Kein Haus bleibt von Belastungen verschont. Und das kann ein Anlass zur Zufriedenheit sein, muss nicht zum Dauerjammern führen.

In der Strophe 13 führt der Dichter aus, dass Leiden zur Grundausstattung des Menschen dazugehören:

13. Es kann und mag nicht anders werden: alle Menschen müssen leiden;
was webt und lebet auf der Erden, kann das Unglück nicht vermeiden.
Des Kreuzes Stab schlägt unsre Lenden bis in das Grab, da wird sich’s enden.
Gib dich zufrieden!

Wir Menschen der Neuzeit haben uns daran gewöhnt, dass immer mehr Leiden, die für Paul Gerhardt noch selbstverständlich waren – frühe Kindersterblichkeit, Frauen, die das Kindbett nicht überlebten, die grauenhafte Pest und vieles mehr – der Vergangenheit angehören. Trotzdem gibt es nach wie vor Leiden und Unglück; umwelt-, ernährungs- und stressbedingte Krankheit hat unsere Zivilisation neu hervorgebracht, und viele Unfälle gehen auf den modernen Verkehr zurück.

Fast fatalistisch wirkt der Blick auf das Kreuz, das uns wie ein Stock bis an unser Lebensende schlagen wird. Ist dieser „Stab des Kreuzes“ für Paul Gerhardt im Geist seiner Zeit ein Instrument, um die Menschen zu züchtigen und zu strafen, damit sie von Gott auf den richtigen Weg geführt werden? Diese Vorstellung ist uns, die wir auf eine gewaltfreie Pädagogik setzen, sehr fremd geworden. Allerdings gibt es durchaus Menschen, die Schicksalsschläge nicht nur verkraften, sondern an ihnen menschlich und im Glauben wachsen.

Auch den 14. Vers singe ich mit gemischten Gefühlen:

14. Es ist ein Ruhetag vorhanden, da uns unser Gott wird lösen;
er wird uns reißen aus den Banden dieses Leibs und allem Bösen.
Es wird einmal der Tod herspringen und aus der Qual uns sämtlich bringen.
Gib dich zufrieden!

Paul Gerhardt sehnt sich wie viele Menschen seiner Zeit nach einer Befreiung vom Bösen, aus Qualen und aus der Gefangenschaft im eigenen Körper, die letzten Endes nur der Tod bringen kann. Bis heute kennen Menschen diese Sehnsucht: Unheilbar Kranke, deren Schmerzen kaum gelindert werden können. Menschen, die am Leben verzweifeln, die keinen Sinn in ihrem Dasein erkennen. Der Tod, der herspringt, ist jedoch ein Diener Gottes, er steht nicht in unserer eigenen Verfügung, um willkürlich unser Leben zu verkürzen. Wie gesagt, diese Strophe singe ich nur mit Vorbehalten mit; Ruhetage der Befreiung von Belastungen und von allem Bösen dürfen wir durchaus schon vor dem Tod von Gott erwarten. So verstehe ich jedenfalls die ganze Bibel von den Propheten bis hin zu Jesus und den Aposteln; und ich denke, auch Paul Gerhardt ruft nicht zu einer vorzeitigen Todessehnsucht auf; nein, in der Zuversicht, dass der Tod nicht ein absoluter Feind, sondern ein Werkzeug Gottes ist, kann auch im diesseitigen Leben unsere Seele zur Zufriedenheit bereit und still werden.

Meine Gedanken zur letzten Strophe sage ich, bevor wir sie singen.

Der Tod als Diener Gottes trägt uns dorthin, wo schon Menschen auf uns warten, die im Frieden mit Gott gestorben sind. Paul Gerhardt stellt sich den Himmel so vor, dass dort Gott selbst zu uns sagt: „Gib dich zufrieden“, und er beschreibt Gott als einen Grund, der niemals zerbricht. Letzten Endes bleibt jede Vorstellung vom Himmel unbefriedigend; wir dürfen uns einfach darauf verlassen, dass wir uns dort „im Frieden freuen“ dürfen, für immer und ewig. Im Vertrauen darauf dürfen wir hier auf Erden getrost unser Leben führen und irgendwann selig sterben. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Und nun singen wir die Strophe 15 aus dem Lied 371:

15. Er wird uns bringen zu den Scharen der Erwählten und Getreuen,
die hier mit Frieden abgefahren, sich auch nun im Frieden freuen,
da sie den Grund, der nicht kann brechen, den ewgen Mund selbst hören sprechen:
»Gib dich zufrieden!«

Gott, lass Frieden einkehren in den Krisengebieten der Erde. Gib Licht und Klarheit in die Köpfe der Verantwortlichen, dass sie nicht auf Waffen vertrauen, sondern die Sehnsucht der Menschen nach Gerechtigkeit und Frieden ernstnehmen.

Gott, lass Frieden regieren in den Kirchen, Konfessionen und Religionen, dass wir unseren Glauben selbstbewusst vertreten und zugleich den Andersglaubenden respektieren und ihm als Nachbar friedlich und interessiert begegnen.

Gott, gib Frieden in unsere eigenen Herzen, dass wir wissen, was uns gut tut und wozu wir auf der Welt sind. Lass uns die Hilfe suchen und annehmen, die wir brauchen, lass uns bereit sein, dort zu helfen, wo wir gebraucht werden. Gib uns Zufriedenheit, die uns dazu fähig macht, Frieden zu bewirken. Amen.

Gebetsstille und Vater unser
Lied 562: Segne und behüte uns durch deine Güte
Abkündigungen

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. Amen, Amen, Amen!

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