Erfülltes Leben trotz Demenz?

Trauerfeier für eine Frau, die in ihrem Alter unter fortschreitender Demenz litt. Kann ihr Leben trotzdem immer noch als erfüllt angesehen werden? Ich versuche, dem nachzugehen, indem ich auf Texte der Bibel eingehe, vor allem auf Psalm 103 und ein Wort von Jesus.

Erfülltes Leben in der Demenz? Eine alte Frau im Rollstuhl von hinten vor einem Fenster mit Fensterkreuz

Wird das Leben in der Demenz nur dunkler? Kann es – auf neue Weise – erfüllt sein? (Bild: geralt – pixabay.com)

Orgelvorspiel EG 610: Herr, deine Liebe
Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Trauergemeinde, wir sind hier versammelt, um Abschied zu nehmen von Frau Y., die im Alter von [über 80] Jahren gestorben ist.

Worte des Predigers Salomo lehren uns, unsere Lebenszeit aus der Hand Gottes zu nehmen (Prediger 3):

1 Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde:

2 geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit;

3 abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit;

4 weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit;

5 herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit;

6 suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit;

7 schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit;

8 lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.

11 [Gott] hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.

12 Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben.

13 Denn ein Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.

14 Ich merkte, dass alles, was Gott tut, das besteht für ewig; man kann nichts dazutun noch wegtun. Das alles tut Gott, dass man sich vor ihm fürchten soll.

Wir singen das Lied 391:

1. Jesu, geh voran auf der Lebensbahn! Und wir wollen nicht verweilen, dir getreulich nachzueilen; führ uns an der Hand bis ins Vaterland.

2. Soll‘s uns hart ergehn, lass uns feste stehn und auch in den schwersten Tagen niemals über Lasten klagen; denn durch Trübsal hier geht der Weg zu dir.

3. Rühret eigner Schmerz irgend unser Herz, kümmert uns ein fremdes Leiden, o so gib Geduld zu beiden; richte unsern Sinn auf das Ende hin.

4. Ordne unsern Gang, Jesu, lebenslang. Führst du uns durch rauhe Wege, gib uns auch die nöt‘ge Pflege; tu uns nach dem Lauf deine Türe auf.

Liebe Familie Y., wir haben diese Trauerfeier mit drei Texten bzw. Liedern begonnen, die Sie sich dafür ausgesucht haben. Das Lied „Herr, deine Liebe“ wurde auf der Orgel gespielt, die weisen Worte der Bibel über das, was alles seine Zeit hat im Leben, habe ich gelesen, und ein Lied über die Nachfolge Jesu in unserem alltäglichen Lebenslauf haben wir gesungen.

Etwas zieht sich hindurch durch die Texte dieser drei so verschiedenen Stücke: Unser Leben spielt sich ab inmitten von Gegensätzen, von Widersprüchen, von Konflikten.

„Alles hat seine Zeit“, sagt der Prediger im Alten Testament: zwischen Geborenwerden und Sterben, zwischen Lieben und Loslassen, zwischen Lachen und Weinen.

Mit Geduld müssen und können wir die harten Zeiten unseres Lebens ertragen, so singen wir im Vertrauen auf Jesus; folgen wir ihm nach, gelingt es uns, auch in schwersten Leiden unseren Halt nicht zu verlieren.

Und das etwas modernere Lied „Herr, deine Liebe“ weiß etwas von den Mauern unserer Angst, innerhalb derer wir uns gefangen fühlen, und aus der uns die Liebe Gottes befreien kann, denn sie ist wie Gras und Ufer, wie Wind und Weite und wie ein Zuhause.

Viel wird in diesen Texten deutlich von dem, was Sie gebraucht haben, um die letzten nicht einfachen Jahre durchzustehen. Die letzte Lebensphase von Frau Y. war eine Herausforderung, der Sie sich gestellt haben und in der Sie für sie da sein konnten.

Aber werfen wir zunächst einen Blick auf das Leben der nun Verstorbenen von Anfang an. Sie haben mir die Aufgabe, das zu tun, sehr erleichtert, indem Sie mir einen ausführlichen Lebenslauf zur Verfügung gestellt haben.

Erinnerungen an das Leben und die Erkrankung der Verstorbenen

Ich selber möchte ergänzen, wie ich Frau Y. persönlich begegnet bin. Ich lernte sie noch kennen in ihrer aktiven, selbstbestimmten Lebensphase, aber nur für kurze Zeit. Wenn ich sie wenige Jahre später besuchte, erkannte sie mich nicht mehr. Ihre Erkrankung hinderte sie daran. Aber ich erinnere mich, wie ich ihr einmal zu einem Geburtstag ein Heft mit großformatigen Bildern mitbrachte, und sie freute sich sehr über die Mohnblumen und Fische und die Sonne, die sie auf den Bildern erkannte. Obwohl sie nicht wusste, dass sie Geburtstag hatte, freute sie sich sehr über die Glückwünsche und wirkte überhaupt sehr glücklich.

Sicher war das nur eine Momentaufnahme; nicht alle Tage waren so unbelastet. Allerdings kann ich sicher sagen: es tat ihr gut, in der Heimeinrichtung gut umsorgt zu sein, und sie hat sich auch immer gefreut, die vertrauten Menschen ihrer Familie um sich zu haben, auch wenn sie sie zum Schluss nicht mehr erkannte und zum Teil in die Zusammenhänge ihrer Kindheit einordnete.

Ihre Wahrnehmung der Welt war zum Schluss sehr eingeschränkt, es war, als lebe sie in der Vergangenheit, als kehre sie in die Zeit ihrer Kindheit zurück, in der die Mutter am wichtigsten war, nach ihr fragte sie oft. Und wenn man ihr auf ihre Fragen sagte: „Die Mutter ist im Garten und der Papa ist Angeln“, dann war sie zufrieden.

Ich habe in der Bibel nach Worten gesucht, die mit der Erinnerung zusammenhängen, und ich fand einen Bibelvers, auf den ich hier schon oft eingegangen bin (Psalm 103, 2):

Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.

„Vergiss nicht.“ Wie kann man das einem Menschen gegenüber sagen, der schon so viel vergessen hat? Dessen Gedächtnis einfach nichts Neues mehr festhalten kann?

Vielleicht können wir es deswegen gerade im Blick auf Frau Y. sagen, weil es im Psalm nicht um Gedächtnistraining geht, sondern um ein kindliches Gottvertrauen: Was sie nie vergessen hat, das war die Erinnerung an den Klang des Wortes „Mutter“.

Noch weniger konnte sie bis zu ihrem Lebensende „vergessen“, was sie in der Berührung durch geliebte Angehörige spürte, Angenommensein, Behütetsein, Wärme, Nähe, Liebe.

Weiter im Psalm lesen wir:

1 Lobe den HERRN, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen!

2 Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat:

3 der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen,

4 der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit,

5 der deinen Mund fröhlich macht, und du wieder jung wirst wie ein Adler.

In der Öffentlichkeit wird zur Zeit ja häufig gefragt, ob ein Leben mit Demenz noch lebenswert sei, und es gibt leider sogar hochangesehene und auch von mir hochgeschätzte Theologen, die für sich ein Leben mit einem solchen Verlust an Selbstkontrolle nicht meinen aushalten zu können.

Aber ich denke, es stellt sich umgekehrt die Frage, ob nicht gerade ein Leben, das auf absolute Kontrolle fixiert ist, eher in der Gefahr steht, unerfüllt zu bleiben und unglücklich zu enden. Wir sind nun einmal endliche und begrenzt erschaffene Wesen, angewiesen auf andere, nur auf Zeit von Gott mit unseren kostbaren Gaben beschenkt. Und ein erfülltes Leben kann Gott uns auch jenseits dessen schenken, was wir Menschen uns erträumen und wünschen und selber schaffen und verdienen können.

Ich denke, Sie haben es erfahren, wie wahr die Worte aus dem Psalm 103 sind, als Sie viele Jahre hindurch Ihre Mutter und Schwiegermutter in den schweren Jahren ihrer Demenz begleitet haben, die Frau, die Ihnen nahe stand und nahe geblieben ist.

Wie fröhlich ihr Mund sein konnte, das habe ich selbst hier und da erlebt. Wie viel Gutes sie erfahren hat, davon haben Sie mir erzählt.

Aber warum gibt es keine Heilung für ihre Erkrankung? Hier steht doch: „Gott heilt unsere Gebrechen!“ Ich höre diesen Satz anders: Gott macht uns innerlich heil, wo es uns an Liebe gebricht, an Hoffnung, an Vertrauen.

Mehr noch: „Gott erlöst unser Leben vom Verderben“; ja, unser Leben bleibt kostbar, auch wenn es in unserem Verstand dunkel wird, wenn unser Bewusstsein schwindet, wenn wir in einer eigenen, vergangenen Welt leben.

Wunderbar formuliert es die Psalmbeterin oder der Psalmbeter: „Gott krönt dich“ – er setzt dir eine Krone auf, er achtet dich wie einen König, und diese Krone besteht aus „Gnade und Barmherzigkeit“. Was kann sich ein Mensch mehr wünschen als Liebe? Kein König kann reicher sein als ein Mensch, der sich liebevoll umsorgt weiß, der sich geborgen fühlt, der angenommen wird in seiner Eingebundenheit in die vergangene, vertraute Welt seiner Kindheit.

Jesus sagt ja auch (Markus 10, 15):

Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.

Das heißt doch umgekehrt: Wir gehen im Einflussbereich Gottes gerade dann nicht verloren, wenn wir in der Demenz ein wenig den Kindern gleich werden.

Im Psalm 103 hat mich immer die Formulierung gewundert: „und du wieder jung wirst wie ein Adler“. Wieso „jung werden“? Möchten wir nicht alle alt werden und dabei jung bleiben? Die Aussicht darauf, nicht jung zu bleiben im landläufigen Sinn der jugendlichen Attraktivität und Leistungsfähigkeit, sondern wieder auf Hilfe angewiesen zu sein wie ein kleines Kind, gehört sicher nicht zu unseren Lebensträumen. Und doch muss ein solches Lebensende kein Unglück sein; es ist nicht ohne Segen, es gehört jedenfalls zu diesem erfüllten Leben von Frau Y. hinzu.

Im Urtext des Psalms steht übrigens gar nicht wörtlich: „der deinen Mund fröhlich macht“, sondern da heißt es: „der dich sättigt mit Gutem“, „der dich zufrieden macht und du genug hast“. Genug haben kann man in einem doppelten Sinne: einerseits im Sinn von Zufriedenheit erfahren, aber andererseits auch im Sinne von „jetzt ist es genug“, „ich bin lebenssatt“, „ich mag nicht mehr“.

Dann verbindet sich mit der Dankbarkeit für ein trotz aller schweren Herausforderungen erfülltes Leben der Wunsch, endlich einschlafen zu dürfen, vor allem, wenn akut Krankheiten mit belastenden Symptomen auftreten. Ein Gedicht, in dem dieser Wunsch ausgedrückt wird, haben Sie über die Todesanzeige für Frau Y. gesetzt, mit ihr möchte ich meine Ansprache für sie schließen, die wir in zuversichtlichem Vertrauen auf Gott loslassen dürfen, hinein in den ewigen Frieden Gottes:

Einschlafen dürfen,
wenn man müde ist,
nicht mehr
kämpfen müssen,
wenn man
nicht mehr weiß wofür,
gehen dürfen,
wenn man das
Hier und Heute
nicht mehr versteht –
das ist Frieden.

Amen.

Wir singen das Lied 376:

1. So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich. Ich mag allein nicht gehen, nicht einen Schritt: wo du wirst gehn und stehen, da nimm mich mit.

2. In dein Erbarmen hülle mein schwaches Herz und mach es gänzlich stille in Freud und Schmerz. Lass ruhn zu deinen Füßen dein armes Kind: es will die Augen schließen und glauben blind.

3. Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht, du führst mich doch zum Ziele auch durch die Nacht: so nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich!

Allmächtiger Gott, Herr über Leben und Tod, nimm du nun Frau Y. gnädig auf in deinem Himmel der Liebe.

Wir danken dir, barmherziger Gott, dass du sie in guten und schweren Zeiten geführt und bewahrt hast. Wir danken dir für alles, was sie uns gewesen ist. Wir danken vor allem für Liebe, die sie empfangen und verschenken konnte.

Für alle, die traurig sind und gezeichnet von jahrelangen Belastungen, bitten wir dich, du Gott des Trostes, dass sie nicht allein bleiben mit ihren Gedanken und Empfindungen, dass sie ihre Tränen nicht herunterschlucken müssen, dass sie Trost finden, der nicht im Verdrängen, sondern im Bewältigen eines schweren Weges besteht.

Du, Gott der Hoffnung, mach uns aufmerksam auf alles, was kostbar ist in unserem Leben, dass wir verantwortlich umgehen mit uns selbst und mit den Menschen, die uns anvertraut sind. Hilf uns, dass wir niemals das Vertrauen auf dich aufgeben. Amen.

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