„Völlig ausgetan“? Auf Diamanten bauen!

Wir können „völlig ausgetan“ sein, zu keinen Taten mehr fähig. Unsere alten Kräfte, unser alter Stolz, die alten Baumaterialien unseres Lebens haben versagt. Neue Kräfte werden frei, wenn wir nicht alles ohne Hilfe ganz allein schaffen müssen. Es mögen nur kleine Kräfte sein, aber sie sind wie Diamanten, die auch klein, aber viel wertvoller sind als Holz, Heu oder Stroh.

Ein aus Diamanten geformtes Herz

„Mit Diamanten mauert mir‘s Gott im Herzen fest.“ (Bild: pixabay.com)

#predigtAbendmahlsgottesdienst am 12. Sonntag nach Trinitatis, den 7. September 2014, um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Im Abendmahlsgottesdienst der Paulusgemeinde grüße ich Sie herzlich mit dem Wort zur Woche aus dem Buch Jesaja 42, 3:

Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.

In den Liedern und in der Predigt geht es heute um den festen Grund, auf dem wir unser Leben aufbauen können. Es ist ein Grund, dessen Festigkeit im ersten Lied mit der Härte von Diamanten verglichen wird. Wir singen das Lied 357:

1. Ich weiß, woran ich glaube, ich weiß, was fest besteht, wenn alles hier im Staube wie Sand und Staub verweht; ich weiß, was ewig bleibet, wo alles wankt und fällt, wo Wahn die Weisen treibet und Trug die Klugen prellt.

2. Ich weiß, was ewig dauert, ich weiß, was nimmer lässt; mit Diamanten mauert mir‘s Gott im Herzen fest. Die Steine sind die Worte, die Worte hell und rein, wodurch die schwächsten Orte gar feste können sein.

3. Auch kenn ich wohl den Meister, der mir die Feste baut, er heißt der Herr der Geister, auf den der Himmel schaut, vor dem die Seraphinen anbetend niederknien, um den die Engel dienen: ich weiß und kenne ihn.

4. Das ist das Licht der Höhe, das ist der Jesus Christ, der Fels, auf dem ich stehe, der diamanten ist, der nimmermehr kann wanken, der Heiland und der Hort, die Leuchte der Gedanken, die leuchten hier und dort.

5. So weiß ich, was ich glaube, ich weiß, was fest besteht und in dem Erdenstaube nicht mit als Staub verweht; ich weiß, was in dem Grauen des Todes ewig bleibt und selbst auf Erdenauen schon Himmelsblumen treibt.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. „Amen.“

Ein Lied von Ernst Moritz Arndt haben wir gesungen, in dem Jesus Christus mit einem Maurermeister verglichen wird, der mit ganz besonderen Steinen arbeitet: Aus Diamanten baut er um unser schwaches Herz eine Mauer, die ich mir nicht so vorstelle, dass sie uns einengt und von anderen Menschen abschließt, sondern sie ist durchsichtig und lädt andere Menschen ein, uns ihr Vertrauen zu schenken. Denn diese Mauer besteht ja aus Worten, kostbare, helle, reine Worte des Evangeliums, die uns sagen, wie sehr Gott uns liebt, auch wenn wir uns schwach und böse fühlen.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Im Lied haben wir auch von Sand und Staub gesungen, von Wahn und Trug. Unser Leben ist vergänglich, wir sind von Erde genommen, und wir werden zu Staub zerfallen. Und manches, worauf wir in diesem Leben bauen, erscheint uns nur fest, in Wirklichkeit ist es wie Sand. Wir betrügen uns selber, wir leben in einem Wahn, wenn wir nicht darauf vertrauen können, dass wir von Gott angenommen sind, wie wir sind, und dass er uns stark machen will. Lasst uns Gott um sein Erbarmen bitten:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Wenn unser Leben uns so vorkommt, als gingen wir über Treibsand und als gebe es nichts, was für uns von Bedeutung sein könnte, ermutigt uns das Lied, das wir gesungen haben, uns an Jesus Christus zu erinnern. Er ist der feste Grund unter unseren Füßen, er ist das lebendige Wort Gottes, die verkörperte Liebe des Vaters im Himmel, er ist ein diamantener Grund, auf dem wir Standfestigkeit gewinnen.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende.

Der Herr sei mit euch! „Und mit deinem Geist!“

Vater Jesu Christi und unser Vater, lass uns den Glauben an dich wagen. Gib uns den Mut, unser Leben auf dem Grundstein aufzubauen, den Jesus Christus gelegt hat. Hilf uns dabei, uns auf dich zu verlassen und dabei unnötige Ängste loszulassen. Darum bitten wir dich im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören den Text zur Predigt aus dem Paulusbrief 1. Korinther 3, 9-15:

9 Wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau.

10 Ich nach Gottes Gnade, die mir gegeben ist, habe den Grund gelegt als ein weiser Baumeister; ein anderer baut darauf. Ein jeder aber sehe zu, wie er darauf baut.

11 Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.

12 Wenn aber jemand auf den Grund baut Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh,

13 so wird das Werk eines jeden offenbar werden. Der Tag des Gerichts wird‘s klar machen; denn mit Feuer wird er sich offenbaren. Und von welcher Art eines jeden Werk ist, wird das Feuer erweisen.

14 Wird jemandes Werk bleiben, das er darauf gebaut hat, so wird er Lohn empfangen.

15 Wird aber jemandes Werk verbrennen, so wird er Schaden leiden; er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durchs Feuer hindurch.

Herr, dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Glaubensbekenntnis

Wir singen aus dem Lied 354 die ersten drei Strophen:

1. Ich habe nun den Grund gefunden, der meinen Anker ewig hält; wo anders als in Jesu Wunden? Da lag er vor der Zeit der Welt, der Grund, der unbeweglich steht, wenn Erd und Himmel untergeht.

2. Es ist das ewige Erbarmen, das alles Denken übersteigt; es sind die offnen Liebesarme des, der sich zu den Sündern neigt, dem allemal das Herze bricht, wir kommen oder kommen nicht.

3. Wir sollen nicht verloren werden, Gott will, uns soll geholfen sein; deswegen kam der Sohn auf Erden und nahm hernach den Himmel ein, deswegen klopft er für und für so stark an unsers Herzens Tür.

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde!

Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus. (1. Korinther 3, 11)

Um diesen Satz dreht sich alles in unserem Predigttext, den wir schon gehört haben. Unser erstes Lied hat dieses Bild aufgegriffen und sogar noch ausgeschmückt: Jesus ist ein Grundstein für unser Leben, der so fest und schön ist wie ein Diamant. Und es ist Jesus selbst, der aus diamantenen Steinen auf diesem Grundstein unseren Glauben aufbaut, denn er ist der „Herr der Geister“, er hat von Gott alle Macht im Himmel und auf Erden bekommen, er steht höher als die Engel im Himmel, die sich sogar vor ihm niederknien und ihn anbeten, so wie es auch auf unserem Fensterbild über dem Altar dargestellt ist.

Aber wie kann Jesus zugleich der Grundstein unseres Lebens sein und der Maurermeister, der darauf unseren Glauben aufbaut?

Wir dürfen nicht vergessen: All das ist bildliche Rede. Gemeint ist die Liebe, die von Gott ausgeht. Diese Liebe wurde leibhaftig spürbar in dem Juden Jesus, in dem Messias des Volkes Israel, durch den die Liebe des Vaters im Himmel zu allen Völker der Welt kommen sollte. Und als Jesus sterben musste, hinterließ er seinen Freundinnen und Freunden die feste Zusage (Matthäus 28, 20):

Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Ganz konkret lässt er uns das spüren, wenn wir zusammen das Abendmahl feiern. „Das ist mein Leib“, sagt er zu dem Brot, das wir essen. „Das ist mein Blut“, sagt er zu dem Kelch, den wir trinken. Gemeint ist aber nicht ein Zauber, durch den wir plötzlich die körperlichen Bestandteile Jesu in uns aufnehmen. Vielmehr werden wir selber, indem wir gemeinsam das Brot essen und aus dem Kelch trinken, zu einer Gemeinschaft zusammengefügt, die Paulus den Leib Christ nennt.

Wir alle sind Leib Christi, indem wir auf ihn vertrauen, auf dem Grund seiner Worte, seiner Liebe, unser Leben aufbauen. Wir alle können daher auch aneinander so handeln, als wären wir Jesus, nämlich dann, wenn wir einander die Liebe weitergeben, die Jesus uns geschenkt hat. So verstehe ich es, wenn Paulus sagt (1. Korinther 3, 9-10):

Wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau. Ich nach Gottes Gnade, die mir gegeben ist, habe den Grund gelegt als ein weiser Baumeister; ein anderer baut darauf.

Es ist also kein Widerspruch, wenn wir im Lied gesungen haben, dass Jesus der Baumeister ist, während hier Paulus sich sogar einen weisen Baumeister nennt. Er tut es im Auftrag und Namen Jesu, er tut es als Teil der Gemeinde Jesu, des Leibes Christi. Und ebenso folgerichtig können dann auch wir die Baumeister unseres eigenen Glaubens sein. Paulus traut uns zu, dabei eine gute Entscheidung zu treffen (1. Korinther 3, 10.12-13):

Ein jeder aber sehe zu, wie er darauf baut. Wenn aber jemand auf den Grund baut Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh, so wird das Werk eines jeden offenbar werden.

Die Grundlage unseres Glaubens ist uns geschenkt, bauen sollen wir selber darauf. Aber welche Materialien sind dafür angemessen?

Paulus spricht wieder in Bildern. Er findet es besser, mit Gold, Silber oder Diamanten zu bauen als mit Holz, Heu oder Stroh. Das zeigt schon: hier ist nicht von normalen Häusern die Rede. Denn wer baut schon ein Haus aus Gold, Silber oder Edelsteinen? Selbst die Schlösser von Königen sind hauptsächlich aus Steinen erbaut, und viele Menschen in der Welt leben, weil andere Baustoffe nicht verfügbar oder zu teuer sind, in Häusern aus Holz oder unter Dächern aus Stroh oder Reet.

Paulus spricht offenbar nicht von solchen realen Häusern. Sondern er geht davon aus, dass das Haus unseres Glaubens, unseres persönlichen Vertrauens auf Gott, auf eine harte Probe gestellt wird, wenn der Tag des Gerichts kommt. Dann wird das, was wir auf dem Grundstein gebaut haben, mit Feuer geprüft werden (1. Korinther 3, 14-15):

Wird jemandes Werk bleiben, das er darauf gebaut hat, so wird er Lohn empfangen. Wird aber jemandes Werk verbrennen, so wird er Schaden leiden; er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durchs Feuer hindurch.

So wird das Bild des Paulus plausibel. Edelmetalle und Edelsteine bleiben im Feuer erhalten, Holz, Heu oder Stroh verbrennen. Aber was konkret meint Paulus ohne Bild gesprochen mit diesen Baustoffen? Wenn man diese Worte einfach nur so hört, machen sie zunächst einmal nur Angst oder sie wirken schlicht unverständlich.

Wir können die Worte des Paulus aber auch anders hören. Nämlich als Ermutigung, uns nicht zu viele Sorgen zu machen, nicht zu viel um uns selber zu kreisen, nicht aus eigener Kraft uns retten zu wollen. Das alles ist so, als meinten wir, ein Gebilde aus Holz, Heu oder Stroh sei feuerbeständig. Stattdessen dürfen wir auf den diamantenen Grund, der Jesus selber ist, mit diamantenen Steinen bauen, im Klartext: Wir dürfen uns darauf verlassen, dass Jesus selbst uns für unseren Glauben die nötige Kraft gibt. Wir sind geliebt, wir sind wertvolle Menschen, Jesus traut uns genau das zu, was wir auch mit unseren kleinen Kräften schaffen können, und wenn das nicht reicht, dürfen wir um Hilfe bitten.

In dem Lied 354 von Johann Andreas Rothe, das diese Predigt umrahmt, wird diese Glaubens- und Lebenshaltung in überschwänglichen Worten erläutert. Vielleicht wird uns in diesen alten Worten klar, wie man korrekt auf dem diamantenen Grundstein Jesus aufbauen kann.

1. Ich habe nun den Grund gefunden, der meinen Anker ewig hält;
wo anders als in Jesu Wunden? Da lag er vor der Zeit der Welt,
der Grund, der unbeweglich steht, wenn Erd und Himmel untergeht.

Für einen unbefangenen Hörer oder Sänger dieser Liedstrophe wird zunächst alles noch verrückter. Jesu Wunden sollen der feste Grund sein, in dem sich unser Lebensanker festmachen kann? Diese Wunden soll es schon gegeben haben, als noch keine Schöpfung war, und sie sollen in alle Ewigkeit bestehen bleiben? Gemeint ist die Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen, die so groß ist, dass sich der Sohn Gottes, der diese Liebe auf der Erde verkörpert, sich sogar Wunden schlagen lässt, ohne sich dafür blutig zu rächen. Diese Feindesliebe Gottes zu seinen Geschöpfen besteht ewig, weil sie mit dem ewigen Wesen Gottes selber untrennbar verbunden ist.

2. Es ist das ewige Erbarmen, das alles Denken übersteigt;
es sind die offnen Liebesarme des, der sich zu den Sündern neigt,
dem allemal das Herze bricht, wir kommen oder kommen nicht.

Hier wird das Lied deutlicher: Es spricht vom ewigen Erbarmen Gottes, das für unseren Verstand unfassbar ist, von seinen Liebesarmen, mit denen er uns fehlerhafte Menschen trotzdem in den Arm nimmt, tröstet und ermutigt. Davon, dass jemanden das Herz gebrochen wird, sprechen wir in der Regel bei Liebeskummer; auch Gott hat Liebeskummer mit uns Menschen, aber er gibt uns nicht auf. Er wünscht sich, dass wir zu ihm, zu seiner Liebe, umkehren, und auf sie mit Liebe antworten; aber er lässt uns nicht einfach fallen, wenn wir nicht zu ihm kommen. Er wartet weiter mit unendlicher Geduld auf uns, er hört nicht auf, uns zuzutrauen, ein Leben im Vertrauen zu leben.

3. Wir sollen nicht verloren werden, Gott will, uns soll geholfen sein;
deswegen kam der Sohn auf Erden und nahm hernach den Himmel ein,
deswegen klopft er für und für so stark an unsers Herzens Tür.

So sehr bemüht sich Gott um uns Menschen! Gott will nicht unser Verderben, er will uns helfen. Darum wählt er den Menschen Jesus aus, um selber unter den Menschen seine eigene Liebe zu leben, um sozusagen auszuprobieren, ob das überhaupt geht. Scheinbar scheitert er, scheinbar ermordet man die Liebe Gottes am Kreuz, aber sie lässt sich nicht töten, sie überwindet den Tod, sie steht auf aus dem Grab. Indem Jesus auferweckt und in den Himmel Gottes aufgenommen wird, erobert Jesus mit seiner Liebe für uns Menschen sogar den Himmel und errettet uns aus jeder Hölle, die wir Menschen verdienen oder einander bereiten.

4. O Abgrund, welcher alle Sünden durch Christi Tod verschlungen hat!
Das heißt die Wunde recht verbinden, da findet kein Verdammen statt,
weil Christi Blut beständig schreit: Barmherzigkeit, Barmherzigkeit!

Die Liebe Gottes, die vollkommen in Jesus gelebt hat, ist wie ein Abgrund. Aber er ist nicht dunkel, sondern voller Licht, so dass er alle Sünden, alle Schlechtigkeit der Menschen, all unsere Trennung von Gott in sich aufnehmen und überwinden kann. So werden die Wunden unserer Seele verbunden, die wir uns selber schlagen, indem wir nicht auf Liebe vertrauen, indem wir uns selber oder anderen Menschen schaden. Weder andere Menschen noch wir selbst haben ein Recht, uns zu verdammen, weil Gott selber auf dieses Recht verzichtet. Denn er hört auf seinen Sohn, dessen Blut zum Himmel schreit, wie vor Urzeiten Abels Blut zum Himmel schrie, als sein Bruder Kain ihn getötet hatte. Damals sollte die Untat des Kain nicht verborgen bleiben, aber schon damals schrie das Blut Abels nicht nach Blutrache, musste Kain nicht die Todesstrafe erleiden, Gott verurteilte ihn zu einem Leben mit seiner Schuld, und mit dem kleinen Bruder von Kain und Abel, mit Seth, dem Setzling, setzte er ein Zeichen, dass die Welt doch eine Chance hat, im Gottvertrauen, in der Liebe, im Frieden zu leben. Mit Jesus setzt Gott diese Geschichte fort, er hört auf das himmelschreiende Blut Christi, das nicht um Rache, sondern um sein Erbarmen bittet.

5. Darein will ich mich gläubig senken, dem will ich mich getrost vertraun
und, wenn mich meine Sünden kränken, nur bald nach Gottes Herzen schaun;
da findet sich zu aller Zeit unendliche Barmherzigkeit.

In dieser Strophe werden Handlungsanweisungen gegeben. Zunächst wirken sie sehr passiv: Wir sollen uns in die Liebe Gottes versenken, mit der wir beschenkt werden, wir dürfen getrost auf Gott vertrauen, wir sollen hinschauen, welche unendliche Barmherzigkeit im Herzen Gottes zu finden ist. Aber nur scheinbar ist diese Haltung passiv. Denn Barmherzigkeit ist ja eine Haltung, die das ganze Leben verändert, auch den Umgang mit sich selbst und anderen Menschen. Wer selber nicht verdammt ist, muss auch andere nicht verdammen. Wer mit seinen Fehlern geliebt ist, der kann die Fehler überwinden und neu anfangen, und wenn ihm dazu Kräfte fehlen, kann er um die notwendige Hilfe bitten.

6. Wird alles andre weggerissen, was Seel und Leib erquicken kann,
darf ich von keinem Troste wissen und scheine völlig ausgetan,
ist die Errettung noch so weit: mir bleibet doch Barmherzigkeit.

Soll das wirklich wahr sein? Selbst in absoluter Verzweiflung, Trostlosigkeit und Hilflosigkeit bleibt uns doch Gottes Barmherzigkeit als Rettungsanker erhalten? Eine Formulierung spricht mich gerade in ihrer Fremdheit sehr an: wenn es mir vorkommt, als sei ich „völlig ausgetan“, bleibe ich trotzdem in Gottes Liebe getragen und geborgen. „Ausgetan“, das erinnert an das moderne „Burn-out“, an ein Ausbrennen aller Kräfte bis zu den letzten Reserven. Wer „ausgetan“ ist, kann nichts mehr tun, weil er sich vollkommen ver-aus-gabt hat. Von dieser Strophe können wir lernen, was Paulus meint, wenn er sagt (1. Korinther 3, 15):

Wird … jemandes Werk verbrennen, so wird er Schaden leiden; er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durchs Feuer hindurch.

Wo wir mit Holz, Heu oder Stroh unser Haus des Lebens aufgebaut haben, mit einer scheinbaren Stärke, die sich nicht auf ein gesundes Gott- und Selbstvertrauen gründen konnte, kann uns das alles entrissen werden, im Burn-out verbrennen. Wir können „völlig ausgetan“ sein, zu keinen Taten mehr fähig, auf die wir so gerne stolz sein würden. Doch durch Gottes Barmherzigkeit gehen wir trotzdem nicht verloren, auch wenn wir völlig kraftlos geworden sind. Die Lösung ist: anzuerkennen, dass unsere alten Kräfte, unser alter Stolz, die alten Baumaterialien unseres Lebens versagt haben. Das tut weh. Aber wir können es wagen, weil wir auf Barmherzigkeit hoffen dürfen. Neue Kräfte werden frei, wenn wir nicht mehr so stolz sein müssen, alles ohne Hilfe ganz allein schaffen zu wollen. Es mögen nur kleine Kräfte sein, aber sie sind wie Diamanten, die auch klein, aber viel wertvoller sind als Holz, Heu oder Stroh.

7. Bei diesem Grunde will ich bleiben, solange mich die Erde trägt;
das will ich denken, tun und treiben, solange sich ein Glied bewegt;
so sing ich einstens höchst erfreut: o Abgrund der Barmherzigkeit!

Unser Lied endet mit der Beschreibung eines sehr aktiven Lebens, das sich auf Gottes Liebe gründet und auf dem festen Boden von Gottes Erde getragen weiß: unser Denken und Danken, unser Tun und Treiben finden ihren Grund und ihr Ziel im wundervollen Abgrund der Barmherzigkeit. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Wir singen die letzten vier Strophen aus dem Lied 354, über die ich gepredigt habe:

4. O Abgrund, welcher alle Sünden durch Christi Tod verschlungen hat! Das heißt die Wunde recht verbinden, da findet kein Verdammen statt, weil Christi Blut beständig schreit: Barmherzigkeit, Barmherzigkeit!

5. Darein will ich mich gläubig senken, dem will ich mich getrost vertraun und, wenn mich meine Sünden kränken, nur bald nach Gottes Herzen schaun; da findet sich zu aller Zeit unendliche Barmherzigkeit.

6. Wird alles andre weggerissen, was Seel und Leib erquicken kann, darf ich von keinem Troste wissen und scheine völlig ausgetan, ist die Errettung noch so weit: mir bleibet doch Barmherzigkeit.

7. Bei diesem Grunde will ich bleiben, solange mich die Erde trägt; das will ich denken, tun und treiben, solange sich ein Glied bewegt; so sing ich einstens höchst erfreut: o Abgrund der Barmherzigkeit!

Im Abendmahl sind wir eingeladen, uns auf Gottes Barmherzigkeit einzulassen und uns zusammenschließen zu lassen im Leib Christi, in der Gemeinschaft unserer Kirche. Gott, nimm von uns, was uns von dir trennt: Unglauben, Lieblosigkeit, Verzagtheit. Hochmut, Trägheit, Lebenslügen. In der Stille bringen wir vor dich, was unsere Seele belastet:

Beichtstille

Wollt Ihr Gottes Treue und Vergebung annehmen, so sagt laut oder leise oder auch still im Herzen: Ja!

Auf euer aufrichtiges Bekenntnis spreche ich euch die Vergebung eurer Sünden zu – im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Der Herr sei mit euch. „Und mit deinem Geiste.“

Erhebet eure Herzen! „Wir erheben sie zum Herren.“

Lasset uns Dank sagen dem Herrn, unserem Gott. „Das ist würdig und recht.“

Würdig und recht ist es, Gott ernst zu nehmen als den der groß ist in seiner Güte und Freundlichkeit zu uns Menschen.

Würdig und recht ist es, uns selber anzunehmen als Menschen mit aufrechtem Gang, von Gott geliebt und verantwortlich für unser Leben. Zu dir rufen wir und preisen dich, Heiliger Gott:

Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth; alle Lande sind seiner Ehre voll. Hosianna in der Höhe. Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herrn. Hosianna in der Höhe.

Vater unser und Abendmahl

Jesus macht mit seiner Liebe unsere Seele satt. Nehmt und gebt weiter, was euch gegeben ist – den lebendigen Leib der Liebe Gottes.

Herumreichen des Korbs

Christus zerstört die Werke böser Mächte, indem er uns fähig macht zur Liebe. Nehmt hin den Kelch der Vergebung, des neuen Anfangs, der Versöhnung zwischen Gott und Mensch.

Austeilen der Kelche

Vertraue Gott, so wird er sich deiner annehmen; geh gerade Wege und hoffe auf ihn! (Sirach 2, 6)

Gehet hin im Frieden!

Gott, wir danken dir für deine Barmherzigkeit, die du uns schenkst in deinem Wort, im Heiligen Abendmahl, in der Liebe, die uns erfüllt und mit anderen zusammenschließt. Nun erhöre auch unsere Bitten:

Barmherziger Gott, lass uns neue Kräfte finden, wenn wir alle Kräfte verausgabt haben und wir uns völlig ausgetan fühlen. Schenke uns eine gesunde Selbstliebe, damit wir uns zutrauen, was du mit uns vorhast.

„Wir bitten dich, erhöre uns!“

Barmherziger Gott, lass uns wieder Halt finden, wenn wir die Orientierung im Leben verloren haben. Lass uns Hilfe suchen und finden, wenn wir resigniert oder zu stolz waren, um Hilfe zu bitten.

„Wir bitten dich, erhöre uns!“

Barmherziger Gott, insbesondere denken wir heute im Gebet an Herrn …, der im Alter von … Jahren gestorben ist. Wir sind dankbar für sein von Liebe und Erfolg erfülltes Leben und vertrauen ihn im Tode deiner ewigen Barmherzigkeit an. Begleite alle, die um ihn trauern, und schenke ihnen genug Kraft, um die Wege ihres Lebens zu gehen und alle Herausforderungen zu bewältigen.

„Wir bitten dich, erhöre uns!“

Barmherziger Gott, mach uns bereit, zu helfen, wo wir Geld und Kräfte übrig haben, mach uns mutig, davon zu sprechen, was unserem Leben Halt gibt, lass deine Kraft in uns Schwachen mächtig sein.

„Wir bitten dich, erhöre uns!“

Barmherziger Gott, du weißt, was wir denken, du kriegst mit, wenn wir verzweifeln und keinen Ausweg mehr wissen. Du wirst uns erhören, du hörst auch unsere stummen, unausgesprochenen Gebete, sie sind wie Schreie in deinen Ohren.

„Wir bitten dich, erhöre uns!“

Amen.

Wir singen das Lied 216:

Du hast uns Leib und Seel gespeist; nun gib uns, so zu leben, dass unser Glaub und Lieb dich preist, die uns dein Gnad will geben; dass durch dein Treu die Sünd uns reu, für die dein Sohn vergossen sein teures Blut, das uns zugut den Himmel hat erschlossen.

Abkündigungen

Empfangt Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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