Jesus, der Arzt

In diesem Abendgottesdienst werden als Einstieg Wartezimmergespräche belauscht. Dr. Walter Hermann nimmt Stellung zur Frage „Wie hilft ein Arzt?“ Und ich predige über eine Wunderheilung Jesu, die ich als Aufhänger für Wunder sehe, die überall geschehen können, wo Menschen auf Heilung hoffen, im Vertrauen auf Gott, in der Aufbietung aller ärztlichen Methoden, in der Mitarbeit eines Patienten an seiner Gesundung.

Ein vierteiliges Kirchenfenster stellt Jesus als Arzt dar für Blinde und Lahme, und als Freund der Frauen und Kinder

Jesus heilt einen Blinden (Foto des Kirchenfensters: pixabay.com)

direkt-predigtGottesdienst um halb 6 in Paulus am Sonntag, 31. Januar 2010, um 17.30 Uhr in der Pauluskirche Gießen

Guten Abend, liebe Gemeinde!

Zu einem besonderen Abendgottesdienst um halb 6 in Paulus mit dem Thema „Jesus, der Arzt“ begrüße ich alle herzlich in der Pauluskirche.

In der Zeitung stand, dass heute im Gottesdienst Wartezimmergespräche „belauscht“ werden sollen. Wir haben natürlich keine Abhörgeräte in Arztpraxen eingebaut, sondern hier in der Kirche haben alle einen Zettel bekommen; da kann man Sätze aufschreiben, die man schon einmal im Wartezimmer eines Arztes gehört oder selber gesagt hat. Die Stuhlreihe hier vorn sieht ein wenig nach Wartezimmer aus; hier werden wir nachher die Sätze von den Zetteln vorlesen, so dass wir einen Eindruck davon bekommen, womit sich Patienten bei einem Arztbesuch beschäftigen.

Herr Dr. Walter Hermann gibt danach Hinweise und zeigt Bilder zur Frage: „Wie hilft ein Arzt?“, und Herr Pfarrer Schütz geht in der Predigt auf die Art ein, in der Jesus als Arzt gewirkt hat.

Am Anfang singen wir aus dem Lied 320 die Strophen 1 bis 4 und 7:

1. Nun lasst uns Gott dem Herren Dank sagen und ihn ehren für alle seine Gaben, die wir empfangen haben.

2. Den Leib, die Seel, das Leben hat er allein uns geben; dieselben zu bewahren, tut er nie etwas sparen.

3. Nahrung gibt er dem Leibe; die Seele muss auch bleiben, wiewohl tödliche Wunden sind kommen von der Sünden.

4. Ein Arzt ist uns gegeben, der selber ist das Leben; Christus, für uns gestorben, der hat das Heil erworben.

7. Wir bitten deine Güte, wollst uns hinfort behüten, uns Große mit den Kleinen; du kannst’s nicht böse meinen.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. „Amen.“

Gott spricht zu seinem Volk, das auf ihn vertraut: „Ich bin der Herr, dein Arzt.“

Kommt, lasst uns Gott anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Was bedeutet das: „Ich bin der Herr, dein Arzt“? Blicken wir auf den Zusammenhang, in dem Gott diesen Satz sagt (2. Buch Mose – Exodus 15):

26 Wirst du der Stimme des HERRN, deines Gottes, gehorchen und tun, was recht ist vor ihm, und merken auf seine Gebote und halten alle seine Gesetze, so will ich dir keine der Krankheiten auferlegen, die ich den Ägyptern auferlegt habe; denn ich bin der HERR, dein Arzt.

Wir rufen zu Gott: Herr, erbarme dich unser! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Als man Jesus vorwarf, sich mit gesetzlosen Menschen, mit Zöllnern und Sündern, an einen Tisch zum Essen zu setzen, da sagte er (Markus 2):

17 Die Starken bedürfen keines Arztes, sondern die Kranken. Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende.

Der Herr sei mit euch! „Und mit deinem Geist!“

Barmherziger Gott, wir machen uns Gedanken über Krankheit und Gesundheit. Wenn wir krank sind, gehen wir zum Arzt. Aber nicht jede Krankheit kann geheilt werden. Was für ein Arzt bist du, Gott? Was für ein Arzt ist Jesus? Mach uns bewusst, welche Hilfe wir erwarten können. Das erbitten wir von dir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören aus dem Evangelium nach Johannes 9, 1-9, jetzt schon einmal die Geschichte, über die Herr Pfarrer Schütz nachher predigen wird:

1 Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war.

2 Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist?

3 Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm.

4 Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann.

5 Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.

6 Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden.

7 Und er sprach zu ihm: Geh zum Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.

8 Die Nachbarn nun und die, die ihn früher als Bettler gesehen hatten, sprachen: Ist das nicht der Mann, der dasaß und bettelte?

9 Einige sprachen: Er ist’s; andere: Nein, aber er ist ihm ähnlich. Er selbst aber sprach: Ich bin’s.

Herr, dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Wir singen aus dem Lied 303 die Strophen 1, 3, 6 und 8:

1. Lobe den Herren, o meine Seele! Ich will ihn loben bis in‘ Tod; weil ich noch Stunden auf Erden zähle, will ich lobsingen meinem Gott. Der Leib und Seel gegeben hat, werde gepriesen früh und spat. Halleluja, Halleluja.

3. Selig, ja selig ist der zu nennen, des Hilfe der Gott Jakobs ist, welcher vom Glauben sich nicht lässt trennen und hofft getrost auf Jesus Christ. Wer diesen Herrn zum Beistand hat, findet am besten Rat und Tat. Halleluja, Halleluja.

6. Sehende Augen gibt er den Blinden, erhebt, die tief gebeuget gehn; wo er kann einige Fromme finden, die lässt er seine Liebe sehn. Sein Aufsicht ist des Fremden Trutz, Witwen und Waisen hält er Schutz. Halleluja, Halleluja.

8. Rühmet, ihr Menschen, den hohen Namen des, der so große Wunder tut. Alles, was Odem hat, rufe Amen und bringe Lob mit frohem Mut. Ihr Kinder Gottes, lobt und preist Vater und Sohn und Heilgen Geist! Halleluja, Halleluja.

Auf die Geschichte, wie Jesus den Blinden heilt, komme ich später zurück. Vorher beschäftigen wir uns mit eigenen Geschichten, die sich zwischen Patient und Arzt abspielen.

Ich bitte die Konfirmanden: Sammelt jetzt die Zettel ein, auf denen Wartezimmersätze aufgeschrieben worden sind.

Wartezimmergespräch

(Frau Risken, Herr Hermann, Frau Engel und ich setzen uns auf die „Wartezimmerstühle“ neben dem Altar und lesen die Sätze; Dominik sitzt auf dem 5. Stuhl.)

Guten Tag! Ach, ist das wieder voll!

Wie geht es Ihnen?

Ich habe Schmerzen.

Das ist ein guter Arzt.

Hier schwirren ja lauter Bazillen rum.

Hoffentlich komme ich bald dran.

Haben Sie einen Termin?

Wie lange warten Sie schon?

Was haben Sie?

(Gespräche untereinander, Fragen nach dem Ergehen, aber meistens großes Schweigen.)

Der ist erst nach mir gekommen und ist schon dran.

Hoffentlich hat der Arzt mehr als 5 Minuten Zeit.

Ich kam gar nicht dazu, meine Fragen loszuwerden.

Weitgehend habe ich immer gesund und verantwortlich gelebt, und jetzt erwischt es mich doch so hart!

Jetzt hilft wohl nur noch Beten!

Gott ist der beste Arzt.

Ich bete für alle.

Heute dauert‛s aber lange!

Wann komme ich endlich dran?

Darf ich das Fenster schließen?

Ich wollte mal ein paar andere Gesichter sehen und hören, was es Neues gibt.

Nehmen Sie mich zuletzt dran, ich habe Handarbeit mitgebracht.

(Da ist meist Schweigen.)

(Ich habe noch nichts im Wartezimmer eines Arztes gehört.)

Wir singen das Lied 236:
Ohren gabst du mir, hören kann ich nicht

Aus dem Wartezimmer gehen wir ins Arztzimmer und befragen nun einen Arzt nach seiner Perspektive. Herr Dr. Walter Hermann, was können Sie uns zur Frage sagen: „Wie hilft ein Arzt?“

Eine Antwort darauf zu geben wäre fast anmaßend, da jeder Arzt hoffentlich seinen eigenen Weg hat, auf dem er helfen will. Es geht um Fragen und Themen, die uns bei der Vorbereitung zu diesem Gottesdienst, beim Lesen des Textes, den Sie gerade gehört haben, beschäftigten.

Jesus wirkte als großer Arzt

Über eine Vielzahl von Heilungen wird in den Evangelien berichtet. Wobei alle möglichen Arten von Erkrankungen geheilt werden – neben der im Text erwähnten Blindheit gibt es die berüchtigten „Aussätzigen“, welche möglicherweise an Lepra erkrankte Patienten waren, es gibt Blutungserkrankungen oder Patienten mit „Fallsucht“, bei denen wahrscheinlich eine Epilepsie bestand. Und es ist sicher kein Zufall, dass Albrecht Dürer direkt neben dem Jesuskind eine Person mit von Rheuma gezeichneten Händen dargestellt hat.

Doch was bedeutete es in biblischen Zeiten, chronisch krank zu sein? Medizinische Hilfe gab es nur in den seltensten Fällen. Krankheit hieß meist, ein chronisches Leiden ertragen zu müssen. Dazu kam oft eine Verarmung, der Zwang, betteln zu müssen. Soziale Netze, die einen auffangen konnten, fehlten meist. Und zusätzlich kam es in vielen Fällen zu einer Stigmatisierung, zu einer Isolierung der Erkrankten. Es bestand die Angst, sich zum Beispiel bei den Aussätzigen anzustecken. Und bis heute gibt es immer noch den Gedanken an die Schuld, die der Patient selbst an seiner Erkrankung hat. Im Text fragen die Jünger: Rabbi, wer hat gesündigt, dass er blind geboren worden ist.

Jesus war ein Wunderheiler.

Durch Berührung oder auch allein durch sein Wort gelang es ihm, Menschen aus ihrem Leiden zu erretten (zum Beispiel bei der Heilung von Leprakranken). Da unverändert chronische Erkrankungen die Menschen plagen und auch uns Ärzten oft nur enge Grenzen gesetzt sind, besteht bis heute ein Bedarf an Wunderheilern. Und immer wieder lesen wir von deren Erfolgen, die meist mit großem Brimborium und sehr spektakulär vermarktet werden. Rasputin ließ sich im Kreise einer großen Zahl von Anhängerinnen abbilden. Auch im Namen christlicher Gemeinschaften werden sogenannte Wunderheilungen oft in großer Zahl versprochen und immer wieder mit Spendenaufforderungen verknüpft.

Die Frage vieler Patienten: Warum bekomme gerade ich die Erkrankung? wird in der modernen Medizin erst einmal sehr rational beantwortet. Sie sehen hier ein Schema, das wir unseren Studenten zeigen, wenn es um die Frage nach der Ursache einer rheumatoiden Arthritis geht. Dies ist sicher eine mögliche Antwort auf diese Frage, aber es ist eben nicht DIE Antwort.

So sehen vielleicht auch Sie bei Ihren Arztbesuchen immer wieder eine Schwierigkeit: Der Arzt bespricht mit Ihnen rational das, was er über Studienergenisse gelernt hat, denkt vielleicht an sein Budget und ist im chronischen Zeitruck. Die Fragen, die man als Patient so hat, werden oft schon gar nicht gestellt oder nur unbefriedigend beantwortet.

Wie hilft ein Arzt?

Es gibt so viele Möglichkeiten, diese Frage zu beantworten, wie es Ärzte gibt. Wir sind leider KEINE Wunderheiler.

Krankheiten haben zwar immer wieder mit der Lebensführung zu tun, jedoch niemals mit Schuld.

Ich denke, zu den ärztlichen Grundtugenden sollte, trotz Budget und Zeitknappheit, gehören, dass man den Patienten zuhört, dass man auf das, was die Patienten mitbringen, eingeht. Und genau hier könnte auch Jesus als Arzt ein Vorbild für uns Ärzte sein.

So viel zum Verhältnis Arzt-Patient aus der Sicht des Wartezimmers und aus der Sicht des Arztes. Viel haben wir zusammengetragen zum Thema Krankheit. Mit all dem im Gepäck kehren wir zurück zu unserem Bibeltext und schauen uns an, was für ein Arzt dieser Jesus war und was wir von ihm lernen können im Blick auf unsere Fragen zum Thema Krankheit.

Zur Einstimmung auf die Predigt singen wir das Lied vom Liedblatt „Leg die Hand in die Hand“; die zweite und dritte Strophe handelt von Jesus, wie er Menschen gesund macht, und die dritte bezieht sich direkt auf unsere heutige Predigtgeschichte:

1. Leg die Hand in die Hand von dem Mann, der Stürme stillte.
Leg die Hand in die Hand von dem Mann, der dem Meer gab Ruh.
Sieh dich an, und du kannst auch die andern anders sehen als zuvor,
wenn du legst die Hand in die Hand von dem Mann aus Nazareth.

2. Als die Frau, die schon lange sich schmutzig und schuldig fühlte,
dennoch heimlich von hinten berührte Jesu Gewand,
da erschrak sie vor Liebe und wusste nicht, was ihr geschehen war:
Jesus sprach zu ihr: „Es ist gut, dein Vertrauen hat dich geheilt!“

2. Von dem Mann, der seit seiner Geburt nicht sehen konnte,
sagte Jesus: „Gott hat mit dem Blinden noch Großes vor.“
Jesus hilft ihm mit Erde und Spucke und schickt ihn zum Waschen weg.
Und da sieht er klar in die Welt, und man kennt ihn fast nicht mehr.

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde,

als ich die Predigt vorbereitete, wusste ich noch nicht, was hier im Wartezimmer gesagt werden würde, und auch was Herr Dr. Hermann uns vorgetragen hat, war mir nicht bekannt. Ich hoffe trotzdem, dass das, was ich nun über Jesus, den Arzt, erzähle, nicht einfach neben all dem anderen steht, sondern in gewisser Weise darauf antwortet, vielleicht aber auch neue Fragen aufwirft.

Wir haben gehört, was Patienten von Ärzten erwarten. Wir haben gehört, wie ein Arzt zu helfen versucht. Wie ist das mit Jesus? Auch er wird Arzt genannt. Wie hilft Jesus, der Arzt?

Zuerst ist festzuhalten: Jesus hat weder eine Festanstellung als Arzt noch hat er sich mit einer ärztlichen Praxis niedergelassen. Er handelt als Arzt im Vorübergehen (Johannes 9):

1 Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war.

Das hat etwas Zufälliges an sich; Jesus hilft den Menschen, denen er begegnet. Er ist eine Arzt Straßendoktor, der zu Leuten hingeht, die nie einen Arzt aufsuchen würden, weil sie entweder keine Hoffnung auf Hilfe oder kein Geld haben.

Aber halt – zunächst kann Jesus sich noch gar nicht um den Mann kümmern, denn seine Schüler benutzen den Anblick des Blinden, um eine theologische Frage an Jesus loszuwerden:

2 Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist?

Da steht sie im Raum, die große Warum-Frage, die vorhin auch im Wartezimmer laut geworden ist. Das heißt, so viel Zeit hat die Warum-Frage gar nicht, um im Raum stehen zu bleiben, denn die Jünger Jesu haben bereits eine Antwort parat, mit der sie die Frage vertreiben wollen. Irgendwer muss schuld sein, denken sie, es ist nur die Frage, wer, der Mann selber oder seine Eltern. Wusste Gott vorher schon, dass dieser Mensch sündigen würde, und seine Blindheit ist eine Strafe von Gott? Oder bestraft Gott Eltern, indem er ihr Kind leiden lässt?

Jesus gibt eine Antwort zum Nachdenken:

3 Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm.

Jesus tritt gegen einen hartnäckigen Glauben an, der tief auch noch in uns verwurzelt ist. Irgendwie möchten wir einem schweren Schicksal nicht machtlos ausgeliefert sein. „Womit habe ich das verdient?“, fragen sich dann viele. „Warum gerade ich?“ Oder man ist froh, dass man nicht selbst betroffen ist. „Mir kann das nicht passieren, ich lebe ja gesund.“ Sicher steigt das Risiko, krank zu werden, wenn man ungesund lebt. Wer schon als Kind viel zu viele Süßigkeiten, Kuchen und Junk Food isst, darf sich nicht wundern, wenn er schon als junger Erwachsener an Altersdiabetes erkrankt. Aber es gibt Krankheiten, Unfälle, Behinderungen, an denen niemand schuld ist.

Aber auch im Fall des von Geburt an blinden Mannes lässt Jesus die Frage: „Warum?“ nicht ganz unbeantwortet. Genau gesagt, beantwortet er die Frage: „Wozu?“ Also nicht die Frage nach der Ursache der Erblindung, sondern die Frage nach ihrem Sinn. „Es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm“, sagt Jesus.

Aber ist das nicht auch fragwürdig? Benutzt Gott ein menschliches Schicksal, um groß dazustehen? Für Jesus stellt sich diese Frage nicht; in seinen Augen ist Gott groß, Gott hat es nicht nötig, sich zur Schau zu stellen. Nein, Jesus stellt die Zukunft des Mannes in den Mittelpunkt. Er, den die Leute für gestraft halten, der zum Betteln gezwungen ist, soll eine neue Lebenschance erhalten. Jesus versucht also, die Blickrichtung der Jünger umzukehren: Schaut nicht auf die Vergangenheit dieses Menschen. Stempelt ihn nicht ab: Der ist behindert, der ist ein Bettler, der ist draußen, aus dem wird nie etwas! Und überhaupt: Wahrscheinlich ist er selbst dran schuld. Oder seine Eltern. Stattdessen: Schaut auf die Zukunft des Mannes, was aus ihm werden kann. Gott hat mit ihm mehr vor, als ihr ahnt. Er ist nicht draußen aus Gottes Reich. Gebt ihn nicht auf!

Dann gibt Jesus den Jüngern eine Zusatzlektion:

4 Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann.

Um seine Werke zu tun, braucht Gott uns als Mitarbeiter. Wir müssen Werke wirken, Heilsames tun, so dass es wirkt, dass es was bringt. Mit Kräften, die Gott uns schenkt, wirken wir Werke, die von Gott kommen.

Für dieses Wirken gibt es Gelegenheiten, die wir nicht verstreichen lassen sollten. Es kann irgendwann zu spät sein für einen Besuch, den wir lange aufgeschieben. Es gibt Nächte, in der keine Hilfe einen Verzweifelten erreicht. Jesus selbst erlebte am Karfreitag eine solche Nacht, in der er sich sogar von Gott verlassen fühlte.

Im „Team halb 6“ haben wir bei der Vorbereitung diesen Satz hilfreich gefunden. Jesus warnt vor falschen Hoffnungen auf Heilung. Wer verspricht, dass jede Krankheit hier auf Erden geheilt wird, jeder Blinde wieder sehen kann, jeder Gehörlose hören kann, der ist ein Scharlatan. Es gibt in einer Welt voller Sünde, also voller Menschen, die das Ziel ihres Lebens verfehlen, auch ungewirkte Werke, Dunkelheit, die bleibt, Rätsel, die nicht gelöst werden.

Doch dann sagt Jesus:

5 Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.

Das klingt, als ob mit dem Tod Jesu das Licht aus der Welt verschwunden wäre. Andererseits sagt Jesus auch im letzten Vers des Evangeliums nach Matthäus 28, 20:

Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Solange wir also unser Vertrauen auf Gott, auf Jesus nicht verlieren, ist das Licht aus der Welt nie ganz verschwunden. Und selbst wenn alles sich verfinstert, etwa zwischen Karfreitag und Ostern, wenn Menschen aus Blindheit für Gottes Güte vor keiner Schandtat zurückschrecken und sogar den Sohn Gottes töten, dann kann Gott dieses Licht neu anzünden, es aus dem Tode erwecken.

Nach dieser Lehrstunde für die Jünger arbeitet Jesus ganz konkret als Arzt (Johannes 9):

6 Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden.

Jesus bereitet eine Art Heilerde zu, indem er seine Spucke mit Erde vermischt. Eine handfeste Heilmethode, die mich an Salben und Fangopackungen erinnert. Das mit der Spucke kommt mir schon merkwürdig vor; immerhin soll im Speichel ein körpereigenes Schmerzmittel stecken. Jesus heilt mit ganzem Einsatz, er spuckt, er berührt, und der Blinde lässt es mit sich geschehen, er vertraut diesem Jesus und fühlt sich nicht etwa belästigt oder angespuckt.

Außerdem gibt Jesus dem Patienten eine ärztliche Anweisung, eine Art Rezept:

7 Und er sprach zu ihm: Geh zum Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich!

Therapeutische Bäder und Waschungen kennen wir auch heute. Ich weiß nicht, ob es auch Erblindungen gibt, die mit Verkrustungen der Augen oder mangelnder Hygiene zu tun haben; wie auch immer, um geheilt zu werden, muss dieser Mann auch selber etwas tun. Jesus stellt nicht sich selbst in den Mittelpunkt, sondern sein ärztliches Handeln kommt erst zum Ziel durch die Mitarbeit des Patienten. Seine eigenen Heilungskräfte wollen geweckt werden. Auch heute kann ein Arzt noch so gute Medikamente aufschreiben; wenn wir sie ohne Rücksprache absetzen, kann die Therapie nicht wirken.

Der Teich, zu dem Jesus den Blinden schickt, trägt einen Namen, der zeigt, um was es hier geht: Siloah, „gesandt“. Hier wird einer ausgesandt, um wieder am Leben in der Welt teilnehmen zu können, vielleicht die Botschaft von dieser Heilung zu erzählen. Alles unter einer Voraussetzung: Wenn er sich senden lässt, wenn er seine Augen wirklich wäscht.

Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.

Mich beeindruckt, wie nüchtern die Bibel eine so wunderbare Heilung beschreibt. Jesus vollzieht kein Zauberritual, murmelt keine Beschwörungsformeln. Eine wunderbare Heilung, die wir so nicht einfach wiederholen können, geschieht fast wie nebenbei. Für frühere Generationen stellte das überhaupt kein Problem dar. Jesus ist Gottes Sohn, der kann so etwas. Punkt.

Die Frage ist: was fangen wir heute mit einer solchen Geschichte an? Konnten Gottes Werke doch nur durch Jesus gewirkt werden, weil er übernatürliche Kräfte hatte? Ich sehe das unerklärliche Wunder in der Geschichte als Aufhänger für Wunder, die überall geschehen können, wo Menschen auf Heilung hoffen, im Vertrauen auf Gott, in der Aufbietung aller ärztlichen Methoden, in der Mitarbeit eines Patienten an seiner Gesundung. Ginge es um Zauberei und nicht um einen Heilungsprozess im Zusammenwirken von Arzt und Patient, dann hätte der Evangelist Johannes nicht so ausführlich geschildert, was Jesus tut und was er seinem Patienten aufträgt.

Der vormals blinde Mann kann sehen, aber auf einmal haben die Menschen, die ihn kannten, Schwierigkeiten, ihn zu sehen, zu erkennen:

8 Die Nachbarn nun und die, die ihn früher als Bettler gesehen hatten, sprachen: Ist das nicht der Mann, der dasaß und bettelte?

Ein Heilungsprozess verändert einen Menschen. Nicht nur ein Organ wird gesund, der ganze Mensch wird ein anderer. Dieser Mann muss nicht mehr nur dasitzen und betteln, er kann arbeiten. Er begegnet seiner Umwelt anders, eventuell selbstbewusster, vielleicht auch zuerst mit großer Unsicherheit.

9 Einige sprachen: Er ist’s; andere: Nein, aber er ist ihm ähnlich. Er selbst aber sprach: Ich bin’s.

Einige denken, einen ganz anderen vor sich zu haben. Das kann bedrohlich sein: Seelisch kranke Menschen erleben es manchmal, dass sie innerlich wachsen und reifen, aber die anderen in ihrem Umfeld kommen damit nicht zurecht. Sie zeigen mehr von ihren Gefühlen, werden selbstbewusster, ecken vielleicht damit an. Hier ist es ähnlich: Der Mann, der endlich sehen kann, hat auch für sich selbst den Durchblick: „Ich bin‛s!“ Er steht selbstbewusst zu seinem neuen Ich, zu seinem Leben als sehender Mensch.

Wunderbares Heilwerden ist auch heute möglich, in der Regel ohne die übernatürliche Heilung von Organen. Blinde Menschen, die zu unserer Gemeinde gehören, würden sich sicher wünschen, mit ihren Augen sehen zu können. Dieses Wunder können wir ihnen nicht versprechen. Aber Heilung kann auch darin bestehen, selbstbewusst sein Leben mit der Blindheit zu meistern, zu einer Gemeinschaft dazuzugehören, Arbeit zu finden, Glück in der Liebe zu erfahren. Blinde Menschen, die ich kenne, sprechen selbstverständlich davon, dass man sich sieht, im Sinne von: sich begegnen, einander wahrnehmen, miteinander Kontakt aufnehmen. Sie lesen mit den Fingern Emails, während ein MP2-Player ihre Ohren mit ihrer Lieblingsmusik beschallt. An der Fachhochschule gibt es einige blinde Studierende, von denen bald in dieser Kirche zwei einander heiraten werden. Einmal saß ich im Bus und redete mit jemandem, da sprach mich von hinten eine blinde Frau an: „Sind Sie das, Herr Schütz?“ Es ist schon ein besonderes Erlebnis, wenn ich die blinde Frau übersehe, sie mich aber einfach an meiner Stimme erkennt.

Und was ist mit Krankheiten, die vielleicht schon bald zum Tode führen? Auch da stellen wir die Warum-Frage. Und auch da würde Jesus die Antwort der Jünger abwehren: Eine Strafe Gottes? Diese Antwort ist immer zu einfach. Das „Warum“ klären zu wollen, führt nicht weiter. Aber das „Wozu“ ist wichtig. Die Zukunft. Was hat Gott mit mir vor? Worauf konzentriere ich mich? Was ist mir wichtig? Woher nehme ich die Kraft zum Kämpfen? Wann brauche ich die Kraft zum Loslassen? Brauche ich meine Ruhe oder Hilfe von außen? Im Vertrauen auf Jesus, den Arzt, der den Tod überwand, dürfen wir sagen, dass wir Heilung unserer Ängste und unserer Verzweiflung auch dort erhoffen und erbitten können, wo menschliche ärztliche Hilfe nur noch Schmerzen lindern kann.

Jesus, der Arzt, heilt durch dreifaches Vertrauen: das Vertrauen auf ärztliches und pflegerisches Handeln, das Selbstvertrauen des Patienten, das manchmal erst geweckt werden muss, und in dem allen das Vertrauen auf Gott, der mit jedem Menschen Großes vor hat, hier und in der Ewigkeit. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Wir singen das Lied 383 aus der Sicht eines Kranken, der gesund geworden ist:

Herr, du hast mich angerührt. Lange lag ich krank danieder
Fürbitten:

Vater im Himmel und unser Herr Jesus Christus, wir kommen zu Dir mit unserer Bitte:

Gib allen alten und kranken Menschen die Kraft, ihr Leben, so wie es ist, mit allen Nöten und Lasten anzunehmen!

Gib all den Menschen, die im Dunkeln sind, sich einsam und verlassen fühlen ein Licht, das ihren Lebensweg wieder erhellt!

Gib all denen Kraft und Mut, die andere Menschen, die Hilfe brauchen, unterstützen und ihnen beistehen um ein gutes Wort zu geben oder eine Gute Tat zu tun, wo es erforderlich ist!

Barmherziger Gott, wir bitten dich für Menschen, die mit Behinderung und Belastungen leben müssen, für Menschen, deren Krankheit zum Tod führen kann, und für die Menschen, die gestorben sind und deren Tod uns nahe geht. Ganz besonders beten wir heute für Herrn Anton Roppert, der im Alter von 79 Jahren gestorben ist und den wir in der vergangenen Woche kirchlich bestattet haben. Nimm ihn mit Ehren an in deinem himmlischen Reich und begleite die Angehörigen mit deinem Trost.

In der Stille bringen wir vor Gott, was wir persönlich auf dem Herzen haben:

Gebetsstille und Vater unser

Wir singen das Lied vom Liedblatt:

Friede und Licht auf dem verlornen Gesicht, das bist du, wenn du kommst
Abkündigungen

Empfangt Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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