Eine neue Sprache lernen

Mit dem Turm zu Babel wird auch der Versuch der Menschheit zerstört, sich mit einer Welteinheitssprache selbst einen Namen zu machen. An Pfingsten lehrt Gott diejenigen, die auf ihn hören, eine neue Sprache zu sprechen…

Eine neue Sprache lernen die Menschen an Pfingsten - die Sprache der Liebe - hier die Buchstaben des Wortes "L O V E" in Gebärdensprache

Gott lehrt die Menschen die Sprache der Liebe zu sprechen (Bild: OpenClipart-Vectors – pixabay.com)

Andacht zur Sitzung des Kirchenvorstands der evangelischen Paulusgemeinde Gießen am 14. Juni 2011

Liebe KV-Mitglieder, im Pfingstgottesdienst hatte ich unter anderem die Sprachenvielfalt in unserer Kita erwähnt, 17 Muttersprachen werden ja zur Zeit in den Herkunftsfamilien der Kinder gesprochen, und ich bin darauf gestoßen, was in der Geschichte vom Turmbau zu Babel über die Sprachverwirrung steht. Ich zitiere nur einen Teil des Textes aus dem 1. Buch Mose – Genesis 11:

1 Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache.

2 [Die Menschen zogen] nach Osten … und wohnten daselbst.

3 Und sie sprachen untereinander: …

4 … Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder.

6 Und der HERR sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen, und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun.

7 Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe!

8 So zerstreute sie der HERR von dort in alle Länder, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen.

Was mir an diesem Text ganz neu auffiel: Gott findet eine Welteinheitssprache gar nicht uneingeschränkt toll. Eine Welteinheitsmenschheit mit einer einzigen Sprache wäre nur wünschenswert, wenn sie nicht darauf aus wäre, sich selbst einen Namen zu machen. Der Name spielt in der Bibel immer eine Rolle, wenn es um Macht geht, um die Frage: Wer setzt sich durch, wer wird unterdrückt, wer lässt wem Freiheit oder eben auch nicht, wer stellt Regeln und Gesetze auf, und wer muss sich daran halten. Letzten Ende will eine Menschheit, die sich selbst einen Namen machen will, sich selbst an die Stelle Gottes setzen, ohne Rücksicht auf Gott, Mitmenschen und Umwelt alles unterwerfen, was es gibt, alles ausbeuten, ausnutzen, bis hin zum Wegwerfmenschen und zur Wegwerfumwelt.

Und jetzt kommt Pfingsten: Als die Jüngerinnen und Jünger durch den Heiligen Geist auf die Straßen von Jerusalem getrieben werden und von den Menschen aus aller Herren Länder verstanden werden, da haben sie keine neue Welteinheits­sprache geschaffen, sondern sie werden verstanden, weil sie nicht sich selbst einen Namen machen wollen, sondern den Namen Gottes verkünden. Den Namen eines Gottes, der befreit, der Frieden will zwischen den Völkern, an dessen Gebote sich alle halten müssen, Arme und Reiche. Pfingsten zielt darauf, dass einer wieder des anderen Sprache verstehe, indem Menschen die Sprache der Liebe und des Friedens lernen.

An Pfingsten las ich dann zufällig ein Zitat eines jüdischen Rabbiners aus Amerika, Irving Greenberg, der im Jahr 1988 das Buch „The Jewish Way. Living The Holidays“ geschrieben hat. Das heißt übersetzt so viel wie: „Der jüdische Weg besteht darin, die heiligen Tage zu leben, das Leben als Fest zu verstehen und zu feiern.“ In diesem Buch machte dieser Rabbi deutlich: Er glaubt fest daran, dass Gott einen festen und unverbrüchlichen Bund mit den Juden geschlossen hat. Aber dieser Bund ist nicht der einzige, den Gott mit den Menschen schließt. Greenberg entwickelt das Konzept eines „Offenen Bundes“, und damit meint er:

„Dieser Bund [Gottes mit Israel] ist potentiell Modell für eine absolute Verpflichtung, die nicht die Gültigkeit anderer Verpflichtungen und Religionen verneint. Er ist ein Modell von gewaltiger Bedeutung in einem Jahrhundert, das durch Wachstum an Kommunikation und Macht eine einheitliche Welt geschaffen hat, in der man die Absolutheiten durch Pluralismus versöhnen oder einen völligen Zusammenprall oder eine Zerstörung riskieren muss.“ (S. 71)

Ich verstehe dieses Zitat so: Auch die religiösen Sprechweisen über Gott dürfen sich selber nicht absolut setzen. Wir als Christen dürfen selbstbewusst unseren Glauben vertreten, von dem wir überzeugt sind, und zugleich uns bewusst sein, dass der Bund Gottes mit den Juden nicht hinfällig geworden ist und dass Gott einen weiteren Bund mit den Söhnen Ismaels geschlossen hat, mit denen wir im Frieden leben sollen. Der Weg des Gesprächs ist schwierig, auf diesem Weg gibt es Stolpersteine, es bleiben Konflikte und Gegensätze bestehen, aber es gibt keinen anderen Weg als den des Dialogs, um in unserer Welt, in der keiner dem anderen aus dem Weg gehen kann, den Frieden zu bewahren bzw. zu erreichen.

Lied 625: Wir strecken uns nach dir

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