Missbrauchtes Vertrauen

Sexueller Missbrauch als Herausforderung an Seelsorge, Kirche und Bibelauslegung.

Cover des Buches "Missbrauchtes Vertrauen"Lesung von Pfarrer Helmut Schütz in der Alphabuchhandlung Gießen

Zunächst einige Worte zu meiner Person. Ich bin seit fast 32 Jahren Pfarrer der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, davon zehn Jahre als Gemeindepfarrer in der Wetterau, weitere zehn Jahre als Klinikseelsorger in der Psychiatrie in Alzey/Rheinhessen, und seit zwölf Jahren in der Evangelischen Paulusgemeinde hier in Gießen. Das Buch „Missbrauchtes Vertrauen“ ist das Ergebnis eines Studienurlaubs, den ich vor 15 Jahren während meiner Zeit in der Klinikseelsorge in Anspruch nahm.

Wenn Sie sich wundern, dass ich mein Buch nicht die ganze Zeit in der Hand halte: Ich fand es praktischer, mir die Texte, die ich aus meinem Buch lese, aus der Online-Ausgabe herauszukopieren, da ich manchmal nur Teile aus Abschnitten auswähle, und das Blättern und Suchen zu viel Zeit kosten würde.

Da ich die Online-Ausgabe erwähne, möchte ich gleich vorausschicken, dass diese Veranstaltung nur ganz am Rande auch eine Werbung für mein Buch ist. Wem das Buch zu teuer ist, kann es gern auch im Internet auf der Seite bibelwelt.de online lesen; mir geht es heute wirklich nur darum, auf das Thema und den Inhalt meines Buches aufmerksam zu machen.

Aus vier Kapiteln meines Buches möchte ich lesen. Aus der Einleitung: „Wie sich ein Thema mich aussuchte“, und aus den Kapiteln „Welche Nähe brauchen Kinder und Jugendliche“, „Stark und schwach sein dürfen“ und „Christliche Familien und Gemeinden als Tatort oder Zuflucht“.

Wie sich ein Thema mich aussuchte

Wie kam ich als Pfarrer dazu, mir für einen dreimonatigen Studienurlaub ausgerechnet ein Thema auszusuchen, in dem es um den sexuellen Missbrauch geht? Die Antwort ist: Es war umgekehrt – das Thema suchte sich mich aus. In [damals] siebzehn Dienstjahren als Gemeindepfarrer und als Krankenhausseelsorger vertrauten sich mir immer wieder Frauen an, die unter sexuellen Übergriffen gelitten hatten, gelegentlich auch ein männliches Opfer und in einem Fall ein Täter. Hier nur einige Beispiele:

1) Als junger Gemeindepfarrer werde ich zum ersten Mal mit dem Thema des sexuellen Missbrauchs konfrontiert. Ein siebzehnjähriges Mädchen aus der evangelischen Jugendgruppe vertraut mir an, dass ihr Großvater sich oft vor ihr entblößt und sie aufgefordert habe, seinen Penis zu manipulieren.

3) Im Bibelkreis, der … in der psychiatrischen Klinik stattfindet, geht es um die Geschichte vom Verlorenen Sohn…, der vom Vater liebevoll in die Arme genommen wird. Wir sprechen darüber, wie verschieden Väter sein können – verstoßend oder verlässlich, strafend oder ermutigend, missbrauchend oder schützend. Eine Frau … erzählt auf einmal, wie sie als Kind von einem Verwandten missbraucht wurde und sich nicht ihren Eltern anzuvertrauen wagte, aus Angst, ihr Vater würde den Mann erschlagen.

4) Auf einer Suchtstation fragt mich ein Patient, ob Gott alles vergeben könne. Er habe sich vor Jahren an seiner Stieftochter sexuell vergangen. Ich denke, dass Gott dem vergibt, der ehrlich bereut und zur Umkehr bereit ist, und frage ihn, ob er sich überhaupt darüber bewusst ist, was er dem Mädchen damit angetan hat. Er meint, das habe sie mittlerweile längst vergessen, sie würde nach wie vor an ihm hängen. Auf ein … Gespräch darüber will er sich … nicht einlassen, und er bricht den Kontakt ab.

5) Bei einem Beerdigungsgespräch vertraut mir der Sohn des Verstorbenen an, dass sein Gemeindepfarrer „die Finger nicht von den Konfirmanden lassen konnte”.

6) Im Gemeindepfarramt meldet sich die Polizei am Telefon. Streifenbeamte haben ein junges Mädchen aufgegriffen. Sie hat einen Selbstmordversuch hinter sich und möchte auf keinen Fall, dass ihre Eltern verständigt werden. Ob ich wohl mit ihr reden könne, sie kenne mich von einer Veranstaltung der Kirchengemeinde her. Viel später vertraut sie mir an, dass sie bereits als Kind von Familienangehörigen jahrelang missbraucht wurde.

7) Am Krankenbett im Kreiskrankenhaus. Eine ältere Frau schimpft auf die Kirche. Ich höre mir lange ihre Vorwürfe an. Schließlich erzählt sie, wie sie als Kind von ihrer Mutter missbraucht wurde und sich um Hilfe an den Pfarrer wandte. Der Pfarrer glaubte nicht ihr, sondern hielt zur Mutter. Viel später versuchte sie wieder einmal, ihr Herz bei einem Pfarrer auszuschütten. Er meinte, sie solle doch nicht nur klagen, und wollte sie mit dem Spruch trösten: „Wen Gott lieb hat, den züchtigt er”. Ob ich wohl verstehen könne, dass sie mit der Kirche nichts mehr zu tun haben wolle?

8) Eine Konfirmandin fasst Vertrauen zu ihrem Gemeindepfarrer. Er ist ein Kumpel für die jungen Leute, alle dürfen ihn duzen, er bietet … Jugendveranstaltungen an. Auf einer Disco tanzt die Konfirmandin mit dem Pfarrer und sucht seine Nähe, da sie zu Hause außer Misshandlungen und Missbrauch keine Zuwendung erfährt. Der Pfarrer vergreift sich zweimal sexuell an dem Mädchen. Sie schweigt, weil sie denkt, dass sie ja auch den Pfarrer „angemacht” hat. … Zwanzig Jahre später erzählt sie mir davon in einem Seelsorgegespräch.

Solche Erfahrungen veranlassten mich dazu, für meinen Studienurlaub das Thema auszuwählen: „Frauen, die als Kinder von ihrem Vater sexuell missbraucht wurden, erwarten von mir als männlichen Seelsorger Hilfe – wie gehe ich damit um?”

So viel zur Einleitung. Jetzt möchte ich Sie verschonen mit Definitionen von sexuellem Missbrauch und meiner Auseinandersetzung mit Sigmund Freud. Um zu zeigen, dass es nicht mein Ziel ist, alle Väter als potentielle Missbraucher an den Pranger zu stellen, lese ich aus dem Kapitel „Welche Nähe brauchen Kinder und Jugendliche?“, und zwar auch von ihren Vätern. Der Abschnitt lautet:

Wertschätzung der sexuellen Identität der eigenen Kinder

… Vielen Eltern, besonders Vätern gegenüber ihren Töchtern, fällt es schwer, auf ihre Kinder auch in der Entwicklung ihres sexuellen Reifens und Fühlens angemessen zu reagieren. Ich kannte eine Patientin, deren Vater mit dem Beginn ihrer Pubertät plötzlich aufhörte, mit ihr zu schmusen und sie in den Arm zu nehmen, wodurch sie sich sehr verletzt fühlte und was sie sich nicht erklären konnte. Es ist leicht zu verstehen, dass sie später in vielen wahllosen Beziehungen zu Männern Liebe und Bestätigung gesucht hat, allerdings stattdessen immer nur enttäuscht oder vergewaltigt wurde.

In dieser Phase brauchen Jugendliche Klarheit über ihre eigenen sexuellen Gefühle, dass sie normal und gut sind, auch wenn sie sie nicht in die Tat umsetzen können. Dazu finde ich bei Rita und Blair Justice einen lesenswerten Abschnitt: „In jeder Phase der psychosexuellen Entwicklung des Kindes muss sie lernen, dass es zum Menschen dazugehört, sexuelle Gefühle zu haben, auch gegenüber ihrem Vater. Gefühle sind nicht richtig oder falsch, sie sind einfach da, um angenommen und verstanden zu werden. Gefühle in die Tat umzusetzen, ist etwas völlig anderes. Den Unterschied zwischen Gefühlen und Handlungen zu begreifen, ist eine der Hauptaufgaben des Kindes, und dazu braucht es beständige Unterstützung durch die Eltern”.

Umgekehrt müssen sich die Heranwachsenden auch über die Gefühle und die Wertschätzung der Erwachsenen ihnen gegenüber im Klaren sein können. …

… es gibt … väterliche und mütterliche Blicke auf die heranwachsenden Töchter in der Pubertät, die das Mädchen nicht zum Sexualobjekt machen, sondern in denen sich die Tochter sozusagen als eigenes Subjekt, als in ihrer Eigenart und Selbstverantwortlichkeit anerkannt und geliebt erkennen kann.

In diesem Sinne möchten … Brenda Bary und Ron Ohlson Väter dazu ermutigen, ihre Tochter wertschätzend wahrzunehmen: „Der Vater braucht Ermutigung, um die hervortretende Schönheit, Weiblichkeit und Sexualität seiner Tochter zu würdigen und dabei weder ihre Grenzen zu überschreiten noch sich zu stark zurückzuziehen. Der Vater braucht selber Klarheit darüber und kann auch seiner Tochter nonverbal signalisieren, dass sie für ihn sexuell und körperlich attraktiv ist und dass er gleichzeitig sein Verhalten steuern kann, so dass er mit ihr unter keinen Umständen sexuell aktiv werden wird. Außerdem muss er klar zum Ausdruck bringen, dass er die Verantwortung für die Beziehung zur Tochter trägt, so dass sie sich sicher und beschützt fühlen kann. Er wird das in der Weise tun, indem er in allen Bereichen deutlich macht, dass er Gefühle hat, sich aber von diesen Gefühlen nicht zu impulsiven Handlungen hinreißen lässt. Wenn das gesichert ist, kann der Vater seiner Tochter Komplimente über ihr Aussehen oder über ihre Gedanken und Gefühle machen, ohne die Furcht, sexuelle Impulse auszuleben, und ohne die Notwendigkeit, sich wegen der zutagetretenden Wünsche der Tochter, in ihrer Sexualität gewürdigt zu werden, zurückzuziehen”.

„Außerdem ist es gut”, so Bary und Ohlson, „wenn Vater und Mutter auch mit ihren Gefühlen zueinander offen umgehen und auf allen Ebenen klarstellen, dass sexuelle Befriedigung und Erfüllung und sexuelle Ausdrucksformen im Vater-Mutter-System ihren Platz haben und im Vater-Tochter-System nicht zur Verfügung stehen. Schließlich soll die Mutter auf die eigenen Schutzbedürfnisse und Rivalitätsgefühle achtgeben, so dass sie in wirksamer Weise das Wachstum und die Entwicklung ihrer Tochter fördern und würdigen kann”.

Und was brauchen Söhne? Auch sie brauchen Wertschätzung in ihrer heranreifenden Männlichkeit. Eine Mutter, die Zurückhaltung oder Angst empfindet gegenüber dem Mann-Sein ihres Sohnes, erschwert ihm möglicherweise den Zugang zu seiner männlichen Potenz oder unterstützt unbewusst eine Haltung, die Männlichkeit mit Draufgängertum und Rücksichtslosigkeit gleichsetzt. Ein Junge braucht die Anerkennung, dass seine Männlichkeit gut ist, gerade indem er sie nicht gegen das Weibliche oder gegen die Frauen verteidigen, beweisen oder durchsetzen muss. Und es ist gut, wenn ein Vater dem Jungen vorlebt, dass es sich durchaus mit dem Mann-Sein verträgt, Gefühle zu zeigen, Nähe auch nicht-sexueller Art zu brauchen und zu geben und nicht immer im äußeren Sinne stark sein zu müssen. …

Beide Elternteile, Mutter und Vater, tragen eine große Verantwortung für ihre Kinder, Töchter wie Söhne, nicht nur, indem sie sich ganz selbstverständlich der Ausnutzung der Kinder für egoistische Interessen enthalten, sondern indem sie ihnen das Kostbarste schenken, was Menschen schenken können: liebevolle Nähe, die es den Kindern erlaubt, erwachsen zu werden als denkende, fühlende und Verantwortung tragende Menschen.

So viel zu dem, was Kinder und Jugendliche brauchen. Wenn Kinder Missbrauch, Demütigung oder andere Formen von Gewalt in der Familie oder anderswo erfahren, dann halten sie oft ihre eigenen Gefühle und Wünsche für falsch, für verboten. Ein Kapitel in meinem Buch heißt daher: „Den Zugang zum Fühlen wiederfinden“, und dazu gehört vor allem das, was ich in einem weiteren Kapitel so umschrieben habe:

Stark und schwach sein dürfen

Die Frage, ob man fühlen darf, was man fühlt, stellt sich oft als die Frage danach, ob man immer stark sein muss oder sich auch einmal „gehen oder hängen lassen“ darf, ob man sich schwach oder schlecht fühlen darf oder sich immer „zusammenreißen“ und „die Zähne zusammenbeißen muss“. Vielfach versteht man Stärke als Unabhängigkeit von Gefühlen oder willensmäßige Überwindung von Gefühlsimpulsen, man bleibt cool und bewahrt zumindest äußerlich Haltung. Gerade Missbrauchsopfer neigen häufig zu dieser Art von Stärke, da ihnen Gefühle ja entweder verboten sind oder zu viel Angst auslösen. …

In einer Missbrauchsbeziehung sind die Generationsgrenzen durchbrochen worden, die Rollen zwischen Eltern und Kindern wurden vertauscht. Das Kind übernimmt zwangsläufig ein Stück erwachsene Verantwortung für den erwachsenen „Partner“, d. h. im Grunde für den Anteil des Erwachsenen, der ein Kind geblieben ist, da er seiner erwachsenen Verantwortung nicht gerecht geworden ist. Die natürliche Eltern-Kind-Symbiose, die im Laufe des Sozialisationsprozesses normalerweise Schritt für Schritt aufgelöst wird, so dass das Kind sein Kindsein entsprechend der Altersstufe auslebt und zugleich immer mehr Kompetenzen für sein Selbständig- und Erwachsenwerden erwirbt, wird hier auf den Kopf gestellt: Je früher das Kind missbraucht wurde, desto tiefgreifender ist das Verbot, ein Kind zu sein, kindlich zu fühlen und kindliche Bedürfnisse zu haben, und desto überfordernder ist das Gefühl: Ich bin schon groß und muss es sein! …

Ich leite über zu einem weiteren Abschnitt aus diesem Kapitel. Wer Gewalt erfahren hat, greift oft zu radikalen Mitteln, um seine eigene Stärke aufrechtzuerhalten und komme zum Extremfall:

Selbstfürsorge durch Selbstschädigung

[Der Psychotherapeut Ulrich] Sachsse beschreibt in seiner Arbeit über „Selbstschädigung als Selbstfürsorge“ das Phänomen, dass manche Menschen – und er findet unter ihnen überdurchschnittlich häufig Frauen, die „Inzest, inzestnahe Verhältnisse oder Vergewaltigung“ (6) erlitten haben – sich selbst verletzen, zum Beispiel durch Schnittwunden, Verbrennungen, Verbrühungen oder Verätzungen, (7) und zwar als eine Möglichkeit, um überfordernden Situationen aus dem Weg zu gehen. …

Man sieht dieses Phänomen manchmal auch in weniger extremer Form im Kindergarten bei Kindern, die gehauen wurden und dennoch lauthals verkündigen: „Hat ja nicht wehgetan!“ …

Und selbst wenn diese Patienten nach längerer Therapie kleine Fortschritte erzielen, zum Beispiel besser für sich zu sorgen, bleiben sie immer noch geneigt, nach ihrem gewohnten Denkschema zu reagieren: „Jeder Fortschritt bedeutet innerseelisch einen endgültigen Verzicht auf Hilfsbedürftigkeit, Hilfsanspruch und Hilfe. Bei jedem kleinen Schritt nach vorn müssen die Patienten ab sofort fehlerfrei funktionieren.“ …

Wenn die gleiche Struktur des Denkens und Fühlens auf einer weniger zerstörerischen Ebene auftritt, kann man mit ihr auch in einem nicht-therapeutischen Setting umgehen. Wenn zum Beispiel jemand nicht gut ein Lob annehmen kann, dass er etwas auf eine neue, gute Art gemacht hat, kann das daran liegen, dass er sich unter den Druck setzt, in dieser Hinsicht jetzt immer perfekt sein zu müssen und nicht mehr um Hilfe bitten zu dürfen. Man kann ihm helfen, seinen Denkfehler zu überwinden und ihm klarmachen, dass er Lob annehmen kann und zugleich auch noch Fehler machen und Hilfe beanspruchen darf, was sich innerlich sehr befreiend auf ihn auswirken kann. …

Ein nächster Abschnitt im Kapitel „Stark und schwach sein dürfen“ behandelt das Thema:

Überverantwortlichkeit und Bedürfnisbefriedigung

… „Sexuell missbrauchte Menschen haben oft gelernt, sehr verantwortlich zu sein. Sie waren oft die Fürsorger, die kleinen Eltern in der Familie.“ Und diese Haltung der Überverantwortlichkeit setzt sich auch in der Beziehung zu anderen Menschen fort. „Inzestopfer… haben nicht gelernt, an sich selbst zu denken und dem anderen »Nein« zu sagen und meinen auch nicht, dass sie ein Recht dazu hätten. Sie glauben, sie hätten nur ein Recht zu leben, wenn sie die Bedürfnisse der anderen in jeder Weise befriedigen. Über ihre eigenen Bedürfnisse sind sie sich nicht im klaren, und ihre Versuche, diese zu befriedigen, enden oft in Selbstzerstörung. … Inzestopfer haben noch mehr als andere Frauen gelernt, fremde Bedürfnisse zu erfüllen, und viele streben deshalb in traditionelle Frauenberufe, wie Krankenschwester, Kinderschwester, Therapeutin und weitere Arbeitsfelder, die dafür geschaffen sind, anderen zu helfen.“ …

Im Rahmen einer längeren intensiven Beratung erklärte ich einer Frau immer wieder, warum ich für sie nur begrenzt Zeit habe und dass ich ihr nicht helfen könne, ihre schreckliche Vergangenheit ungeschehen zu machen. Sie verstand das auch als Erwachsene, aber ihr inneres Kind wollte es nicht verstehen, sondern es war traurig und enttäuscht und fühlte sich abgelehnt. Erst nachdem sie gelernt hatte, mir gegenüber ärgerliche Gefühle auszudrücken, machte sie mir in einem Wutausbruch klar, dass sie immer das Gefühl gehabt habe, ich wolle ihrem inneren Kind mit meinen Erklärungen wieder einmal verbieten, zu fühlen, was es fühlt. Sie spürte intuitiv, dass ich offenbar lange Zeit geglaubt hatte: Wenn ein Wunsch unerfüllbar ist, nützt es ja auch nichts, wenn man darüber traurig ist, das ändert nichts an der Unerfüllbarkeit. … Im Grunde hatte ich Angst gehabt vor einer Art von Unersättlichkeit, vor einer nicht-stillbaren Traurigkeit. Als sie dann die Erlaubnis von mir spürte, enttäuscht und traurig sein zu dürfen, weil niemand ihr die verlorene Kindheit ganz und gar zurückgeben kann, stellte sich heraus, dass das Gegenteil der Fall war: Gefühle sind nicht grenzenlos, sie scheinen nur so, wenn sie nicht ausgedrückt werden dürfen. Menschen mit ihren Bedürfnissen sind nicht unersättlich, sie scheinen nur so, wenn auf ihre wirklichen Bedürfnisse nicht eingegangen wird – in diesem Fall das Bedürfnis, einen Verlust betrauern zu dürfen. Wird dieses berechtigte Verlangen, Traurigkeit fühlen zu dürfen, nicht gestillt, nährt man damit aber zugleich die Illusion, grenzenlose Wünsche könnten doch erfüllbar sein, da man sie ja nicht betrauern darf. Und daraus entsteht ein unendlicher Kampf nicht um die Befriedigung menschlicher Grundbedürfnisse, sondern um die Erfüllung wirklich unersättlicher und unerfüllbarer Wünsche. Letzten Endes fühlt sich die ratsuchende Person ähnlich wie ein Kind in der Familie, das zwischen Verwöhnung und Ablehnung hin- und hergerissen ist. Sie spürt zwar intuitiv: Ich bekomme nicht, was ich brauche. Sie weiß aber auch nicht, was sie eigentlich braucht, sondern denkt: man will mir nicht geben, was ich will, weil ich ja sowieso böse bin oder weil man mich ja sowieso nicht lieb hat.

…das Gefühl des Sattseins, des Genughabens und In-sich-Ruhens [tritt] gerade dann auf…, wenn die Eltern bzw. Vertrauenspersonen auch genug zu geben bereit ist – wenn ein Kind bzw. Hilfesuchender „satt“ ist, wird es/er von selbst nichts mehr wollen. Unersättlichkeit kommt umgekehrt eher aus der Erfahrung, das Sattsein und Genughaben nicht zu kennen: Ich kriege sowieso nie genug, darum muss ich immer mehr und mehr haben. Zuwendung muss sozusagen gehortet werden.…
Psalm 23: Kein Mangel an dem, was wir brauchen

In diesem Zusammenhang möchte ich an den wohl bekanntesten Psalm 23 erinnern, der in seinem ersten Vers schon häufig als allzu optimistisch angesehen wurde: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“. Auch dieses alte Lied der Bibel geht nicht von einer Erfüllbarkeit aller Wünsche aus, sondern davon, dass es nach Gottes Willen für die, die vertrauen können, keinen Mangel an dem gibt, was Menschen wirklich brauchen. Im Bild von den Schafen werden Grundbedürfnisse nach Nahrung und Wasser, nach Erquickung und Schutz in aller Gefahr als grundsätzlich erfüllbar beschrieben. Zentral ist das Bedürfnis nach Nähe und nach barmherziger Liebe, das im Bild der Begleitung der Schafe durch das finstere Tal ausgedrückt wird und das Immanuel Kant einmal als die wichtigsten vier Worte der Weltgeschichte bezeichnet hat, neben denen alle seine philosophischen Werke nichts bedeuten würden: „Du bist bei mir!“ Wenn diese Grundhaltung des Vertrauens auf die von einem göttlichen Gegenüber herrührende Liebe unsere christliche Seelsorge prägt, braucht sie nicht den in unserer Gesellschaft verbreiteten Pessimismus zu teilen, der von der Knappheit aller Güter einschließlich der Streicheleinheiten ausgeht, sondern sie kann beharrlich daran festhalten, dass es niemanden auf der Erde gibt, dem diese Worte nicht gelten: Niemand sollte einen Mangel an Liebe leiden müssen. …

Schwäche und Machtlosigkeit akzeptieren

Tatsache bleibt aber auch, dass eine scheinbare Haltung der Stärke nicht auf Dauer durchzuhalten ist, weil die abgespaltenen Teile der Persönlichkeit ja nicht wirklich verschwunden sind. So gibt es Inzestopfer, die zwischen Stärke und Schwäche hin- und herschwanken: „Ich war alles auf einmal, brav, oppositionell und arrogant… Mal schaffte ich Dinge, die die Leute unwahrscheinlich gut fanden, gerade weil ich mir nicht erlaubte, schwach zu sein – um dann nach kurzer Zeit völlig zusammenzubrechen, mich in mein Häuschen zurückzuziehen, alles aufzugeben und Dinge zu zerstören, die ich gern hatte und die ich selber geschaffen hatte.“ Was sie zunächst am nötigsten brauchen, ist die Erlaubnis, ihre Verletzbarkeit, ihre Angst vor Menschen, ihre Probleme, „einen Tag nach dem anderen zu schaffen“, nicht mehr vor allen anderen verbergen zu müssen und es wagen zu können, „bei anderen um Hilfe zu bitten.“

Matthäus 14, 22-33: Der starke Petrus braucht Hilfe

Die Unfähigkeit, sich eigene (Hilfe-)Bedürftigkeit einzugestehen und sich einer als Autoritätsfigur erlebten hilfreichen Person anzuvertrauen, ließ einmal in unserem Bibelkreis eine Frau überdeutlich werden, die auch als Kind von ihrem Vater missbraucht worden war, worüber sie aber fast nie sprach. Als wir die Stelle in der Geschichte des sinkenden Petrus besprachen, wo er schreit: „Herr, hilf mir!“ und Jesus sogleich die Hand ausstreckt und ihn ergreift, rief sie aus: „Ich hätte ihm wahrscheinlich auf die Finger gehauen!“ (Matthäus 14, 30-31)

Die Gestalt des Petrus selbst, der aus Angst vor Angst- und Schwachheitsgefühlen [sich genau von dieser Angst und Schwachheit überwältigen lässt, als er Jesus verleugnet], ist für mich das Bild eines nur scheinbar starken Menschen, der erst lernen muss, sich auch derjenigen Gefühle bewusst zu werden, die er als Gefühle der Schwäche erlebt hatte: Angst vor Gefangennahme und Tod, vor allem, wenn man nicht gewaltsam kämpfen darf, Trauer über selbstverschuldeten Beziehungsabbruch, Annahme der Vergebung als Wiederherstellung der Beziehung zu Jesus, allerdings erst nach Jesu Tod. Ich denke, dass in der Szene vom sinkenden Petrus, in der er um Hilfe schreit und sich durch die Hand Jesu aus dem Wasser der Angst und Verzweiflung herausziehen lässt, die Erlösung des Petrus verdichtet dargestellt ist: die Erlösung davon, nur immer stark sein zu müssen, nie schwach sein zu dürfen.

Im Klinik-Bibelkreis konnten sich einige Male Frauen mit einem Burn-Out-Syndrom in dieser Geschichte wiederfinden. Sie hatten sich jahrzehntelang überverantwortlich für ihre Familie buchstäblich aufgeopfert, bis sie mit einem totalen Zusammenbruch ihrer Kräfte auf der geschlossenen Station der Psychiatrie aufgenommen werden mussten. Die Petrusgeschichte half ihnen zu lernen, ihren seelischen Zusammenbruch nicht als absolutes Ende ihrer Möglichkeiten und ihres Lebens zu deuten, sondern nur als das Ende einer einseitigen Art, auf eine bestimmte Art von zupackender, sich selbst zusammenreißender, gefühls- und bedürfnisverdrängender Stärke zu vertrauen. Stattdessen ließen sie sich dazu ermutigen, sich einfach auch schlecht, schwach, hilfebedürftig fühlen zu dürfen, und die Annahme von Hilfe nicht unbedingt als Demütigung ihres inneren Stolzes zu verbuchen, doch auf jeden Fall das Leben ganz allein aus eigener Kraft meistern zu müssen. Ich weiß nicht, ob in jedem einzelnen dieser Fälle auch sexueller Missbrauch in der Lebensgeschichte eine Rolle gespielt hat, zumindest kann man wohl umgekehrt sagen, dass dieses Thema, schwach sein zu dürfen, ohne enttäuscht oder erneut verletzt zu werden, sondern stattdessen Hilfe zu erfahren, für alle missbrauchten Menschen von zentraler Bedeutung ist. „Mädchen, die in ihrer Kindheit sexuell missbraucht wurden, erfahren fast nie die Bestätigung: ja, es muss furchtbar gewesen sein, es war ein Unrecht, du hast ein Recht zu leiden, ein Recht auf Mitgefühl und Zuwendung. Wir bewundern dich, wie du mit dieser Situation fertig geworden bist, ohne zu zerbrechen. Ganz im Gegenteil: Wenn es ihnen schlecht geht, werden ihnen die Symptome oft vorgeworfen“ – mit der Folge, dass sie sich um so mehr anstrengen, sich zusammenzureißen und ihre Symptomatik damit noch verschlimmern. …

Felisa Elizondo weist noch auf einen anderen Aspekt des Themas der tatsächlichen Schwäche hin, die sich unter scheinbarer Stärke verbirgt: „Die Weisheit des Christentums leitet auch dazu an, die Schwachheit der Gewalttätigen zu begreifen.“ Nicht um Gewalttäter von ihrer Schuld freizusprechen, sondern gerade um sie damit zu konfrontieren, dass sie verantwortlich für ihre Taten sind und bleiben, muss Gewalt als das bezeichnet werden, was es ist: ein untaugliches Mittel sowohl zur Unterdrückung von Gefühlen als auch zur Konfliktlösung. Von männlichen Inzestopfern weiß man, dass viele von ihnen als Erwachsene selber Missbraucher werden; missbrauchte Frauen richten ihre Gewaltimpulse eher gegen sich selbst. In beiden Fällen ist davon auszugehen, dass diese Menschen gegen sich oder andere dann gewalttätig werden, wenn sie ihre eigentlichen Gefühle nicht fühlen oder in einer angemessenen Weise ausdrücken können.

Neue Stärke entwickeln

Genau so wichtig, wie es ist, die schwachen Seiten der eigenen Persönlichkeit zu akzeptieren, ohne sich erneuter Verletzung preiszugeben, ist es auch, in einer ganz neuen Weise Zutrauen zur eigenen Kraft und zu den eigenen Stärken zu finden. Eine Mitarbeiterin der Beratungsstelle „Wildwasser“ in Worms, Frau Winzig, legte gerade diese beiden Anliegen einer christlichen Seelsorge ans Herz, da die Kirchen in der Vergangenheit Menschen wenig darin bestärkt hätten, sich im Bewusstsein ihrer eigenen Stärke auch gegen Verletzungen zu wehren, und im Bewusstsein ihrer eigenen Verwundbarkeit zuverlässigen Schutz in der christlichen Gemeinschaft zu suchen. …

In meiner Beratungstätigkeit ist es schon vorgekommen, dass eine Frau, die die seelisch verursachte Fühllosigkeit ihres Beins überwunden hatte, mit mir zusammen neu zu laufen und sogar erstmals in ihrem Leben zu rennen übte. Gelegentlich konnte ich miterleben, wie sich eine Krankengymnastin oder Tanztherapeutin (sowohl im Rahmen der Klinik als auch in freier Praxis) mit sehr viel Einfühlungsvermögen auch auf körperlich und seelisch in ihrer Kindheit sehr schwer verletzte Menschen einstellen und ihnen einen Zugang zu eigenen Kraft- und Energiereserven eröffnen konnte. In einigen Fällen erfuhr ich von Ratsuchenden, dass einfach durch die Erlaubnis, die eigenen Gefühle und den eigenen Körper fühlen zu dürfen, Menschen sich wieder stärker fühlten; denn auch die Unterdrückung von Gefühlen jedweder Art und das Fühllos-Machen von Körperregionen oder Gliedmaßen zehren ungeheuer viel Energie auf. Eine Frau sagte mir, nachdem solche Kraftreserven in ihr frei geworden waren: „Ich spüre Kraft im Wandern, im Spazierengehen, danach spüre ich jeden Beinmuskel und Erschöpfung und Zufriedenheit und Wärme im Herzen!“

Kommen wir zum letzten Kapitel, aus dem ich lesen will:

„Christliche Familien als Tatort oder Zuflucht“

Sexueller Missbrauch in christlichen Familien

Christentum und Kirche können leider nicht so tun, als ob sie/wir nur auf der Seite der Helfer stünden. In unseren Reihen gibt es auch Tatbeteiligte. …

Ich selbst kann aus der seelsorgerlichen Erfahrung bestätigen, dass sexueller Missbrauch in christlich geprägten Familien vorkommt, vor allem aber, dass christliche Vorstellungen, zum Teil in starker Verzerrung, auch im Missbrauchsgeschehen von Familien eine Rolle spielen, die der Kirche fernstehen. So zum Beispiel, wenn ein noch nicht schulpflichtiges Mädchen in der Kirche vom Pfarrer hört: „Es gibt nur einen Gott, und du darfst keinem anderen Gott dienen!“ und zu Hause sagt ihr der sie seit der Säuglingszeit missbrauchende leibliche Vater: „Der einzige, der dir etwas zu sagen hat, bin ich!“ Das Kind hat selbstverständlich den Missbraucher als ihren Gott verinnerlicht, als einen zwar grausamen und strafenden, aber er war es ja nicht ohne Grund, das Kind war doch böse. Auf die Spitze getrieben hat dieser Vater die Perversion christlicher Vorstellungen, wenn er, um seinem Kind Angst zu machen, sich selbst im Keller scheinbar erhängte, um dann „wieder aufzuerstehen“ und dem Kind sozusagen den Fluch einzupflanzen: Egal, was kommt, du wirst mich niemals los, selbst wenn ich sterbe, komme ich immer wieder zu dir, dein Leben lang, ich werde immer wieder auferstehen. Es hat lange gedauert, bis diese Frau sich in unserem Bibelkreis ohne Angst mit Auferstehungstexten der Bibel auseinandersetzen konnte, zumal zunächst – ohne Kenntnis ihrer Erfahrungen mit dem eigenen Vater – völlig unverständlich bleiben musste, warum sie eine panische Angst davor besaß, sich vorzustellen, sie würde sterben und dann auferstehen, und warum sie immer wieder fragte: Werden auch die bösen Menschen auferstehen? Können sie dann wieder Böses tun?

An diesem krassen Beispiel wird deutlich, in welchem Maße wir als Seelsorger und Prediger damit rechnen müssen, dass Glaubensinhalte bei unseren GesprächspartnerInnen und ZuhörerInnen aus einer persönlich erlebten Geschichte heraus ganz anders verstanden werden, als wir das beabsichtigen.

Dieses Problem ist um so schwerwiegender, als das Sprechen über sexuellen Missbrauch, wenn er einem selbst geschehen ist, immer noch schwerfällt, auch wenn das Thema in den letzten Jahren immer mehr auf dem Markt der öffentlichen Meinung verhandelt worden ist. Jochen Kuhn hat „in Gesprächen mit Frauen, die als Kinder Opfer waren, …beobachtet, dass es Frauen aus christlichem Milieu noch viel schwerer als anderen Frauen fiel, über ihre Folter zu sprechen“, und er fragt: „Ist es vielleicht ebenso ein Tabu, dass SKM (= sexuelle Kindesmisshandlung) in christlichen Familien vorkommt, wie dieses Verbrechen überhaupt einmal ein Tabu war?“

Dies mag eng damit zusammenhängen, dass man besonders in „religiösen Familien und bei starrer und enger Moralität“ über Sexualität überhaupt nicht spricht. „In den Familien, in welchen die Misshandlung die Funktion von Konfliktvermeidung zwischen den Eltern bekommen hat, herrscht stets ein Tabu, über Sexualität zu sprechen. Dies kommt besonders bei religiösen Familien und bei starrer und enger Moralität vor.“ „Die Überzeugung, in christlichen Familien sei ein solches Verbrechen undenkbar“, lässt leider offen, ob es wirklich nicht stattfindet oder ob man nur nicht darüber nachdenken darf, dass es geschieht. Immer wieder wird in Studien darauf hingewiesen, dass gerade in Familien, die mit dem Thema Sexualität nicht offen umgehen, die Gefahr größer ist, dass es zu sexuellem Missbrauch kommt. …

So paradox es klingt: Gerade weil „im Christentum das Sexualverhalten stets einer besonders strengen Beurteilung unterworfen worden ist“ und „die christliche Sexualethik in katholischer wie in evangelischer Ausprägung… hier stets stark eingrenzende Normen vertreten“ hat, ist die Übertretung der Verbote um so wahrscheinlicher. …

Um so wichtiger ist nun für uns die Frage: Gibt es…

Hilfe für Missbrauchsopfer in christlichen Gemeinden?

Selbst wenn Inzest innerhalb christlicher Familien nur selten vorkommen sollte, darf man erwarten, dass christliche Gemeinden ganz selbstverständlich zu denjenigen gehören, die missbrauchten Menschen ihre Hilfe anbieten. …

Aber in unserer kirchensteuergestützten deutschen Volkskirche tun wir uns schwer mit der seelsorgerlichen Begleitung missbrauchter Menschen. Warum ist das so?

Wenn wir davon ausgehen, dass sexueller Missbrauch nur in den allerseltensten Fällen vorkommt und in christlichen Kreisen schon gar nicht, werden wir auch kaum vermuten, dass in unseren Gottesdiensten, in unserem Seelsorgesprechzimmer oder in der gemeindlichen Gruppe Missbrauchsbetroffene sitzen könnten. Ich weiß nicht, wie oft ich in meiner zehnjährigen Gemeindetätigkeit, ohne es zu ahnen, an solchen Menschen vorbeigeredet, ihre verzweifelten – aus schuldloser Ohnmacht geborenen – Schuldgefühle noch gefördert, ihre stummen Signale übersehen habe, durch die ich auf Betroffene hätte aufmerksam werden können. Nur in zwei Fällen erfuhr ich damals im Laufe einer längeren seelsorgerlichen bzw. beraterischen Begleitung, dass die betreffenden Jugendlichen auch sexuell missbraucht worden waren. Als sich mir später im Laufe von sieben Jahren sowohl im Krankenhauspfarramt in einer psychiatrischen Klinik als auch in freier Beratungstätigkeit eine ganze Reihe von Frauen auch mit ihrer Missbrauchserfahrung anvertrauten, wurde mir mehr und mehr bewusst, dass wir auch als Seelsorgerinnen und Seelsorger nicht an dieser Thematik vorbeigehen können.

Dass die Sprache unserer kirchlichen Texte aus Bibel, Gesangbuch und Agende, aber auch die Formulierungen in Predigten und Gebeten häufig „exklusiven“ Charakter hat, wurde von feministischer Seite für den Gebrauch der männlichen Wortformen und den androzentrischen (= mann-bezogenen) Charakter der traditionellen Theologie eingehend dargestellt und belegt.

… Aber auch andere Menschen bleiben aus der Wahrnehmung ausgeschlossen, wo Christinnen und Christen zusammenkommen: Gerade von problembeladenen Menschen nimmt man häufig von vornherein gar nicht an, dass sie mitten unter uns Platz nehmen könnten, sonst würden wir nicht immer wieder nur über die Behinderten, die Benachteiligten, die Verachteten, die Ausgestoßenen und bestimmte „Randgruppen“ reden, für die wir uns als Kirche einsetzen müssten. …

Im Falle des sexuellen Missbrauchs ist es ähnlich: Man sieht der Siebzehnjährigen, die die Kindergruppe leitet, nicht an, ob sie missbraucht wurde, auch nicht den Konfirmandinnen, die auf dem Konfirmandenseminar bei der gelenkten Phantasie des „Rosenbusches“ auf einmal ein Bild von sich selbst als dornenlose Rose vor sich sehen – ohne diesen Schutz der Stacheln dem Zugriff der Vorbeigehenden wehrlos ausgeliefert. Dieses Beispiel zeigt übrigens, in welche seelischen Tiefen die Methode der gelenkten Phantasie hinabzureichen vermag und wie hoch die Anforderungen an jeden sind, der sie einsetzt. …

Die junge Frau, die häufig allein zum Gottesdienst kommt und aufmerksam zuhört, fällt vielleicht nur dadurch auf, dass sie nie zum Abendmahl geht. Niemand weiß, dass sie sich nicht traut, nach vorn zu gehen, weil sie sich für unwürdig hält, das Abendmahl zu empfangen. Denn durch das, was ihr Vater mit ihr gemacht hat, fühlt sie sich geschändet und böse.

Umgekehrt wissen wir nicht, wie viele Menschen auch deswegen, weil sie in unseren Versammlungen mit ihren Erfahrungen nicht vorkommen, nicht daran teilnehmen und auch den Seelsorger als Ansprechpartner nicht aufsuchen. Helga Saller hätte den Satz, den sie Menschen in helfenden Berufen auf einem Kongress zurief, auch an uns Seelsorgerinnen und Seelsorger richten können: „Sie alle kennen Kinder, die sexuell ausgebeutet werden – nur wissen Sie es nicht!“ Aber irgendwann kann aus dem Nicht-Wissen ein Nicht-Wissen-Wollen werden. …

Was können wir denn tun?

Ich möchte an dieser Stelle keine ins Einzelne gehende Anleitung geben, wie man auf Anzeichen sexueller Gewalt etwa bei Kindern im Kindergarten, in der Schule, im Kindergottesdienst oder im Konfirmandenunterricht reagieren sollte. Fachliche Hilfe findet man zum Beispiel bei einer der Beratungsstellen von Wildwasser oder des Kinderschutzbundes oder in einem Frauenzentrum oder auch in der entsprechenden Literatur.

Was Annegret Böhmer von Lehrerinnen und Lehrern sagt, gilt genauso für Seelsorgerinnen und Seelsorger: Sie „sollten sich hüten, ihre Berufsrolle mit der von PsychotherapeutInnen zu verwechseln. Zu engagiertes Helfenwollen kann leicht zur Überforderung werden.“ Manfred Zielke hält es sogar „für außerordentlich gefährlich, wenn nun alle an der ärztlichen und therapeutischen Versorgung beteiligten Gruppen sich selbst die Kompetenz zuschreiben, angemessen mit dieser Thematik umzugehen. Die besonderen Problemstellungen im Erkennen von Missbrauchserfahrungen und die Anforderungen an TherapeutInnen sind so immens, dass ich nur davor warnen kann, sich ohne sachliche Beratung und Betreuung dieser Aufgabe zu stellen.“ In vorangegangenen Kapiteln wurde bereits deutlich, wie wichtig es ist, auch beim Helfen-Wollen die eigenen Grenzen zu beachten und selbstfürsorglich mit sich umzugehen – nicht nur im Blick auf sich selbst, sondern auch im Blick auf die Ratsuchenden, denn es hilft niemandem, wenn wir vorschnell eine Verantwortung übernehmen, die wir irgendwann nicht mehr tragen können – und dann erlebt ein Mensch erneut eine Enttäuschung, er wird wieder einmal fallengelassen und verbucht es als seine eigene Schuld. …

Es kann zum Beispiel besser sein, einen Ratsuchenden auf kompetente Beratungsstellen oder Therapieeinrichtungen hinzuweisen, statt sich selber mit der Beratung zu überfordern.

Dennoch sollten wir nicht übersehen, wie wichtig es sein kann, dass auch gerade wir es sind, die sich Zeit nehmen, vor allem in den Fällen, in denen wir von Betroffenen direkt angesprochen worden sind. Dann müssen wir deutlich machen, was wir tun können und was nicht. Eins können wir in jedem Fall tun: aufmerksam sein, zuhören, wenn Menschen sich uns anvertrauen.

Unsere Aufgabe kann es sein, die Funktion des „wissenden Zeugen“ zu übernehmen, von der Alice Miller gesprochen hat. Ähnlich erinnert Petrusca Clarkson daran, dass „in einem tiefen Sinn der authentische »Beobachter« auch »der Zeuge« sein kann, wie einige Menschen in Nazi-Deutschland, die der Nachwelt Aufzeichnungen von den Greueltaten hinterließen..“ Wilma Weiss schreibt: „Für das einzelne Kind ist die ErzieherIn, die es gestärkt hat, die es gemocht hat, der/die das Geheimnis kannte, auch ohne es ausgesprochen zu haben, die Energiequelle, an der es auftanken kann, die Kraftquelle, mit der es – vielleicht auch Jahre später – das Leiden beenden und heilen kann.“ Und sie nennt beispielhaft die folgende Erfahrung: „Eine 13Jährige kommt zum Jugendamt, weil sie – ihres Vaters wegen – zu Hause weg will. Sie hatte die Kraft bei ihrer Lehrerin getankt. Die hatte alle zwei Wochen mit ihr Kakao getrunken. Sonst nichts“.

Es gibt aber auch Aufgaben, die Christinnen und Christen, Seelsorgerinnen und Seelsorger ohnehin nicht an die Therapeutenschaft delegieren können: zum Beispiel deutlich zu machen, was uns der eigene Glaube bedeutet, wie wir uns von Gott getragen wissen und wie sehr es uns schmerzt, wenn auch Gott im sexuellen Missbrauch missbraucht wird. Ursula Enders weiß: „Bei der Arbeit mit sexuell missbrauchten Mädchen und Jungen geben auch professionelle BeraterInnen häufig den religiösen Bindungen des Opfers eine zu geringe Beachtung. Für viele Kinder war eine starke Bibelfigur ein positives Identifikationsmodell, die Lektüre des Gebetbuches gab ihnen Kraft und/oder das Gespräch im Religionsunterricht bzw. in der Pfarrgemeinde eine Orientierung.“ Auch Ellen Bass und Laura Davis schreiben ein Kapitel über „Religion und Spiritualität“, die „eine Bereicherung deiner Heilung darstellen“ kann, „eine Quelle, aus der du Trost und Anregung schöpfen kannst.“ Hier wird ein dringender Bedarf an echtem, gelebtem, bezeugtem Glauben angemeldet!

Christliche Gemeinden sowie einzelne Christinnen und Christen könnten wirklich die Chance nutzen, eine seelsorgerliche, annehmende Atmosphäre überall dort zu schaffen, wo sie leben, so dass wir ansprechbar werden auch für körperlich und seelisch verletzte und missbrauchte Menschen. …

Predigerinnen und Predigern fällt die Aufgabe zu, das Thema des sexuellen Missbrauchs auch im Gottesdienst nicht auszusparen und sensibel zu werden für die Geschichten sowohl von Ausbeutung und Gewalt als auch von Hoffnung und Befreiung, die – manchmal nur zwischen den Zeilen – auch in der biblischen Tradition zu lesen sind. Auch manche mögliche Identifikationsfigur der Bibel muss vielleicht nur aus jahrhundertelanger Vergessenheit, Entstellung oder Verleumdung herausgeholt werden, um mit ihrer eigenen Art der Leidens- oder Glaubenserfahrung eine neue Ausstrahlung und Bedeutung für belastete und verletzte Menschen unserer Zeit zu gewinnen.

So viel soll für heute genügen. Falls ich Sie überfordert habe, ziehen Sie hoffentlich den Schluss, dass man mich beim Selberlesen besser versteht als beim Zuhören. Falls Sie angeregt wurden, noch einmal im Zusammenhang nachzulesen, was ich vorgelesen habe, der kann mein Buch „Missbrauchtes Vertrauen“ auf meiner Homepage bibelwelt.de lesen oder die Druckversion (allerdings ohne die Kapitel 9a und 9b) antiquarisch bei mir kaufen.

Vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit und Geduld und der Alpha-Buchhandlung für die Gelegenheit, mein Buch vorzustellen!

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