Ein Mensch ist kein Ding

Das Gebot „Du sollst nicht stehlen!“ richtete sich ursprünglich gegen Menschenraub. Überall spielt Freiheitsberaubung und Besitzdenken unter Menschen bis heute eine Rolle: In den internationalen Handelsbeziehungen ebenso wie in Anspruchshaltungen im persönlichen Bereich.

Ein Mensch ist kein Ding: Das Bild zeigt die Skulptur von vier Männern, die sich von Ketten befreien und auf einem großen rostigen Eisenträger stehen

Ein Mahmal gegen Sklaverei in Rotterdam (Bild: Kaatjem – pixabay.com)

#predigtAbendgottesdienst mit Abendmahl am 12. Sonntag nach Trinitatis, 24. August 1980, um 19.00 Uhr in der Reichelsheimer Kirche
Glockenläuten und Orgelvorspiel

Herzlich willkommen zu einem weiteren Abendgottesdienst, diesmal mit Abendmahl, in der Reichelsheimer Kirche. Unser Kirchenvorstand hatte vor den Ferien beschlossen, dass das Abendmahl auch an einem Sonntag nach den Sommerferien gefeiert werden soll; und zwar soll heute Traubensaft ausgeschenkt werden. Ich lade herzlich ein!

Der Gottesdienst ist nicht wie beim letzten Mal von einer kleinen Gruppe, sondern vom Organisten Ralf Schäfer und mir allein vorbereitet worden. Ich hoffe, dass die neuen Lieder Ihnen und Euch gefallen.

Dieser Gottesdienst hat ein Thema: „Ein Mensch ist kein Ding!“ Ich möchte ungewohnte Gedanken zu einem bekannten Gebot vortragen: „Du sollst nicht stehlen!“ Wir kennen dieses Gebot als das Gebot, das das Eigentum schützt, unser Eigentum und auch fremdes Eigentum. Aber es geht in diesem Gebot wohl um noch mehr. Es geht um die Frage: Wie wichtig ist es für uns, etwas zu haben, viel zu haben, mehr zu haben als andere, ja, vielleicht sogar einen anderen Menschen als Besitz anzusehen?

In einem alten Lied, über 200 Jahre alt, das wir jetzt singen werden, heißt es, dass es für Christen Wichtigeres gibt als das, was man haben kann.

Lied EKG 440 (EG 198), 1:

1. Herr, dein Wort, die edle Gabe, diesen Schatz erhalte mir; denn ich zieh es aller Habe und dem größten Reichtum für. Wenn dein Wort nicht mehr soll gelten, worauf soll der Glaube ruhn? Mir ist‘s nicht um tausend Welten, aber um dein Wort zu tun.

Der Dichter dieses Liedes zieht das Wort, das Wort Gottes, dem größten Reichtum vor – wären wir dazu auch bereit? Verzichten auf etwas, das wir haben oder haben könnten, weil uns Gottes Wort wichtiger ist – kommt das überhaupt in unserem Alltag vor?

Beim Haben handelt es sich um Dinge, die man sehen kann: das Einkommen auf der Bank, das eigene Haus, je nach Alter Fahrrad, Mofa oder Auto, Kleidung nach der Mode, Ausgehen können, Unabhängig sein. Vieles brauchen wir notwendig zum Leben, und vieles wünschen wir uns darüber hinaus – jeder etwas anderes. Wem nicht so viel an einem eigenen Haus liegt, der reist vielleicht gern; wer nicht so gern trinkt oder raueht, der kann vielleicht nicht widerstehen, wenn er an einer Buchhandlung vorbeikommt.

Es ist ein sehr schönes Gefühl, etwas zu besitzen, sich einen lang gehegten Wunsch erfüllen zu können, über sein Eigentum selbst bestimmen zu können.

Und doch: „Herr, dein Wort zieh ich aller Habe vor.“ Im Haben liegen auch Gefahren. Der Spruch „Haste was, biste was!“ zeigt sie deutlich: Dass nämlich das Haben und vor allem das Mehr-Haben-als-andere zu einer Art Ersatz-Lebenssinn wird. Dass man meint, sich alles kaufen zu können, was das Leben angenehm macht. Aber Glück kann man nicht kaufen.

Was ist denn mit dem „Wort Gottes“ gemeint? Wort bedeutet: da redet einer mit mir. Da nimmt mich einer ernst. Da ist einer, der möchte selbst ernstgenommen werden, der hofft auf Antwort. Wort – das geschieht von Person zu Person.

Wort Gottes bedeutet: die Welt ist kein zufällig entstandenes Riesengebilde aus Masse und Energie mit zufällig entstandenen Lebewesen, von denen einige ebenso zufällig ein wenig vernunftbegabt sind – nein: die Welt hat einen Urheber, den wir Gott nennen, den wir nicht sehen können, da er nicht zur Welt selbst gehört, einen Urheber, den wir auch persönlichen Gott nennen, weil er Kontakt mit dem Menschen, seinem Geschöpf, aufnehmen konnte.

Gott konnte zu Menschen sprechen, auf welche Weise auch immer, durch Eingebungen, Träume, Visionen, durch das Leben Jesu von Nazareth, und zu uns durch Worte der Bibel und durch Menschen, die uns von Gott erzählen. Wort Gottes heißt: wir Menschen, unvollkommen, sterblich, auf andere Menschen angewiesen und doch immer wieder egoistisch – wir haben ein Gegenüber in Gott, den wir vollkommen und ewig nennen, der nicht auf uns Menschen angewiesen ist, sich aber dennoch uns Menschen immer wieder liebevoll zuwendet.

Und weil wir dieses Gegenüber haben, diesen Gott, der uns liebt – deshalb ist es auch nicht sinnlos, sich nach Liebe unter den Menschen zu sehnen. Nur Liebe macht glücklich – diese tiefste Form von Einander-ernst-nehmen von Person zu Person.

Wir singen ein Lied, das wir schon aus dem letzten Abendgottesdienst kennen:

Lied EG 409, 1-3: Gott liebt diese Welt

Gott gehört die Welt. Wir sind sein Eigen. Heißt das: Gottes Liebe zu uns entpuppt sich als sein Besitzanspruch an uns? Sind wir Gottes Sklaven? Nein. Gott will unsere Freiheit. Er will, dass wir freiwillig zeigen: Gott liebt diese Welt. Er will uns nicht dazu zwingen. Er liebt uns, das ist gleich bedeutend mit: er schenkt uns Freiheit.

Von Anfang an hatte das Volk Israel diese Erfahrung mit Gott gemacht. Feuerschein, Wolke, heiliges Zelt – diese Worte aus dem Lied sind Erinnerungen an den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten, aus der Sklaverei. Erinnerungen an die Befreiung durch Gott auf dem langen Weg durch die unwegsame Wüste in ein neues Land. Feuerschein, Wolke, Zelt – das waren Zeichen dafür gewesen, dass Gott da war, dass er sein Volk nicht allein ließ auf dem beschwerlichen Weg in die Freiheit.

Auf diesem Weg in die Freiheit, mitten in der Wüste, am Berg Sinai, bekam das Volk Israel aber nun auch Gebote. Wenn keiner da ist, der sagt: So und nicht anders wird es gemacht, braucht man Regeln, um mit seiner neugewonnenen Freiheit umzugehen. Solche Regeln sollten die Zehn Gebote sein, nicht neue Zwänge, sondern hilfreiche Richtlinien, um die Freiheit nicht wieder zu verspielen. „Zehn große Freiheiten“ hat sie sogar ein Theologe genannt. Eine dieser Regeln ist das Gebot (2. Buch Mose – Exodus 20, 15):

Du sollst nicht stehlen!

Wie ist dieses Gebot nun zu verstehen? Es klingt ganz einfach: Nimm nicht, was dir nicht gehört! Aber warum gibt es zwei Gebote, die vom Schutz des Eigentums handeln? Nach der lutherschen Zählung sogar drei? „Du sollst nicht begehren, was dein Nächster hat!“ Ist das nicht ungefähr das Gleiche wie „Du sollst nicht stehlen!“?

Heute klingen wirklich beide Gebote gleich. Ursprünglich aber wurde das eine etwas anders gehört. In der jüdischen Überlieferung des Alten Testaments heißt es einmal: „Unsere Meister lehrten: Du sollst nicht stehlen! Die Schrift redet hier über einen Menschendieb.“ Nicht nur vom Eigentum an Sachen ist also die Rede, sondern von Menschenraub und Freiheitsdiebstahl. Das ist also eine der wichtigen Regeln gewesen, die das Volk Israel am Berg Sinai bekommen hat: „Du sollst Menschen nicht ihrer Freiheit berauben!“ Denn ein Mensch ist kein Ding.

Hören wir Menschenraub und Freiheitsdiebstahl, denken wir an Geiselnahme, Terrorismus, an Sklavenhändler, Flüchtlingselend, Leibeigenschaft und Ausbeutung. Auch Israel hatte konkrete Erinnerungen: an Josef, den seine Brüder wie eine Ware als Sklaven nach Ägypten verkauften; an die Zeit der Fronarbeit unter der Knute der Ägypter; an den großen König David, der seinen Offizier Uria in den Tod schickte, um an dessen Frau heranzukommen.

Wo wird aber dieses Gebot für uns konkret: „Du sollst Menschen nicht ihrer Freiheit berauben!“? Wir singen ein Lied, mit einem neuen Text nach einer alten Melodie (EKG 283 = EG 365), das in einer Richtung andeutet, was das Gebot für uns bedeutet:

Lass uns den Menschen sehen, so wie er heute ist

Das Leid in Freude wandeln, Friede und Gerechtigkeit schaffen, auf Recht verzichten – das sind Schlagworte. Aber selbst diese Schlagworte hört man heute viel seltener als etwa vor zehn Jahren. Es sind gute Schlagworte, die uns einhämmern können, dass wir hinsehen und hinhören, wo unser Einsatz gebraucht wird.

Aus einem Zeitungsartikel möchte ich zitieren, was der 90jährige katholische Pater Nell-Breuning in Köln am Mittwoch Abend gesagt hat: „Wir leben auf Kosten der unterentwickelten Völker.“ Wir sind keine Kidnapper, Terroristen oder Sklavenhalter. Aber an Ungerechtigkeit sind wir auch beteiligt, ob wir es bewusst wollen oder nicht. Nicht als Diebe, sondern als Hehler. Die Früchte der Apartheid, der Rassentrennung und Rassenunterdrückung in Südafrika, essen auch wir. Die niedrigen Löhne in den Ländern der Dritten Welt sichern auch unsere hohen Einkommen.

Und wenn wir an unsere eigene Gesellschaft denken: Ist für Straffällige die Zeit der Freiheitsberaubung vorüber, wenn sie ihre Strafe abgesessen haben? Oder bleiben sie nicht eingeschränkt in ihren Möglichkeiten, abgestempelt als vorbestraft? Stehlen wir unsren Kindern nicht die Zukunft, wenn wir bei manchen Planungen nur kurzfristig an höheren Energieverbrauch oder mehr Arbeitsplätze, aber nicht an mögliche Umweltgefahren für die Zukunft denken? Kann das so weiter gehen, dass immer mehr unnütze Dinge hergestellt und verbraucht werden müssen, nur damit die Wirtschaft weiter wächst und wächst wie ein Krebsgeschwür?

Pater Nell-Breuning lasse ich dazu noch einmal zu Wort kommen: „Der Weg, den wir bisher mit voller Überzeugung und mit gutem Gewissen und mit scheinbar überzeugendem Erfolg gegangen sind, hat uns nahe an den Rand des Abgrunds geführt, und es bleibt uns kaum noch ausreichend Bremsweg, um vor dem Absturz noch einzuhalten.“

Wir singen ein neueres Lied, das – mittlerweile auch schon 15 Jahre alt – von der Freiheit handelt, die Gott uns schenkt, und sich damit beschäftigt, was wir mit dieser Freiheit machen.

Lied EG 360, 1-3: Die ganze Welt hast du uns überlassen

Ich habe von den großen Entwicklungen in unserer Welt und unserer Gesellschaft gesprochen, an denen auch wir beteiligt sind. Doch Freiheitsberaubung kommt auch im ganz persönlichen Bereich vor. So wie in der Bibel neben den Machenschaften des Königs David und der Befreiung des ganzen Volkes aus Sklaverei auch die missgünstige Tat der Söhne Jakobs gegen ihren Bruder Josef berichtet wird.

In unseren persönlichsten Beziehungen gibt es manchmal Anspruchshaltungen, durch die Liebe verzerrt wird. Als ob der andere mein Besitz wäre. Das gibt es zwischen Ehepartnern. Wenn Eifersucht dem anderen keine Luft mehr zum Atmen lässt. Wenn ein Ehemann sich von vorn bis hinten wie von einer Dienstmagd bedienen lässt und dabei auf althergebrachte angebliche Rechte pocht. Wenn die Liebe Grenzen kennt: wenn du so wirst, dann liebe ich dich nicht mehr.

Besitzdenken gibt es auch gegenüber Kindern. Der Junge soll uns nicht blamieren. Wir wissen am besten, was gut für das Mädchen ist. So lange du die Füße unter meinen Tisch streckst, bestimme ich, wo es lang geht. Vergessen wird dabei, dass auch Kinder und Jugendliche eigenständige Personen sind, denen wir nicht nur Grenzen ziehen müssen, sondern denen wir helfen müssen, sich in die schwierige Freiheit hineinzufinden.

Wenn aber Besitzdenken, Anspruchshaltungen im Vordergrund stehen, kann man sich nicht mehr im vollen Sinn ernst nehmen, so, wie man ist, wie man fühlt und wünscht. Dann reichen Worte nicht mehr von Person zu Person. Dann beraubt man nicht nur den anderen seiner Freiheit, sondern man mauert sich auch selber ein – vielleicht weil man Angst hat, sich so zu zeigen, wie man wirklich ist.

Lied 360, 4-6: Wir richten Mauern auf, wir setzen Grenzen

Weil Gott redet, uns anredet, können wir antworten, können wir frei sein, lieben und hoffen. Gott hat aber nicht nur geredet, in der Person Jesu ist er Mensch geworden, hat gehandelt, geliebt, gehofft, gelitten. Er hat ein Leben vorgelebt, das gar nicht aufs Haben angewiesen war, sondern das ein echtes Mensch-Sein war.

Nicht dass er es verurteilt hätte, etwas zu haben, sich an Dingen zu erfreuen – er feierte Feste mit, er erfreute sich an abendlichen Gastmählern mit vielen fröhlichen Gästen. Aber das Hergeben, wenn jemand etwas brauchte, war für ihn wichtiger.

Seit jenem Abend vor Jesu Hinrichtung haben wir ein Zeichen, das uns daran erinnern kann, wie Jesus sich für die Menschen verschenkt hat. Brot und Kelch zeigen uns, dass Jesu Liebe keine Grenze kannte. Er wehrte sich nicht gegen die, die ihm Gewalt antaten. Er vergab ihnen. Das ist auch unsere Hoffnung, die wir nicht grundsätzlich andere Leute sind als die, die Jesus ans Kreuz brachten. Wenn wir nun das Abendmahl miteinander feiern, denken wir daran, dass es ein Zeichen ist für uns: wir werden zur Liebe frei. Wir werden zur Gemeinschaft frei. Wir werden frei, einander ernstzunehmen. Wir werden frei, einander Freiheit zu lassen.

Wir hören die Worte der Einsetzung des heiligen Abendmahls.

Einsetzungsworte
Christe, du Lamm Gottes
Austeilung des Abendmahls

Guter Gott! Wenn wir dich als Gegenüber haben,wenn wir dein Wort hören, wenn wir damit rechnen, dass du uns anredest, dann sieht alles anders aus, als es uns sonst erscheint. Da geht es uns auf, dass wir ärmer sind, als wir meinen, und reicher, als wir ahnen. Ärmer, weil vieles, was wir wichtig nehmen, wofür wir Kraft und Zeit drangeben, um ein erfülltes Leben zu erlangen, sich als trügerisch erweist. Und reicher, weil in dem Alltag mit seinen großen Mühen und unscheinbaren Dingen Wunder und Schätze bereit liegen, wenn wir nur Augen dafür haben. Denn es bietet sich so viel Gelegenheit, sich von dir angesprochen zu fühlen und dein Mitarbeiter zu werden. Öffne unsere Augen und befreie unser Herz, dass wir alles so einschätzen, wie es in Wahrheit ist. Mache uns ärmer, was unsere eingebildeten Reichtümer betrifft, und lass uns durch Jesu Armut reicher werden.

Wir schließen in unsere Fürbitte ein das Brautpaar … und …, die am kommenden Samstag kirchlich getraut werden. Wir bitten um Liebe, die wächst, je länger man sich kennt, um Liebe, die frei ist von Besitzansprüchen, um Liebe, die sich in die Umgebung in gutem Sinne auswirkt. Amen.

Vater unser und Abkündigungen

Zum Abschluss singen wir ein Lied, das Verletzlichkeit und Würde des Menschen mit dem biblischen Bild von den Blumen auf dem Feld gleichzeitig ausdrückt:

Lied „Wer den Menschennamen trägt“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.