Im Mittelpunkt das Kind!

Gott ist in Jesus auch für uns geboren – auch wenn wir Angst vor Weihnachten haben.

Gerade was ein Menschenkind eben braucht, um leben zu können, das bekommt Jesus: warme, saubere Windeln, den Schlaf in seinem Krippenbettchen und die Geborgenheit bei seinen Eltern. Das ist das Wichtigste an der Weihnachtsgeschichte: das Kind steht im Mittelpunkt.

Weihnachtsfeier am Donnerstag, den 20. Dezember 1995, in der Kapelle der Landesnervenklinik Alzey

Liebe Mitfeiernde! Da ist ein Mann, der nicht gerne Weihnachten feiert. Weihnachten erinnert ihn an seine Familie, die zerbrochen ist, an die Frau, die ihn verlassen hat, an die Kinder, die er nicht mehr sehen darf. Und er weiß, dass er an all dem auch selber schuld ist.

Da ist eine Frau, die sich sehnt, an Weihnachten bei ihrer Familie zu sein. Sie hört von ihren Geschwistern: nein, dieses Jahr feiern wir nicht alle gemeinsam. Trotzdem fährt sie zum Haus ihrer Schwester – und sieht dort die Autos der ganzen Verwandtschaft, aus allen Gegenden Deutschlands sind sie zusammengekommen, nur sie, die psychisch Kranke, die immer Ärger macht, will man nicht dabei haben.

Weihnachten ist nicht nur das Fest der schönen Erinnerungen und der stillen Besinnlichkeit, es ist für viele Menschen auch das Fest der Enttäuschungen. Vielleicht gerade weil es mit so großen Sehnsüchten verknüpft ist. Weil im Mittelpunkt dieses Festes ein neugeborenes Kind steht, das umsorgt wird von Mutter und Vater, besucht wird von Hirten und Engeln und Königen.

Die Sehnsucht nach Geborgenheit, nach Heimat, ist sie denn für alle Menschen erfüllbar? Kann jeder Mensch irgendwo ganz und gar dazugehören, oder gibt es Menschen, die draußen bleiben, die sich immer fremd fühlen müssen, für die es besser ist, wenn die Feiertage möglichst rasch vorbei sind? Ich weiß es nicht.

Aber ich weiß, dass es ein Weihnachten gibt, das kein Fest der Illusionen ist, keine romantische Vorspiegelung von falscher Sehnsucht. In der alten Weihnachtsgeschichte, von Lukas erzählt, geht es sehr nüchtern zu, wenn wir genau hinschauen.

1. Ein kaiserlicher Erlass zwingt alle Bürger des römischen Reiches zur Steuerschätzung. Jeder muss an den Ort seiner Herkunft reisen, egal wie beschwerlich das für ihn ist, ohne Rücksicht auf Alter oder Jugend, auf Gebrechlichkeit oder Schwangerschaft. Wenn Lukas die Weihnachtsgeschichte so mitten hineinstellt in die Politik des Kaisers Augustus und seines Statthalters Quirinius – dann hat sie auch zu tun mit der Weltpolitik unserer Tage. Die Geburt eines einzelnen Kindes hat zu tun mit der Hoffnung auf Frieden – zum Beispiel in Bosnien oder im Heiligen Land. Die Geburt eines göttlichen Kindes hat zu tun mit der Macht des Geldes in unserer Welt – mit den Reichen, die reicher werden, mit den Armen, die ärmer werden. Das Kind in der Krippe stellt eine eigentümliche Gegenmacht dar gegen die Machthaber der Welt und auch gegen das große Geld. Gottes Liebe verbindet sich ganz unromantisch mit Menschen, die unter Zwangsgesetzen und erdrückender Steuerlast leiden. So viel zur allgemeinen Situation, wie von Lukas geschildert. Nun zum einzelnen:

2. Josef ist zwangsweise unterwegs mit seiner jungen Frau. Wahrscheinlich ist sie noch nicht einmal zwölf Jahre alt, denn sie ist ihm zwar anverlobt, ihm rechtmäßig durch ihren Vater zugesprochen, aber er hat sie noch nicht als Ehefrau in seinen Haushalt aufgenommen. Im Nebensatz erfahren wir, dass Maria bereits schwanger ist. Nichts erzählt uns Lukas von dem ganzen inneren Konflikt, den der junge Ehemann Josef mit sich ausfechten musste, ob er denn diese Maria mit dem Kind, das nicht von ihm war, überhaupt annehmen oder doch lieber verstoßen sollte. Lukas stellt kurz und knapp fest: Josef nimmt Maria ganz selbstverständlich mit auf die beschwerliche Reise; ganz gleich, auf welche Weise Maria schwanger geworden ist, ob durch Gewalttat oder durch andere rätselhafte Umstände, er steht offenbar zu ihr – was keine Selbstverständlichkeit ist, wie wir aus dem Matthäusevangelium wissen. Erst ein von Gott gesandter Engel musste ja den Josef auf geschickte Weise davon überzeugen, dass er Maria trotz allem als jungfräuliches Mädchen betrachten dürfe – denn nicht durch Unzucht oder Untreue sei sie schwanger geworden. Vom heiligen Geist sei das Kind, auch wenn es vielleicht ein Vergewaltiger gezeugt hat, Maria jedenfalls treffe keine Schuld. So viel zur Unschuld Marias, zu dem Rätsel um die Zeugung des Kindes und zu der Schwierigkeit Josefs, seine Frau als Ehefrau zu akzeptieren, obwohl sie ein Kind erwartete, das nicht von ihm war.

3. Und dann muss das Kind auch noch ausgerechnet unterwegs zur Welt kommen.

„Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.“

So knapp wird geschildert (Lukas 2, 7), was die Phantasie der Menschen immer wieder neu ausgestaltet hat. Ob Josef der einzige Geburtshelfer war oder ob Maria von einer Hebamme unterstützt wurde, wir erfahren es nicht. Wir hören nur, dass das Nötigste da war, um das Kind warm und sauber zu halten: Windeln! Aber nicht einmal ein Zimmer gab es für die junge Familie in der Herberge, offenbar nur einen Platz bei den Tieren im Stall, denn das Kind müssen sie in eine Futterkrippe legen. Deutlicher kann man es nicht ausdrücken, dass Gottes Ankunft in unserer Welt auf jeden Luxus verzichtet. Gerade was ein Menschenkind eben braucht, um leben zu können, das bekommt Jesus: warme, saubere Windeln, den Schlaf in seinem Krippenbettchen und die Geborgenheit bei seinen Eltern. Wie viele Kindern auch von reicheren Eltern gibt es, die ärmer sind – weil sie zwar weichere Betten, teurere Kleidung, jede Menge Pampers und haufenweise Spielsachen haben – aber sie spüren nicht genug Wärme, nicht genug Liebe, man hat sie nicht gewollt und nimmt sie nicht an, so wie sie sind. Das ist das Wichtigste an der Weihnachtsgeschichte: das Kind steht im Mittelpunkt. Es gibt nichts Wichtigeres, als dass dieses Kind bekommt, was es braucht, dass dieses Kind in seinen Gefühlen nicht verletzt wird. Und das gilt nicht nur für dieses Kind – sondern für alle Kinder dieser Erde und auch für das Kind, das wir selber innen drin immer noch sind.

Maria und Josef scharen sich gemeinsam mit drei Hirten um die Krippe mit dem Jesuskind; die Szene ist bräunlich-grau gestaltet, sehr schlicht

Hier wird ein König der Armen geboren (Foto des Reliefs: pixabay.com)

4. Aber wer kriegt das eigentlich mit, was da in Bethlehem passiert ist? Wer versteht es wirklich? Mitten auf freiem Feld leben Hirten. Unter freiem Himmel nächtigen sie, wachen sie abwechselnd, um auf ihre Schafherde aufzupassen. Leiden sie plötzlich unter Halluzinationen? Sie sehen und hören mitten in der Nacht die Engel singen. Sie sind offen für eine göttliche Botschaft: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren!“ Zweierlei hören sie – allem Volk soll Freude widerfahren – euch ist das Kind geboren, das euer Retter sein wird. Für alle ganz allgemein – für euch ganz im besonderen – das nehmen die Hirten für sich in Anspruch. Hier wird ein König der Armen geboren, nicht ein neuer Unterdrücker. Ein König der Liebe, nicht ein König der Macht. Ein König der Freiheit, nicht ein König des Zwangs. Zu dem Gott, der hier geboren wird, kann man vertrauen haben, vor ihm muss man sich nicht fürchten.

Gott ist in Jesus auch für uns geboren. Auch wenn wir Angst vor Weihnachten haben. Auch wenn uns die Tränen kommen, wenn wir an frühere Weihnachtstage denken. Auch wenn wir uns nicht trauen, unsere Traurigkeit und Angst irgendjemandem zu zeigen. Freude über dieses Kind entsteht da, wo wir Kinder ernstnehmen – die Kinder in unserer Mitte und auch das Kind in uns selbst. Es ist nicht immer einfach mit Kindern, aber man kann sie immer liebhaben. Wir müssen nur lernen, uns selber liebzuhaben. Und uns selber liebzuhaben, dazu brauchen wir Mut. Denn wir sind Menschen mit Fehlern, mit Angst, mit Verzweiflung, mit Schuld und Schmerzen. Jesus hat uns so angenommen, wie wir sind – ganz einfach so, wie man ihn annahm, unter schwierigsten Bedingungen, als er ein Baby war. Wir müssen uns nicht schämen, dass wir so sind, wie wir sind. Auch wenn wir manchmal weinen müssen, sogar an Weihnachten. Amen.

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