Der Mensch inmitten der Natur

In der Trauerfeier für einen naturverbundenen Menschen lege ich Verse aus dem Schöpfungs­psalm 104 aus. Außerdem singen wir Liedstrophen von Paul Gerhardt aus „Nun ruhen alle Wälder“ und „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“.

Der Mensch inmitten der Natur: Zwei Wanderer in den Bergen

Zwei Wanderer erleben in den Bergen Gottes Natur (Bild: Jackieand – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Trauergemeinde, wir sind versammelt, um Abschied zu nehmen von Herrn L., der im Alter von [über 80] Jahren gestorben ist.

Wir erinnern uns an sein Leben zwischen Familie, Beruf und Freizeit, zwischen der alten Heimat und den Orten, wo er ein neues Zuhause erlebte, zwischen der Welt kaufmännischer Zahlen und moderner Technik einerseits und der Liebe zur von Gott geschaffenen Natur andererseits.

Ich möchte diese Feier beginnen mit Worten aus dem Psalm 104. Es ist ein Loblied für den Gott, der alles erschafft, vom Wasser, das Menschen und Tiere am Leben erhält, bis hin zum Wein, den wir genießen dürfen. Wir loben Gott, der uns durch seinen eigenen Lebensodem unsere Lebenszeit als Menschen schenkt:

1 Lobe den HERRN, meine Seele! HERR, mein Gott, du bist sehr herrlich;

5 der du die Erde gegründet hast auf festen Boden.

10 Du lässt Wasser in den Tälern quellen, dass sie zwischen den Bergen dahinfließen,

11 dass alle Tiere des Feldes trinken und das Wild seinen Durst lösche.

12 Darüber sitzen die Vögel des Himmels und singen unter den Zweigen.

13 Du feuchtest die Berge von oben her, du machst das Land voll Früchte, die du schaffest.

14 Du lässest Gras wachsen für das Vieh und Saat zu Nutz den Menschen, dass du Brot aus der Erde hervorbringst,

15 dass der Wein erfreue des Menschen Herz und sein Antlitz schön werde vom Öl und das Brot des Menschen Herz stärke.

20 Du machst Finsternis, dass es Nacht wird; da regen sich alle wilden Tiere,

21 die jungen Löwen, die da brüllen nach Raub und ihre Speise suchen von Gott.

22 Wenn aber die Sonne aufgeht, heben sie sich davon und legen sich in ihre Höhlen.

23 So geht dann der Mensch aus an seine Arbeit und an sein Werk bis an den Abend.

24 HERR, wie sind deine Werke so groß und viel! Du hast sie alle weise geordnet, und die Erde ist voll deiner Güter.

25 Da ist das Meer, das so groß und weit ist, da wimmelt‘s ohne Zahl, große und kleine Tiere.

26 Dort ziehen Schiffe dahin; da sind große Fische, die du gemacht hast, damit zu spielen.

27 Es warten alle auf dich, dass du ihnen Speise gebest zur rechten Zeit.

28 Wenn du ihnen gibst, so sammeln sie; wenn du deine Hand auftust, so werden sie mit Gutem gesättigt.

29 Verbirgst du dein Angesicht, so erschrecken sie; nimmst du weg ihren Odem, so vergehen sie und werden wieder Staub.

30 Du sendest aus deinen Odem, so werden sie geschaffen, und du machst neu die Gestalt der Erde.

Von der Schöpfung des Menschen inmitten und im Einklang mit der Natur haben wir im Psalm gebetet, auch davon, dass Menschen und Tiere sterblich sind, weil der Lebensatem von Gott uns nur auf eine bestimmte Zeit geschenkt ist. In einem Abendlied, das Sie für diese Feier ausgesucht haben, hat der evangelische Liederdichter Paul Gerhardt den Schlaf der Nacht als Bild für den Heimgang in die Ewigkeit gedeutet; Leib und Seele bleiben sogar im ewigen Schlaf in der Obhut des Gottes, der alles geschaffen hat.

Aus diesem Lied 477 singen wir die Strophen 1, 4, 6 und 7:

1. Nun ruhen alle Wälder, Vieh, Menschen, Städt und Felder, es schläft die ganze Welt; ihr aber, meine Sinnen, auf, auf, ihr sollt beginnen, was eurem Schöpfer wohlgefällt.

4. Der Leib eilt nun zur Ruhe, legt ab das Kleid und Schuhe, das Bild der Sterblichkeit; die zieh ich aus, dagegen wird Christus mir anlegen den Rock der Ehr und Herrlichkeit.

6. Nun geht, ihr matten Glieder, geht hin und legt euch nieder, der Betten ihr begehrt. Es kommen Stund und Zeiten, da man euch wird bereiten zur Ruh ein Bettlein in der Erd.

7. Mein Augen stehn verdrossen, im Nu sind sie geschlossen. Wo bleibt dann Leib und Seel? Nimm sie zu deinen Gnaden, sei gut für allen Schaden, du Aug und Wächter Israel‘.

Liebe Trauergemeinde!

Ich habe den Psalm 104 an den Anfang dieser Feier gestellt, weil er uns die Natur vor Augen stellt, die Herr L. geliebt hat. Zugleich ist in diesem Psalm auch Raum für menschliche Arbeit und technisches Können, für Saat und Ernte, für die Kunst des Winzers und des Bäckers bis hin zum Bau der Schiffe, die auf dem Meer dahinziehen.

Erinnerungen an das Leben des Verstorbenen

Er hatte immer viel gearbeitet, musste auch viel unterwegs sein. Als Ausgleich dienten ihm seine Hobbys, zum Beispiel das Wandern oder die Geruhsamkeit des Angelns. Einerseits war er ein lebhafter Mensch, der viel und gerne redete. Aber dann war er auch der Naturliebhaber, der sich sozusagen ganz still in das Erlebnis der Natur hineinversenken konnte.

Gestorben ist er, nachdem er Anfang dieses Jahres schwer erkrankte und trotz mancherlei Behandlungen nicht wieder gesund werden konnte. Bis zuletzt blieb sein Geist klar, das war etwas, was er sich gewünscht hatte.

Mit Psalm 104, 29 haben wir vorhin zu Gott gebetet:

Nimmst du weg ihren Odem, so vergehen sie und werden wieder Staub.

Das biblische Gebet sieht uns Menschen realistisch in einer Reihe mit den Tieren. Es gehört zum Lauf des Lebens, dass unser Leib zur Erde zurückkehrt, von der wir genommen sind, dass wir Staub und Asche werden. Doch das letzte Wort des Psalms ist das nicht. Danach folgt dieser Vers (Psalm 104, 30):

Du sendest aus deinen Odem, so werden sie geschaffen, und du machst neu die Gestalt der Erde.

Hoffnung steht am Schluss des Psalms. Wenn wir an Gott, an seine schöpferische Kraft, glauben können, dann sind wir zwar mit unserem Tode nicht mehr da, so wie wir vorher da waren. Aber Gott ist im Stande, immer wieder neu seinen Lebensatem auszusenden. Der Psalm 104 sieht das ganz diesseitig; die Erde bringt immer wieder neues Leben hervor, die Evolution geht weiter, der Mensch ist und bleibt aufgerufen, endlich seinen Auftrag wahrzunehmen und die Erde zu bebauen und zu bewahren, statt sie auszubeuten und zu zerstören.

An anderen Stellen der Bibel gibt es Bilder der Hoffnung, Bilder vom Himmel, die darauf schließen lassen, dass auch unser individuelles Leben nicht einfach im Tod versinkt. So haben wir mit dem Lied am Anfang davon gesungen, dass unser Leib und unsere Seele „zu Gottes Gnaden“ genommen werden und somit nicht verloren gehen, dass wir im Sterben von Christus mit einer „Ehr und Herrlichkeit“ umkleidet werden, die für uns hier auf Erden unvorstellbar bleibt.

Religiöse Spekulationen waren nicht so sehr im Sinne von Herrn L. Er glaubte an eine höhere Macht, er war überzeugt, es muss jemanden geben, der die Welt, die Natur, alles um uns herum ins Leben ruft. Was er nicht so sehr mochte, war, was Menschen zu dieser Vorstellung „dazu“ machten. Ob er damit meinte, dass Konfessionen und Religionen oft dazu neigen, ihre jeweils eigene Offenbarung des einen Gottes als die einzig wahre zu behaupten, was zu Rechthaberei, zu Fanatismus und sogar zu Glaubenskriegen führen kann? In dieser Hinsicht könnte ich ihm nur zustimmen: Unsere Gedanken über Gott sind immer kleiner und geringer als Gott selbst; sie kommen Gott nur dann nahe, wenn sie seinen Geist der Liebe und des Friedens atmen und ausstrahlen.

Überlassen wir es also einfach dem großen Gott selber, in welcher Weise er den geliebten Verstorbenen eine Zukunft in der Ewigkeit gibt, von der wir ja nur in unvollkommenen Bildern sprechen oder singen können.

Wir haben darüber gesprochen, dass es im Sinne von Herrn L. wäre, einige Strophen aus dem naturverbundenen Lied „Geh aus, mein Herz“ von Paul Gerhardt zu singen. Es handelt nicht nur von den schönen Gärten hier auf Erden und von all den Werken des Schöpfers, an denen wir uns dankbar erfreuen können, sondern auch von der letzten Reise in das Paradies.

„Paradies“, das war in der Bibel die Vorstellung von einem Menschenpaar, das im Schöpfungsgarten im Einklang mit der Natur und in Liebe zueinander leben konnte. Freude mitten in der Trauer kann uns geschenkt sein, wenn wir uns bewusst machen, dass die Liebe, mit der wir einander beschenkt haben, auch im Tode nicht verloren geht, sondern bei Gott in Ewigkeit aufbewahrt bleibt.

Singen wir in diesem Sinne aus dem Lied 503 die Strophen 1, 8 und 15:

1. Geh aus, mein Herz, und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit an deines Gottes Gaben; schau an der schönen Gärten Zier und siehe, wie sie mir und dir sich ausgeschmücket haben, sich ausgeschmücket haben.

8. Ich selber kann und mag nicht ruhn, des großen Gottes großes Tun erweckt mir alle Sinnen; ich singe mit, wenn alles singt, und lasse, was dem Höchsten klingt, aus meinem Herzen rinnen, aus meinem Herzen rinnen.

15. Erwähle mich zum Paradeis und lass mich bis zur letzten Reis an Leib und Seele grünen, so will ich dir und deiner Ehr allein und sonsten keinem mehr hier und dort ewig dienen, hier und dort ewig dienen.

Du Gott der Freiheit und der Liebe, wir danken dir für das Leben von Herrn L., für alle Erfüllung und Bewahrung und für alles, was wir einander an Liebe verschenken und empfangen durften. Nimm ihn gnädig auf in deine Hände und schenke seiner Familie den Trost, den nur du geben kannst.

Schenke uns Zuversicht für jeden neuen Tag, und lass uns in Verantwortung vor dir unser Leben führen. Mach uns bewusst, dass du uns Liebe schenkst, um mit unseren kleinen Kräften ein Segen zu sein für unsere Erde und insbesondere für die Menschen, die du uns anvertraust. Amen.

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