Kantige und rauhe Wahrheit

Trauerfeier für einen Mann, der die Wahrheit liebte, auch wenn es sich um eine kantige und rauhe Wahrheit handelte. Wo gibt es Trost, wenn man auf Wege geführt wird, die man nicht gehen will?

Kantige und rauhe Wahrheit: eine steile und verwinkelte Treppe führt an Natursteinen und Gestrüpp entlang

Wohin führen uns die Wege unseres Lebens? (Bild: pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Wir sind vom Tod betroffen Wir müssen Herrn X. begraben, der im Alter von [über 50] Jahren gestorben ist.

Liebe Familie X., liebe Angehörige, es ist ein schwerer Weg für Sie. Keiner von uns kann Ihnen diesen Abschied ersparen, aber wir begleiten Sie. Wir suchen in dieser Stunde Hilfe und Trost.

Eingangsgebet

Doch wie können wir für das Leben danken im Angesicht des Todes? Vielleicht können wir es lernen von den Psalmdichtern der Bibel.

Wir lassen Worte aus Psalm 103 uns sprechen:

1 Lobe den HERRN, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen!

2 Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.

6 Der HERR schafft Gerechtigkeit und Recht allen, die Unrecht leiden.

8 Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte.

14 Denn er weiß, was für ein Gebilde wir sind; er gedenkt daran, dass wir Staub sind.

15 Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde;

16 wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennet sie nicht mehr.

17 Die Gnade aber des HERRN währt von Ewigkeit zu Ewigkeit über denen, die ihn fürchten, und seine Gerechtigkeit auf Kindeskind

18 bei denen, die seinen Bund halten und gedenken an seine Gebote, dass sie danach tun.

22 Lobet den HERRN, alle seine Werke, an allen Orten seiner Herrschaft! Lobe den HERRN, meine Seele!

Wir suchen Hilfe und Trost angesichts des Todes. Wir fragen nach den Glauben, der uns zum Leben hilft.

Im Johannesevangelium heißt es von Jesus, er habe seinem Jünger Petrus angedeutet, dass er wie Jesus selbst einen gewaltsamen Tod erleiden werde. In dem Vers, der davon spricht, steckt auch eine allgemeine Einsicht. Jesus sagte zu ihm (Johannes 21, 18):

Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hin wolltest; wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hin willst.

Liebe Trauernde,

dieser Bibelvers kam mir in den Sinn, als ich alles zu ordnen versuchte, was ich im Gespräch mit Ihnen über Herrn X. erfahren habe: Es gibt Zeiten, in denen wir Herr unserer Entschlüsse sind, in denen wir unser Leben selbst in die Hand nehmen, und andererseits Zeiten, in denen wir an Mächte ausgeliefert sind, die uns in der Hand haben – Abhängigkeiten von Zeitumständen, Menschen, Krankheit und Tod. Herr X., um dem wir trauern, hat nach allem, was ich selbst erfahren und von Ihnen gehört habe, sein Leben bewusst gelebt, seine eigenen Ziele verfolgt, den eigenen Kopf hingehalten für das, was er sagte und tat; er wurde nicht gelobt. Er stieß an Grenzen, wurde geführt, wohin er nicht wollte, setzte sich aber auch damit bewusst auseinander.

Sie werden in der Erinnerung die Wege nachvollziehen, die Herr X. gegangen ist, weil er sie gehen wollte – in der Liebe zu seiner Frau, in seiner Verbundenheit mit der Familie, mit Haus und Garten, in seiner beruflichen Tätigkeit, mit der er unter anderem zum Wiederaufbau vieler Kirchen beitrug, und nicht zuletzt in seinem politischen Engagement. Die Politik fraß nicht seine familiäre Sphäre auf, aber er zog sich auch nicht in seine vier Wände vor öffentlichen Aufgaben und Auseinandersetzungen zurück. Durch seine Aktivität, seine Offenheit und Ehrlichkeit war er ein unbequemer Mann, denn die Wahrheit ist nicht glatt und rund, sondern kantig und rauh – wie die Wirklichkeit eben ist, in der wir leben: widerspruchsvoll und konfliktreich.

Sie denken sicher auch an die Wege, die Herr X. nicht aus freiem Willen gegangen ist, Wege, die ihn dorthin führten, wohin er nicht wollte. „Und führen, wohin du nicht willst“, das ist auch der Titel eines Tagebuchs der Kriegsgefangenschaft, das der engagierte Theologe Helmut Gollwitzer geschrieben hat – die Erfahrung von Krieg und Gefangenschaft blieb auch Herrn X. nicht erspart, der als Jugendlicher eingezogen wurde, ebenso wenig der Verlust der Heimat.

Erinnerungen an das Leben des Verstorbenen

Seine Krankheit ist nun der letzte Weg, auf den er unfreiwillig geführt wurde. Er wurde Opfer der Krankheit, die erst in unserem hektischen, unersättlichen Jahrhundert so mächtig geworden ist, zuletzt – so kann man vielleicht sagen – sogar noch Opfer einer Medizin, die technische Mittel zur Heilung auch dann noch einsetzt, wenn sie nur noch quälen und ein menschliches Sterben behindern. Doch Herr X. war nicht nur Opfer, bemitleidete sich nicht selbst, war stark im Umgang mit seiner Krankheit, bewegte sich bis zum Schluss zwischen Todesahnung und Hoffnung. Ich habe ihn persönlich nur einmal gesehen und gesprochen. Da sagte er: Von dem, was im hektischen Berufsalltag wichtig gewesen war, sei nun nichts mehr wichtig. Und gleichzeitig äußerte er sein Interesse am Aufbau von Jugendarbeit, übte er Kritik an Vorgängen, die ihm missfielen. Die Krankheit zwang ihn auf einen Weg zwischen das Hoffen und das Sterben.

Der Bibelvers lässt offen, woher Hoffnung für den kommt, der geführt wird, wohin er nicht will. Zeichen der Hoffnung sehe ich in den Entscheidungen für mutiges Handeln, für unbequeme Kritik, für das Leben, die angesichts äußerer Zwänge und angesichts des Endes gefällt werden. Als Grund solcher Hoffnung haben Christen aller Zeiten Jesus gesehen, wie er am Kreuz hängt – den seine Haltung der Liebe in Konflikt mit den religiös und politisch Mächtigen seiner Zeit brachte und der für seine konsequent gelebte Botschaft sich foltern und hinrichten ließ. Hier am Kreuz sehen wir Gott, von dem wir Trost erwarten können, wenn Gott der Name ist für die Wirklichkeit, die sich zuletzt durchsetzt, gegen allen Augenschein. Gott ist der Name für die Hoffnung, die das Unmögliche hofft: dass das Leben vor dem Tod sinnvoll bleibt trotz der Trauer über den, den wir verloren haben, und trotz des Todes, der uns alle erwartet. Amen.

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