An Gott gegen Gott glauben

Die Zumutung an Abraham aus der Perspektive behinderter Menschen.

Das war Glaube: Abraham belädt den Esel mit Holz und macht sich mit zwei Knechten und seinem Sohn auf den Weg. Das wäre Glaube: Die Eltern des schwerbehinderten Kindes nehmen ihr Kind an, wie es ist. Ja, Gott mutet zuweilen Unzumutbares zu. Das ist hart, doch es entlastet von vielen Erklärungsversuchen.

Relief an einer Hauswand: Abraham schwingt das Messer über dem auf einem Altar knienden Isaak - ein kaum sichtbarer Engel fasst das Messer an

Wer außer Gott sollte verantwortlich sein, wenn er uns Unzumutbares zumutet? (Foto des Reliefs: pixabay.com)

#predigtGottesdienst am 15. Sonntag nach Trinitatis, 27. September 1981, um 9.30 in Weckesheim, um 10.30 in Reichelsheim,und am 16. Sonntag nach Trinitatis, 4. Oktober 1981, um 13.00 in Staden
Orgelvorspiel

Ich freue mich, dass wir wieder miteinander Gottesdienst feiern. Guten Morgen! Der Gottesdienst heute steht im Zusammenhang damit, dass im Herbst das Diakonische Werk immer besonders um unsere Spende bittet und in jedem Jahr unsere Aufmerksamkeit auf ein besonderes soziales Problem lenken will; in diesem Jahr geht es um die Beziehung von Behinderten und Nichtbehinderten in der Gemeinde, um die Frage: Wie gehen wir miteinander um? Heute möchte ich im Gottesdienst die Frage ansprechen: Wie geht Gott mit uns um, mit Behinderten, mit Nichtbehinderten, mit den Eltern behinderter Kinder – und wie reagieren wir darauf? Das ist von Bedeutung auch für unseren Umgang miteinander.

Lied EKG 264, 1-3 (EG 390):

1. Erneure mich, o ewigs Licht, und lass von deinem Angesicht mein Herz und Seel mit deinem Schein durchleuchtet und erfüllet sein.

2. Schaff in mir, Herr, den neuen Geist, der dir mit Lust Gehorsam leist’ und nichts sonst, als was du willst, will; ach Herr, mit ihm mein Herz erfüll.

3. Auf dich lass meine Sinne gehn, lass sie nach dem, was droben, stehn, bis ich dich schau, o ewigs Licht, von Angesicht zu Angesicht.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Nehmt einander an, gleichwie Christus euch angenommen hat! (Römer 15, 7)

Wir beten mit den Worten eines Liedes von Vera Panzer:

Leben mit den Beinen, die nicht mehr beweglich sind…
Leben, Leben, du bist dabei!

Amen.

Wir hören die Lesung aus dem 1. Buch Mose – Genesis 22, 1-14a. Es ist der Text zur Predigt, und ich bitte darum, einmal genau hinzuhören, sowohl auf die Einzelheiten des Textes als auch auf die eigenen Gefühle, die sich dabei melden:

1 Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham und sprach zu ihm: Abraham! Und er antwortete: Hier bin ich.

2 Und er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du liebhast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde.

3 Da stand Abraham früh am Morgen auf und gürtete seinen Esel und nahm mit sich zwei Knechte und seinen Sohn Isaak und spaltete Holz zum Brandopfer, machte sich auf und ging hin an den Ort, von dem ihm Gott gesagt hatte.

4 Am dritten Tage hob Abraham seine Augen auf und sah die Stätte von ferne

5 und sprach zu seinen Knechten: Bleibt ihr hier mit dem Esel. Ich und der Knabe wollen dorthin gehen, und wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen.

6 Und Abraham nahm das Holz zum Brandopfer und legte es auf seinen Sohn Isaak. Er aber nahm das Feuer und das Messer in seine Hand; und gingen die beiden miteinander.

7 Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham: Mein Vater! Abraham antwortete: Hier bin ich, mein Sohn. Und er sprach: Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum Brandopfer?

8 Abraham antwortete: Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer. Und gingen die beiden miteinander.

9 Und als sie an die Stätte kamen, die ihm Gott gesagt hatte, baute Abraham dort einen Altar und legte das Holz darauf und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz

10 und reckte seine Hand aus und faßte das Messer, dass er seinen Sohn schlachtete.

11 Da rief ihn der Engel des HERRN vom Himmel und sprach: Abraham! Abraham! Er antwortete: Hier bin ich.

12 Er sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts; denn nun weiß ich, daß du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen.

13 Da hob Abraham seine Augen auf und sah einen Widder hinter sich in der Hecke mit seinen Hörnern hängen und ging hin und nahm den Widder und opferte ihn zum Brandopfer an seines Sohnes Statt.

14 Und Abraham nannte die Stätte »Der HERR sieht«.

Lied EKG 294, 6-8 (EG 361):

6. Hoff, o du arme Seele, hoff und sei unverzagt! Gott wird dich aus der Höhle, da dich der Kummer plagt, mit großen Gnaden rücken; erwarte nur die Zeit, so wirst du schon erblicken die Sonn der schönsten Freud.

7. Auf, auf, gib deinem Schmerze und Sorgen gute Nacht, lass fahren, was das Herze betrübt und traurig macht; bist du doch nicht Regente, der alles führen soll, Gott sitzt im Regimente und führet alles wohl.

8. Ihn, ihn lass tun und walten, er ist ein weiser Fürst und wird sich so verhalten, dass du dich wundern wirst, wenn er, wie ihm gebühret, mit wunderbarem Rat das Werk hinausgeführet, das dich bekümmert hat.

Gott sei uns gnädig. Gnade uns Gott! Die Gnade Gottes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde!

Vielleicht haben Sie kürzlich den Film „Die Bibel“ gesehen. In der Frauengruppe gab es darüber einen Meinungsaustausch, und am Ende fanden wir den Film nicht so gut, weil er Glaubenszweifel eher bestärkt als geklärt hatte. Besonders der Teil des Films über die Opferung Isaaks hatte betroffen, aber auch ratlos gemacht, erschüttert, aber auch empört. Kann Gott das von einem Vater verlangen? Hätte ich ihm gehorcht? Nein, hatte ich in meinem Innern gesagt, das kann Gott doch nicht verlangen, das kann doch nicht wahr sein, dass Gott so ist. Ist Gott nicht Liebe?

Inzwischen stieß ich bei der Vorbereitung dieser Predigt auf eine Besinnung über diesen harten, anstößigen Bibeltext, die von einem Theologen mit 27-jähriger Rollstuhlerfahrung stammt. Aus Gedanken des behinderten Predigers Ulrich Bach baut sich nun meine Predigt auf – Gedanken, die mir einen völlig neuen Zugang zur Geschichte von Abraham und Isaak mit Gott verschafft haben. Ulrich Bach begleitet in Gedanken Abraham und seinen Sohn und denkt dabei auch immer an seine Erfahrungen als Behinderter und mit anderen Behinderten.

Damals bei Abraham – spielt Gott da nicht verrückt? Sieht es nicht zumindest so aus? Schlimm genug, wenn ein Vater seinen Sohn töten wollte, aber ihn töten sollen? Zudem im Auftrag des Allerhöchsten? Und dann war Isaak ja nicht irgendwer. Er war der verheißene Sohn – wie soll Abraham Stammvater eines großen Volkes werden, wenn er nicht wenigstens einen Sohn hat? Er war ihm verheißen worden – da waren Abraham und seine Frau schon so alt, Sara konnte bei dieser Verheißung nur kichern – er wurde ihm geboren, Gott steht zu seinem Wort, das „Volk Gottes“ muss kein Hirngespinst bleiben. Und jetzt soll er Isaak, diesen einzigen Sohn, zum Brandopfer darbringen – etwas Verrückteres kann wohl nicht erfunden werden.

Und heute bei manchen Familien: da haben sich Eltern auf ein Kind gefreut, mag sein, auch für das Ungeborene gebetet. Und dann ist da eine schwere Behinderung, körperlicher oder geistiger Art. Soll dieses Kind glauben und sagen können: ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat? Oder soll es sich etwa zeitlebens als Gottes Panne verstehen?

Was sollen die Eltern im Blick auf das Kind denken und glauben: In Dankbarkeit zeigen wir die Geburt unseres Sohnes an? Was sollen Außenstehende zur Geburt wünschen? Gratulation? Gottes Segen? Viel Kraft? Als jemand gefragt wurde: „Ist ein schwer behindertes Kind für die Eltern Gottes Gabe und Aufgabe?“ sagte er spontan: „Aufgabe ja. Gabe nein.“

Bei einem nichtbehinderten Kind, da wissen wir, was wir sagen können. Einem jungen Vater wurde zur Geburt seines gesunden Sohnes so gratuliert: „Das ist ja wirklich ein Volltreffer, das hast du gut gemacht.“ Aber dann ist klar, dass wir nichts mehr sagen können, wenn ein Kind geboren wird mit offenem Rücken, oder ein Kind ohne Arme. Und dieses Nichts-Sagen drängt Familien mit behinderten Kindern an den Rand. Aber können wir denn ein schwer behindertes Kind so annehmen, wie es ist, als von Gott geschaffen, als Gottes Gabe? Kann Gott denn so verrückt sein?

Ulrich Bach, selbst ein Behinderter, findet es ungemein wichtig, dass die schaurige Geschichte von Abraham und Isaak in der Bibel steht. Denn es mag sein, dass manche Behinderten oder ihre Angehörigen zu diesem völlig undurchschaubaren Gott vom eigenen Erleben her einen leichteren Zugang haben, als zu einem Gott, bei dem alles klar und einsichtig ist. Glaube heißt dann: Gott aufs Wort gehorchen, auch wenn er verrückt zu spielen scheint.

Das war Glaube: Abraham belädt den Esel mit Holz und macht sich mit zwei Knechten und seinem Sohn auf den Weg. Das wäre Glaube: Die Eltern des schwerbehinderten Kindes nehmen ihr Kind so an, wie es ist; ein behinderter Mensch nimmt seine Behinderung als eine seiner ihm von Gott gegebenen Lebensbedingungen an. Ja, es ist Gott, der zuweilen Unzumutbares zumutet. Das ist hart, doch es entlastet auch von den vielen Erklärungsversuchen, die Zuflucht nehmen bei Schicksal und Zufall, bei Schuld und Strafe oder gar bei einer gegengöttlichen Supermacht. Nein, wer hier zugeschlagen hat, ist Gott. Wer uns da etwas zumutet, ist Gott. Gott kann Dinge tun, die wir nur schlimm verrückt, ungerecht und grausam nennen können. Er schafft nicht nur Blumen, Sternlein und gesunde Kinder. Im zweiten Buch Mose – Exodus 4, 11 steht es wörtlich so drin:

Wer hat den Stummen oder Tauben oder Sehenden oder Blinden gemacht? Habe ich’s nicht getan, der Herr?

Wir verschweigen das oft lieber. Denken gar nicht erst daran. Und wir erschweren es dadurch den Betroffenen, ihre schlimme Situation überhaupt zu überdenken. „Ich darf gar nicht daran denken!“ heißt es oft. Wie soll das auch gehen, wo wir in unserer Welt Gesundheit als den höchsten Wert preisen? Trotzdem: durch einen Glauben, wie Abraham ihn hatte, kann man auch an das Undenkbare denken.

Doch wie sieht nun der Glaube Abrahams genau aus, der sich mit Gott einließ, auch wo Gott verrückt zu spielen schien? Hat Abraham gelogen? Zu den Knechten sagt er: Wir, mein Sohn und ich, werden wieder zu euch kommen – und er ist doch auf dem Weg, seinen Sohn zu töten. Zu seinem Sohn sagt er: Mein Sohn, Gott wird sich ein Tier zum Opfer ersehen – und er weiß doch, wen es hier zu opfern gilt. Hat er also gelogen?

Oder hat er hier geglaubt, vielleicht so: Gott hatte mir ein Volk verheißen und Isaak als die nächste Generation bestimmt, also gibt es jetzt kein Volk Gottes ohne uns beide, also werden wir wieder zurückkommen. Wie sich das mit der Tatsache verträgt, dass ich auf dem Wege bin, Isaak zu töten, das ist nicht mein Problem. Gott hat das eine gesagt, und Gott hat das andere gesagt. Aus dieser Zwickmühle herauszufinden, das ist seine Sache. Glaube heißt hier: An Gott gegen Gott glauben. Auf menschliche Logik verzichten. Glaube heißt aber auch: die Fragen der anderen nicht verbieten, und: bei den Fragen der anderen selber keine plausiblen Antworten wissen müssen.

Doch obwohl Abraham keine plausiblen Antworten weiß, hat es ihm doch nicht die Sprache verschlagen – wie es mit uns geschieht, wenn wir nicht wissen, ob wir Eltern eines von Geburt an behinderten Kindes beglückwünschen oder bedauern sollen. Kommt uns das nicht alles gleichermaßen verrückt vor: Wenn Abraham sich daranmacht, seinen Sohn dem Befehl Gottes gemäß zu schlachten, und dann sagt: wir kommen zurück? Wenn wir sagen: dieses Kind, das nie im Leben „richtig“ denken, sprechen, sich bewegen lernt, ist Gottes so gewolltes und geliebtes Geschöpf, es ist – wie wir – kein bisschen weniger – berufen, als sein Jünger in seiner Gemeinde unter ihm zu leben und ihm zu dienen? Wenn Abraham das Messer zwar noch nicht gezogen, aber schon an sich genommen hat, und dann auf die Frage seines Sohnes nach dem Opfertier antwortet: Das lass mal Gottes Sorge sein? Oder wenn der Hauptmann unter dem Kreuz Jesu sagt: Dieser ist wirklich Gottes Sohn gewesen? Man könnte geradezu versucht sein, Christsein zu definieren als: sich in von Gott verordneten Verrücktheiten üben.

Deshalb ist es kein Wunder, dass so selten einer den Mut findet, so von Gott zu reden. Ich bin auch immer versucht, Gott gegenüber dem Vorwurf zu verteidigen, er wäre ungerecht. Aber Gott hat das wohl nicht nötig. Werner Höfer hat 1963 nach einer Katastrophe einen Kirchenmann, Präses Beckmann, gefragt: „Wie hätten Sie zu diesen Menschen, die ihre Lieben, ihre Habe, ihre Heimat verloren haben, gesprochen?“ Und Beckmann antwortete mit dem Psalmwort (39, 10b):

„… denn du hast es getan!“

und fährt fort: „Ich finde in dieser Gewissheit, dass Gott auch im schwersten Schicksal über uns waltet, einen letzten Trost, denn es wäre unvorstellbar grauenvoll, wenn es nur ein blindes Walten wäre, das über uns verfügt.“

Ich denke noch an einen Behinderten, den ich in Bethel kennenlernte, der nur in einem Torfbett liegen konnte – und der dennoch so viel Freude und Dankbarkeit ausdrückte. Ich glaube, er machte mit seinen Füßen etwas, malen oder so, wofür er etwas Geld bekam, und freute sich so sehr, wenn er wieder eine schöne Spende für Brot für die Welt zusammenbekam, um anderen zu helfen.

Wie ist es nun mit unserem betretenen Schweigen, wo ein behindertes Kind geboren wurde, mit unseren Glückwünschen, die uns im Halse stecken bleiben? Abraham sagt: Gott wird zusehen, wie‛s weitergeht, konkret, wo wir ein Tier herbekommen. Könnten wir es ihm nicht nachtun: Gott wird zusehen, wie es weitergeht, konkret: wie dieses Kind Lebenssinn und Glück erfährt und mit dem Blick auf welche Erlebnisse ihr sagen könnt: Wir sind eine reich gesegnete Familie?

Wo steht eigentlich geschrieben, dass Segen sich am Sichtbaren ablesen lässt? Ein Pfarrer sagte den Eltern eines behinderten Kindes: „Ich weiß nicht, warum meine Kinder gesund sind und Ihr Kind ist behindert; keine Ahnung, was Gott sich dabei gedacht hat; aber er hat sich etwas dabei gedacht, und das steht nicht im Widerspruch zu seiner Liebe Ihrer und meiner Familie gegenüber.“

Und was taten die Freunde Hiobs, des bekanntesten Leidenden in der Bibel? Sie gingen hin zu Hiob, setzten sich zu ihm und schwiegen sieben Tage (Hiob 2, 11-13). Da sein und schweigen ist etwas anderes als allein lassen und schweigen. Und dann lassen sie es zu, dass Hiob seinen Mund auftut und ein ganzes Kapitel lang flucht – und sie unterbrechen ihn nicht: auch das kann Seelsorge sein (Hiob 3, 1-26). Und das kann Glaube sein: Glauben, dass Gott nicht so kleinkariert ist, dass er auf Fluch nur mit Hölle reagieren könnte. Sondern: der Gott, der auch Reiche in sein Reich aufnehmen kann (nicht weil die Reichen so fromm wären, sondern weil bei Gott alle Dinge möglich sind), der kann auch Fluchende selig machen (nicht weil Gott das Fluchen so gern hört wie ein Kirchenlied, sondern weil bei Gott kein Ding unmöglich ist): trotz allem auf Gott setzen, das ist Glaube, wie Abraham ihn uns vorgelebt hat.

Und das Ende der Geschichte? Hat Abraham nun seinen Sohn geopfert oder nicht? Und was bedeutet das Schlusssätzchen: „Gott sieht!“?

Zunächst zur zweiten Frage: wir können es mit einem modernen Ausdruck sagen: Abraham wird klar: Gott hat den totalen Durchblick. Ich, der Mensch, brauche nicht wie Gott zu sein, ich brauche nicht den Sinn von allem zu erkennen; es reicht, dass ich wirklich Mensch bin und und nicht mehr, dass ich weiß, was in meiner Verantwortung liegt, was ich tun kann.

Eine 90-Jährige wurde von ihrem Neffen gefragt: „Was soll ich dir für das Neue Jahr wünschen?“ Und sie strahlt ihn an und sagt spontan: „Klare Führung.“ So kann man den Satz: „Gott sieht“ auch übersetzen.

Und hat Abraham nun seinen Sohn wirklich geopfert? In gewissem Sinne Ja. Er hat ihn nicht wieder zu den Knechten zurückgenommen, er hat ihn zurückbekommen. Er hatte den gleichen Sohn wie vorher, aber nun anders, als Geschenk, als anvertraute Gabe. Isaak gehörte Gott und ist nicht der Besitz seines Vaters, über den er verfügen könnte nach seinen Wünschen und Gefühlen. Es ist so ähnlich wie in der Taufe – wir sagen, dass ein Kind im Grunde Gott gehört – und bekommen es als von ihm anvertrautes Geschenk wieder zurück.

Noch ein letzter Gedanke in dieser Predigt: Wenn uns diese Geschichte mit Abraham und Isaak immer noch sehr ungewöhnlich vorkommt, dann erinnere ich daran, dass auch die im Mittelpunkt des christlichen Glaubens stehende Geschichte von Gott dem Vater und Jesus dem Sohn im Grunde genau so verrückt ist – eine Torheit, wie Paulus sagt.

Petrus sagt zu Jesus im Evangelium nach Matthäus 16, 16:

Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!

Und Jesus (nach Matthäus 16, 21): „In Jerusalem werde ich gekreuzigt werden.“ Da kann Petrus nur protestieren (nach Matthäus 16, 22): „Das kann nicht Gottes Wille sein; das wäre doch völlig verrückt.“ Menschlich gesehen – das bestätigt Jesus ausdrücklich – hat Petrus recht; dennoch: Gottes Weg ist anders (nach Matthäus 16, 23). Das, wogegen Petrus meinte, ein Veto im Namen Gottes einlegen zu müssen, das war die entscheidende Tat der göttlichen Liebe uns allen gegenüber (Johannes 3, 16):

Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

Darum ist die Geschichte von der Opferung Isaaks als Aussage über unser eigenes Tun überholt. Seit Christen glauben, dass Jesus für uns alle gestorben ist, ist kein anderes Opfer mehr notwendig, und wir würden einen, der von einer göttlichen Stimme berichtet, er solle seinen Sohn schlachten, mit Recht zum Psychotherapeuten schicken. Aber als Aussage über den Gott, an den wir glauben, bestätigt der Tod Jesu am Kreuz sogar die Geschichte von Abraham mit Isaak. Ob wir es auch mit einem Glauben versuchen können, der menschlich gesehen auf einen verrückten, ungerechten und schwachen Gott gerichtet ist? Am Ende steht die Erfahrung: Gott sieht, Gott hat den totalen Durchblick; und für uns genügt, dass wir beschenkte Menschen sind, nur Menschen, verwirrt oft, aber manchmal auch mit klarer Führung. Das genügt. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Uernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.
Lied EKG 306, 1-2+5 (EG 374):

1. Ich steh in meines H   s Unterpfand ist, was er selbst verheißen, dass nichts mich seiner starken Hand soll je und je entreißen. Was er verspricht, das bricht er nicht; er bleibet meine Zuversicht, ich will ihn ewig preisen.

Abkündigungen: Montag 20.00 im Pfarrhaus Friedensgruppe, Mittwoch 16.00 und 20.00 in der Grundschule der Beatles-Film „Hi-Hi-Hilfe“, der viele Dinge unseres Alltags auf die Schippe nimmt und vergnüglich anzusehen ist…

Herr, nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe. Du allein weißt, was mir gut und nützlich ist. Wenn du siehst, dass meine Seele Schaden erleidet und in die Verstrickungen des Bösen gerät, Herr, dann lenke meinen Willen, dass er dir gehorche. Nicht alles, was ich für richtig und gut halte, hilft mir. Oft drängt sich ein fremder Geist in mein Leben, der mich gefangen hält. Er bestimmt meine Gedanken, Gefühle, Worte und Werke. Ich bin sein Diener geworden, weil ich meine Freiheit verloren habe. Darum bitte ich dich, allmächtiger Gott, Vater unseres Herrn Jesus Christus, gib mir das, was du mir geben willst. Gib nicht nach, wenn meine Wünsche und Bitten maßlos werden und nur das Angenehme suchen. Lehre mich durch die Schule des Verzichts deinen Willen zu verstehen. Schenke mir Geist und Kraft, das Vergängliche zu überwinden und mich nach dem Ewigen auszustrecken. Besänftige mein unruhiges Herz, das hin- und hergerissen wird von den Verlockungen und Sorgen der Welt: Gib Frieden in meine ruhelose Seele, damit ich erkennne, dass du der wahre Friede bist. In allen Unruhen und Plagen meines Lebens suche ich den Ort der Stille. Herr, du kennst mein unersättliches Herz, meine aufgewühlte Seele, die nie zufrieden ist. Alles Elend meines Lebens liegt darin, dass ich meinen Willen mit Gewalt durchsetzen will. So stehe ich gegen dich und die Menschen. Ich lehne mich auf, wenn etwas anders verläuft, als ich es mir gedacht habe. Ich werde böse und ungerecht, wenn sich meine Wünsche nicht erfüllen. Herr, darum lass mich trachten, deinen Willen zu er. füllen. Lass mich gehorsam sein, damit ich dir nachfolgen kann und dein Kreuz auf mich nehme. Amen.

Vater unser und Segen
Lied EKG 294, 2 (EG 361):

2. Dem Herren musst du trauen, wenn dir’s soll wohlergehn; auf sein Werk musst du schauen, wenn dein Werk soll bestehn. Mit Sorgen und mit Grämen und mit selbsteigner Pein lässt Gott sich gar nichts nehmen, es muss erbeten sein.

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