Die politische Relevanz von Kreuz und Auferstehung

Treblin-Heinrich

Pfarrer Heinrich Treblin

Polarisierung in rechte und linke Christen

In zunehmendem Maße erleben wir seit einigen Jahren eine bedenkliche Polarisierung innerhalb unserer Kirche: treibt die einen die Sorge um das „Heil der Seelen“ um, liegt den anderen die Sorge um das „Wohl der Welt“ am Herzen. Wie die Schlagworte auch lauten mögen, die man sich gegenseitig vorhält, das „reine Wort Gottes“ hier, „tätige Nächstenliebe in der Nachfolge Jesu“ dort, immer greift man einen Aspekt der biblischen Botschaft heraus und reißt auseinander, was untrennbar zusammengehört und nur zusammen die heilsame Botschaft von Gottes Liebe zur Welt ausmacht.

Haben Evangelikale einerseits, Sozial- oder Polit-Theologen (oder wie man sich selbst oder die anderen etikettieren mag) vergessen, dass Paulus „Glaube, Hoffnung und Liebe“ stets in einem Atem nennt (1. Korintherbrief 13, 1 – Thessalonicherbrief)? Dass vor dem Missionsbefehl Matthäus 28 unüberhörbar Matthäus 25 mit der ganz konkreten Schilderung christlichen Tatzeugnisses steht? Haben uns die johanneischen Schriften nicht die Zusammengehörigkeit von Gottesliebe und Bruderliebe deutlich genug eingeschärft? Wir Älteren haben zwar noch nicht vergessen, wie auch unsere Lehrer und Väter um die Jahrhundertwende sich schon erbitterte Kämpfe lieferten, indem die „Orthodoxen“ oder „Positiven“ sich stärker auf den „Christus des Glaubens“, die „Liberalen“ mehr auf den „historischen Jesus“ beriefen, den einen die Dogmatik, den anderen die Ethik wichtiger war, und in vielen Gemeinden die einen lieber zum „konservativ-gläubigen“, die anderen zum „modern-weltoffeneren“ Prediger in den Gottesdienst gingen. Aber wir begegneten doch immer wieder Theologen, die den Widersinn solcher Polarisierung aufzeigten (man denke an Martin Kähler!), und von einer Spaltung der Kirche, wie sie heute zu drohen scheint, war nicht die Rede. Am eindrücklichsten kam die Fragwürdigkeit jener Kirchenparteien ans Licht, als sich in der Bekennenden Kirche bisher „linke“ und „rechte“ Christen zu einem gemeinsamen Bekenntnis zu dem einen Herrn Jesus Christus zusammenfanden, während zugleich konfessionsbetonte lutherische Theologen gemeinsam mit frommen Gemeinschaftschristen und völkischen Liberalen dem „von Gott gesandten Führer“ zujubelten!

Es ist doch wohl ein Unterschied, ob sich „rechte“ und „linke“ Christen gegenseitig den Glauben absprechen und die Gemeinschaft in Christus kündigen, ober ob sie – eingedenk der Tatsache, dass der gemeinsame „Grund“ von Gott festgelegt ist – miteinander versuchen, auf diesem Grund ohne gegenseitige Verteufelung nach dem Maß ihrer Erkenntnis das bestmögliche Werk christlichen Zeugnisses für die Welt zu errichten, sich dabei gegenseitig korrigierend und das endgültige Urteil Gott überlassend (vgl. 1. Kor. 3, 11 ff.). In diesem Sinne darf man wohl auch etwa die Kontroversen zwischen Männern wie Karl Barth und Rudolf Bultmann (denen meine Generation für Predigt und Seelsorge unendlich viel verdankt!) verstehen, die sich dann wiederum von Paul Tillich oder von Dorothee Sölle fragen lassen mussten, wieweit sie den (objektiv oder subjektiv beschriebenen) Glauben auch über den individuellen Aspekt hinaus auf seine universalgeschichtliche und sozial-politische Relevanz hin befragt und gewertet haben. Auch Jürgen Moltmanns jüngster Versuch, über Barths monarchisch-patriarchalisches Verständnis der „Herrschaft“ Gottes hinaus Gottes Herrsein als „Leidensgeschichte Gottes“ zu verstehen, ist eine solche kritische Weiterführung des innerkirchlichen Ringens um ein ganzheitliches Christuszeugnis: „Gott macht die Erfahrung des Leidens, des Todes und der Hölle. Er wird verwundbar, nimmt Leiden und Tod auf sich, um zu heilen, zu befreien und neues Leben zu schenken“ (Kirche in der Kraft des Geistes, S. 79f.). Hier ist mit der Hoffnung auf die Befreiung der Welt im Reiche Gottes und der leidenswilligen dienenden Liebe (Agape, Kreuz!) die paulinische Trias voll zur Geltung gebracht.

Jesus Christus: Zuspruch und Anspruch

Wenn ich recht sehe, ging es in den Jahrzehnten nach „Barmen“ darum, das Bekenntnis zu dem einen Herrn Jesus Christus als „Gottes Zuspruch der Vergebung aller unserer Sünden“ und „Gottes kräftiger Anspruch auf unser ganzes Leben“ in der neuen Situation im geteilten Deutschland konkret zu entfalten. Hierbei geschah es, dass – zum Teil in Anknüpfung an manche Vorkriegstradition – unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt und wiederum einzelne Aspekte der Christusbotschaft einseitig überbetont und auseinandergerissen wurden. Sei es, dass man sich dem Gemeindeaufbau oder der Liturgiereform, sei es, dass man sich stärker einem „politischen Gottesdienst“ in der Demokratie bzw. im Sozialismus zuwandte, allenthalben konnte man beobachten, wie schnell dabei „jeder das Seine“ für das allein Wesentliche hielt und darüber den Blick für das ebenso wichtige Zeugnis des anderen verlor. Man denke nur an das Gegeneinander von „Kirchentag“ und „Gemeindetag unter dem Wort“!

Als Hörer vieler Andachten und Predigten, als Leser unterschiedlichster theologischer Bücher und Zeitschriften (als Emeritus hat man dazu Zeit!) stelle ich immer wieder fest, wie seltsam verkürzt, um nicht zu sagen verkümmert und verzerrt einem die gute Botschaft da oft begegnet. Aus dem „Glauben“, der in der Liebe tätig ist, ist da allzuoft ein frommer Egoismus, nicht selten gepaart mit sehr unfromm-heidnischem Vertrauen auf politische Gewalt, oder eine selbstgerecht-ängstliche Buchstabengläubigkeit geworden. Von „Hoffnung“ und „Zukunft“ ist zwar in jeder zweiten Predigt die Rede, oft jedoch ohne Bezug auf den biblischen Inhalt unserer Hoffnung (à la Bloch’s „Prinzip Hoffnung“) mehr auf die Erfüllung unserer Wünsche als auf das Kommen des in Christus angebrochenen Reiches Gottes gerichtet. Und ein wenig rührend-komisch mutet die „neue Zärtlichkeit“ an, die wohl – wie zuvor die Marx-Freud’sche Sozial- und Psycho-Technik in all ihren Spielarten – an die Stelle der biblischen Agape getreten ist. Aber auch dort, wo die Kirchen – im Gefolge Wicherns und v. Kettelers – die Liebe dem Glauben zugesellt haben, in den Organisationen der Diakonie und Caritas, hat man öfters eher den Eindruck eines aus eigenem Überfluss gespendeten frommen Almosens zum Zwecke frommer Selbstbestätigung oder sozialer Schadensregulierung, als dass hier Menschen durch Selbsthingabe in der Nachfolge Jesu für die Umkehr aus Egoismus und Selbstbehauptung zum wahren „Leben für andere“ gewonnen werden sollen.

Der politisch Gekreuzigte und Auferstandene

Es ist die Absicht dieser Ausführungen, auf ein entscheidendes Versäumnis kirchlicher Verkündigung hinzuweisen und zu neuem Nachdenken darüber anzuregen, wie Glaube an Gottes Heilstat und Hoffnung auf Gottes Reich mit mitmenschlich-politischem Handeln (Agape!) vermittelt werden können, so dass der Glaube nicht isoliert zum frommen Gefühl im Herzen oder zum Gedankenspiel im Hirn verkümmert und andererseits das mitmenschlich-gesellschaftliche Verhalten des Christen nicht den rationalen Zweckmäßigkeiten heidnisch-gottlos-liebloser Selbstbehauptung dieser Welt preisgegeben wird. Um solche Vermittlung hat sich etwa Paul Tillich bemüht, als er in seiner „korrelativen Theologie“ Gottes Wort als Antwort auf menschliche Fragen und Nöte und christliches Handeln als (allerdings in dieser Welt noch fragmentarische und zweideutige) Manifestation des kommenden Gottesreiches zu begreifen suchte. Unter dem Aspekt der Hoffnung ging es hier vor allem um die Differenz zwischen vorläufigem und endgültigem Kommen des Herren.

Erst heute bahnt sich auch unter dem Aspekt der Agape eine ganzheitliche Sicht der religiösen und politischen Bedeutung des Evangeliums an. Wir werden dessen inne, dass uns im Herzstück der Christusbotschaft, im „Wort vom Kreuz“, in der Kunde von „Kreuz und Auferstehung Jesu Christi“ Gottes Heilstat an uns eben durch das mitmenschlich-politische Handeln Jesu in Konfrontation mit dem mörderisch-sündigen politischen Handeln der Menschen offenbart wird. Wir erkennen wieder, dass Gottes Liebe zur gottlosen Welt sich uns eben darin kundtut, dass der Sohn sich als Mensch unter Menschen den mit Gott und miteinander verfeindetem Menschen in uneingeschränkter Feindesliebe preisgibt, in einer Liebe, die nicht nur (wie bei Heiden und Juden) die Freunde, sondern gerade die Feinde, die Ausgestoßenen, die Unterprivilegierten aufsucht und sich mit ihnen solidarisiert. Zugleich erkennen wir, dass unser Zeugnis von Gottes Liebe nur dann Menschen erreicht und zu gleicher Liebe erwecken kann, wenn es in Teilhabe am Kreuz des Gottessohnes, in ganzheitlicher Nachfolge (participatio, nicht imitatio!) Jesu Christi die Gestalt politischer Feindesliebe annimmt. Jesus hat unmittelbar nach dem Petrusbekenntnis zum Gottessohn Jesus ausdrücklich auf diesen Zusammenhang zwischen seinem Kreuz und der Kreuzesnachfolge der Jünger hingewiesen. Wenn das NT von Kreuz spricht, meint es damit nicht jenes mit des Menschen Vergänglichkeit und Sünde gegebene Leiden (im Gesangbuch unter „Kreuz und Leid“ eingeordnet), also Krankheit, Not und Tod, die es nach dem Vorbild Jesu geduldig zu ertragen gelte. Er meint auch nicht, wie man heutzutage oft hören kann, das politische Leid von Unterdrückung und Ausbeutung an sich.

Das Kreuz Jesu und seiner Jünger resultiert vielmehr aus dem bewusst provozierten und auf sich genommenen Konflikt zwischen dem sündig-heidnisch-politischen Verhalten der auf gewaltsame Selbstbehauptung setzenden Welt und der bis zuletzt durchgehaltenen Selbsthingabe aus Liebe zum Feind. Ans Kreuz schlugen die Römer alle, die gegen ihre brutal-gewaltsame Unterdrückung durch die Weltmacht Rom (pax romana!) aufbegehrten, weil sie sich von jenen potentiellen Aufrührern bedroht fühlten. Indem Jesus sich mit den Unterdrückten, den Opfern heidnisch-politischer Gewalt, solidarisierte und offen vor den Mächtigen für ihr Recht eintrat, wurde er selbst ein „Opfer“ politischer Gewalt. Aber eben so lässt sich der Opfertod des Gottessohnes und die Opferung des Sohnes durch den Vater aus Liebe zur Welt glaubwürdiger und verständlicher deuten als durch manche überkommene dogmatisch-theologische Theorie vom zornigen Gott, der Genugtuung für die Verletzung seiner Ehre verlangt und, die alttestamentlichen Kultopfer überbietend, seinen eigenen Sohn als stellvertretendes Opfer preisgibt. Jedenfalls wird der Zusammenhang von des Vaters, des Sohnes und der – durch deren Liebe zum Lieben befreiten – Menschen „Agape“ so für uns sozialgeschichtlich denkende Menschen von heute besser begreifbar. Am Kreuz wird die ursprüngliche Bestimmung des Menschen, Gottes Liebe dankbar an die Mitmenschen weiterzustrahlen, durch Jesus, den neuen Adam und Anfänger einer neuen, von Sünde erlösten Menschheit, mitten in der sündigen Welt als Feindesliebe realisiert und damit aufgedeckt. Vom Kreuz her enthüllt sich für uns Ursprung und Ziel der Geschichte Gottes mit dem Menschen: unsere Berufung zur Proexistenz.

Auch die Auferstehung Jesu ist ein religiöser wie politischer Akt. „Christus ist dazu gestorben und auferstanden, dass er über Tote wie über Lebende Herr sei“ (Römerbrief 14), Herr nicht nur in der inneren Herzensgesinnung, sondern im mitmenschlich-politischen Handeln des Christen. „Herr“ freilich nicht in der Weise der gottlos-lieblosen Herren dieser Welt und ihrer auf gewaltsame Unterdrückung anderer setzenden Politik, sondern in der Weise, wie sie der ursprünglichen Bestimmung des Menschen und seiner nunmehr erfolgten Berufung zum Bürger des kommenden Gottesreiches entspricht: »ihr wisst, dass die Fürsten der Völker sie knechten und die Großen über sie Gewalt üben. Unter euch soll es nicht so sein, sondern wer unter euch groß sein will, sei euer Diener« und »Liebet eure Feinde!« (Matthäus 20, 25; 5, 44); „Überwinde das Böse durch das Gute!“ (Römerbrief 12, 2 1).

Die am Kreuz an Jesus durch Verleugnung, Verrat, Zweifel an seiner Sendung oder durch Mitwirken an seiner Hinrichtung schuldig Gewordenen, Freunde wie Feinde Jesu, erfahren zu Ostern die siegreiche Kraft seiner am Kreuz bewährten Liebe. Sie begegnen Jesus als dem Auferstandenen und Lebendigen aufs neue, aber nunmehr durch ihn selber zum Glauben und Lieben erweckt. Schon mitten in dieser Welt dürfen sie Zeugen der Auferstehung sein: „Gebt euch selbst Gott hin als solche, die aus den Toten lebendig geworden sind, und eure Glieder zu Werkzeugen der Gerechtigkeit“ (Römerbrief 6ff.). Sie haben die Verheißung, „Frucht“ zu bringen und als Mitarbeiter Gottes andere aus der Knechtschaft der Sünde und Gewaltherrschaft zu befreien. Nicht jedoch ist jeder „Aufstand“ der Unterdrückten, jede Revolution schon „Auferstehung“ im biblischen Sinne, wie man heutzutage oft hört. Wie oft bringt eine gewaltsame Revolution nur neue Gewaltherrschaft mit sich (man denke an Stalinismus!). Echte Befreiung der Unterdrückten geschieht durch gewaltfreie Liebe und zielt auf ebensolches Leben als Liebe.

Im Erliegen siegen!

Was ergibt sich aus diesen Feststellungen für den Dienst der Kirche an der Welt? Jürgen Moltmann schreibt dazu: „Versteht die Kirche ihre Sendung im Rahmen der Sendung des Sohnes und des Heiligen Geistes vom Vater, dann versteht sie sich selbst auch im Rahmen der Geschichte Gottes mit der Welt und entdeckt in dieser Geschichte ihren Ort und ihre Funktion“, die „immer auch eine politische Funktion“ ist (a. a. O., S. 24 u. 28). Die von evangelikaler Seite oft gehörte Behauptung „Politik gehöre nicht auf die Kanzel“ ist nicht nur unbiblisch, sondern auch unaufrichtig. Denn Stillschweigen zu politischem Unrecht kann durchaus auch ein politischer Akt sein. Mit Recht klagen sich heute viele Christen an, zu den Judenmorden unter Hitler geschwiegen zu haben. Die Frage kann also nur lauten: Welche Politik gehört auf die Kanzel und welche nicht? Wie wir sahen, ist die Kirche gesandt, durch ihr Reden und Handeln christusgemäßes Verhalten (Feindesliebe) in einer Welt heidnisch-sündiger Unterdrückung und Ausbeutung der Schwächeren durch die Stärkeren mittels tötender Gewalt zu bezeugen. Dazu Moltmann: „Das Evangelium sagt die Herrschaft Jahwes an. Sein Adressat sind die Gefangenen, Elenden, Armen, Gottverlassenen und Hoffnungslosen. In der Nähe der Gottesherrschaft wird möglich, was bis dahin unmöglich war. Die Fesseln binden nicht mehr. Den Reichen wird erst geholfen, wenn sie ihre Armut erkennen und sich in die Gemeinschaft der Armen, insbesondere derer, die sie mit Gewalt arm gemacht haben, begeben“ (a.a.O., S. 97). Es geht also dabei nicht nur um geistige Befreiung oder gar um die billige Vertröstung der Armen aufs Jenseits (Opium des Volkes). Christliche Solidarität mit den Armen und der Armen untereinander vermag durchaus zu äußerer Befreiung zu führen, auch und gerade, wenn es, zunächst Verfolgung und Kreuz erdulden galt. Israels Exodus aus Ägypten im alten Bund hat ebenso wie Jesu Beispiel, der „obwohl er reich war, um euretwillen arm wurde“ (2. Korintherbrief 8, 9) bis heute unzähligen Befreiungsbewegungen als ermutigendes Beispiel gedient. Andererseits müssen wir freilich bekennen, dass die realexistierenden Kirchen sich – besonders seit sie sich unter den Schutz des Staates begeben und durch Wohlverhalten dessen Gunst erkauft, ja, das Pseudo-Recht gewaltsamer Lebenssicherung noch dazu theologisch sanktioniert haben (bis hin zu Luther und Barth samt Barmen V) – schwer taten, ihrer Sendung gerecht zu werden. Erst heute, da sich die selbstmörderischen Folgen solcher auch von Christen mitverantworteten weltweiten Unterdrückung der Schwachen zeigen, besinnt man sich hie und da auf den ureigensten Auftrag der Kirche, nämlich Anwalt der Armen und Mahnerin zu sozialer Gerechtigkeit, zu gewaltfreier Friedenssicherung durch Feindesliebe und rücksichtsvollem Umgang mit der Schöpfung (wie die jüngste ökumenische Losung lautet) zu sein. Wieweit sich die verfassten Kirchen allerdings dazu aufraffen werden, sich damit mit den Mächtigen in Staat und Wirtschaft anzulegen und den Konflikt bis zum Kreuz zu riskieren, ist die Frage. An dieser Stelle erhebt sich darüber hinaus überhaupt die grundlegende Frage: Wer ist denn die „Kirche“, von der die Bibel redet, und mit was für einer Größe haben wir es zu tun, wenn wir gewöhnlich von Kirche sprechen? Gilt nicht von der Kirche, was von jedem einzelnen Christen zu sagen ist, dass sie „gerecht und sündig zugleich“ (Luther) ist? Wo und wann Gottes Geist Menschen in (und außerhalb) der verfassten Kirchen dazu erweckt, als Jüngergemeinde Jesu ein ganzheitlich-gehorsames Christuszeugnis zu geben, da allein handeln diese als „christliche Kirche“, da kann die Welt die Stimme des guten Hirten vernehmen. Wo hingegen Mitglieder der verfassten Kirchen aus Blindheit, Unglauben, Leidensscheu oder Ungeduld sich der heidnisch-gewaltsamen Lebenssicherung der Welt anpassen oder weltflüchtig sich christusgemäßer politischer Verantwortung entziehen, da verleugnen sie ihre Zugehörigkeit zur Kirche Christi, da sind sie faktisch Nicht-Kirche, wie schon im alten Bund Israel immer wieder zum „Nicht-mein-Volk“ wurde. Es ist darum eine Illusion von den „Kirchen der Welt“ als solchen auf einem „Konzil des Friedens“ ein Wort zu erwarten, „das die Menschheit nicht überhören kann“ (C. F. v. Weizsäcker), wohl aber dürfen wir hoffen, dass Gott auch heute in der Kirche einzelne Christen dazu befreien kann, als Kirche Christi zu reden und zu handeln.

Solange die Sünde in der Welt herrscht, werden wir Christen immer wieder auch in Unchristentum zurückfallen und uns gegenseitig brüderlich zu vollem Gehorsam einzuladen haben. Wir werden es erleben, dass wir, sooft es uns geschenkt wird, das authentische biblische Zeugnis von Gottes Feindesliebe und sei es noch so „fragmentarisch“ laut werden zu lassen, wie in der Gesellschaft, so auch in den angepassten Kirchen als Minderheit verdächtigt, verfolgt und verketzert werden. Dieses Kreuz gilt es um des Heiles der Welt willen (darin auch ihr wahres Wohl besteht) geduldig zu tragen in der Gewissheit, dass Christen wie Zinzendorf wusste, gerade »im Erliegen siegen«, in der Hoffnung, dass das „Weizenkorn“ nur, wenn es „erstirbt, viele Frucht trägt“, weil unser Gott aus dem Tode Leben erwecken kann, schon hier und dereinst in Herrlichkeit.

Artikel im „Deutschen Pfarrerblatt“, April 1988, von Pfarrer i. R. Heinrich Treblin, geb. 1911 in Schlesien, im Studium geprägt durch Karl Barth, Friedrich Gogarten, Martin Buber, Rudolf Bultmann und Paul Tillich, illegaler Pastor der Bekennenden Kirche, nach Krieg und russ. Gefangenschaft als Sanitäter Wanderprediger im poln. Schlesien, danach Pfarrer in Niesky DDR, Heppenheim und Alzey BRD. Mitarbeiter in Niemöllers „Stimme der Gemeinde“, Kloppenburgs „Junge Kirche“ und „Evang. Zeitstimmen“ (Agape als Dienst der Kirche an der Welt). Zusammen mit Mennoniten „Arbeitsgemeinschaft für kirchliches Friedenszeugnis“.

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